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»Die Vergänglichkeit irdischer Schönheit und menschlicher Existenz«

Japan nach der Dreifachkatastrophe

von GEORG EVERS

Erdstöße der Stärke 8,9 haben Japan am 11. März 2011 erschüttert. Eine gewaltige Flutwelle hat viele Küstenregionen, vor allem im Norden des Landes, überschwemmt. Das AKW Fukushima wurde zum Teil zerstört. Überlebende des Tsunami stehen am 18. März 2011 mit Kanistern an einer Tankstelle in Ofunato und warten auf die Zuteilung von Benzin.
FOTO: KNA-BILD

Der Schock sitzt tief über die Dreifachkatastrophe, die Japan am 11. März aufgesucht hat. Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe – eine Kombination, die bis dahin niemand für möglich gehalten hätte. Die Religionsgemeinschaften bemühen sich, ihren Beitrag zu leisten, um der Bevölkerung bei der Bewältigung dieser nie für möglich gehaltenen Krise behilflich zu sein. Die katholische Kirche Japans, eine absolute Minderheit in doppelter Hinsicht, bemüht sich ebenfalls. Jedoch muss sie feststellen, dass innerkirchliche Konflikte der Sendung der Kirche schaden. Insbesondere das Neokatechumenat stellt die Kirche vor eine Bewährungsprobe.

Japan ist ein Land, in dem die Bedrohung durch Erdbeben und andere Naturkatastrophen immer gegenwärtig ist. Die dreifache Katastrophe von Erdbeben, Tsunami und Atomunfall, die am 11. März 2011, dem »schwarzen Freitag«, die nordöstlichen Provinzen Fukushima, Tochigi und Saitama heimsuchte, hatte aber bisher nie gekannte Ausmaße. Das Beben, das die Höchstmarke von 9 erreichte, ist das stärkste je in Japan gemessene Beben. Dass Japan generell auf solche Beben vorbereitet ist, zeigte sich daran, dass direkt durch das Beben verursachte Gebäudeschäden in der betroffenen Region und auch im Großraum Tokio kaum aufgetreten sind. Das Ausmaß des nur wenige Minuten später folgenden Tsunami dagegen war mit teilweise über 30 Meter hohen Wellen so groß, dass keine der an der Küste errichteten Schutzmauern ihm standhalten konnte. Die Bilder der von den Wassermassen mitgerissenen Häuser, Autos, Schiffe und mitten darin immer wieder Menschen, welche die Medien ausstrahlten, haben sich tief in das gemeinsame Gedächtnis eingeprägt. Die Zahl der Toten und Vermissten wurde ständig nach oben korrigiert, um schließlich bei 28.000 stehen zu bleiben. Diese gewaltige Zahl, die schwer vorstellbar ist, gewann bei der Schilderung einiger Einzelschicksale in den Medien hin und wieder ein Gesicht, das nach Mitleid rief und Mitleid möglich machte. Noch bevor die Flutwelle abgeklungen war, beherrschten die Meldungen über die Zerstörungen in dem Atomkraftwerkskomplex von Fukushima die Schlagzeilen. Tage hindurch wurde von der Gefahr berichtet, dass es wegen der ausgefallenen Kühlung zur Kernschmelze und einer großflächigen radioaktiven Verseuchung in der ganzen Region, einschließlich des Großraums Tokios kommen könnte. Die Umgebung des Kernkraftwerks wurde bis zu einem Radius von erst 10 km, dann 20 km und schließlich 30 km geräumt und wegen der radioaktiven Strahlung zur Sperrzone erklärt. Auch 2 Monate später ist die Gefahr einer Kernschmelze nicht endgültig ausgeräumt und es bleibt offen, wann und wie der Komplex so abgeschirmt werden kann, dass keine weitere radioaktive Strahlung austritt.

Eine ältere Frau, die aus dem Gebiet um das Atomkraftwerk evakuiert wurde, betet am 14. März 2011 in Kawamata.
FOTO: KNA-BILD

Beitrag der katholischen Kirche Japans zur Linderung der Katastrophe

Im Katastrophengebiet in den Provinzen Fukushima und Tochigi ist die katholische Kirche nur schwach vertreten. Direkte Schäden für Kirchen und andere kirchliche Einrichtungen durch das Erdbeben und die Tsunami betrafen daher nur im geringen Maß Einrichtungen der katholischen Kirche. Jedoch sind durch das Erdbeben und den nachfolgenden Tsunami einige Katholiken, darunter einige Schulkinder, ums Leben gekommen. Berichtet wurde vom Tod des kanadischen Missionars André Lachapelle, der einen Schock erlitt und an Herzstillstand gestorben ist. Zwei katholische Kirchen in der Diözese Sendai wurden so stark beschädigt, dass sie wohl abgerissen werden müssen. Ansonsten gab es kleinere Schäden an einigen Kirchen, Klöstern, Kindergärten und Schulen. Die Caritas Japan reagierte schnell auf die Katastrophe und richtete schon am 18. März in der Stadt Sendai ein Katastrophenzentrum ein, das für die Opfer Lebensmittel, Decken und andere notwendige Dinge bereitstellte. Auch in der Diözese Saitama wurde ein ähnliches Hilfszentrum eingerichtet. Die Arbeiten werden von den Bischöfen der Diözesen Sendai, Niigata und Saitama koordiniert, später kam noch die Diözese Sapporo hinzu. Bis Mitte April war die Zahl der freiwilligen Helfer des Hilfszentrums der Caritas in Sendai auf über 500 gestiegen. Die Freiwilligen waren zunächst Katholiken, später kamen aber viele Helfer hinzu, die, religiös gebunden oder nicht, einfach nur den Opfern beistehen wollten. Die Helfer wurden vor Ort bei der Suche nach Opfern des Erdbebens und des Tsunami und bei anderen Aufräumungsarbeiten eingesetzt. Ihre Berichte machen deutlich, wie gefährlich und vor allem auch wie psychisch belastend diese Einsätze waren. Hinzu kamen die vielen Nachbeben, immer verbunden mit der Gefahr eines neuen Tsunami, die den Einsatz der Helfer behinderten. Unterstützt wurde Caritas Japan durch Caritas Internationalis, die Hilfsangebote der Caritas von Macao, Taiwan, Singapur, Korea, Myanmar und sogar von der neu gegründeten Caritas Vietnam koordinierte. Auch die katholische Hilfsorganisation »Jinde Charities« in Shijiazhuang in der Provinz Hebei in der VR China bekundete ihre Solidarität mit den Opfern. Solidaritätsaktionen für Japan gab es ebenfalls in der katholischen Kirche Indiens und Pakistans. Besondere Beachtung fand in Japan die Unterstützung durch koreanische Christen und Buddhisten für die Erdbebenopfer. Im Namen der koreanischen Katholiken stellte Kardinal Nicolas Cheong Jinsuk von Seoul 50.000 US-Dollar für die Opfer der Katastrophe bereit. Die protestantische Hilfsorganisation »Korean Church Relief« schickte direkt nach der Katastrophe eine siebenköpfige Gruppe nach Japan, die als erste ausländische Hilfsorganisation dringend gebrauchte Dinge wie Decken und Nahrungsmittel für die Opfer in einem Auffanglager in Sendai bereitstellte. Auch die koreanischen Buddhisten schickten eine Gruppe von Helfern, die ebenfalls in Sendai begonnen hat, eine größere Hilfsorganisation seitens der koreanischen Buddhisten aufzubauen, die langfristige Hilfe leisten soll. Angesichts der historischen Animosität zwischen Japan und Korea wurden die vielfältigen Akte der Solidarität seitens der koreanischen Bevölkerung in Japan besonders gewürdigt. In Tokio wurden mehrere Hundert Filipinos, die in den betroffenen Gebieten gearbeitet hatten und durch die Katastrophe arbeitslos und mit ihren Familien obdachlos geworden waren, zunächst in Notunterkünften untergebracht und dann mit Tickets für den Rückflug in ihre Heimat versorgt. Ähnliche Hilfeleistungen gab es auch für Wanderarbeiter aus Indonesien und ihre Familien. Die Organisation von »Brasilianern in Übersee« in Japan hat ein Solidaritätskomitee gegründet, um den Opfern des Erdbebens zu Hilfe zu kommen. Mit schwerem Räumgerät haben sie sich in der Umgebung von Sendai an der Bergung von Toten beteiligt. In der schweren Zeit nach der Katastrophe erlebte die kleine Herde der japanischen Katholiken die weltweite Solidarität ihrer Schwesterkirchen in aller Welt als sehr tröstlich. Viele nationale Bischofskonferenzen bekundeten ihre Betroffenheit und versprachen, konkrete Hilfeleistungen.

Die Rolle der Religionen in der Bewältigung der Katastrophe

In der Berichterstattung über die Katastrophenserie in Japan wurde auch immer wieder über die Rolle der Religionen im allgemeinen und der einzelnen religiösen Gemeinschaften im besonderen geschrieben. Es wurde dabei oft gefragt, inwieweit trotz der Größe der Katastrophe und des Verlustes so vieler Menschenleben die von vielen als bewundernswert angesehene Ruhe und Gelassenheit der Betroffenen auf eine in religiösen Traditionen begründeten Geborgenheit zurückzuführen seien. Schaut man sich die religiöse Statistik Japans an, dann wird man mit Verwirrung feststellen, dass es ziemlich viele Widersprüche gibt. Auf der einen Seite gibt das Statistische Jahrbuch Japans für das Jahr 2011 die Zahl der Angehörigen von Religionsgemeinschaften mit 206 Millionen an, das heißt weit mehr als die Gesamtbevölkerung Japans mit 127 Millionen ausmacht. Diesen Widerspruch versucht ein Zusatz zu erklären, der besagt, dass es viele Japaner gibt, die sich sowohl als Angehörige des Schintoismus wie auch zugleich des Buddhismus verstehen. Die offizielle Statistik gibt die Zahl der Anhänger des Schintoismus mit 83,9 Prozent, die des Buddhismus mit 71,4 Prozent und die des Christentums mit 2 Prozent an, während die anderen religiösen Gemeinschaften auf 7,8 Prozent kommen. Die offizielle Statistik des Kultusministeriums erfasst jedoch nicht die persönliche Glaubensbindung an eine dieser Religionen, sondern hält fest, dass traditionell die meisten japanischen Familien jeweils nach den familiären Anlässen, ob es sich um einen Todesfall, eine Trauung oder um eine Segnung für ein bestimmtes Vorhaben handelt, sich mehrerer Religionen »bedienen«, indem sie sich zum Beispiel bei einer Hochzeit an einen Priester (kanushi) eines Schintoschreins oder bei einer Beerdigung an einen Mönch eines buddhistischen Tempels wenden. Ein ganz anderes Bild ergibt sich jedoch, wenn nach der persönlichen religiösen Überzeugung gefragt wird. Auf die Frage, zu welcher Religion man persönlich gehöre, antworteten bei einer Umfrage 52,4 Prozent der Japaner keine religiöse Bindung zu haben. Von denen, die eine positive Antwort gaben, bezeichneten sich 35,8 Prozent als Buddhisten, 11 Prozent als Schintoisten und 10,6 Prozent als Christen. Vergleicht man die offiziellen statistischen Angaben der christlichen Kirchen Japans über die Zahl ihrer Anhänger, die insgesamt nur bei 2 Prozent liegt, dann ist die Zahl der Japaner, die sich in ihrer persönlichen Glaubensbindung als Christen verstehen um das Fünffache höher. Auf die Frage, ob sie sich persönlich als »religiös« bezeichnen würden, antworten nur 15,9 Prozent positiv, während 55,3 Prozent der Befragten sich als nicht-religiös bezeichnen und 28,9 Prozent darauf keine Antwort wissen. Gefragt, ob die Religion in ihrem Alltagsleben eine Rolle spiele, antworten nur knapp 10 Prozent mit einem Ja, während die Hälfte der Befragten eine negative Antwort geben und nur ein Drittel einräumt, dass Religion hin und wieder in ihrem Leben von Bedeutung sei.

Japan auf einen Blick

Fläche: 377.915 km2
Einwohner: 126.475.000
Katholiken: 536.000
Diözesanpriester: 511
Ordenspriester: 1.004
Ordensbrüder: 223
Ordensschwestern: 5.961
Laienmissionare: 62
Katechisten: 2.194

Quellen: Worldfactbook 2011; Statistisches Jahrbuch der Katholischen Kirche 2007

»Da kann man nichts machen«

Schaut man sich diese Statistiken an, dann wird schnell deutlich, dass auch bei der Bewältigung einer Katastrophe, wie sie am 11. März 2011 Japan heimgesucht hat, die religiöse Komponente keine entscheidende Rolle gespielt haben kann. Es gibt offensichtlich tiefer liegende Schichten in der Personenstruktur der Japaner, die sie befähigen, in solchen Extremsituationen Haltung zu bewahren und Verhaltensmustern zu folgen, die allen gemeinsam sind und die nicht von Traditionen und Lehren nur einer bestimmten Religion geprägt sind. Das Ausgeliefertsein an die Mächte der Natur, wie sie in Erdbeben, Taifunen und Tsunamis seit Jahrhunderten die Einwohner der japanischen Inseln trifft, hat ein gemeinsames Gefühl für das Unabwendbare solcher Ereignisse sich entwickeln lassen, verbunden mit der Einstellung, dass das, was nun einmal nicht zu ändern ist, besser angenommen wird, als dass man es laut beklagt oder verflucht. Die in Japan immer wieder zu hörende Redensart: »Shikata ga nai«!, wörtlich: »Da kann man nichts machen« drückt diese Einstellung gut aus. Die Katastrophe von Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe traf Japan kurz vor der Zeit der Kirschblüte, die bald darauf von Kyushu im Süden kommend auch die nördlichen Provinzen Fukushima, Saitama und Tochigi erreichte. Die Feier der Kirschblüte, auf Japanisch »Hanami« oder »Blumen anschauen« genannt, zu der die Menschen in die Parks gehen und unter den Bäumen sitzend essen und trinken und Kurzgedichte (Haikus) machen, ist geprägt von der Einstellung, dass die Pracht der Blüten samt ihrer Schönheit schnell vergänglich ist und bei dem Hauch des Windes fällt. Das Menschenbild der meisten Japaner ist von der Vergänglichkeit irdischer Schönheit und der menschlichen Existenz im Verbund mit der Natur geprägt. In dieser Einstellung liegen wohl die tieferen Wurzeln für die von außen so oft stoisch aussehende Haltung der Japaner, Schicksalsschläge hinzunehmen und sich damit abzufinden.

Das japanische Fußball-Nationalteam spielte am 29.03.2011 gegen ein Auswahl-Team der japanischen Liga 20 zugunsten der Erdbeben- und Tsunamiopfer. Bild: Fans halten Banner in die Höhe.
FOTO: KNA-BILD

Die katholische Kirche in Japan – in doppelter Hinsicht eine Minderheit

Nach dem II. Vatikanischen Konzil hat die katholische Kirche in Japan zwei große nationale Konferenzen zu Fragen der Evangelisierung, die erste 1987 und eine Folgekonferenz 1993, abgehalten, bei denen Bischöfe, Priester und Laien gemeinsam über die Zukunft und die Aufgaben der katholischen Kirche in Japan beraten haben. Diese Initiativen haben allerdings in der Folge nicht die erhofften Impulse für eine missionarische Spiritualität in der japanischen Kirche gebracht. Es gibt jedes Jahr ein paar Tausend Taufen von Erwachsenen, aber nur in einer einstelligen Zahl, so dass – Todesfälle und Austritte eingerechnet – die Zahl der einheimischen japanischen Katholiken seit Jahrzehnten konstant bei knapp einer halben Million liegt. Es handelt sich wirklich um eine »kleine Herde«, die als Minderheit akzeptiert und wegen ihrer Schulen und karitativen Einrichtungen in der japanischen Gesellschaft auch geschätzt wird. Dramatisch verändert hat sich allerdings in den letzten Jahrzehnten die Zahl der in Japan lebenden ausländischen Katholiken. Zu Beginn des Jahres 2005 wurde in den Medien gemeldet, dass die Zahl der in Japan lebenden Katholiken erstmals die Millionengrenze überschritten habe. Die statistischen Daten besagten, dass die Zahl der einheimischen Katholiken 449.925 betrug, während die Zahl der ausländischen in Japan lebenden Katholiken mit 566.712 angegeben wurde. Was die Zahl der einheimischen japanischen Katholiken angeht, handelt es sich um relativ verlässliche statistische Daten. Dagegen stellt die angegebene Zahl der in Japan lebenden ausländischen Katholiken nur eine Schätzung dar, die nach der Prozentzahl an Katholiken in den jeweiligen Herkunftsländern der in Japan tätigen ausländischen Arbeitskräfte errechnet worden war. Da die staatlichen Angaben zur Zahl der ausländischen Arbeitskräfte naturgemäß nur die legal im Lande lebenden Wanderarbeiter berücksichtigen, muss angenommen werden, dass bei der hohen Dunkelziffer illegal im Lande lebender Wanderarbeiter die aktuelle Zahl der in Japan lebenden ausländischen Katholiken noch um einiges höher ist. In jedem Fall gilt, dass die japanischen Katholiken im eigenen Land inzwischen in die Minderheit geraten sind. Die Mehrzahl der ausländischen Katholiken, die vorrangig aus den Philippinen, Korea, Brasilien und Peru stammen, lebt in den Diözesen Yokohama, Nagoya und Saitama, wo sie bis zu 80 Prozent der dort lebenden Katholiken ausmachen. Die katholische Kirche Japans hat lange gebraucht, auf diesen Zuwachs an ausländischen Mitkatholiken angemessen zu reagieren. Da sie selber nur eine kleine Minderheit im Lande ist, fehlten ihr auch die personellen und materiellen Möglichkeiten und Mittel, auf diesen Zustrom von jährlich mehreren Tausenden ausländischer Katholiken entsprechend zu reagieren. Es hat lange gedauert, bis auf Pfarrebene für die aus dem Ausland stammenden Katholiken Gottesdienste in deren Muttersprachen, das heißt konkret in Tagalog, Portugiesisch, Spanisch und generell in Englisch, angeboten werden konnten. Die Integration der ausländischen Katholiken in die Pfarrgemeinderäte, liturgischen Komitees und andere Organisationen in den Pfarreien geht nur schleppend voran.

Familienangehörige von Schülern der Okawa Grundschule, die am 11. März 2011 bei dem Erdbeben und anschließenden Tsunami starben, vor den Trümmern der Schule.
FOTO: KNA-BILD

Schwierigkeiten mit dem neokatechumenalen Weg

Seit 1990 unterhielt die geistliche Gemeinschaft des Neokatechumenats in der Diözese Takamatsu auf der Insel Shikoku das Internationale Priesterseminar »Redemptoris Mater«, in dem vornehmlich aus dem Ausland nach Japan gekommene Seminaristen ausgebildet wurden. Die Gemeinschaft des Neokatechumenats unterhält gegenwärtig weltweit 73 solcher Seminare. Im asiatischen Raum gibt es neben Japan, in Hongkong, in Indien, in Pakistan, in den Philippinen und in Taiwan solche Seminare. Das Seminar in der Diözese Takamatsu unterstand kirchenrechtlich der Jurisdiktion des Ortsbischofs, de facto aber wurde das Seminar am Bischof vorbei ausschließlich durch Mitglieder des neokatechumenalen Weges geleitet und die Seminaristen dem Bischof nicht einmal vorgestellt. Der zuständige Bischof von Takamatsu, Franz-Xaver Osamu Mizobe, hat nach seinem Amtsantritt im Jahr 2004 mehrfach vergeblich versucht, die Aufhebung des von seinem Vorgänger genehmigten Seminars zu erreichen. Die japanische Bischofskonferenz unterstützte dieses Vorhaben und hat im Zeitraum 2007–2008 dreimal in fünf Monaten in Rom in direkten Gesprächen mit der zuständigen Kongregation und mit dem Papst persönlich ihre Probleme mit dem Neokatechumenat vorgebracht. Erzbischof Peter Takeo Okada von Tokio drückte seine Ablehnung sehr deutlich aus, als er erklärte: »In der kleinen Katholischen Kirche in Japan erweist sich die sektenähnliche Tätigkeit der Mitglieder des neokatechumenalen Weges als spalterisch und konfrontativ. Sie führt zu Spannungen und Streit in der Kirche«. Das Auftreten der Mitglieder des neokatechumenalen Weges, die wenig Verständnis und Achtung für die japanische Kultur, Sprache und Lebensart zeigten, führte zu schweren Auseinandersetzungen mit der örtlichen Kirche. Die Diözese Takamatsu ist mit nur 5000 Katholiken die kleinste Diözese in Japan. Das selbstherrliche Auftreten der Angehörigen des neokatechumenalen Weges gegenüber dem Ortsbischof und dem örtlichen Klerus hat zu tiefen Verstimmungen geführt. Die Mitglieder des neokatechumenalen Weges missachteten die Autorität des Ortsbischofs, indem sie sich darauf beriefen, ihre apostolische Mission direkt von vatikanischen Stellen erhalten zu haben und daher in ihren Aktivitäten nicht vom Ortsbischof abhängig, noch ihm Rechenschaft schuldig zu sein. Das Seminar in Takamatsu wurde inzwischen zwar geschlossen, das Gesuch der japanischen Bischofskonferenz bei einem Treffen mit dem Papst in Rom im Dezember 2010, die Aktivitäten des neokatechumenalen Weges in Japan für fünf Jahre zu unterbrechen, wurde vom Papst jedoch abgelehnt. Erzbischof Leo Jun Ikenaga, der Vorsitzende der japanischen Bischofskonferenz, teilte in der japanischen Kirchenzeitung die römische Entscheidung mit und forderte zugleich die Laien auf, sich in dieser Angelegenheit zu engagieren. Bischof Ikenaga stellte kritisch fest, dass überall, wo der neokatechumenaleWeg in Japan tätig geworden sei, es zu Konflikten, Spaltung und Chaos gekommen sei. Die Bischöfe könnten daher den angerichteten Schaden nicht einfach ignorieren. Zugleich drückt er seine Hoffnung aus, dass der angekündigte Sondergesandte des Papstes bei der Lösung der anstehenden Probleme helfen werde. Bischof Osamu Mizobe, der zuständige Ortsbischof von Takamatsu, schrieb im Januar 2011 einen Hirtenbrief, in dem er die Probleme mit der neokatechumenalen Bewegung deutlich anspricht und feststellt, dass es nicht nur in Japan, sondern auch in einer Reihe anderer Länder, so in Israel, in England, in den Philippinen und anderswo Schwierigkeiten mit dem Auftreten von Angehörigen des neokatechumenalen Weges gegeben habe. In der Ausübung seiner Verantwortung als Ortsbischof ordnete er dann an, dass alle Aktivitäten des neokatechumenalenWeges in seiner Diözese vorübergehend ausgesetzt seien, bis der päpstliche Sonderbeauftragte sein Gutachten erstellt habe. Das Moratorium könne so einem Neuanfang und der Ausräumung der Schwierigkeiten dienen. Der Vorgang macht deutlich, dass auch weiterhin erhebliche Unterschiede in der Bewertung des Neokatechumenats zwischen den japanischen Bischöfen auf der einen Seite und dem Vatikan und dem Papst auf der anderen Seite bestehen.

GEORG EVERS

Missionswissenschaftler

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