Haitis Hoffnung auf einen Neuanfang Was kommt nach der Katastrophe? corner

Was kommt nach der Katastrophe?

Haitis Hoffnung auf einen Neuanfang

von OLIVER MÜLLER

Auch für die kirchlichen Hilfswerke stellt die Katastrophe in Haiti eine besondere Herausforderung und Belastung dar. Kirchliche Strukturen sind zerstört, viele Mitarbeiter der haitianischen Kirche sind ums Leben gekommen.
FOTO: OLIVER MüLLER

Naturkatastrophen hatten das kleine Land in den letzten Jahren zuhauf heimgesucht. Allein die im Herbst regelmäßig wiederkehrenden Hurrikans warfen Haiti durch immense Schäden zurück und erregten doch kaum internationale Aufmerksamkeit. Doch das Erdbeben, das sich am späten Nachmittag des 12. Januar ereignete, stürzte das gesamte Land ohne jede Vorwarnung ins Chaos. Rund 250.000 Menschen kamen ums Leben, circa 1,5 Millionen Menschen verloren ihr Obdach. Die Interamerikanische Entwicklungsbank beziffert den volkswirtschaftlichen Schaden für das ärmste Land der westlichen Hemisphäre auf 10,25 Milliarden Euro – eine gigantische Summe angesichts der Tatsache, dass bereits vor dem Beben 76 Prozent der Haitianer unter der Armutsgrenze lebten und damit über weniger als 1,5 Euro pro Tag verfügten. Weltweit gibt es eine Welle der Solidarität mit Haiti, kein Ereignis seit dem Tsunami 2004 hat mehr private Spenden und öffentliche Gelder mobilisiert. Somit stehen die Chancen für einen Neuanfang auf den ersten Blick nicht schlecht. Auch in der humanitären Hilfe spricht man nach einer derartigen Situation gerne von der »Katastrophe als Chance« für ein Land. Doch wird Haiti diese Chance auch nutzen können, um den Überlebenden eine bessere Zukunft zu bieten? Vieles deutet darauf hin, dass die gesellschaftlichen und politischen Ausgangsbedingungen in dem karibischen Land kaum einen Vergleich mit anderen Katastrophensituationen zulassen.)

Es ist bezeichnend für die Verhältnisse in Haiti, dass auch zweieinhalb Monate nach dem Erdbeben der Umfang der Schäden und die Zahl der Opfer noch nicht erfasst sind. Es fehlt an Räumgerät, um die Toten unter den Betonplatten der Häuser herausholen zu können; die Straßen sind in einem erbärmlichen Zustand und die Kommunen durch Verluste in den eigenen Reihen kaum in der Lage eine Bestandsaufnahme vorzunehmen, geschweige denn Hilfe zu koordinieren.

Glücklicherweise, aber letztlich aus leidvoller Erfahrung sind die Haitianer gewohnt zu improvisieren. Mit den geretteten wenigen Habseligkeiten campieren die Erdbebenopfer in der Nähe ihrer früheren Häuser. Die Parks der Hauptstadt Port-au- Prince sowie alle zugänglichen öffentlichen Rasenflächen oder Sportplätze sind so seit den Tagen des Bebens zu Zeltstädten geworden. Plastikplane an Plastikplane, meistens nur wenige Zentimeter voneinander getrennt, hausen nun Tausende in den Notunterkünften, die ihren Bewohnern während der nun kommenden Regenzeit nur wenig Schutz bieten dürften. Ganze Großfamilien teilen sich einen Raum, hastig aufgestellte Plastik-Toilettenhäuschen sind zumeist die einzigen sanitären Anlagen. Es ist unübersehbar, dass die drangvolle Enge dieser neuen Siedlungen ein Nährboden für Gewalt und Konflikte ist. Noch sind die Verhältnisse vergleichsweise friedlich, doch wie lange noch? Eine ausufernde Kriminalität, eine etablierte Gewaltkultur und das schnelle Umschlagen von politischen Protesten in Gewaltexzesse hatten das Land bereits in der jüngeren Vergangenheit an den Rand der Unregierbarkeit gebracht. Besonders die internationalen Hilfsorganisationen müssen sich dieser Besonderheit Haitis bewusst sein, ruhen doch vor allem auf ihnen die Hoffnungen der Katastrophenopfer. Die Helfer aus dem Ausland sollten sich deshalb frühzeitig hüten, die Rolle der Heilsbringer einzunehmen oder staatliche Aufgaben dauerhaft zu übernehmen. In die eigenen Politiker haben die meisten Bürger Haitis längst ihr Vertrauen verloren. Zu oft wurden vollmundige Versprechen enttäuscht und die von der reichen Elite über Jahrzehnte praktizierte Politik der Selbstbereicherung hat tiefe Spuren in der ganzen Gesellschaft hinterlassen. Auf dem von Transparency international geführten Korruptionsindex nimmt Haiti mit Platz 168 von 180 untersuchten Ländern eine traurige Position in Sachen Veruntreuung und Missbrauch ein. Ob im Krankenhaus oder bei der Polizeikontrolle, viele Berufsgruppen nutzen ihre Position zum eigenen Vorteil aus. Für den Zusammenhalt in einer Gesellschaft ist diese Korruption Gift. Auch diese Tatsache müssen die auswärtigen Hilfsorganisationen berücksichtigen, wenn sie nun mit dem Geld ihrer Spender und unter dem Zeitdruck der Öffentlichkeit ihrer Länder den Wiederaufbau Haitis voranbringen wollen.

Die zerstörte Kathedrale von Port-au-Prince. Sie ist ein Symbol dafür, dass es zu einem wirklichen Neuanfang keine Alternative gibt.
FOTO: OLIVER MüLLER

Ungeahnte Herausforderungen für die Helfer

Bereits die ersten Wochen nach dem Erdbeben am 12. Januar haben gezeigt, dass die Nothilfe in Haiti besonders schwierig ist. Insbesondere die Bereiche Logistik und Koordination haben alle Hilfsorganisationen vor riesige Herausforderungen gestellt. Durch interventionistische Maßnahmen wie die Entsendung von 11.000 amerikanischen Soldaten, die unter anderem den Betrieb des Flughafens in Port-au-Prince sicherstellten, konnte hier zum Teil Abhilfe geschaffen werden. Doch derartige Maßnahmen durch ausländische (Militär-) Kräfte haben in der Akutphase zwar ihren Sinn, sind aber kein Modell für den Wiederaufbau des Landes. Dieser muss durch die Haitianer selbstverantwortlich geleistet werden, mit größtmöglicher Beteiligung seiner Bürger. Kirchliche Organisationen wie Caritas international oder Misereor verfügen dank jahrelangen Engagements in Haiti über zahlreiche Kontakte zu lokalen Partnerorganisationen mit Wurzeln in der armen Bevölkerungsmehrheit. Doch auch sie müssen sich den spezifischen Herausforderungen des Landes stellen.

Eine besondere Aufgabe stellt für alle Hilfswerke nach dem Erdbeben der Wiederaufbau von Wohnhäusern dar, was zweifellos von hoher Priorität ist. Doch die Erfahrungen nach dem Tsunami haben gezeigt, dass in diesem Bereich eine Vielzahl offener Fragen geklärt werden muss, um dauerhafte Lösungen zu finden und den Bedürftigsten auch wirklich zu helfen. So sind die Besitzverhältnisse in vielen Orten unklar und können durch die lokalen Grundbuchämter (sofern dort überhaupt Eintragungen vorhanden sind) nicht zeitnah geklärt werden. Zum Teil sind die Dokumente dazu auch dem Beben zum Opfer gefallen. Oftmals sind Bewohner und Besitzer eines eingestürzten Hauses nicht identisch, es bedarf Absprachen über Wohnrechte. An anderen Stellen wittern Grundstücksspekulanten ihre große Chance, sich bisherigen Siedlungen in attraktiven Lagen entledigen zu können, um dann dort Firmen anzusiedeln. In derartigen Fällen ist zuallererst die anwaltschaftliche Lobbyarbeit der Hilfsorganisationen gefragt. In Zukunft wird es darum gehen, erdbebensichere Bauweisen zu etablieren und deren Umsetzung wirkungsvoll zu kontrollieren. Die in manchen Stadtteilen von Port-au-Prince vereinzelt eingestürzten Gebäude sind ein mahnendes Zeichen für Pfusch und Korruption im Bauwesen.

Unmenschliche Belastungen für die Überlebenden

Die hohe Zahl an Amputationen in Folge von erdbebenbedingten Verletzungen hat die Zahl behinderter Menschen in Haiti sprunghaft erhöht. Neben diesen sichtbaren Handicaps werden aber auch viele psychische Beeinträchtigungen durch Traumatisierungen besondere Fürsorge erfordern. Die anhaltenden und zum Teil schweren Nachbeben haben unzählige Haitianer wie auch auswärtige Helfer an den Rand ihrer Belastbarkeit gebracht. Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge haben rund 605.000 Menschen den Großraum Port-au-Prince verlassen und sind zu ihren Familien im gesamten Land zurückgekehrt. Bei einem Besuch in der westlich gelegenen strukturschwachen Kleinstadt Anse-à-Veau wird deutlich, dass dies dramatische Auswirkungen hat. So hat sich die Bewohnerzahl des Ortes sozusagen über Nacht um den Faktor 1,5 erhöht und stellt für die ursprünglichen Bewohner eine doppelte Belastung dar: die Verwandten aus der Metropole, die ehemals meist Geld von dort in die Provinz sandten, müssen nun selbst versorgt werden. Viele Familien sind dazu schlichtweg nicht in der Lage. Der örtliche Pfarrer bittet deshalb um Nahrungsmittellieferungen, um zumindest die schlimmsten Folgen abzumildern. Ob und wann die Gäste wieder in die Hauptstadt zurückkehren können, ist ungewiss.

Keine schnellen Erfolge beim Wiederaufbau

In Haiti kann es keine schnellen Erfolge beim Wiederaufbau geben. Alle in dem Land tätigen Werke müssen sich einem »Mittelabflussdruck« verweigern und werden ihren Spendern und der Öffentlichkeit vermitteln müssen, dass hier in besonderem Maße ein langer Atem gefragt ist. Besondere Geduld in und mit Haiti ist aus verschiedenen Gründen notwendig. So dürfen die menschlichen Verluste und die durch die Katastrophe verursachten Traumatisierungen auch bei für den Neuanfang verantwortlichen kirchlichen wie gesellschaftlichen Trägern nicht unterschätzt werden. Allein die katholische Kirche Haitis hat rund 50 Priester und Ordensleute durch das Beben verloren, auch hunderte von Katecheten und Caritasmitarbeitern sind tot. Nahezu alle kirchlichen Gebäude in Port-au-Prince und Leogane sind zerstört oder zumindest beschädigt. Für die Eröffnung dringend benötigter Sozialzentren der Caritas gibt es zum Beispiel keinerlei Räumlichkeiten. Hilfe von außen sollte deshalb von Anfang an auch die Schaffung von Strukturen im Blick behalten. Gerade auch mit Blick auf die kirchliche Arbeit muss zudem immer wieder daran erinnert werden, dass Haiti jahrelang theologisch isoliert war. Die in weiten Teilen Lateinamerikas bekannten und bewährten Konzepte einer Sozialpastoral sind im kirchlichen Leben Haitis eher schwach verankert. Pierre-André Dumas, Präsident der Caritas Haiti und Bischof der Diözese Anseà- Veau et Miragoane hatte deshalb auch sicherlich die eigene Kirche im Blick, als er nach dem Erdbeben in einer Erklärung schrieb: »Das Beben gibt uns die Gelegenheit, unser Land auf eine neue Weise aufzubauen, nicht so, wie die Verhältnisse einst waren.«

Fehler der Vergangenheit

In Haiti fehlte es bereits vor dem Erdbeben für zwei Drittel der Bevölkerung an lebensnotwendigen sozialen Diensten und Gesundheitseinrichtungen, und dennoch ist das Land ein Beispiel für das, was Entwicklungsexperten als »overaided « bezeichnen – als ein »Zuviel« an Hilfe. Was sich zunächst als paradoxer Widerspruch anhört, hat vor allem mit der Art der Hilfe zu tun, wie sie die internationale Gemeinschaft in den letzten Jahrzehnten in das Land gebracht hat. Ein Beispiel: Auf Druck der USA baute Haiti in den vergangenen Jahren Einfuhrschranken für Getreide aus nordamerikanischer Produktion ab. Die in der Folge in den Karibikstaat eingeführten billigen Produktionsüberschüsse aus den Vereinigten Staaten ruinierten die lokalen haitianischen (Klein-) Produzenten dauerhaft. Aus diesen und anderen, vor allem ökologischen Gründen muss Haiti heute 60 Prozent seiner Nahrungsmittel importieren. Von einer Selbstversorgung mit Agrarprodukten ist Haiti schon seit Jahren weit entfernt, Versorgungsengpässe prägten schon vor dem Erdbeben den Alltag in vielen Regionen. Gleichzeitig baute die internationale Gemeinschaft eine breit angelegte Nahrungsmittelhilfe auf, an deren Tropf heute mindestens eine Million Haitianer hängen. Entwicklungen wie diese haben in den vergangenen Jahrzehnten in Teilen der armen Bevölkerung eine Empfängermentalität geschaffen, die heute einer eigenständigen Entwicklung entgegensteht. Viele Gruppen haben erfahren, dass es statt einer kontinuierlich angelegten Unterstützung immer wieder sporadische Hilfen aus unterschiedlichsten Quellen gibt. Dies hat teilweise zu einem kurzfristigen Denken geführt, während zugleich nachhaltiges Verhalten und Wirtschaften durch politische und wirtschaftliche Krisen sowie die verbreitete Kriminalität eher bestraft wurden. Mit dieser Hypothek, die eher der Politik als den Betroffenen selbst anzulasten ist, wird der Wiederaufbau zusätzlich erschwert. Verstärkt wird diese Problematik durch das Fehlen funktionierender zivilgesellschaftlicher Strukturen. Außerhalb intakter dörflicher Strukturen gibt es oft nur wenig sozialen Zusammenhalt über die eigene Familien oder den eigenen Clan hinaus, Traditionen gemeinschaftlicher Arbeit zum Wohl aller sind in Vergessenheit geraten.

Die Situation in Haiti ist verfahren und die Liste sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Probleme und Herausforderungen ließe sich noch fortsetzen. Sei es die wachsende Zahl und das hohe Niveau von HIVInfektionen, die hohe Analphabetenrate (knapp 50 Prozent) oder die hohe Kindersterblichkeit – in allen Bereichen bedarf es massiver Anstrengungen und Verbesserungen, um der demographisch gesehen jungen Bevölkerung eine Perspektive zu bieten. Knapp 40 Prozent der Haitianer sind unter 15 Jahre alt. Wer kann, verlässt das Land. Wie immer sind es die eher gut ausgebildeten Kräfte, die in der Ferne eine bessere Zukunft finden. Rund eine halbe Million Haitianer lebt heute bereits in den USA und überweist jährlich 1,3 Milliarden Dollar an Familienangehörige in der Heimat. Dies ist ein Drittel mehr als die gesamte internationale Entwicklungshilfe, die das Land pro Jahr erhält. Das massive Engagement der Obama-Administration in Haiti basiert auch auf dem Ziel, weitere Migrationsströme bereits im Ansatz zu verhindern.

Haiti auf einen Blick

Fläche: 27.750 km2

Bevölkerung: 9.035.000

Diözesanpriester: 485

Ordenspriester: 306

Ordensbrüder: 332

Ordensfrauen: 1.851

Laienmissionare: 9

Katechisten: 4.891

(Quellen: Worldfactbook 2010; Statistisches Jahrbuch der Katholischen Kirche 2007)

Das Selbsthilfepotenzial der Betroffenen fördern

Momentan lässt sich die weitere Dynamik in Haiti kaum abschätzen. Das Erdbeben hat das Land ins Mark getroffen und die zerstörte Kathedrale in Portau- Prince wie der in sich zusammengebrochene Präsidentenpalast symbolisieren, dass es im Grunde überhaupt keine Alternative zu einem kompletten Neuanfang gibt. Es gibt Beispiele, dass einschneidende Naturkatastrophen in den betroffenen Ländern gesellschaftliche Spaltungen überwinden und die Schaffung einer gemeinsamen Identität befördern können. So war die humanitäre Hilfe nach dem Tsunami in der indonesischen Provinz Aceh eine derart verbindende Erfahrung, dass sie wesentlich dazu beitrug, den bis dahin jahrzehntelang währenden Bürgerkriegskonflikt rasch zu beenden. Ob Haiti die beispiellose Katastrophe des 12.1.2010 für den Aufbau einer gerechteren Gesellschaft nutzt oder die Not gesellschaftliche Gräben noch vertieft, hängt zunächst von den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung ab. Aber auch die internationalen Hilfsorganisationen können einen wirkungsvollen Beitrag zu einer positiven Entwicklung hin leisten. Es müssen grundlegende Dienste und Einrichtungen rasch wieder instandgesetzt werden. So hat zum Beispiel die baldige Aufnahme des Schulbetriebs eine wichtige psychologische Funktion, weil sie die Kinder aus den prekären Notunterkünften herausholt und ein Stück Normalität des Alltags wiederherstellt. In die Planungen für den Wiederaufbau muss das Selbsthilfepozential der Betroffenen die zentrale Rolle spielen. Dies braucht Zeit, zumal hier vieles erst aufgebaut werden muss. Die Organisation von Bürgerkomitees, die aktiv an der Planung für die Rekonstruktion ihrer zerstörten Stadtteile arbeiten, ist ein langwieriger Prozess, der in der Regel keine schnellen Erfolgsmeldungen erwarten lässt. Doch nur die Einbeziehung der Betroffenen, die von »Objekten« zu »Akteuren« des Wiederaufbau werden, lässt eine dauerhafte Änderung der Verhältnisse erwarten. Die kirchlichen Hilfsorganisationen haben in der Begleitung derartiger Prozesse ihre besondere Stärke. So bereitet sich das internationale Caritas-Netzwerk auf die Einrichtung zahlreicher kirchlicher Sozialzentren in den Brennpunkten der zerstörten Gebiete vor, um den Menschen dort sowohl psychologische und soziale Hilfe zukommen zu lassen als auch ein Forum für den Wiederaufbau zu schaffen. Auch die Pfarrgemeinden, die nun zumeist weder über Kirchen noch über andere Versammlungsräume verfügen, müssen gestärkt werden. Aus diesem Grund haben zum Beispiel Adveniat und Caritas international bereits erste Schritte geplant, wie zum Beispiel semipermanente Versammlungsräume für eine vielfältige Nutzung geschaffen werden können. Auch solche Maßnahmen können dazu beitragen, den obdachlos gewordenen Menschen zumindest ein Stück Geborgenheit zurückgeben zu können in einer Realität, die von Not und Heimatlosigkeit geprägt ist.

Neuanfang oder Untergang?

Für die haitianischen Priester, Ordensleute und Caritasverantwortlichen ist nun die große Chance gegeben, die anhaltende Isolation des Landes zu überwinden. Die Präsenz katholischer Helfer aus der ganzen Welt wird Brücken schlagen und den fachlichen wie geistlichen Austausch beleben. Gleichwohl haben bereits die vergangenen Wochen gezeigt, dass dem Know-how- Transfer nach Haiti auch Grenzen gesetzt sind. Der Aufbau eines sozial geprägten Katholizismus nach lateinamerikanischen Vorbildern trifft nicht die Verhältnisse. Oftmals erhält man zum Beispiel in der Sozialarbeit den Eindruck, dass die frankophonen Caritasverbände Afrikas die Bedingungen in Haiti besser verstehen können. Aus diesem Grund wird Caritas international den ehemaligen Diözesan-Caritasdirektor von Niamey (Niger) als Projektkoordinator in ein kleines Team nach Leogane entsenden, das dort mindestens zwei Jahre lang die lokale Caritas beim Wiederaufbau begleiten wird.

Ob die Redensart von der »Krise als Chance« auch für Haiti gilt, vermag heute noch niemand zu sagen. Das Land hat schwer an seiner geschichtlichen und politischen Hypothek zu tragen. Andererseits wird es auf absehbare Zeit keine bessere Gelegenheit geben, die Entwicklung des Landes voranzutreiben. So unendlich viel Leid das Erdbeben auch über das Land gebracht hat, noch nie in seiner Geschichte stand Haiti derart im Fokus eines wohlwollenden internationalen Interesses. Trotz aller Risiken und Hemmnisse gibt es eine realistische Chance auf einen Neuanfang. Wird diese Gunst der Stunde allerdings nicht genutzt, dann wird es wirklich schwierig werden.

OLIVER MÜLLER
Theologe und Politikwissenschaftler, Leiter von Caritas international, dem Hilfswerk der Deutschen Caritasverbände, Freiburg

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