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Mission im Kontext von Gewalt gegen Christen in Indien

Dialog und Inkulturation als zentrale Elemente der Missionstätigkeit

von SEBASTIAN M. MICHAEL SVD

Armselige Hütten und der nackte Boden zum Sitzen – bis heute ist das Leben der Dalits durch Armut und Diskriminierung geprägt.
FOTO: KNA / MICHAEL LENZ

Der Autor dieses Beitrages, Theologe und ein ausgewiesener Experte für Kulturanthropologie, legt zum einen Hintergründe der Gewalt gegen Christen in Indien dar, indem er die Ideologie des Hindu-Nationalismus beleuchtet. Zum anderen zeigt er die Bemühungen der indischen Kirche auf, ihrem Missionsauftrag gerecht zu werden, indem sie versucht, das von Jesus verheißene »Leben in Fülle« für alle Menschen ins Zentrum ihres Wirkens zu stellen. Der Dialog der Kulturen und die Inkulturation bekommen in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung.

In meinem letzten Artikel im vorletzten Jahr (vgl. Sebastian Michael: Wem gehört Indien?, Forum Weltkirche 2-2009, S. 7–12) habe ich die brutale Gewalt gegen Christen in Indien, insbesondere in den Bundesstaaten Orissa, Gujarat, Karnataka und Madhya Pradesh dokumentiert. Meine Analyse zeigte, dass die physische und psychische Gewalt von Hindu-Nationalisten verübt wurde. Im Jahr 2008 wurden allein in Orissa 147 Kirchen niedergebrannt, 81 Menschen ermordet und eine Ordensfrau vergewaltigt. Über 50.000 Christen wurden obdachlos gemacht und mehr als 4.000 Häuser zerstört. Die meisten Christen aus dem Distrikt Kandhamal im Bundesstaat Orissa flohen in die Wälder, um ihr Leben zu retten. Viele Menschen, unter ihnen viele Priester und Ordensfrauen, verbrachten Wochen in den Wäldern und mussten von den Früchten des Waldes überleben. Es gibt dokumentierte Belege, die zeigen, dass die Gewalt gegen Christen gezielt geplant und organisiert worden ist durch die Föderation militanter Hindu-Organisationen (»Sangh Parivar« und »Vishwa Hindu Parisad«) in Absprache mit dem politischen Arm der Partei der Hindu-Nationalisten, der BJP (»Bharatiya Janata Party«). Vor diesem Hintergrund geht es nun um die Frage, was die Mission der Kirche in diesem Kontext des militanten Hindu-Nationalismus ist.

Hindu-Nationalismus und Gleichschaltung der Kulturen

Während seiner 5000-jährigen Geschichte hat der riesige indische Subkontinent das Wachstum einer großen Zivilisation genährt, die durch viele Kulturen, Rassen, Kasten, Religionen und Sprachen geprägt ist. Sie alle sind belebt durch interkulturelle Kontakte. In den frühen Phasen der indischen Zivilisation wurde Einheit erreicht, indem die Pluralität und Autonomie verschiedener Gruppen anerkannt wurde. Indien ist ein Land, das durch Pluralität gekennzeichnet ist. Aber die Bewegung der Hindu-Nationalisten (Hindutva) ist bemüht, aus Indien eine Hindu-Nation zu machen. Diese Bewegung ist davon überzeugt, dass der Hinduismus über allen anderen Religionen steht, dass Hindus die ursprünglichen und einzigen Gründer der indischen Kultur sind und den Kernpunkt der indischen Nation bilden. Die Hindutva-Kräfte wollen die Kulturen Indiens gleichschalten hin zu einer monolithischen Kultur der höheren Kaste, dem sanskritischen und brahmanischen Hinduismus. Allem außerhalb dieser kulturellen Einflusssphäre wird die legitime Existenz in der indischen Gesellschaft abgesprochen. In den Augen der Hindutva ist die christliche Mission ein unerwünschter Fremdkörper in der indischen Kultur und Zivilisation und deshalb vom heiligen Boden (Punya Bhoomi) auszurotten.

Während die fundamentalistischen Hindu-Organisationen in ihrer Politik der Gleichschaltung Tribals und Unberührbare (also Dalits) als zurückgebliebene, rückständige Hindus klassifizieren, weisen diese die ihnen auferlegte Identität zurück. Sie kämpfen ums Überleben, für Menschenwürde und kulturelle Identität. Sie haben auf die indische Gesellschaft eine andere Sicht als es Mitglieder der hohen Kasten haben, die die Hindutva- Organisationen dominieren. Die nicht-brahmanische Hindu-Tradition, wie sie durch Reformer wie Jotirao Phule, E. V. Ramaswamy Periyar und B. R. Ambedkar repräsentiert wurde, drückt die Bemühungen der unterdrückten Massen aus, eine alternative Identität zu definieren, die auf kulturellenWerten der Gleichheit, Brüderlichkeit und sozialer Gerechtigkeit gegründet ist.

Die Bekehrungen zum Christentum sind aus ihrer Sicht ein Weg gewesen, der es ihnen ermöglicht, in der sozialen Leiter der indischen Gesellschaft nach oben zu steigen. Eine große Zahl von Dalits und Tribals haben sich Religionen wie dem Buddhismus, Sikhismus, Islam und Christentum angeschlossen, also jenen Religionen, die die Gleichheit ihrer Mitglieder betonen. Die Sichtweise der Dalits und Tribals von der Mission der Christen ist eine andere als die der Hindutvabewegung. Mehr als 60 Prozent der indischen Christen kommen heute aus diesen untersten Schichten der indischen Gesellschaft. Die Übergriffe auf Christen müssen deshalb vor diesem weiteren sozio-politischen Geflecht gesehen werden. Es geht um eine politische Kontroverse über die »kulturelle Identität Indiens«.

Der Aufstieg der Partei der Hindu-Nationalisten (die Bharatiya Janata Party – BJP) mit ihrer Betonung des Hindu-Nationalismus hat eine scharfe ideologische Debatte über indischen Nationalismus versus Hindu- Nationalismus entfacht. Während die untersten Kasten und Klassen auf der Suche sind nach einer Kultur, die sich auf egalitäre, soziale und ökonomische Werte und eine größere politische Partizipation gründet, sind Hindu- Nationalisten der hohen Kasten sehr stark darin, ihre gegenwärtige Position der Privilege und Dominanz zu konsolidieren, indem sie den alten, hierarchischen, brahmanischen Hindu-Werten neue Geltung verschaffen. Folglich gibt es eine Polarisierung in Fragen von Kultur aufgrund uralter gegensätzlicher Interessen von hohen und niedrigen Kasten. Erstere klammern sich energisch an ihren traditionellen Status, letztere kämpfen für Wandel und Gerechtigkeit, Gleichheit und Menschenwürde.

Ein Dialog zwischen den Kulturen in Indien wird heutzutage immer notwendiger. Wichtig ist es in diesem Zusammenhang, sich dessen bewusst zu sein, dass die Verfassung Indiens die letztgültige Autorität dafür ist, zu definieren, wer ein Inder ist. Die Verfassung ist unmissverständlich in ihrer Aussage hinsichtlich der Beschaffenheit der indischen Gesellschaft. Diese ist multi-ethnisch, mehrsprachig und multi-religiös. Die indische Verfassung steht für Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit für alle indischen Bürger. Der Dialog zwischen Kulturen in Indien muss deshalb die sozialen Realitäten und die Garantien der Verfassung hinsichtlich Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Inder berücksichtigen.

Ordensschwestern beten am 31. August 2008 in der nordindischen Stadt Allahabad für Frieden zwischen Hindus und Christen.
FOTO: REUTERS / JITENDRA PRAKASH

Die Bedeutung von Visionen

Wie bereits oben erwähnt, gehören mehr als 60 Prozent der Christen in Indien den so genannten »Unberührbaren«, das heißt den Dalits an. Eine Studie zeigt, dass etwa 20 Prozent der indischen Christen zu den Ureinwohnern zählen. Diese überwältigende Antwort von unteren Schichten der indischen Gesellschaft aufs Christentum ist kein Zufall; es ist eine natürliche Antwort und verwurzelt in der christlichen Vision des menschlichen Lebens.

Visionen sind wie Stadtpläne oder Landkarten, die uns durch das Wirrwarr irreführender Komplexitäten geleiten. Wie Karten haben Visionen viele Details auszulassen, um uns zu befähigen, auf den entscheidenden Weg hin zu unserem Ziel zu fokussieren. Visionen setzen die Tagesordnung sowohl für unser Denken als auch unser Handeln; philosophische, politische oder soziale Theorien werden auf ihnen errichtet. Diejenigen, die an eine bestimmte Vision glauben, werden sich selbst in einer ganz anderen moralischen Rolle sehen als die Anhänger einer anderen Vision. Die Auswirkungen solch gegensätzlicher Visionen betreffen wirtschaftliche, juristische, militärische, philosophische und politische Bereiche.

Die christliche Vision vom Leben

Jesus ist einer der größten Visionäre, der Wandel und Verwandlung in dieser Welt herbeigeführt hat. Jesus kam, um die Vision Gottes für die Menschheit zu erfüllen. Im ersten Buch der Bibel, im Buch Genesis, lesen wir: »Gott also schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.« (Gen 1,27). Dies bedeutet, dass Gott den Menschen mit Würde, Freiheit und Kreativität erschuf, damit er für immer in ihm verwurzelt ist. Aber gemäß der Bibel haben die Menschen rebelliert und ihre Würde, Freiheit und Kreativität verloren, die durch die Sünde verdarben. Diese Sünde hat alle Bereiche unseres menschlichen Lebens angesteckt, Familie, Gesellschaft, Kultur, religiöse Überzeugungen und Praktiken, Politik und Wirtschaft. Es ist die Überzeugung des christlichen Glaubens, dass Jesus kam, um die Menschheit wieder in den Stand ihrer ursprünglichen Reinheit und ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung zu versetzen.

Dieses Ziel und diese Vision Jesu wird sehr deutlich im Neuen Testament ausgedrückt. Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens nach seiner Taufe und einem 40-tägigen Rückzug in die Wüste ging Jesus in die Synagoge von Nazareth. Dort stand er auf, um vorzulesen: »Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.« Nachdem er diese Prophezeiung des Jesaja vorgelesen hatte, sagte er: »Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.« (Lk 4,18 –19.21). Dies verdeutlicht, dass Jesus von Anfang an geltend machte, dass seine Mission darin bestand, das Abbild der Menschen wieder herzustellen, indem ihre Beziehung zu Gott erneuert wird. Eine ähnliche Botschaft wird von Jesus ausgesandt, als Johannes der Täufer seine Jünger schickte, um Jesus zu fragen: »Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?« Jesus antwortet: »Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.« (Mt 11,2– 6). Zusammenfassen lässt sich die Mission Jesu mit den Worten: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.« (Joh 10,10). Seinen Jüngern erklärt er, dass alle Gebote Gottes zusammengefasst werden in der Gottes- und Nächstenliebe (vgl. Mt 22,36– 40), und dies wird das einzige Kriterium sein, nach dem er die Menschen für die endgültige Entlohnung in seinem Reich richten wird (Mt 25,31–44). Das ganze Leben Jesu, seine Lehren, seine Wunder, sein Leiden und sein Tod waren dazu bestimmt, die ursprüngliche Beziehung der Menschen zu Gott wieder herzustellen. Seine Identität und die Wahrheit seiner Lehren sind beglaubigt worden durch seine Auferstehung.

Von Beginn an fördert die Kirche die Vision Jesu, die Welt zu verwandeln, indem sie »Salz« und »Licht« ist (vgl. Mt. 5,13–16), inmitten all ihrer Schwächen, ihrer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Umbrüche. Und auch heute ist die Mission der Kirche die gleiche. Die Soziallehre der Kirche beruht auf der christlichen Überzeugung, dass alle Männer und Frauen – als Abbilder Gottes geschaffen – ausgestattet sind mit Würde und Großartigkeit. Diese den Menschen innewohnende Würde kann nicht durch Hautfarbe, Reichtum, Status oder andere Erwägungen gemindert werden. Menschen sollten niemals als Mittel zum Zweck missbraucht werden. Alle Formen der Ausbeutung und Unterdrückung von Personen mindert und zerstört ihre ihnen innewohnende Würde und ihren Wert.

Die Vision des hinduistischen Kastensystems

Die Hindu-Gesellschaft ist unterteilt in Gruppen von Menschen, bekannt als Kasten, mit einem unterschiedlichen Grad an Achtbarkeit. Der unterste Rang ist der der so genannten »Unberührbaren«, der Kastenlosen. Sie wurden »Unberührbare« genannt, weil schon allein ihre Berührung die Mitglieder höherer Kasten verunreinigen würde. Sie sind auf Distanz gehalten worden aufgrund dieser Erwägung. Ihre Person, ihr Schatten, ihre Nahrung, ihre Gefäße waren zu meiden. Sie mussten getrennt leben und durften häufig nicht die öffentlichen Dorfeinrichtungen wie zum Beispiel einen Brunnen nutzen.

Das Stigma der »Unberührbarkeit« bezog sich zudem auf die Berufstätigkeit dieser Menschen wie zum Beispiel die Beseitigung von Leichen, die Reinigung von öffentlichen Plätzen und die Entfernung von Fäkalien. Dieses Stigma kann bis zurück auf Manu verfolgt werden, dem Gesetzeslehrer der Hindus, der vor mehreren Jahrhunderten lebte.

Als die Hindu-Gesellschaft durch die Kastenphilosophie dominiert wurde, unberührt von modernen Ideen der Rechte und Pflichten, war die Situation der so genannten Unberührbaren miserabel und extrem unmenschlich. Die Unberührbaren wurden ausgesondert und mussten in den Außenbezirken der Dörfer leben. Aufzeichnungen aus der Zeit der Herrschaft der Marathen und Peschwas im 17. Jh. belegen, dass den Mahars (Anm.: Mitglieder der untersten Kaste – sie bilden heute etwa 10 Prozent der Bevölkerung im Bundesstaat Maharashtra) vor 9.00 Uhr und nach 15.00 Uhr der Aufenthalt innerhalb der Tore von Pune nicht erlaubt war, da in dieser Zeit die Sonne zu lange Schatten ihrer Körper warf, die sodann die Mitglieder höherer Kasten hätten treffen und insbesondere Brahmanen hätten besudeln können. Die unreinen Kasten, insbesondere die so genannten Unberührbaren, durften nicht einmal die Außenbereiche eines Tempels betreten. Schulen, mit öffentlichen Geldern finanziert, waren für Unberührbare praktisch verschlossen. Mitgliedern aller Kasten, ausgenommen den Brahmanen, war ausdrücklich untersagt, ihren Oberkörper zu bekleiden. Bis 1865 waren Frauen, wenn sie zu den Unberührbaren gehörten, qua Gesetz verpflichtet, diese Bekleidungsvorschriften einzuhalten.

Unberührbarkeit und Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit ist begründet in der brahmanischen Vision des Hinduismus, die nachträglich in die sozio-kulturelle Struktur der Hindu- Gesellschaft eingebaut wurde. Um die volle Konsequenz von Kaste und Unberührbarkeit zu verstehen, wie sie im Laufe der indischen Geschichte entwickelt wurde, ist es daher notwendig, sie als Teil der sozialen Struktur des Kastensystems Indiens zu begreifen. Die metaphysische Doktrin von karma (Handlung) hat eine machtvolle Rechtfertigung für die Ungleichheit aufgrund von Geburt geliefert und diese Ungleichheit für die Massen annehmbar gemacht. Gemäß der karma- Doktrin ist dieses Leben nur eine Verbindung in einer unendlichen Kette von Geburten und Wiedergeburten, und jedes Sein wird in einer spezifischen Position geboren, gemäß ihrer/seiner eigenen Taten in vergangenen Leben. Er kann die Erfolgsaussichten für seine spätere Geburt nur verbessern, indem er die Pflichten seiner Schicht, in die hinein er geboren wurde, bestens erfüllt. Dieses metaphysische Prinzip rechtfertigt das Kastensystem. Brahmanen, so wird gesagt, werden als hohe Kastenmitglieder geboren aufgrund ihres karmas in der Vergangenheit, und die Unberührbaren werden als Kastenlose aufgrund ihres karmas in der Vergangenheit geboren. Um eine Emanzipation von diesem niedrigen Status des Lebens zu erlangen, ist es die Pflicht (dharma) eines Mitgliedes einer niedrigen Kaste, seine Kastenstellung ohne Aufbegehren zu akzeptieren und gemäß der Regeln der Kaste zu agieren. Dann mag das Mitglied einer niedrigen Kaste in einem späteren Leben als Mitglied einer hohen Kaste geboren werden. Unberührbarkeit und Kasten-Ungleichheit wird gerechtfertigt durch die Prinzipien von karma (Handlungen), dharma (Pflichten), punerjanma (Wiedergeburt) und moksha (Befreiung).

Christliche Ashrams sind nach Ansicht von S. M. Michael SVD ein wichtiges Element, die Inkulturation des christlichen Glaubens im indischen Kontext zu fördern. Das Foto zeigt katholische Priester und Ordensfrauen, die in christlichen Ashrams leben. Regelmäßig treffen sie sich, um ihre Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.
FOTO: UCAN PHOTO SERVICE

Christliche Mission in Indien

Die brahmanische Kultur des Hinduismus in Indien ist durch verschiedene in Indien entstandene religiöse und ideologische Bewegungen herausgefordert worden, wie zum Beispiel dem Buddhismus, Jainismus, Bhakti oder dem philosophischen System der Charvakas. Aber diese Visionen sind von der brahmanischen Tradition angeeignet, assimiliert und in den brahmanischen Hinduismus integriert worden. Das Protestelement dieser Bewegungen verlor an Kraft und die Opposition gegen den repressiven brahmanischen Hinduismus versandete nach und nach.

Die Arbeit der christlichen Missionare ab dem 16. Jahrhundert schuf eine neue Situation für Unberührbare in Indien. Die religiöse Bekehrung wurde zu einem Mittel, um der hierarchischen Sozialstruktur der Hindu-Gesellschaft zu entfliehen und sie abzulehnen. Von etwa 20 Millionen Christen in Indien sind etwa 14 Millionen Dalits. Ihre Begegnung mit dem Christentum mündet häufig in Massenbewegungen und religiöse Bekehrungen, aufgrund verschiedener sozialer, kultureller, ökonomischer, politischer und religiöser Gründe, letztlich aber in der Hoffnung, ein wenig Würde im Leben zu erlangen. Die Bekehrungen von Dalits und Tribals haben das Potential des sozialen Wandels von Religion vor Augen geführt. Diese Bewegungen repräsentierten die Bemühungen auf Seiten der Dalits um Würde, Selbstachtung und die Möglichkeit der Wahl ihres eigenen Schicksals. Es gab eine wachsende Unruhe unter ihnen, um ein besseres Leben sowie Würde für sich und ihre Kinder zu erlangen. Studien von verschiedenen Sozialwissenschaftlern über Massenbekehrungen hin zum Christentum belegen, dass diese entstehenden Gemeinschaften das Christentum nicht in blindem Gehorsam akzeptierten, wie es die Hindu-Nationalisten der höheren Kasten behaupten, sondern in der Tat bewusst und wohlüberlegt einen religiösen Symbolismus verließen, den sie als sektiererisch und ungerecht wahrnahmen, um sich einem anderen zuzuwenden, den sie als universal und egalitär wahrnahmen und der geeignet erschien, die Situation zu verändern.

Die christliche Gemeinschaft sollte sich durch die gegen sie gerichtete Gewalt vonseiten wirtschaftlich mächtiger und politisch einflussreicher Hindu-Nationalisten nicht einschüchtern lassen; vielmehr sollte sie ihre christliche Sendung der Befreiung der Armen, der Marginalisierten und wirtschaftlich und politisch schwächeren Teile der indischen Gesellschaft fortführen. Diese Frage ist heute im Kontext von Globalisierung und wirtschaftlichem Wachstum, das vor allem die reichen und einflussreichen Hindus der höheren Kasten begünstigt, immer wichtiger geworden.

Mission als Inkulturation

Indische Christen sind Insider und Erben ihrer Kultur. Christen bringen die Schätze ihrer Kultur zu ihrem Glauben und werden Gläubige, die in ihrer Heimaterde verwurzelt sind. In indischen Religionen gibt es eine Betonung des Respekts vor allem Leben, der Barmherzigkeit und der Gastfreundschaft. Diese Werte müssen im Kontext eines engstirnigen kulturellen Nationalismus, Regionalismus und Kommunalismus bekräftigt werden. Daher ist die Kirche in Indien zu Recht stolz auf ihr sehr altes Erbe und feiert diese lebensspendenden Werte als wichtige Beiträge zur indischen Kultur. Dies ist Teil der inkulturierenden Mission der Kirche Indiens.

Die Inkulturation könnte durch folgende Maßnahmen verstärkt werden:

  • Eine tiefe Spiritualität der Mystik und Innerlichkeit. Indische Kultur ist geprägt durch einen tiefen Sinn für das Spirituelle, in dem Gott einen zentralen Platz einnimmt. Einhergehend mit der Globalisierung schleichen sich Säkularisierungstendenzen in unsere Kultur ein. Wir müssen sicherstellen, dass Globalisierung Gott nicht ablehnt, noch ihn ausschließt, den Schöpfer, der die Quelle und der Ursprung von allem ist. Indische Christen müssen indische Werte wie die Liebe zur Stille, zur Kontemplation, Einfachheit, Harmonie, Gewaltlosigkeit, Disziplin, Respekt vor alten Menschen, Gastfreundschaft, Barmherzigkeit und einen Sinn für Gemeinschaft integrieren, fördern und schätzen. Geeignete Einrichtungen wie christliche Ashrams und Gemeinschaftszentren sollten errichtet werden, um obige Werte aufzunehmen. Versuche sollten unternommen werden, um das christliche Geheimnis in den indischen philosophischen Traditionen zu erklären, so wie es der heilige Thomas von Aquin mit der philosophischen Weisheit der Griechen gemacht hat.
  • Soziales Engagement für die Erbauung eines modernen Indiens auf den Werten von Gleichheit, Brüderlichkeit und sozialer Gerechtigkeit. Als Bürger sollten Christen aktiv an der Politik und Bürgerbewegungen mitwirken, die die Menschenwürde und den hohen Wert des menschlichen Lebens fördern.
  • Da Sprache ein Träger von Kultur ist, ist die Herstellung und Publikation christlicher Literatur in regionalen und Nationalsprachen sowie Dialekten Indiens ein Muss. Indische Christen müssen in ihrer Muttersprache verwurzelt sein, und sie sollten bestrebt sein, in ihren Sprachen kreativ und kompetent zu sein.
  • Die christliche Gemeinschaft Indiens sollte aktiv regionale und nationale Feste und Festivals feiern, die mit der christlichen Vision vom Leben kompatibel sind, und Frieden und Harmonie zwischen den Kulturen und ethnischen Gemeinschaften fördern
  • Christen in Indien müssen unsere kulturellen Werte wie Familie, Gemeinschaft, Respekt vor älteren Menschen, Bescheidenheit, Gastfreundschaft und andere lebensspendende Prinzipien engagiert leben und fördern.

INFO-TIPP

Die Frage von Kultur(en) und Christentum ist eine sehr komplexe Fragestellung und von dem Autor in vielen Publikationen reflektiert worden. Unter dem Titel »Christianity and Culture. Authentic in Dialogue: Beyond Relativism and Ethnocentrism« findet sich ein Beitrag des Autors, den er für SEDOS, ein Institut der missionierenden Orden in Rom, geschrieben hat.
» www.sedosmission.org/... (RTF-Datei)

Ausblick

Gewalt gegen Christen in Indien steht im Zusammenhang mit zwei wichtigen Faktoren, nämlich der kulturellen und nationalen Identität Indiens sowie den legitimen und gesetzlich verbrieften Rechten von Christen. Seit alters her ist Indien ein Land mit vielen Rassen, Kulturen, Sprachen und ethnischen Gemeinschaften. Jedoch versuchen heute einige wirtschaftlich und politisch mächtige Hindus aus den hohen Kasten alle Kulturen gleichzuschalten, um Indien zu einer Hindu-Nation zu machen. Sie bekämpfen die religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Rechte von Christen mit allen Mitteln und schrecken selbst vor der Anwendung von Gewalt nicht zurück. In diesem Kontext sollte die Mission in Indien darauf bedacht sein, die legitimen von der Verfassung verbrieften Rechte der Christen zu schützen und die Inkulturation uralter lebensspendender Werte, die in den verschiedenen Kulturen Indiens zu finden sind, zu fördern.

SEBASTIAN M. MICHAEL SVD
Ordensmann, Professor für Kulturanthropologie am Institute of Indian Culture, Mumbai / Indien

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