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"Ausländische Priester in Deutschland"

Ausgewählte Ergebnisse der schriftlichen Befragung ausländischer Priester

VON KARL GABRIEL / RAINER ACHTERMANN / STEFAN LEIBOLD

Die Studie »Ausländische Priester in Deutschland« hat die Priester selbst zu Wort kommen lassen. Es wurde ein Fragebogen erstellt, der an alle Priester im Zuge einer Vollerhebung in Deutschland verschickt wurde. Die Kontaktdaten erhielten wir von den Personaldezernenten. Als ausländischer Priester wurde ein katholischer Priester definiert, »der in der Pastoral einer deutschen Diözese arbeitet, aber nicht in einer deutschen Diözese inkardiniert ist«. Von den befragten 1.312 Priestern haben 606 den Fragebogen ausgefüllt zurückgeschickt. Das entspricht einer sehr guten Rücklaufquote von 46,19 Prozent. Die meisten Priester haben fast alle Fragen des Fragebogens in einer sinnvollen Weise beantwortet. Im Folgenden finden sich nun einige ausgewählte Ergebnisse der schriftlichen Befragung ausländischer Priester. Die in den Tabellen bezifferten Fragen beziehen sich auf die Nummerierung im Fragebogen.

Verteilung nach Diözesen

Die regionale Verteilung der Priester ist sehr unterschiedlich: die meisten sind in den süddeutschen Diözesen tätig, besonders in den bayerischen Bistümern. Ansonsten beschäftigt nur das Erzbistum Köln eine hohe Zahl ausländischer Priester. In den neuen Bundesländern arbeiten fast gar keine Priester aus dem Ausland. Die Diözesen mit einer hohen absoluten Zahl an Priestern sind auch diejenigen mit einem hohen prozentualen Anteil. In den betreffenden Diözesen machen die ausländischen Priester bis zu 15 Prozent der Gesamtzahl der Priester im Bistum aus. Der Durchschnitt in allen Bistümern beträgt 7,9 Prozent.

Tab. 1: Motive der ausländischen Priester, nach Deutschland zu kommen / Frage 14: Welche Gründe hatten Sie als Priester nach Deutschland zu kommen?

Herkunftsländer

Die meisten ausländischen Priester kommen aus Indien (29,5 Prozent) und Polen (25,9 Prozent). Eine weitere größere Gruppe kommt aus den traditionell katholisch geprägten süd- und südosteuropäischen Ländern (Spanien, Italien, Kroatien), von denen die Mehrzahl – zumindest teilweise – in muttersprachlichen Gemeinden tätig ist. Gut 10 Prozent kommen aus Afrika, 2/3 von ihnen aus der DR Kongo und Nigeria; Priester aus anderen asiatischen Ländern sowie aus Nord- und Südamerika spielen überhaupt keine Rolle. Während nur 13 Prozent der Priester in der deutschen Seelsorge Ordenspriester sind, gaben 54,1 Prozent der von uns Befragten an, Ordenspriester zu sein.

Motive der ausländischen Priester, nach Deutschland zu kommen

Das Motiv »Mein Bischof/Ordensoberer hat mich geschickt « erweist sich als dominantes Motiv: 70,5 Prozent der Priester haben es gewählt. Für die meisten Priester spielt die Beauftragung durch ihre Vorgesetzten eine wichtige Rolle. Dies schließt persönliche Motive nicht aus. Von diesen ist das Motiv »Mithelfen, den Glauben in Deutschland neu zu entfachen« mit 33,5 Prozent das meist gewählte. Besonders oft ist dies für indische und polnische Priester maßgeblich. Berufsbezogene Motive spielen bei etwa einem Viertel der Priester eine Rolle, ein gutes Sechstel erhofft sich Impulse für das eigene Glaubensleben. Alle anderen Motive werden kaum genannt.

Tabelle 2: Wohlbefinden im Seelsorgebereich / Frage 39: Fühlen Sie sich in Ihrem Seelsorgebereich wohl?

Wohlbefinden der Priester in Deutschland

Die ausländischen Priester fühlen sich nach eigenen Aussagen mit großer Mehrheit in Deutschland wohl. Gründe dafür sind: Sie verfügen über gute Kontakte in Deutschland, besonders zu den Gläubigen in ihren Gemeinden. Sie haben ein gutes Verhältnis zu den Kollegen in ihrem pastoralen Arbeitsbereich und genießen die gute Teamarbeit und die offene Atmosphäre in den Gemeinden. Als nicht ganz so gut empfinden sie die Unterstützung der deutschen Bistumsleitung. Teilweise herrscht Skepsis gegenüber einer deutschen Pastoral, die den Anspruch hat, sich an den Menschen zu orientieren. In ihrem pastoralen Seelsorgebereich fühlen sich 86 Prozent nach eigenen Angaben (sehr) wohl. Verantwortlich dafür ist die gute Zusammenarbeit mit den anderen Akteuren: am besten wird diejenige mit den ehrenamtlich Tätigen bewertet, gefolgt von den hauptamtlichen Laien und den anderen Priestern im Seelsorgebereich.

2. Sprachkompetenz

Während die Mehrzahl der Priester nach eigenen Angaben bei ihrer Einreise kaum oder gar nicht Deutsch sprechen konnte, bescheinigen sich die ausländischen Priester enorme Fortschritte beim Erlernen der deutschen Sprache. Fast alle (87 Prozent) können nach eigenen Angaben heute gut oder sehr gut Deutsch sprechen. Zu beachten ist aber, dass das sprachliche Niveau, das für die Seelsorgearbeit notwendig ist, ein anderes ist als dasjenige, das man für die Bewältigung des Alltags braucht. Die nur in einer muttersprachlichen Gemeinde arbeitenden Priester stellen sich ein relativ schlechteres Zeugnis aus.

Tab. 3: Meinungsverschiedenheiten im Seelsorgebereich: Themen / Frage 45 a: Welche Fragen betrafen diese Meinungsverschiedenheiten?

Meinungsverschiedenheiten in den Gemeinden

Zwei Drittel der befragten Priester (67 Prozent) berichten von Meinungsverschiedenheiten in ihrem Seelsorgebereich.

Diese bestanden/bestehen in erster Linie mit einzelnen Gläubigen (29,5 Prozent), erst mit deutlichem Abstand werden Meinungsverschiedenheiten mit dem Pfarrer/dem Vorgesetzten, mit Laienseelsorgern, dem Pfarrgemeinderat usw. genannt.

Deutlich mehr polnische Priester als Priester aller anderen Nationalitäten erleben nach eigenen Angaben solche Meinungsverschiedenheiten.

Vergleich mit der Kirche im Heimatland

Die Unterschiede der Kirche in Deutschland zur Kirche in den jeweiligen Heimatländern werden in vielen Bereichen als sehr stark angesehen: Nach der Art der Gemeindeorganisation (44,4 Prozent) und der anders gearteten Pastoral (40,3 Prozent) folgt das Verhältnis zwischen Priestern und Laien (40,1 Prozent) Dieser Unterschied wird deutlich stärker wahrgenommen als die Rolle der Frauen in der Kirche, wobei mehr als jeder Fünfte (21,9 Prozent) hier große Unterschiede erkennt.

Tab. 4: Einschätzung der religiösen Situation in Deutschland / Frage 48: Wie stehen Sie zu folgenden Aussagen?
1 = diese Aussage lehne ich ganz ab · 5 = dieser Aussage stimme ich völlig zu

Einschätzung der religiösen Situation in Deutschland

Eine klare Mehrheit der Priester ist der Meinung, dass Deutschland kein (sehr) religiös geprägtes Land mehr ist, sondern ein säkularisiertes Land. Dem entspricht, dass für die ausländischen Priester der christliche Glaube in Deutschland in der Krise ist. Die Kirche ist dies in ihrer Auffassung weit weniger als der Glaube der Einzelnen, sie wird für diesen Prozess weniger verantwortlich gemacht. Die Gefahr bestehe allerdings, dass sie sich »der modernen Welt zu stark« anpasse. Dies sei angesichts der Säkularisierung und der schwindenden Kraft des Glaubens der falsche Weg: Die Kirche dürfe sich nicht etwa der modernen Welt stärker öffnen; sie müsse vielmehr »neu missioniert« werden. Die Sorge der deutschen Kirche für die Armen gehört nicht zu den wichtigen Missionierungsanliegen. Will man diese Sichtweise zusammenfassen, bietet sich der Terminus »Deutschland als Missionsland« an: Der Glaube der Christen in Deutschland muss durch eine »missionarische Offensive« von außen wieder neu entfacht.

Aussagen über die Aufgaben der Kirche

Die Verkündigung des Evangeliums, die Seelsorge, das Glaubenszeugnis und die Liturgie sind für die ausländischen Priester die zentralen Aufgaben. Auch Diakonie, Gemeindeaufbau und die wahrgenommene Anwaltschaft für die Schwachen und Bedrängten erhalten hohe Werte. Das soziale Engagement, die prophetische Gesellschaftskritik, die ökumenische Zusammenarbeit und der Dialog mit anderen Religionen erhalten dem gegenüber im Schnitt geringere Werte. Bei den als besonders wichtig gekennzeichneten Aufgaben lässt sich eine Hierarchie der drei Grundfunktionen der Kirche ablesen: Die »martyria« steht im Stellenwert klar vor der »liturgia« und beide werden als wichtiger eingestuft als die »diakonia«.

Diakonie und Einsatz für die Armen sind für die ausländischen Priester insgesamt nicht so bedeutsam. Dies überrascht insbesondere bei Priestern aus dem Süden, zum Beispiel aus Indien und Afrika (während gerade westeuropäische Priester einen offensiveren Umgang der deutschen Kirche mit der Armut anmahnen). werden – gegen die Versuchung, Kirche und moderne Welt in eine engere Beziehung zu bringen. Dieser Ausrichtung entspricht der hohe Wert des »Missionsmotivs « (vgl. Motive). Diese Sichtweise gilt natürlich nicht für alle befragten Priester, aber für eine erkennbare Mehrheit. Die polnischen Priester unterstützen diese Linie am stärksten.

Tab. 5: Selbstverständnis als Priester / Frage 50: Wie sehen Sie Ihr Selbstverständnis als Priester?
1 = diese Aussage lehne ich ganz ab · 5 = dieser Aussage stimme ich völlig zu

Priesterbilder

Die herausgehobene Stellung des Priesteramts zu betonen, ist für viele Priester offenbar ein besonderes Anliegen. Insgesamt wird ein sehr traditionelles, die Differenz zu Laien betonendes Priesterbild der befragten ausländischen Priester sichtbar. Die Priester verstehen sich weniger als »in der Gemeinde«, vielmehr als »gegenüber der Gemeinde« verortet.

Besonders stark wird von ihnen betont, das priesterliche Amt sei »Dienst an der Gemeinde«. (Stark) abgelehnt werden dagegen die Vorstellungen, das Amt sei »Ergebnis eines geschichtlichen Prozesses« und dass es »nicht in einer besonderen Weihe« gründe. Unter den ausländischen Priestern spielt der Typus, den Paul Zulehner »zeitlosen Kleriker« genannt hat, erkennbar eine große Rolle: Für diesen ist ein Selbstverständnis, das die überzeitliche Repräsentation Christi im Gegenüber zur Gemeinde und damit eine Betonung der Differenz zwischen Klerikern und Laien hervorhebt, charakteristisch.

KARL GABRIEL / RAINER ACHTERMANN / STEFAN LEIBOLD

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