Kontextuelle Theologien für die Weltkirche Reflexionen aus der Perspektive eines Dozenten corner

Kontextuelle Theologien für die Weltkirche

Reflexionen aus der Perspektive eines Dozenten der »Gregoriana« in Rom

von FELIX KÖRNER SJ

Die Frage der kontextuellen Theologie hat für die Ausbildung von Theologen in der heutigen Zeit eine große Relevanz. Wie aber werden die kulturspezifischen und kontextspezifischen Hintergründe miteinander ins Gespräch gebracht? Auf welche Weise werden zukünftige Theologen befähigt, das ihnen Unbekannte zu reflektieren, zu deuten, insbesondere wenn es um den Dialog mit anderen Religionen geht? Im folgenden Beitrag setzt sich der Autor Felix Körner mit der Frage der Relevanz kontextueller Theologie für die Ausbildung von Theologen auseinander. Der Autor selbst hat als Priester und Dozent in der Türkei vielfältige Erfahrungen des Dialogs mit dem Islam und mit einer anderen Kultur gemacht, die einen Hintergrund für die nachfolgenden Reflexionen darstellen (vgl. »Er ist Priester, aber wir wollen ihn«. Erfahrungen eines Jesuiten in der Türkei, in: Forum Weltkirche 2/2007, S. 19ff). Heute arbeitet er als Professor an der Päpstlichen Universität »Gregoriana«, ein Ort, an dem Menschen aus über 100 Nationen studieren.

Gottesdienst mit Papst Benedikt XVI. am 04. November 2011 im Petersdom zur Eröffnung des Akademischen
Jahres an den neun Päpstlichen Universitäten in Rom.
FOTO: KNA-BILD

Was ist theologisches Ausbildungsziel, wenn klar geworden ist, dass die zukünftigen Verkünderinnen und Verkünder des Evangeliums in multireligiösen und multikulturellen Umfeldern arbeiten werden? Selbstverständlich will man auf Dialogkompetenz hin ausbilden. Diese Zielbestimmung ist zwar treffend und inzwischen auch breit aufgenommen; in ihrer theologisch- inhaltlichen sowie wissenschaftlich-organisatorischen Bedeutung ist sie jedoch erst noch auszufalten. Je nach Stimmung ist mit Dialogkompetenz etwas Unterschiedliches gemeint. Dies sei mittels einer groben Kartierung interkultureller Haltungen aufgezeigt.

Stimmungen interkultureller Theologie

Drei Stimmungen sind zu verzeichnen; sie sollen hier ausdrücklich nicht »Positionen« heißen, da erst einmal vom noch nicht Zuendegedachten die Rede sein muss, das sich oft gar nicht die Mühe macht, sich genau zu verorten. Benachbarte Haltungen interreligiöser und interkultureller Theologie bleiben in solchen Stimmungen unberücksichtigt, eigene Voraussetzungen unbegründet.

1. Universale Identifikation

Theologinnen und Theologen, die bewusst nicht kolonial-missionarisch sein wollen, können sich im Gegenzug hierzu als erfreulich lernbereit zeigen, als demütig und anerkennend, wenn sie eine nicht vom Christentum geprägte Kultur behandeln. Jedoch kann eine solche Hochachtung auf einem Grundgestus theologischer Anthropologie beruhen oder zu ihm führen, der sich so zum Ausdruck bringen lässt: »Alle haben ja das Entscheidende schon, weil sie Menschen sind.« Ob das romantisch oder aufklärerisch-rational begründet wird, ist unerheblich: Es handelt sich um eine universale Identifikation.

2. Absolute Autorisation

Weiterhin kann man, gut postmodern, einfach die Unterschiede nebeneinander stehen lassen. Wohlwollendes Interesse, sogar Entdeckerfreude ist oft im Spiel; aber zu vergleichen, zu werten, zu reagieren: das ist hier methodisch verpönt. In referierender Kollokation wird jeder Weltsicht eine eigene Logik zugestanden, ohne dass dann nochmals gefragt würde, was es für uns und andere bedeutet, wenn Menschen etwas Derartiges leben, glauben, vertreten. Eine von allem Übrigen unabhängige und insofern absolute Autorisierung wird befürwortet.

3. Dogmatische Reaffirmation

Eine dritte hier aufzuführende Stimmung ist die dogmatische Reaffirmation. Sie sieht sich nicht selten als die eigentlich rechtgläubige Haltung gerade im Gegenzug zu als kompromisslerisch markierten Haltungen. Theologie der Religionen wird dann klar vom Dialog abgegrenzt. »Auseinandersetzung« mit den Religionen und Kulturen geschieht nicht. Man interessiert sich für den andern nicht als neue theologische Anfrage, sondern als Anlass, das depositum fidei erneut vorzutragen.

Kongress des Päpstlichen Missionsrates zu internationalen Begegnungen von Studenten vom 30.11.–03.12.2011 in Rom. Das Foto zeigt Teilnehmer des Kongresses beim Studium von Kongressunterlagen.
FOTO: KNA-BILD

Dialogkompetenz nach Stimmung

Je nach Stimmung wird nun unter Dialogkompetenz etwas Grundverschiedenes verstanden. Stimmt man sich auf universale Identifikation ein, ist Dialogkompetenz das Nachweisenkönnen von Lehr-Übereinstimmung zwischen den Religionen; für die absolute Autorisation ist das rücksichtsvoll-korrekte Darstellen von eigenem und anderem dialogkompetent; und für die dogmatische Reaffirmation ist dialogkompetent, wer das eigene Lehrgut mit seinen angestammten Ausdrucks- und Begründungsmustern darlegt.

Die theologische Relevanz des Unterschieds

Diese drei Stimmungen haben einen gemeinsamen blinden Fleck. Sie sehen offenbar nicht, dass es theologisch interessant ist, wenn Lehrunterschiede bestehen. Inhaltlich grundsätzlich anders gelagerte Sichtweisen – etwa zwei Religionen – können miteinander ins Gespräch gebracht werden; und gerade was wirklich verschieden ist, kann dabei weltanschauungs- und glaubenserschließend sein. Insofern ist jeder der drei Stimmungen auf ihre Weise eine Berührungsangst zu attestieren; denn man erklärt das andere einmal als nicht wirklich anders, einmal als nicht in Beziehung setzbar und einmal als theologisch-inhaltlich nicht bedeutsam.

Ein Ausweg aus diesen drei Stimmungen scheint sich in einem grundsätzlich neuen Ansatz zu bieten. Derzeit gruppiert sich eine eigene theologische Disziplin, die Interesse an der Lehre einer Religion im Vergleich mit anderen hat, die sogenannte Komparative Theologie. Sie setzt sich in Verfahren und Voraussetzungen ausdrücklich von dem religionswissenschaftlichen Fach Comparative Religion ab. Die Komparative Theologie befindet sich in einer Selbstfindungs-Phase, und verschiedene Grundhaltungen versammeln sich hier unter derselben Fachbezeichnung. Für die Urteilsbildung sind in jedem Fall zwei Gesichtspunkte zu bedenken. Zum einen wollen Komparative Theologen sich bei der Unterscheidung zwischen Religionswissenschaft und Theologie ausdrücklich auf die theologische Seite stellen; dazu aber müsste auch die Sinnerschließung der eigenen Religion gehören, also Deutung und Begründung von Lehre und Vollzugsformen; ein zwar Inhalte vorstellendes, aber letztlich bloß nebeneinanderstellendes Vergleichen wäre doch nur Religionswissenschaft und nichts anderes als das, was wir oben als »referierende Kollokation« bezeichnet haben. Zum anderen präparieren Komparative Theologen häufig Einzelaussagen aus dem Gesamtzeugnis einer Religion heraus, um sie einander gegenüberzustellen. Damit vergleichen sie eine Religion nicht als Weltdeutung mit einer anderen, sondern Einzelphänomene und -sätze. So alleingestellt, können diese aber kaum den Sinn ansprechen, den sie im Gesamt einer Religion haben.

Eine Theologie, die sich für die Sichtweisen, Begründungsverfahren, Deutungsmuster – und in diesem Sinne: für die inhaltliche Wahrheit – von anderen Religionen interessiert, braucht möglicherweise keinen neuen Methodenkatalog. Notwendig sind vielmehr philologisch- historische, philosophisch-durchdringende als auch soziologisch-aktuelle und persönlich-einfühlsame Kenntnis des anderen und des eigenen Sinn-Angebotes; dazu käme eine »real-enzyklopädische« Fähigkeit: im Einzelphänomen – etwa in als typisch erklärten Weisen, erfahrenes Leid religiös zu beleuchten – kann man das Gesamt dieser Religion gespiegelt sehen. Die angemessene theologische Haltung erkennt an, dass man nicht bis zu einemWissen vordringen kann, in dem der andere widerlegt oder als mir identisch erwiesen wäre; sie lässt sich vielmehr bezeichnen als »Theologie des interreligiösen Zeugnisses«

Lernziele

Eine Theologie des Zeugnisses im religiös und kulturell vielfältigen Lebensraum braucht einen neuen Katalog von Ausbildungszielen. Hier können drei Begriffe ins Spiel gebracht werden, die zugleich Lernziele und Verfahren benennen können: Pluralitätsfreudigkeit, Unterscheidungsvermögen und Begegnungstiefe. Alle drei sind in doppelter Richtung entfaltbar. Pluralitätsfreudigkeit beinhaltet sowohl die Bejahung von religiöser und kultureller Vielfalt wegen ihres theologischen Anregungspotentials als auch die Einsicht, dass Religionsfreiheit der Raum ist für eine Kirche, die als Gesprächspartner kultur- und gesellschaftsprägend sein will. Mit Unterscheidungsvermögen ist die Weisheit für gute Entscheidungen angesichts stets neuer Fragen gemeint und die Fähigkeit, Unterschiede im Bekenntnis zu benennen und auszuhalten; mit Begegnungstiefe ist schließlich gefordert, dass Studierende Menschen anderen Glaubens erleben können und dass ihre geistliche Erfahrung gefördert wird.

Desiderate

Aus dem hier Dargelegten lassen sich vier Wünsche ableiten für die zukünftige Gestaltung des Theologiestudiums im Blick auf interkulturelle Kompetenz.

1. Muslime im Seminar

Katholische Theologinnen und Theologen müssen in ihrem Lebensumfeld und in ihrem Studienbetrieb die selbstverständliche Möglichkeit haben, mit Gläubigen anderer Religion zusammen zu sein. Seminare wären gerade für muslimische Gaststudenten hochinteressante Lebensorte. Jede Gemeinschaft hat ein Recht darauf, auch »unter sich« sein zu können. Wo das Priesterseminar allerdings ein klerikales Ghetto ist, verhindert es die anregende Begegnung über den katholischen Bereich hinaus.

2. Kultur-Exkursionen

Gaststudierende in westlichen Ländern brauchen die Möglichkeit, nicht nur konzentriert zu studieren. Sie müssen auch die Kultur des Zusammenlebens etwa in Europa kennenlernen; dazu gehören historische und theoretische Grundlagen ebenso wie aktuelle Debatten und nationale Unterschiede innerhalb der EU. Wie sich die Kirche in politische Entscheidungsprozesse einbringt, wie eine Gesellschaft mit Schuld der Vergangenheit umgeht, wie man um die sogenannte Eigen-Identität bangt: das ist etwa für einen afrikanischen Studenten fremd, aber erschließbar und möglicherweise hilfreich.

3. Geistliche Begleitung

Für die ausländischen Theologiestudenten ist Europa meist nach den ersten Krisen der Kulturschockwellen ruhiger als alles, was sie von daheim kennen. Die Studierenden führen hier nicht selten ein ungewohnt einsames Leben. Wissenschaft muss im Vordergrund stehen; Spracherwerb, Methodenaneignung und Kulturvermittlung zehren. Dennoch, ja, gerade deshalb brauchen die Studierenden Zeit und qualifizierte Ansprechpartner für eine geistliche Begleitung, durch die sie ihre eigene Gotteserfahrung personalisieren können. Erst eine persönliche Nachfolge macht den späteren Professor oder Bischof, Multiplikator und Leiter zu einem ausgebildeten kirchlichen Verantwortungsträger.

4. Doppelte Fremde?

Ein letztes Problem sei hier angesprochen, das sich vor allem aus römischer Perspektive zeigt. Die Mehrzahl der Studierenden ist ja in Rom bereits fremd; von dort aus möchten sie nicht nochmals in die Fremde geschickt werden. Iranische und türkische Universitäten etwa interessieren sich für einen Studierenden-Austausch mit der Gregoriana. So etwas lässt sich jedoch kaum einführen. Ein Gaststudent, der für drei Jahre in Rom ist, fühlt sich geradezu weitergereicht, wenn man ihm vorschlägt, drei Monate in der Türkei zu verbringen. Die interreligiöse Erfahrung bleibt in Rom eine Erfahrung der Fremde: der iranische Imam ist in Rom kaum fremder als der koreanische Priester. Das schafft zwar oft ein Verständnis zwischen den beiden. Was sie voneinander lernen, ist aber vor allem, die Exilsituation des anderen zu verstehen, nicht seine Heimatkultur.

Info-Tipp

Die Päpstliche Universität »Gregoriana« findet sich im Internet unter der Adresse: http://www.unigre.it/home_page_en.php

Rom als Kontext

Die kontextuellen Theologien bringen die Bedeutung des jeweiligen kulturellen Umfeldes vor Ort in die Reflexion ein. Was die Menschen dort fragen, was sie an lebensordnenden Riten oder wirklichkeitsordnenden Kategorien mitbringen, kann für die christliche Theologie mehr sein als das missionswissenschaftlich aufzubereitende Sprachwerkzeug, mit dem man das christliche Glaubensgut nun neu sagt. Andere Kulturen bieten vielmehr häufig noch unentdeckte Möglichkeiten, den christlichen Glauben neu zu verstehen. Hier werden nicht nur Vokabeln für die Übersetzung des Katechismus in eine neue Volkssprache angeboten. Vielmehr kann eine Kultur mit ihren Denkmustern, Sprechweisen, Deutungsvorstellungen und Lebensformen durchaus für das Christentum Neues ansprechen und einbringen. Soll eine solche kontextuelle Neuerkundung des Evangeliums aber gelingen, so braucht es die lebendige Gegenwart des Lebensumfeldes, braucht es die Gesprächsmöglichkeit mit der nichtchristlichen Erfahrungswelt. So etwas kann es in Rom lediglich als touristische oder exportierte Kulturspur geben, nicht als eigenen theologischen Kontext. Die Internationalität Roms – an der Gregoriana studieren im Jahre 2012 beispielsweise junge Menschen aus 114 Nationen – erweist sich so als Hemmung für eine wahrhaft vom jeweiligen Kontext her neu denkende Theologie. Man sieht sich zu der Behauptung neigen, hier werde der christliche Glaube formuliert, bevor er dann in die Einzelkulturen übersetzt wird. Damit aber wäre übersehen, dass jede Formulierung bereits Kulturmuster einer bestimmten Prägung verwenden muss. Ist der Studienort Rom also die Verunmöglichung kontextueller Theologie?

Hier lassen sich drei Gesichtspunkte benennen. Einerseits ist die Distanz zur Heimat oft erst die Möglichkeit, einigermaßen ruhig und klarsichtig einen bestimmten Kulturkontext zu erfassen und auf sein theologisch-heuristisches Potential zu befragen; faktisch geschieht dies etwa an den Missionswissenschaftlichen Fakultäten der Päpstlichen Universitäten Urbania und Gregoriana durchaus. Zweitens besteht durch die Präsenz von Studierenden und Dozierenden aus den verschiedenen Kulturkreisen die ständige Herausforderung, von dorther einer möglicherweise zwar durchaus tiefgründigen und international aufgegriffenen, aber kontextvergessenen Theologie Fragen zu stellen. Schließlich bietet Rom die einzigartige Möglichkeit, die jeweiligen Kontexte einer wachsenden Theologie vor Ort mit anderen Umfeldern und anderen entstehenden Ansätzen der Glaubensreflexion ins Gespräch zu bringen. Hier können die Kontexte aus der sie gefährdenden provinziellen Beschränkung heraustreten und erleben, wie man anderswo – wiederum kontextuell – Theologie treibt und welche Bedeutung das je Ortsbezogene für die Weltkirche haben kann.

FELIX KÖRNER SJ
Priester und Ordensmann, Theologe, Professor an der Päpstlichen Universität »Gregoriana« in Rom

ANMERKUNGEN

1 Francis X Clooney, Comparative Theology. Deep Learning cross Religious Borders, Chichester 2010. Clooney auch in: John Webster, Kathryn Tanner und Iain Torrance (Hrsg.), The Oxford Handbook of Systematic Theology, Oxford 2008, S. 653– 668. Für den deutschen Sprachraum vgl. Klaus von Stosch, »Komparative Theologie der Religionen – ein Ausweg aus dem Grunddilemma jeder Theologie der Religionen «, in: Zeitschrift für katholische Theologie 124 (2002), S. 294–311.
2 Felix Körner, Kirche im Angesicht des Islam. Theologie des interreligiösen Zeugnisses, Stuttgart 2008.
3 Felix Körner, Die interkulturelle Reform theologischer Ausbildung. Ein Leitbild, in ZMR (Sonderheft), im Druck.

Gratis-Ausgaben

Ich möchte Forum Weltkirche mit 2 Gratis-Ausgaben kennen lernen.

/ Bestellen bei HerderShop24