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Dalit-Frauen

Ein entmenschlichtes Leben

von M. HILARIA SOUNDARI MSW

Eine Gruppe von Dalit-Frauen in einem Dorf der Rampur Region, Uttar Pradesh, Indien. Sie sind in mehrfacher Hinsicht Opfer von Diskriminierung: aufgrund von Kaste, Klasse und Geschlecht.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Wenn man davon ausgeht, dass Dalits auf der untersten Stufe der indischen Gesellschaft stehen, entrechtet und diskriminiert, dann muss man feststellen, dass es Dalit-Frauen sind, denen es am schlechtesten geht. Sie sind Opfer einer dreifachen Diskriminierung: aufgrund von Kaste, Klasse und Geschlecht. Die Ordensfrau M. Hilaria Soundari engagiert sich seit Jahren im Kampf für Dalit-Frauen. Als Professorin an der Universität von Dindigul in Tamil Nadu beschäftigt sie sich intensiv mit der Situation von Dalit-Frauen und ist zugleich mit zahlreichen Initiativen vernetzt, die sich für die Rechte dieser Frauen einsetzen. Für sie als Ordensfrau ist es ein Gebot der Stunde, das auf Kastenzugehörigkeit beruhende Denken, das für die Entmenschlichung von Dalit-Frauen verantwortlich ist, zu durchbrechen. Es gilt, Dalit-Frauen ihre Würde und ihre Rechte zuzuerkennen. In diesem abgelegenen Dorf, Vanathaipuram, spät nachts, begannen wir, eine Mitschwester und ich, ein Treffen mit einer Gruppe von Dalit-Männern. Während der Diskussion über die Dorfprobleme schrie einer der Männer plötzlich vor lauter Kummer und Schmerz auf: »Wenn ich mein Haus betreten will und Schlappen eines Mannes einer höheren Kaste vor der Tür finde, darf ich in dieser Nacht das Haus nicht betreten.« Und der Mann weinte bitterlich. Seine von Schmerz erfüllte Stimme enthüllt die Qual der Dalit-Frau, die im Haus eingesperrt war. In diesen entlegenen Dörfern besitzt eine Dalit-Frau weder das Recht über ihren eigenen Körper noch das Recht auf Selbstbestimmung für ihr eigenes Leben.

Eine ähnliche Situation wurde auch von einer meiner Gefährtinnen erzählt, die mit Dalit-Frauen in Karnataka arbeitet. Die jungen Dalit- Mädchen wurden als »Devadasi« (Sklavin Gottes) unverheiratet dem Tempel geweiht, was als »Tempel Prostitution« bekannt ist. Jeder reiche Mann einer höheren Kaste hat das Besitzrecht über diese »Devadasi«-Frauen. Diese Dalit- Frauen werden einem entmenschlichten Leben hingeworfen und sehr häufig von ihren eigenen Ehemännern oder Vätern geopfert.

Die Herausforderungen der Unberührbarkeit

In fast 80 Prozent der indischen Dörfer herrschen Praktiken der Unberührbarkeit vor (Shah 2002). »Dalit«, ein Sanskritwort, das soviel bedeutet wie »gebrochen, gespalten, zerborsten, geknechtet, zerdrückt«, offenbart den niedrigen Status, den Dalits erfahren müssen, die als Gerber arbeiten, Tiere enthäuten, oder als Straßenkehrer, Müllarbeiter, als Schuster, Landarbeiter, Reinigungskräfte, Trommler, Volksmusikanten etc. arbeiten. Gemäß einer Volkszählung von 2001 machen Dalits 16,20 Prozent der Gesamtbevölkerung Indiens aus. Innerhalb der großen Gruppemaginalisierter Dalits sind Dalit-Frauen am beklagenswertesten im freien Indien, denn sie erleben eine dreifache Unterdrückung: im Namen von Kaste, Klasse und Geschlecht.

Die Vorstellung der Unreinheit, die Dalits anhängt, insbesondere Dalit-Frauen, hat sie kulturell und sozial in die Versklavung geführt. Trotz der Entwicklung und dem Wirtschaftswachstum des Landes ist die manuelle Straßenreinigung, der Umgang mit toten Körpern, die Reinigung von öffentlichen Abwasserkanälen oder Jauchengruben einzig und allein Dalits vorbehalten. Sofern sie nicht von ihren traditionellen Jobs getrennt werden, kann sich das Selbstbild von Dalit-Frauen nicht verbessern. Um diese Trennung zu vollziehen, müssen die Eltern und auch die Kinder motiviert werden, die Dalit-Kinder ausbilden zu lassen. Die Schulausbildung von Dalit-Kindern ist der beste Weg, sie dem Teufelskreis der Unterdrückung zu entreißen.

Analphabetismus – Grund für Versklavung

Eines der Hauptgründe für die verheerende Lebenssituation von Dalit-Frauen kann dem Analphabetismus zugeordnet werden. Ein Großteil der Dalit-Frauen sind Analphabeten (s. Tabelle). Die funktionale Alphabetisierung ist nur selten unter ihnen zu finden. Ausbildung ist ein mächtiges Instrument der Befreiung. Aber Dalit- Frauen sind weit entfernt von dem grundlegenden Recht auf Ausbildung.

Zahlreich sind die Kämpfe von Dalit-Mädchen, um eine Schule besuchen zu können. Das ausgeklügelte Bildungswesen belässt Dalit-Mädchen als Außenseiter. Sie sind nicht in der Lage, die finanziellen Bedingungen zu erfüllen und sind unfähig, mit dem hohen Standard der Ausbildung zurechtzukommen. Diejenigen, die eine formale Bildungseinrichtung betreten, benötigten als Lernende der ersten Generation ein System, das ihnen eine größere Unterstützung bieten würde. Dalit- Mädchen fällt es sehr schwer, Mathematik und Englisch zu lernen. Die Lehrer, in der Regel Mitglieder höherer Kasten, vergleichen Dalit-Mädchen häufig mit den Leistungen anderer Kindern und setzen sie somit herab. In einigen Schulen werden sie angewiesen, getrennt von den anderen im Klassenraum zu sitzen. In den meisten Schulen essen sie nicht gemeinsam mit Kindern aus höheren Kasten.

In den Dörfern befinden sich Schulen nur im Wohngebiet von Angehörigen höherer Kasten. Erst in jüngster Vergangenheit sind ausnahmsweise wenige Vorschulen in den Wohngebieten der Dalits, den so genannten »Kolonien«, zu finden. Als junge Mädchen besitzen viele Dalits keine angemessene Kleidung, um zur Schule zu gehen und sind abhängig von kostenlosen Schuluniformen. Wenn sie sich jedoch gut kleiden und zur Schule gehen, werden sie von Kastenmitgliedern getadelt. Ihre eigenen Eltern, aufgrund fehlenden Bewusstseins, motivieren oder ermutigen sie nur schwerlich, zur Schule zu gehen. Im Gegenteil, Dalit-Mädchen werden sehr geschätzt, wenn sie ihrer Familie größere finanziellen Einkünfte bescheren, selbst wenn dies bedeutet, dass sie die Schule aufgeben.

Wirtschaftliche Abhängigkeit

Die Armut unter Dalit-Frauen ist sehr hoch. Sie leben unter Lebensbedingungen, die als minderwertig zu bezeichnen sind. Die meisten von ihnen leben in Ein-Zimmer-Behausungen, die ihnen von der Regierung zugewiesen worden sind. Die mangelhaften Lebensbedingungen bieten diesen Dalit-Frauen weder eine notwendige Privatsphäre oder einfache sanitäre Anlagen. Noch bieten sie den Dalit-Kindern eine entsprechende Atmosphäre, um lernen zu können.

Gemäß Gosh (1997) ist der Beitrag der Dalits für den Bereich der Wirtschaft vor allem im Dienstleistungs- Sektor angesiedelt. Es gibt jedoch Unterschiede zwischen Stadt und Land.

In ländlichen Gegenden sind Dalits vor allem im landwirtschaftlichen und damit verbundenen Bereichen tätig. Eine Vielzahl von Dalit-Frauen arbeitet als Tagelöhnerinnen in der Landwirtschaft. Nur sehr selten besitzen sie selber Ackerland. Indessen werden die meisten dieser Dalit-Frauen, die als Tagelöhnerinnen in der Landwirtschaft arbeiten, durch die Landbesitzer physisch ausgebeutet. Von ihnen wird verlangt, dass sie zusätzliche Arbeiten im Haushalt des Landbesitzers verrichten. Da sie einem nicht organisierten Sektor angehören, bekommen sie niemals finanzielle oder materielle Entschädigungen für diese zusätzlichen Arbeiten von den Landbesitzern.

Da jedoch die Landwirtschaft häufig nicht die erhofften Ernteerträge bringt, haben Landbesitzer ihr Land an Dalits verpachtet. Einige Dalits haben damit begonnen, diese Ländereien zu bewirtschaften. Devanesam, eine der Dalit-Frauen im Dorf Nattarkulam, deren Familie jüngst Land gepachtet hat, befürchtet, dass sie in eine große Schuldenfalle oder gar Sklaverei getappt sind, da die landwirtschaftlichen Erträge komplett ausgeblieben sind.

In Städten haben Dalit-Frauen noch größere Kämpfe zu bestehen. Sie sind als Haushaltshilfen angestellt und werden gezwungen, alle niedrigen Arbeiten zu verrichten. Hauptsächlich werden Reinigungsarbeiten in Häusern von Reichen und in öffentlichen Toiletten von Dalit- Frauen gemacht. Marammal, eine Dalit-Frau, die in Nellai alsHaushaltshilfe inmehr als sechsHaushalten täglich tätig war, starb mit gerade einmal etwa 50 Jahren aufgrund der nicht enden wollenden Anforderungen ihrer Arbeit, ohne körperliche Erholung oder einer entsprechenden Ernährung, die sie als Diabetikerin benötigte.

Ein großer Teil von Dalit-Frauen arbeitet auch als Gehilfinnen auf Baustellen. Sie werden schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen und sind zudem häufig Opfer sexueller Belästigung.

Ein Zustand der Entmachtung

Sie arbeiten unermüdlich und opfern sich für das Wohlergehen ihrer Kinder und ihres Mannes. Trotzdem sichert dies Dalit- Frauen keinen gleichwertigen Status innerhalb der Familie zu. Das Geld, dass sie nach harter Arbeit nach Hause bringen, wird ihnen von ihren Ehemännern, häufig Trunkenbolde, entrissen. Wenn sie nicht gehorchen, werden sie brutal geschlagen.

Die jetzige Regierung hat das Mahatma Gandhi Rural Employment Guarantee Scheme (MGREGS) eingeführt, ein Beschäftigungsprogramm, dass jedem Haushalt in ländlichen Gebieten, der unter der Armutsgrenze existiert, 100 Tage Beschäftigung zu einem festgesetzten Mindestlohn garantiert. Dieses Programm garantiert Frauen und Männern den gleichen Lohn für ihre Tätigkeit. Vor allem Dalit-Frauen sind in diesem Beschäftigungsprogramm zu finden.

Mit den begrenzten Einkünften haben Dalit-Frauen begonnen, Ersparnisse anzulegen. Die Bewegung der Selbsthilfegruppen von Frauen ist ein wichtiger Protagonist in diesem Prozess geworden. Männer, die Vorbehalte hatten, Frauen zu Treffen der Selbsthilfegruppen gehen zu lassen, sind froh, dies erlaubt zu haben, da ihre Frauen nun Kleinstkredite der Regierung ins Haus bringen. Diese finanzielle Verfügbarkeit wird jedoch mehr genutzt, um die Bedürfnisse der Männer zu befriedigen anstatt die der Dalit-Frauen.

Somit werden in den Familien und in kleinen Gruppen Dalit-Frauen klein gehalten. Dies wird auch in ihrer zu vernachlässigenden Beteiligung an der Lokalpolitik deutlich. Sie beteiligen sich nicht an Dorfversammlungen. Ihnen ist nicht erlaubt, gleichberechtigt neben anderen Teilnehmern am Versammlungsort zu sitzen. Obwohl Dalits aufgrund einer Quotenregelung das Recht haben, an Wahlen teilzunehmen, wird ihnen nicht die Freiheit gewährt, diese ihre Macht auch auszuüben. Noch schlimmer ist es für Dalit-Frauen: weder ihre Ehemänner noch Männer aus anderen Kasten erlauben ihnen, in aller Freiheit zu handeln. Chinnathai, eine gewählte Vertreterin für die Lokalregierung in Vathalagundu, war nur sehr selten erlaubt worden, in den Sitzungen der Lokalregierung ihre Stimme zu erheben. Was auch immer sie zum Wohl der Menschen ihres Wahlbezirkes vortragen wollte, wurde, wenn überhaupt, ganz ans Ende der Sitzungsagenda gesetzt.

Prozess der Ermächtigung

Während Frauen aus höheren Kasten dafür kämpfen, ihre Rechte zu erhalten, ist es für unterdrückte Dalit-Frauen viel schwieriger, für ihre Rechte einzutreten. Für die meisten von ihnen erscheint es wie ein weit entfernter Traum, überhaupt eine Grundversorgung zu erhalten. Indem man ihnen das Recht auf Ausbildung und Arbeit zugestehen würde, würde man zugleich den Weg bereiten für eine nachhaltige Entwicklung und Befähigung. Aber dieser Prozess ist sehr schwierig, da viele von ihnen sich ihrer Versklavung oder der Fänge der Unterdrückung gar nicht bewusst sind. Sich seiner eigenen Situation bewusst zu werden, muss Dalit-Frauen systematisch vermittelt werden.

Der Prozess der Befähigung von Dalit-Frauen ruft häufig feindliche Reaktionen bei Nicht-Dalits hervor. Sie fürchten, dass es dann nicht mehr genügend Menschen für die niedrigen Arbeiten gibt. Es ist notwendig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass jeder Job mit Würde zu betrachten ist. Vor allem aber ist die Ermächtigung von Dalit-Frauen eine Bedrohung für diejenigen, die sie ausbeuten. Kulturelle Tabus haben jedoch eine Einstellung hervorgebracht, die es Dalit- Frauen niemals erlauben, »Nein« zu einem Mann oder Mitgliedern höherer Kasten zu sagen. Das unterdrückerische, mit Vorurteilen behaftete Denken über Dalit-Frauen zu brechen, ist das Gebot der Stunde. Die Unterstützung, die auf ihre Ehemänner auszudehnen ist, ist für Dalit-Frauen unabdingbar. Dalit- Männer müssen hinsichtlich der Rechte ihrer Frauen angeleitet werden. Sie haben sich durchzusetzen, wenn es um den Schutz der Rechte ihrer Frauen gegenüber anderen Männern geht. Da Gewalt gegen Dalits als ein Mechanismus benutzt wird, um Dalits zu unterdrücken, müssen sowohl Dalit-Männern als auch Frauen Mechanismen des Selbstschutzes beigebracht werden.

Die Alphabetisierung von Dalit-Frauen ist ein wichtiger Schritt, sie aus ihrer aussichtslosen Situation herauszuführen.
FOTO: KNA-BILD

Hoffnungsschimmer

Die jahrhundertealte Unterdrückung mag nicht rasch zu korrigieren sein. Aber im Laufe der Jahre hat die Arbeit mit Dalit-Frauen großartige positive Resultate hervorgebracht. Diese Arbeit schenkt die Hoffnung, dass der entmenschlichte Lebensstatus von Dalit-Frauen durchbrochen werden kann und dass Dalit-Frauen zu einem neuen Status gelangen können, der durch Menschenwürde und -rechte geprägt ist. Es ist eine große Notwendigkeit, sich ganz betont für das Wohl von Dalit-Frauen einzusetzen. Je mehr engagierte Herzen hervortreten, um für Dalit-Frauen einzutreten, umso schneller wird ein neuer Morgen für Dalit-Frauen anbrechen.

M. HILARIA SOUNDARI MSW
Ordensfrau, Assistant Professor im Department of Applied Research des Gandhigram Rural Institute – Deemed University, Dindigul / Tamil Nadu – Indien

INFO-TIPP

Sr. Hilaria Soundari wird als Gast von missio im Rahmen der diesjährigen Kampagne im Monat der Weltmission vom 1.–25. Oktober 2010 zu Veranstaltungen nach Deutschland kommen. Genaue Angaben zu Zeit und Ort der Veranstaltungen werden rechtzeitig über » www.missio.de/... publik gemacht.

LITERATUR

  • Francis P. Xavier. (2009). The Rights of the Marginalized. Chengalpattu: Dalit Human Rights Centre.
  • Ghosh.G.K and Ghosh Shukla. (1997). Dalit Women. New Delhi: A.P.H. Publishing Corporation.
  • Jogdand.P.G. (1995). Dalit Women: Issues and Perspectives. New Delhi: Gyan Publishing House.
  • Malhotra, Meenakshi (Ed). (2010). Empowerment of Women. New Delhi: Isha Books.
  • Shah, Ghanshyam, Mander, Thorat, Despande & Baviskar. (2002). Untouchability in Rural India. New Delhi: Sage Publications.
  • Soundari, Hilaria. (2006). Dalit Women. Dindigul: Vaigarai Publications.
  • Sunderaj, Victor. (2000). Schedule Caste of Rural India: Problems and Prospectus. New Delhi: A.P.H. Publishing Corporation.
  • Thorat, Sukhadeo. (2009). Dalits in India: Search for a Common Identity. New Delhi: Sage Publications.

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