Papua-Neuguinea sucht seinen Platz Auf dem Weg zu einer wahrhaft menschlichen Gesellschaft? corner

Auf dem Weg zu einer wahrhaft menschlichen Gesellschaft?

Papua-Neuguinea sucht seinen Platz in einer globalisierten Welt

von PHILIP GIBBS SVD

Nur selten erreichen uns Nachrichten aus Papua-Neuguinea. Das Land am anderen Ende der Erde ist geprägt durch eine Vielfalt an Kulturen, durch unerforschte Regionen im Hochland, aber auch durch einen enormen Rohstoffreichtum, durch eine rücksichtslose Ausbeutung der Ressourcen und Einwohner durch multinationale Konzerne sowie politische Instabilität. Das christlich geprägte Land steht vor enormen Herausforderungen, seinen Platz in einer globalisierten Welt zu finden. Die christlichen Kirchen versuchen ihren Beitrag zu leisten, christliche Werte als gestaltende Prinzipien dieser Gesellschaft zu implementieren und somit die Zukunft des Landes zu gestalten.

Ein riesiger Truck an den Pagera-Goldminen in der Provinz Enga im Hochland Papuas. Die rücksichtslose Ausbeutung der Rohstoffe des Landes führt zu immer größeren Problemen im Land.
FOTO: PHILIP GIBBS

Papua-Neuguinea (PNG) ist gewöhnlich bekannt als ein geheimnisvolles Land, mit seinen dichten Wäldern, bewohnt von indigenen Völkern, die insgesamt über 800 verschiedene Sprachen sprechen. Nun jedoch wird es vor allem von multinationalen Konzernen, die hungrig nach Rohstoffen sind, als ein Land des unermesslichen Glücks angesehen, »ein Berg aus Gold, der auf einem See aus Öl schwimmt, angetrieben durch Gas«. An der Grenze zum westlichen Pazifik gelegen, mit Indonesien als westlichem Nachbarn und Australien als südlichem Nachbarn, erleben Papua-Neuguinea und seine Bevölkerung zurzeit rapide Veränderungen aufgrund des Einflusses der Modernisierung und der Auswirkungen der Globalisierung.

Rohstoffe – Segen oder Fluch?

Im Gegensatz zu weiten Teilen Europas, wächst die Wirtschaft PNGs beständig. Das Bruttonationalprodukt wuchs in 2011 um 8,9 Prozent – ein schnelleres Wachstum als zum Beispiel in China. Jedoch bei einer Inflationsrate, die etwa so hoch ist wie die Wachstumsrate, drängt sich die Frage auf: Wer profitiert eigentlich von diesem Wachstum? Ein großes Flüssiggasprojekt unter Führung von Exxon-Mobil treibt die Wirtschaft an. Andere Projekte folgen dem Rohstoffreichtum, seien es Minenprojekte oder auch die Errichtung spezieller industrialisierter Wirtschaftszonen. Doch trotz der rasanten Ausbeutung der natürlichen Reichtümer, steht PNG an 137. Stelle des UN Human Development Index (UN Index der menschlichen Entwicklung). Das Land steht zudem an 154. Stelle auf dem Transparency International Corruption Perception Index (der so genannte Wahrnehmungsindex der Korruption von der Organisation Transparency International, die sich dem Kampf gegen die Korruption verschrieben hat) – und nimmt somit den gleichen Rang ein wie die DR Kongo, Simbabwe und Nepal. Die traurige Wahrheit ist, dass nur wenige Einheimische von den Entwicklungen hinsichtlich der Rohstoffvorkommen profitieren. Bereinigt man die Einkommen der meisten Bewohner des Landes um die Inflationsrate, muss man feststellen, dass die Einkommen seit der Unabhängigkeit des Landes (1975) praktisch nicht gestiegen sind!

Neben der offensichtlichen Korruption ist PNG höchst anfällig für die so genannte »Holländische Krankheit«, bekannt als »Fluch der Rohstoffe«. Die Begriffe bezeichnen eine besondere Charakteristik einer Ökonomie eines Landes. Ein Boom im Rohstoffbereich führt zu einer Aufwertung der Devisenkurse. Dies wiederum drückt den Handelssektor, in diesem Fall die landwirtschaftliche Produktion.

Ausgedehnte Wälder bedecken PNG und ziehen das Interesse der Holzfällerindustrie auf sich. Als jüngste Methode, um sich den Zugang zu den jungfräulichen Wäldern zu sichern, sind die Special Agriculture and Business Leases anzusehen. Solche Pachtverträge werden zwischen einflussreichen Einheimischen und ausländischen Konzernen geschlossen. In vielen Fällen laufen die Verträge über 99 Jahre, ohne Kenntnis und ohne Zustimmung der Mehrheit der lokalen Landeigentümer. Allein im Jahr 2010 wurden auf diese Weise mehr als zwei Millionen Hektar Land an ausländische Konzerne vergeben, seit 2001 insgesamt etwa fünf Millionen Hektar, beziehungsweise 50.000 km² (Anm. d. Redaktion: zum Vergleich – das Bundesland Niedersachsen hat eine Fläche von 47.625 km², Baden-Württemberg hat eine Fläche von 35.751 km²; die seit 2001 an ausländische Konzerne vergebene Fläche entspricht etwa einem Siebtel der Gesamtfläche der Bundesrepublik Deutschland). Gewöhnlich geschieht mit dem Abschluss solcher Pachtverträge folgendes: den Landeigentümern werden landwirtschaftliche Projekte auf ihrem Land versprochen. Die Konzerne betonen, dass sie zuvor die Wälder abholzen müssen, um das Land zu entwickeln. Sobald die Konzerne die Wälder abgeholzt haben, also ihre Ernte eingefahren haben, machen sie sich schon auf den Weg in neue Gebiete. Sie hinterlassen nichts anderes als eine zerstörte Natur und unerfüllte Erwartungen. Was das Ganze noch schlimmer macht: der auf 99 Jahre angelegte Pachtvertrag bedeutet, dass die Landeigentümer für drei Generationen die Kontrolle über ihr eigenes Land verloren haben! Diese Situation ist inzwischen so ernst, dass der UN-Botschafter von PNG sich genötigt sah, persönlich dieses Problem beim UNHCR (Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte) vorzubringen.

Erzbischof John Ribat aus Port Moresby. Aktuell versucht die Kirche im Konflikt zwischen den beiden »amtierenden« Premierministern zu vermitteln. Eine Lösung ist bisher nicht in Sicht.
FOTO: PHILIP GIBBS

Wachsende Menschenrechtsprobleme

Alle fünf Jahre führt der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf eine »allgemeine regelmäßige Überprüfung « der Menschenrechtssituation aller Staaten der Erde durch, genannt Universal Periodic Review. PNG wurde zuletzt im Mai 2011 im Rahmen dieses Verfahrens überprüft. Repräsentanten von PNG haben zunächst ihren Bericht über die Menschenrechtssituation in ihrem Heimatland vorgestellt. Sodann konnten Vertreter anderer Staaten Fragen stellen, Anmerkungen machen und Empfehlungen zu 146 Punkten des Berichts aussprechen. Der Sonderbericht der Vereinten Nationen, das Resultat dieser Überprüfung, kommt zu dem Ergebnis, dass Ressourcen- und Kapazitätsprobleme, das schwierige geographische Gelände, kulturelle Verschiedenheit und mangelhafte Entwicklungen in der Infrastruktur ernsthaft die Bemühungen PNGs untergraben, verbindliche Menschenrechtsstandards zu implementieren. Der Kern des Berichts betrifft die Rechte von Frauen und Kindern. Fast jedes Mitglied des Menschenrechtsrates hob mit großer Sorge die entsetzliche häusliche und sexuelle Gewalt in PNG hervor. Dies ist ein tief verwurzeltes Problem, dass immer schlimmer statt besser wird.

Gemeinwohl statt Eigeninteressen

Die ersten christlichen Missionare erreichten die Küstenregionen von PNG um 1880. Die Menschen akzeptierten die Botschaft des Evangeliums, so dass heute über 95 Prozent der Bevölkerung des Landes Christen sind. In der Präambel der Verfassung des Landes heißt es: »Wir, die Bürger Papua-Neuguineas, verpflichten uns, unsere ehrenhaften Traditionen und christlichen Prinzipien zu bewahren und an unsere Nachfahren weiterzugeben …«.

Die katholische und lutherische Kirche sind die beiden größten Kirchen im Land. Die Katholische Kirche hat mehr als 1,5 Millionen Mitglieder (etwa 27 Prozent der Gesamtbevölkerung) in 19 Diözesen. Als größte christliche Kirche spielt sie eine wichtige Rolle in der Zivilgesellschaft. Sie trägt die Verantwortung für etwa 19 Prozent der Gesundheitseinrichtungen im Land, sowie 15 Prozent der Schul- und Ausbildungseinrichtungen, darunter auch eine Universität. Kirchliche Gesundheits- und Bildungseinrichtungen werden besonders in abgelegenen ländlichen Regionen geschätzt, wo sie häufig die einzig funktionierenden Einrichtungen sind. Kirchliche Schulen haben eine wichtige Rolle gespielt im Ausbau der Fachausbildung und der Ausbildung von Frauen, so dass diese an der Seite von Männern ihren rechtmäßigen Platz in der Arbeitswelt einnehmen können.

Die Kirche versucht Zeugnis zu geben für Gerechtigkeit und für bessere Lebensbedingungen, insbesondere derjenigen, die benachteiligt sind und keine Stimme haben. Eine besondere Sorge gilt den vielen Menschen, die entweder mit HIV infiziert sind, AIDS haben, oder die durch HIV/AIDS direkt betroffen sind. Andere Fragen, denen sich die Kirche zurzeit zu stellen hat, betreffen die ökumenische Zusammenarbeit, dieWürde und den Status von Frauen, die pastorale Sorge für diejenigen, die Schwierigkeiten in ihrer Ehe haben, ethnische Gewalt beziehungsweise Gewalt zwischen Volksstämmen, Polygamie und Entschädigungsansprüche in Landfragen. In einer Situation, die durch die Nationalökonomie befeuert wird, sucht die Kirche Wege zu finden, Integrität und Gemeinwohl zu verwirklichen. Ostern 1999 hat der katholische Erzbischof von Port Moresby, Brian Barnes, öffentlich davor gewarnt, dass die Zukunft PNGs als freies demokratisches Land gefährdet sei. In späteren Interviews wurde der Erzbischof mit den Worten zitiert, dass das persönliche Verhalten vieler Führungspersönlichkeiten des Landes beschämend sei und dass ein Wechsel der Regierung nötig sei. Das Statement des Erzbischofs wirkte als Katalysator für einen Wechsel. Drei Monate später musste der Premierminister zurücktreten.

»Wir appellieren an alle Beteiligten dieses aktuellen Konflikts, den Frieden und das Wohl der Nation über eigene Interessen zu stellen.«

Gemeindeversammlung in der Diözese Kinduawa im Hochland Papuas.
FOTO: PHILIP GIBBS

In jüngster Zeit hat PNG eine politische und Verfassungskrise erlebt. Der Premierminister, Sir Michael Somare, begab sich im vergangenen Jahr nach Singapur, um sich dort einer Herzoperation zu unterziehen. Die Oppositionsparteien erklärten daraufhin während seiner längeren Abwesenheit die Position des Premierministers als unbesetzt und wählten einen neuen Premierminister, Mr. Peter O’Neill. Der Oberste Gerichtshof des Landes entschied, dass Somare seine Position als Premierminister auch weiterhin innehabe, woraufhin die neue Regierung unter O’Neill, die große Unterstützung in der Bevölkerung hat, behauptet, dass die Macht durch das Parlament in der Stimme des Volkes liege und nicht in der Entscheidung eines Gerichtes. So haben wir zu Beginn des Jahres 2012 zwei Premierminister und zwei Regierungen. Kirchenführer haben sich in dieser schwierigen Situation als Vermittler angeboten. Die katholischen Bischöfe haben zudem ein Statement veröffentlicht, in dem sie hervorheben, dass »es nicht die Zeit für politische Instabilität und politische Machtkämpfe ist«, da »das Land schon genug Probleme mit Korruption, Armut, Arbeitslosigkeit, Recht und Ordnung etc. hat.« Die politischen Führer des Landes rufen sie auf, »die politische Macht in verantwortungsvoller Weise auszuüben, um so das Vertrauen in die Führung dieser Nation wieder zu errich- ten. Wir appellieren an alle Beteiligten dieses aktuellen Konflikts, den Frieden und das Wohl der Nation über eigene Interessen zu stellen«.

Gewalt

Politische Probleme sind nicht die einzigen Sorgen. Naturgewalten und auch vonMenschen ausgehende Gewalt machen das Leben manchmal schwer. Der Vulkanausbruch in Rabaul im Jahre 1994 zerstörte einen ansehnlichen Teil der vorhandenen Infrastruktur und hat viele Kommunen gezwungen, sich andernorts wieder neu anzusiedeln. Der Tsunami in der Nähe von Aitape tötete 1998 etwa 2.500 Menschen an der überwiegend von Katholiken besiedelten Küste dieser Region. Ein Vulkanausbruch auf der InselManam im Jahr 2003–2004 vertrieb 10.000 Menschen.Während des Bürgerkrieges in den 90er Jahren wurden mehr als 10.000 Menschen in der Provinz Bougainville getötet. Kämpfe zwischen verschiedenen Volksstämmen haben im Hochland Papuas Missionsstationen, Schulen, Gesundheitseinrichtungen und Kirchen zerstört. Dies erfordert einenWiederaufbau, sowohl der zerstörten Einrichtungen als auch der Beziehungen mit lokalen Gemeinschaften.

Herausforderungen der Kirche

Interne Probleme beziehen sich auf eine größere Partizipation von Laien an Entscheidungsprozessen und Leitung und dem gemeinschaftlichen Dienst auf Gemeindeebene. In den 80er und frühen 90er Jahren hat die Charismatische Erneuerungsbewegung in vielen Diözesen einen tiefen Eindruck hinterlassen. Heute gibt es viele Bewegungen innerhalb der Kirche, die charismatische Ausdrucksweisen und verschiedene Formen der Frömmigkeit anbieten. Mit einer so großen Vielfalt besteht die Notwendigkeit, einen eigenen »Dienst der Einheit« einzuführen, um sicherzustellen, dass diese unterschiedlichen Bewegungen und all die anderen Dienste und Gaben in der Gemeinde auf harmonische und ganzheitliche Art und Weise zusammenarbeiten.

In den Jahren 2003–2004 hielt die Katholische Kirche in Papua-Neuguinea eine so genannte »Generalversammlung « ab, die über 18 Monate andauerte. Diese Versammlung wurde als ein Weg gesehen, die Ergebnisse der Synode für Ozeanien zu übertragen (s. Info- Tipp), eine Erneuerung in der Kirche zu ermöglichen und auf eine gemeinsame Vision und gemeinsame pastorale Prioritäten aller 19 Diözesen hinzuwirken. In der Folge gab es einen breit angelegten Konsultationsprozess, um einen Nationalen Pastoralplan zu entwickeln, der schließlich am Pfingstfest 2006 eingeführt worden ist. Dieser Plan stellt sechs Gruppen in den Mittelpunkt: Familien, Kinder, Jugendliche, Männer und Frauen, Arme und Kranke.

HIV/AIDS stellt ein großes Problem in Papua dar. Das Foto zeigt eine Demonstration am Weltaidstag 2008, die von der katholischen Kirche organisiert worden ist.
FOTO: PHILIP GIBBS

Familie

Das Familienleben in Papua unterliegt großen Belastungen. Die Familie ist erste Priorität des Pastoralplans der Kirche, da sie die Wiege des Lebens und der Liebe und der Ort ist, wo man zuerst lernt, Mensch zu werden und wo man seinen Glauben entwickelt. In PNG gehen Männer häufig in die Städte, um Arbeit zu suchen. Ehefrauen und Kinder werden in den Dörfern zurückgelassen. In einigen Gebieten ist die Polygamie weit verbreitet. Die Kirche versucht, ein glückliches Eheleben zu fördern, in der die Eheleute gut miteinander kommunizieren, frei von häuslicher Gewalt. Große Familien sind in Papua nichts Ungewöhnliches. Traditionell bietet die Großfamilie Sicherheit und Fürsorge für alt gewordene Eltern. Heutzutage jedoch aufgrund geringer Aussichten auf eine bezahlte Arbeit haben Familien damit zu kämpfen, mit ihren Einkünften auszukommen und genügend Geld aufzubringen, um die Kinder zur Schule schicken zu können. In größeren Orten findet man nun Straßenkinder, die verzweifelt auf der Suche nach Nahrung und Unterkunft sind. 50 Prozent der Bevölkerung des Landes ist unter 18 Jahre alt. Die Kirche ist auf der Suche nach Wegen, den sozialen, spirituellen und emotionalen Bedürfnissen einer modernen Jugend zu dienen. Einige desillusionierte Jugendliche finden ihre Identität in Gangs, was zu illegalen und gewaltsamen Aktivitäten führen kann.

Ein christliches Land?

Während Personen und Kulturen sich ständig wandeln, verändern sich auch die Herausforderungen für das Evangelium, und dies genau ist die Situation, der sich die Katholische Kirche in PNG zu stellen hat. Christen haben die Aufgabe, eine christliche Mentalität im Alltagsleben zu formen: in den Familien, in Schulen, im kulturellen Leben, in der Kommunikation, am Arbeitsplatz, in der Wirtschaft, in der Politik, in der Freizeit, in Gesundheit und Krankheit. Dies bedeutet aber, neue Formen der Evangelisierung zu entwickeln, die die Menschen an der Fülle des Lebens teilhaben lassen, indem sie auf authentische Weise Melanesier und zutiefst überzeugte Christen sind.

Man mag nun zu Recht fragen, wieso die zu Beginn dieses Artikels benannten Indikatoren der Armut in einem Land existieren können, das als christlich anzusehen ist. Der damalige apostolische Nuntius, der inzwischen verstorbene Erzbischof Hans Schwemmer, erklärte im Jahr 2001 bei einem Begräbnis eines ermordeten Priesters, dass PNGs Anspruch, ein christliches Land zu sein, »jeden Tag schwächer wird«. Faktum ist, dass die christliche Botschaft mit anderen utopischen Attraktionen konkurrieren muss. Sozio-politische Entwicklungen scheinen heutzutage das Ziel zu verfolgen, die Gesellschaft in einen großen Einkaufsmarkt zu verwandeln, und Bürger in Konsumenten, ausgestattet mit so vielen Rechten, wie sie Geld in Händen halten beziehungsweise besitzen. Allzu häufig hat der Zauber kapitalistischer Entwicklungen eine große Anziehungskraft, und die Anmut der Natur wird darauf reduziert, einzig und allein eine Quelle für Rohstoffe zu sein. Die neoliberale Form der Wirtschaft, kritiklos von der Politik akzeptiert, hat gemutmaßt, dass durch die Ausbeutung der Natur das Land genügend Ressourcen zur Erreichung sozialer Ziele erhalte – eine Annahme, die sich in den meisten Fällen als große Illusion herausgestellt hat.

Situationen der Illusion und Desillusionierung haben den Pfingstkirchen neue Möglichkeiten geboten und anderen religiösen Bewegungen einen Aufschwung verschafft. Ergebnisse der Volkszählung verdeutlichen, dass »born again«-Kirchen und die Siebten-Tags-Adventisten viel schneller wachsen als die alten Kirchen wie zum Beispiel die lutherische oder katholische. In einer Situation, die als Chaos wahrgenommen wird, helfen diese jüngeren Kirchen, Disziplin ins Familienleben zu bringen, indem sie insbesondere Männern Unterstützung geben, das Trinken und Glücksspiele aufzugeben und die Treue in der Ehe ernst zu nehmen. Gaben des Heiligen Geistes verschaffen ein neues Selbstwertgefühl. Zudem scheint die Betonung von Geistern und Heilung den Mustern indigener Religiosität näher zu sein. Trotz der beständigen Inkulturationsbemühungen der Katholischen Kirche scheinen viele Menschen der Meinung zu sein, dass diese jüngeren Kirchen zu einem geschmeidigeren Übergang in eine moderne globalisierte Form des Lebens und der Gottesverehrung verhelfen.

Die Soziallehre der Kirche als Gestaltungsprinzip der Gesellschaft

Die Katholische Kirche antwortet auf diese Entwicklungen, indem sie den neuen Katechismus der Katholischen Kirche nun ins Tok Pisin übersetzt – die meist gesprochene Sprache im Land, indem sie Leitungsschulungen durchführt, und indem sie christliche Werte, die auf der Soziallehre der Kirche beruhen, fördert.

Die Wiederentdeckung der Seele unserer Nation spiegelt sich in einer guten Leitung wieder – Leitungspersönlichkeiten, die – mit den Worten des Katholiken Bernard Narokobi – »eine Glut ins sich tragen, welche die Umherstehenden mit Leidenschaft und Engagement in Brand setzt«. Und Narokobi führt weiter aus: »Wahre Führer sind nicht nur Idealisten, die ihre Köpfe in den Himmel strecken. Sondern sie sind Männer und Frauen, die ihre Füße fest in der melanesischen Mutter Erde bohren.« Früher wurden vor allem Frauen und Jugendlichen Schulungskurse für Leitung und »Capacity Building « angeboten, also jenen Gruppen, die als besonders bedürftig in der Gesellschaft gelten. Jedoch gibt es heute verschiedene Initiativen, solche Kurse eben auch Männern als Väter, Beschützer und Ernährer anzubieten.

Die Katholische Kirche hat jüngst zudem eine Kommission für soziale Fragen innerhalb der Katholischen Bischofskonferenz von Papua-Neuguinea und den Solomon Inseln errichtet. Die Kommission hat die Aufgabe, soziale Probleme zu identifizieren, ausgewählte Fragen zu untersuchen und zu dokumentieren sowie innerhalb der kirchlichen Gemeinden auf der Basis der in der Soziallehre der Kirche grundgelegten Werte wie Menschenwürde und -rechte, Teilhabe, Option für die Armen und Schöpfungsverantwortung Diskussionen anzustoßen und zu fördern. Diese neue Initiative befindet sich noch in ihrem Anfangsstadium, aber es bleibt zu hoffen, dass ein größeres Bewusstsein über die Rolle der Kirche im öffentlichen Leben und für die Förderung des Reiches Gottes zu einer neuen Inkulturation des Evangeliums führen wird. Die Herausforderung für Christen in PNG besteht heute darin, sich bewusst zu sein, dass sie das Potential besitzen, ihre Geschichte zu schreiben und davon überzeugt zu sein, dass sie gerufen sind daran mitzuwirken, eine wahrhaft menschliche und folglich göttliche Gesellschaft zu erschaffen.

PHILIP GIBBS SVD
Priester und Ordensmann, Anthropologe, gebürtig aus Neuseeland, seit 1973 in Papua-Neuguinea tätig

Papua-Neuguinea
auf einen Blick

Fläche: 462.840 km2
Einwohner: 6.187.000
Katholiken: 1.856.000
Diözesanpriester: 236
Ordenspriester: 330
Ordensbrüder: 182
Ordensschwestern: 900
Laienmissionare: 215
Katechisten: 3.281

Quellen: Worldfactbook 2011; Statistisches Jahrbuch der Katholischen Kirche 2009

INFO-TIPP

Als Ergebnis der Bischofssynode für Ozeanien (1998) hat Papst Johannes Paul II. im Jahr 2001 das nachsynodale Schreiben »Ecclesia in Oceania« veröffentlicht. Der Originaltext findet sich auf der Homepage des Vatikans:

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