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Nigeria

Anschläge auf Christen sollen Misstrauen und Hass zwischen den Religionen provozieren

Boko Haram setzt Gewaltwelle fort

In einer beispiellosen Gewaltwelle gegen Christen, vor allem aber auch gegen staatliche Einrichtungen und Polizeistationen, hat Boko Haram seit Ende letzten Jahres den Tod von hunderten von Menschen herbeigeführt und viele Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Ultimativ wurden Christen aufgefordert, den Norden Nigerias zu verlassen. Staatspräsident Goodluck Jonathan hat in nigerianischen Medien erstmals zugegeben, dass Boko Haram Sympathisanten innerhalb der Sicherheitsbehörden, der Politik und sogar des Parlamentes habe und dass die derzeitige Situation sehr ernst sei.

Nach den Anschlägen von Boko Haram auf verschiedene Kirchen an Weihnachten hat Bettina Tiburzy von missio in Aachen das folgende Interview mit Erzbischof Kaigama aus Jos geführt.

Herr Erzbischof, warum greift Boko Haram Kirchen an?

Erzbischof Kaigama: Boko Haram greift Kirchen an, weil sie in ihren Augen westliche Kultur verkörpern. Alles was westlichen Ursprungs ist, halten sie für verboten. Es ist ihrer Meinung nach sündhaft. Auch die nigerianische Verfassung entspringt nach ihrer Auffassung aus dem Gedankengut westlicher Zivilisation. Das lehnen sie ab. Sie wollen die totale Scharia. Und das ist in einem multireligiösen Staat wie Nigeria nicht möglich.

Ist bei diesen Angriffen die Religion der treibende Faktor? Erfolgen die Angriffe aus religiösen Gründen?

Erzbischof Kaigama: Ich habe immer gesagt, dass Religion nicht der motivierende Faktor ist. Es gibt Faktoren dahinter, politische zum Beispiel. Es gibt einige selbstsüchtige Individuen, die die Situation ausnutzen wollen, um ihre egoistischen Interessen zu bedienen.

Diese Kräfte wollen mit den Anschlägen Chaos und Panik auslösen. Sie wollen maximalen Schaden anrichten. Die Kirche ist ihrer Meinung nach ein gutes Ziel, besonders die katholische Kirche. Angriffe auf sie bringen Schlagzeilen, national und international.

Wenn wir sagen, ›die Krise ist nicht religiös‹, heißt das nicht, es gebe nicht auch religiöse Faktoren. In Jos haben die Auseinandersetzungen sehr oft wenig mit Religion zu tun. Es geht bei lokalen Streits um Land und Vieh. Auf nationalem Level gibt es aber auch Kräfte, die eine aggressive Kampagne für die Ausbreitung des Islams vorantreiben. Das müssen wir auch sehen.

Sehen Sie die Anschläge zu Weihnachten als einen Kriegsakt?

Erzbischof Kaigama: Ich betrachte die Angriffe als einen Akt von Kriminellen, die die Nation destabilisieren wollen. Sie wollen Misstrauen und Hass zwischen Muslimen und Christen provozieren. Ihre primäre Absicht ist es, eine Situation zu schaffen, in der Missverständnisse zu politischer Instabilität führen können. Es ist eine Aktion von kriminellen anti-sozialen Elementen, von Leuten, die üble Absichten für Nigeria verfolgen.

Unternimmt die Regierung genug, um die verantwortlichen Täter zu fassen?

Erzbischof Kaigama: Es ist die Pflicht der Sicherheitsorgane, die Kräfte hinter solchen Anschlägen ausfindig zu machen, sie in Haft zu nehmen und zu halten. Doch leider werden jedes Mal, wenn so etwas passiert, die Inhaftierten nach ein paar Wochen wieder laufen gelassen. Ich habe den Eindruck, es fehlt der politische Wille, wirklich herauszufinden, wer dahintersteckt, wer die Täter sind.

Nach den Anschlägen kritisierten einige christliche Führer, die muslimische Gemeinschaft hätte die Anschläge nicht schnell und nicht deutlich genug verurteilt. Sehen Sie das auch so?

Erzbischof Kaigama: Vielleicht war die Reaktion muslimischer Führer bei früheren Anschlägen so. Aber bei den jetzigen Anschlägen müssen wir anerkennen, wie sie sich verhalten haben. Muslimische Gelehrte und traditionelle muslimische Führer sind an die Öffentlichkeit getreten. Viele haben mit starken Statements die Angriffe verurteilt. So wie noch nie zuvor.

Der Sultan von Sokoto (Anm. d. Red.: die höchste islamische Autorität in Nigeria) hat sich deutlich geäußert. Er hat gesagt, dass die Angriffe ein Akt böser Menschen seien und kein Kampf von Muslimen gegen Christen. Ich denke, die muslimischen Führer haben diesmal ihre Aufgabe erfüllt, in dem sie schnell, klar und laut verurteilt haben, was passiert ist.

Es gab missverständliche Äußerungen eines Sprechers der Assoziation der Christen in Nigeria. Fast klang es so, als drohe er mit Vergeltung für den Fall weiterer Anschläge auf Christen. Wie ist die Position der katholischen Kirche?

Erzbischof Kaigama: Die katholische Kirche steht für Gewaltfreiheit. Wir haben Strukturen auf lokaler Ebene geschaffen, die es uns ermöglichen, in Dialog zu treten und Themen anzusprechen – auch die, die sich aus dieser Krise ergeben.

Wir werden uns weiterhin für ein friedliches Zusammenleben von Christen und Muslimen einsetzen, für einen Dialog und gute Beziehungen. Das ist nicht einfach. Doch wir lassen uns nicht frustrieren und wir werden auch nie aufgeben.

Herr Erzbischof, vielen Dank für dieses Gespräch.

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