Missbrauchsskandal erschüttert erneut das Land IRLAND corner

Missbrauchsskandal erschüttert erneut das Land

Erzbischof von Dublin zeigt sich beschämt über die eigene Kirche

Diarmuid Martin, Erzbischof von Dublin, hat mit scharfen Worten diejenigen Kräfte innerhalb der Kirche verurteilt,
denen die Reputation der Kirche immer noch wichtiger ist als der Schutz von Kindern.
FOTO: KNA-BILD

Der am 13. Juli veröffentlichte so genannte »Cloyne-Report« – ein Bericht, der die Verfahrensweisen der Diözese Cloyne hinsichtlich der Hinweise und Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Priester der Diözese untersuchte – hat zu heftigen Angriffen der Regierung auf den Vatikan geführt. Premierminister Enda Kenny warf dem Vatikan vor, die Vergewaltigung und Folter von Kindern heruntergespielt zu haben, um die Macht und Reputation der eigenen Institution nicht zu beschädigen. Zugleich kündigte er eine Überprüfung der diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan an. In einer ersten Stellungnahme nach Veröffentlichung des Berichts betonte der irische Premierminister, dass er sich durchaus vorstellen könne, jegliche diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan zu kappen. Es könne nicht sein, dass der Heilige Stuhl versuche, die polizeilichen Untersuchungen in einem souveränen und demokratischen Staat zu behindern.

Hintergrund dieser heftigen Attacken auf den Vatikan ist die Rolle der Kleruskongregation im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal in Irland.

Der Cloyne-Report hat lediglich den Zeitraum von 1996–2009 untersucht, also den Zeitraum, nachdem die irische Bischofskonferenz ein Rahmenwerk für den Umgang mit Fragen des sexuellen Missbrauchs durch Priester erarbeitet hatte. Der Untersuchungsbericht stellt heraus, dass sich die Diözese Cloyne unter der Leitung von Bischof John Magee nicht an die von der irischen Bischofskonferenz eingeführten Verfahrensweisen gehalten habe und sich in ihrer Haltung durch einen Brief der Kleruskongregation bestätigt sehen konnte.

Nachdem die irische Bischofskonferenz das Rahmenwerk an den Vatikan geschickt hatte, um die kirchenrechtliche Anerkennung für dieses Dokument zu erhalten, wandte sich 1997 der damalige Nuntius in Irland in einem vertraulichen Brief an die Bischöfe Irlands. In diesem Brief teilte er den irischen Bischöfen die Bedenken der Kleruskongregation mit. Das von den Bischöfen erarbeitete Rahmenwerk wird in dem Brief lediglich als Diskussionsgrundlage betrachtet. Für sehr bedenklich, so der Brief, halte die Kleruskongregation die im Rahmenwerk der irischen Bischofskonferenz benannte verbindliche Meldepflicht an staatliche Behörden im Falle von Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger gegen Priester. »Insbesondere die ›verbindliche Meldepflicht‹ ruft ernsthafte Bedenken hervor, sowohl moralischer als auch kirchenrechtlicher Art.« Weiter führt der Brief aus: »Der Text (Anm.: das Rahmenwerk) enthält Verfahrensweisen und Vorkehrungen, die, so scheint es, der kirchenrechtlichen Disziplin widersprechen, sollten sie Anwendung finden. Damit aber könnten sie die Handlungen eines Bischofs, der sich bemüht, diese Probleme zu beenden, ungültig machen.« (Cloyne-Report S. 51f.)

In einem Interview mit dem Magazin »Vatican Insider« hob Erzbischof Diarmuid Martin aus Dublin hervor, dass der Premierminister nicht den Papst direkt angegriffen habe, sondern sich vor allem über den von der Kleruskongregation 1997 veranlassten Brief schockiert gezeigt habe. Im Jahr 2001 unter dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger habe die Glaubenskongregation ver-bindliche Richtlinien für den Umgang mit Fragen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Priester erlassen, die für die gesamte Weltkirche Geltung haben. Zudem seien alle Fälle des sexuellen Missbrauchs durch Priester fortan an die Glaubenskongregation gemeldet worden. Damit habe Ratzinger der Kleruskongregation die Befugnisse entzogen. Die erlassenen Richtlinien seien auch für die Kirche Irlands eine große Hilfe gewesen.

Allerdings zeigte sich Erzbischof Diarmuid Martin über den Brief der Kleruskongregation aus dem Jahr 1997, von dem er selbst ebenfalls keine Kenntnis gehabt hatte, zutiefst bestürzt. Auch darüber, dass die Diözese Cloyne auch die von Kardinal Ratzinger 2001 verbindlich eingeführten Richtlinien nicht beachtet habe. In einem Fernsehinterview mit dem irischen Fernsehsender RTE sagte der Dubliner Erzbischof wörtlich: »Ich muss mich heute fragen: Kann ich als einer ihrer Führer auf die heutige Kirche stolz sein? Ich bin wütend, und ich schäme mich für das, was ich heute sehe.«

Erzbischof Martin verurteilt diejenigen Kräfte innerhalb der Kirche, die immer noch der Meinung seien, an erster Stelle die Reputation der Kirche schützen zu müssen und deshalb den Schutz der Kinder diesem Bemühen unterordnen. Diese Kräfte, sowohl in Irland als auch vielleicht im Vatikan, hätten immer noch nicht den Ernst der Situation begriffen.

Der Cloyne-Report ist der bereits vierte Bericht einer unabhängigen Untersuchungskommission über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche Irlands. Er führt aus, dass es in dem benannten Zeitraum gegen 19 Priester der Diözese Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger gegeben habe. Nur ein einziger Fall sei 1996 den staatlichen Behörden gemeldet worden. Verbindliche Richtlinien der Kirche für den Umgang mit Missbrauchsfällen haben keine Anwendung gefunden. Besonders heikel ist die Tatsache, dass der verantwortliche Bischof, Dr. John Magee, Sekretär von drei Päpsten war: Papst Johannes XXIII., Paul VI. und Johannes Paul I. Vor Veröffentlichung des Cloyne-Reports hat Magee Irland mit unbekanntem Ziel verlassen. Erzbischof Martin wirft denn auch Magee vor, sich seiner Verantwortung zu entziehen und durch seine Abwesenheit die Situation nur noch zu verschärfen.

Aufgrund des Cloyne-Reports ist erneut Kardinal Dario Castrillon Hoyos in den Fokus der Kritik an den Vatikan gerückt. Der aus Kolumbien stammende Kurienkardinal war zum gegebenen Zeitpunkt der Präfekt der Kleruskongregation und somit verantwortlich für den Brief an die irischen Bischöfe aus dem Jahr 1997. Bereits im vergangenen Jahr hat es insbesondere in den Vereinigten Staaten heftige Reaktionen aufgrund des Agierens von Kardinal Hoyos im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen gegeben. Zu diesem Zeitpunkt wurde bekannt, dass Hoyos im Jahr 2001 dem französischen Bischof Pierre Pican persönlich dafür gratuliert hatte, dass dieser sich auch unter Androhung von Beugehaft geweigert hatte, den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch einen Priester seiner Diözese der französischen Polizei zu melden. Stattdessen hat der Bischof dem Priester erlaubt, weiterhin in der Pastoral tätig zu sein. Der Priester wurde schließlich zu 18 Jahren Haft verurteilt. Angesprochen auf diesen Brief hob Hoyos in amerikanischen Medien hervor, dass es eine große Ungerechtigkeit sei, wie in vielen Staaten mit dem Zeugnisverweigerungsrecht umgegangen werde. Jedem Familienmitglied werde in Strafverfahren ein Zeugnisverweigerungsrecht eingeräumt. Warum aber werde dieses Recht nicht auch Bischöfen eingeräumt? Warum solle ein Bischof gezwungen werden können, seinen Priester, den er wie seinen eigenen Sohn ansieht, bei der Polizei anzuzeigen?

2006 nahm Papst Benedikt das Rücktrittsgesuch von Hoyos als Präfekt der Kleruskongregation an. Bis 2009 jedoch war Kardinal Hoyos noch Präsident der päpstlichen Kommission »Ecclesia Dei«, derjenigen Kommission, die die Verhandlungen mit der Pius-Bruderschaft führt. Im Zusammenhang mit der Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe, unter ihnen der Holocaustleugner Bischof Richard Williamson, warf Erzbischof Zollitsch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Hoyos eine Verletzung seiner Amtspflichten vor, da er Papst Benedikt XVI. ins offene Messer habe laufen lassen.

Unterdessen hat der irische Moraltheologe und Ratzinger-Schüler Father Vincent Twomey in der »Irish Time« am 20. Juli alle irischen Bischöfe, die vor 2004 ernannt worden waren, zum Rücktritt aufgefordert. »Wenn die Bischöfe ihre Kirche wirklich lieben, sollten sie diese Liebe zeigen, indem sie ein Opfer bringen und zurücktreten.«

Nach Auskunft von Erzbischof Diurmuid Martin stehen die Veröffentlichungen weiterer drei Untersuchungsberichte zu den Missbrauchsfällen in Irland an. Der Cloyne-Report ist im Internet abzurufen Link hier

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