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Relevanz und Exzellenz

40 Jahre MWI in Aachen

von HARALD SUERMANN

Am 02. und 03. Dezember 2011 feierte das Missionswissenschaftliche Institut Missio (MWI) seinen 40. Gründungstag mit einem Symposium zum Thema »Relevanz und Exzellenz. Kontextuelle Theologien in einer globalisierten Welt« – ein Thema, das für das Institut von Anfang an von zentraler Bedeutung war.

Der folgende Beitrag beleuchtet die Anfänge des Instituts, die Umbrüche und skizziert die heutigen Herausforderungen in einer sich verändernden Welt und Gesellschaft aus Sicht des Instituts.

Mitwirkende des Symposiums aus Anlass des 40-jährigen Bestehens des MWI: Michael Amaladoss SJ, Theologe aus Indien (links), Edouard Isango Nkoyo aus der DR Kongo und Prof. Dr. Joachim Piepke SVD, Direktor der Philosophisch-Theologischen Hochschule SVD, St. Augustin.
FOTO: MWI

Eine Zeit der Aufbrüche

Die Gründung des MWI am 03. November 1971 erfolgte in einem Klima des allgemeinen Aufbruchs. So wurde in den 60er Jahren die Rassentrennung in den USA aufgehoben, Bürgerrechtsbewegungen in den USA und Studentenbewegungen in Europa stritten für neue Rechte. In diesen Jahren fanden die meisten afrikanischen Kolonien ihre Unabhängigkeit. Das Selbstbewusstsein der sogenannten Dritten Welt erstarkte in der Bewegung der blockfreien Staaten.

In der Kirche brachte das Zweite Vatikanische Konzil den Aufbruch zu neuen Ufern. Gerade einmal sechs Jahre nach seinem Abschluss wurde das MWI gegründet. Die Aufbruchsstimmung und der Enthusiasmus des Konzils bestimmten auch den Geist der Gründung dieses Tochterinstituts von missio. In den weltkirchlichen Aufbrüchen in Folge des Konzils begannen die jungen Kirchen, das Evangelium in die jeweils eigene Kultur umzusetzen und es in dem eigenen Kulturhorizont zu interpretieren. So verschieden die Kulturen waren, so verschieden waren auch die Wege und die Theologien, die die einzelnen Kirchen hervorbrachten. Die Aufbrüche waren teilweise so kühn und andersartig, dass die westlichen Kirchen lernen mussten, umzudenken.

An dem Konzil nahmen auch Bischöfe aus nichteuropäischen Ländern teil und brachten ihre andersartigen Erfahrungen ein. Das Konzil öffnete den Weg von einer europäisch zentrierten Kirche hin zu einer sich als Weltkirche erfahrenden Gemeinschaft der Gläubigen. Im Mittelpunkt der Vision standen das pilgernde Volk Gottes und das Reich Gottes, dem die Kirche dient. In der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes setzt sich die Kirche in eine neue Beziehung zur Welt.

Aufbrüche begleiten und mitgestalten

Dem 1971 von missio gegründeten Missionswissenschaftlichen Institut fielen in dieser Situation drei Aufgaben zu. Zum einen ging es darum, den Aufbruch aus kirchlicher und theologischer Sicht zu dokumentieren. Es sollte dauerhaft Zeuge dieses Aufbruchs sein. Zum anderen sollte das MWI die Aufbrüche des pilgernden Gottesvolkes in Einheit und Verschiedenheit begleiten, indem es Akademiker in der Ausbildung unterstützte und akademische Einrichtungen und Aktivitäten förderte. Ebenso wichtig war schließlich die wissenschaftliche Begleitung dieser Prozesse durch einen kritischen theologischen Dialog. Durch diese drei Aufgaben sollten auch die Einbindung der deutschen Kirche in die Weltkirche vertieft und das Bewusstsein gestärkt werden, zu einer einzigen Weltkirche zu gehören. Vor allem im akademischen Bereich sollte das Wissen um die Weltkirche gefestigt werden.

Aus der Dokumentation der Aufbrüche ist eine umfassende Bibliothek namens mikado mit über 150.000 Bänden geworden, die nicht nur wissenschaftliche Veröffentlichungen aus westlichen Ländern, sondern auch zahlreiche Dokumente und Veröffentlichungen aus den jungen Kirchen zur Verfügung stellt. Es ist wohl eine in Europa einzigartige Sammlung von Zeugnissen über die Kirchen und Christen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien von der europäischen Mission im 19. Jh. bis heute. Diese nicht nur unter kirchlichen, sondern auch unter ethnologischen, kulturellen und sozialen Aspekten höchst interessante Sammlung ist für jeden Interessierten, nicht nur für die akademische Welt zugänglich.

Aufgrund der Unterstützung der weiteren akademischen Ausbildung von begabten jungen Theologen und Philosophen sind heute an den afrikanischen und asiatischen katholischen Hochschulen in Philosophie und Theologie hochqualifizierte Lehrer tätig. Viele von ihnen haben ihre Tätigkeit nicht nur auf die Lehre beschränkt, sondern forschen, um das Evangelium tiefer in die eigene Kultur zu verwurzeln, ihre christlichen Werte herauszuarbeiten und auf diese Weise negativen Entwicklungen entgegenzutreten. Damit konnte die christliche Botschaft in verschiedenen Ländern relevant werden. Diese Theologen haben wichtige Beiträge zur Inkulturation des Christentums und zur Befreiung der Menschen geleistet. Durch die Unterstützung zahlreicher Kongresse, Veröffentlichungen und Forschungen hat das MWI viele der Meilensteine auf dem Weg zu einer jeweils einheimischen Kirche ermöglicht und begleitet.

Die eigene wissenschaftliche Arbeit des Instituts ermöglichte es, die Entwicklungen in den jungen Kirchen nachzuvollziehen und Theologen in den verschiedenen Erdteilen in einen Dialog zu führen. Oft waren es die wissenschaftlichen Mitarbeiter des MWI, die eine Brücke zwischen den verschiedenen theologischen und kirchlichen Zirkeln und Institutionen ermöglichten, da die Vernetzung und die Zusammenarbeit der im Entstehen begriffenen theologischen Einrichtungen erst noch aufgebaut werden mussten. Aus dem Dialog und der eigenen wissenschaftlichen Arbeit heraus konnten auch wichtige theologische Werke identifiziert werden, die einer deutschen Öffentlichkeit durch Übersetzungen zugänglich gemacht wurden.

Der intensive Dialog mit akademischen Ausbildungseinrichtungen und Theologen in Afrika, Asien und Lateinamerika stellt eine wichtige Aufgabe des MWI dar. Das Foto zeigt den Referenten des MWI, Marco Moerschbacher, im Gespräch mit den Theologen Peter Kanyandago (Mitte) und Felix Malolo während eines internationalen Symposiums in Kinshasa / DR Kongo.
FOTO: MWI

»Aufgrund der Unterstützung der weiteren akademischen Ausbildung von begabten jungen Theologen und Philosophen sind heute an den afrikanischen und asiatischen katholischen Hochschulen in Philosophie und Theologie hochqualifizierte Lehrer tätig.«

Massive Umbrüche

Im Oktober 2009 wurde das MWI weitgehend umgestaltet. Hintergrund ist die Neustrukturierung der weltkirchlichen Arbeit der deutschen Kirche. Die Gründung eines Instituts für Weltkirche und Mission (IWM) war Teil des Prozesses. Es bekam die Aufgabe, sich in Forschung und Lehre aus theologischer Perspektive den Fragen von Weltkirche und weltkirchlicher Arbeit mit dem Schwerpunkt auf der missionarischen Sendung der Kirche zu widmen. Im Zuge dieser neuen Schwerpunktbestimmung wurden die Forschungsarbeit des MWI und damit verbundenes Personal reduziert. Doch die Neustrukturierung der weltkirchlichen Arbeit war nicht der einzige Grund für massive Änderungen im MWI. Eine große Herausforderung sind die rückläufigen Spendeneinnahmen für die Arbeit des MWI. Dieser finanzielle Aspekt ist nur die äußere Erscheinung eines tiefgründigeren Wandels des kirchlichen und gesellschaftlichen Umfeldes. Die wichtigsten Unterstützer des MWI waren und sind Priester. Doch die Überalterung des deutschen Klerus lässt die Zahl der Spender aus diesem Kreis immer geringer werden. Die wenigen jungen Priester können dies nicht ausgleichen, zumal auch das Interesse an der weltkirchlichen Arbeit bei ihnen nicht mehr den gleichen Stellenwert hat. Eine deutlich kleinere Gruppe bilden Laien, die die Arbeit des Instituts unterstützen. Doch die Krise der Kirche in Europa lässt nicht nur die Zahl der Katholiken sinken, sondern lenkt auch das Interesse auf ganz andere Themen als die weltkirchlichen Perspektiven, die das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet hat. Gesamtgesellschaftlich scheint sich das Interesse eher auf die europäische Identität und die europäischen Probleme sowie auf die allgemeinen finanzpolitischen Herausforderungen zu konzentrieren, so dass das MWI seine Ziele unter im Vergleich zur Gründungszeit deutlich erschwerten Umständen verfolgen muss.

Für Prof. Dr. Harald Suermann, Direktor des MWI, ist die Förderung des Dialogs unter den akademischen
Ausbildungseinrichtungen weltweit eine zentrale Aufgabe des MWI in der heutigen Zeit.
FOTO: MWI

Neue Herausforderungen

Die jungen Kirchen haben sich in den letzten 40 Jahren auch dank der Unterstützung des MWI entwickelt. In vielen Regionen existieren längst eigene Hochschulen für Theologie und Philosophie, die die eigenen kirchlichen Mitarbeiter ausbilden. Es gibt eine große Anzahl an Vereinigungen und Verbünden, so dass sich der Austausch unter den Theologen und Philosophen auf der Südhalbkugel intensiviert hat. Dennoch stellen politische und wirtschaftliche Entwicklungen viele Kirchen dort und damit die Arbeit des MWI vor große Herausforderungen.

Für die Ausbildung von jungen exzellenten kirchlichen Mitarbeitern rücken die Hochschulen in Afrika und Asien verstärkt in den Blickwinkel des MWI. Zwar vergibt das MWI schon heute etwa die Hälfte aller Stipendien für Master- und Doktoratsstudien an Universitäten und Hochschulen vor Ort. Doch deren Anteil wird in Zukunft weiter wachsen. Damit werden diese Hochschulen eine weitere Aufwertung erhalten. Sie benötigen nicht nur exzellente Lehrer und Lehrerinnen sondern auch Studierende, durch die sie für die lokale Kirche relevant werden. Die Hochschulen sind für junge Akademiker aber nur dann von Interesse, wenn sie eine Ausbildung auf hohem Niveau anbieten.

Sicherstellung der akademischen Exzellenz

Nachdem das MWI vor allem den Aufbau der Hochschulen unterstützt hat, wird es in Zukunft verstärkt seine Hilfe in der Sicherstellung der akademischen Exzellenz anbieten. Zum einen hat es im letzten Jahr damit begonnen, Hochschulen in Indien und auf den Philippinen mit dem Ziel zu evaluieren, Stärken und Schwächen der kirchlichen Hochschulen im Bereich der theologischen und philosophischen Ausbildung zu benennen. Die Ergebnisse werden zum einen die Grundlage für die Förderung der Qualität der Hochschulen sein, indem gezielt Forschungsstipendien für Professoren, Bibliotheksbeihilfen und Beihilfen für Konferenzen vergeben werden. Andererseits dienen die Ergebnisse auch dazu, den Studenten und Studentinnen diejenigen Hochschulen zu empfehlen, die sich schwerpunktmäßig den jeweiligen Interessengebieten widmen. Die Evaluierungen werden an ausgewählten theologischen und philosophischen Fakultäten beziehungsweise Hochschulen in Afrika fortgesetzt.

Die Bedeutung von Stipendien

Ein Teil der Stipendien vergibt das MWI für Studien in Europa, und zwar vor allem für Doktoratsstudien in Rom, Paris, Löwen und Deutschland. Deutschland als Studienort wird in Zukunft eine stärkere Rolle bei der Vergabe von Stipendien spielen. Die internationale Präsenz an den theologischen Fakultäten in Deutschland soll gestärkt werden. Dadurch werden sich auch die weltkirchlichen Themen in Lehre und Forschung verstärken. Die ausländischen Studenten und Studentinnen in Deutschland werden nach ihrer Rückkehr in die Heimat potentiell ein Bindeglied zwischen den deutschen theologischen Fakultäten und den Ortskirchen in Afrika und Asien sein. Die Vernetzung der deutschen Kirche mit der Weltkirche wird somit intensiviert.

Damit dies gelingen kann, so wurde auf dem Symposium zum 40. Gründungstag des MWI festgestellt, ist eine intensive Betreuung der im Ausland Studierenden notwendig. Dies war schon immer ein wichtiges Anliegen des MWI, in Zukunft werden wir aber diese Begleitung intensivieren, und zwar im außeruniversitären wie auch im akademischen Bereich. Gerade bei einem Studium an einer deutschen Hochschule ist dies wichtig, damit die Doktoranden in einer angemessenen Zeit von vier Jahren eine exzellente Doktorarbeit verfassen können. In der fremden deutschen Kultur und Kirche kommt es leicht zu Komplikationen, die menschlich herausfordernd sind und vom Studium ablenken können. Intensive Betreuung durch die Referenten des MWI in Zusammenarbeit mit dem neuen Institut für Weltkirche und Mission (IWM) und der jeweiligen Fakultät sowie ein finanziell ausreichendes Stipendium sollen ermöglichen, dass die Studienzeit in Deutschland exzellente Früchte trägt.

Luis Antonio Tagle, im Oktober letzten Jahres zum Erzbischof von Manila ernannt, gehört zum Kreis der ehemaligen Stipendiaten des MWI.
FOTO: UCAN PHOTO

Den Dialog fördern

Der weitere Ausbau der Bibliothek und Dokumentation mikado wird sicherstellen, dass den in Europa Studierenden eine große Zahl an Dokumenten und Forschungsarbeiten über die Kirche und das Christentum in ihrer Heimat zur Verfügung stehen. Genauso wichtig ist es aber auch, dass die Referenten und Referentinnen des MWI über die Entwicklungen der Kirche und der Theologie in den Ländern Afrikas, Asiens und Ozeaniens Bescheid wissen. Hierzu sind enge Kontakte zu den lokalen Kirchen und vor allem zu den akademischen Ausbildungsstät- ten und Forschungsinstituten mit entsprechenden Besuchen notwendig. Das MWI wird in Zukunft verstärkt den Dialog unter den akademischen Ausbildungsinstitutionen und deren Lehrern weltweit fördern und sich an ihm beteiligen. Im Fokus dieses Dialogs sollen vor allem die Lehrpläne der theologischen und philosophischen Fakultäten stehen, die immer wieder neu auf globale und lokale kirchliche und religiöse Herausforderungen ausgerichtet werden müssen.

Potentielle Führungspersönlichkeiten und Talente fördern

Eine der wichtigen Aufgaben ist es aber, weiterhin Menschen zu finden, die sich für die weltkirchliche Arbeit begeistern und die junge Christen fördern wollen, damit sie Kirche in all ihren Bereichen leiten können. Neue Führungspersönlichkeiten benötigt die Kirche, damit sie auch weiterhin durch die Zeiten mit ihren wechselnden Herausforderungen pilgern kann. Das Gewicht der Katholischen Kirche verlagert sich immer mehr in den Süden, Persönlichkeiten von dort werden auch in Zukunft die verantwortliche Leitung der Kirche übernehmen. Es ist jetzt der Zeitpunkt, potentielle Führungspersönlichkeiten auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Diözesen, Pfarreien oder auch Einzelpersonen können ihren Beitrag hierzu leisten. Das MWI unterstützt sie, indem es die Förderer berät und förderungswürdige Kandidaten auswählt und vorschlägt. Gemeinsam werden diese in ihrem Studium und in ihrer Forschung begleitet. Dabei wird sowohl auf die Exzellenz der Kandidaten als auch auf die finanziellen Notwendigkeiten geachtet. Es ist dem MWI ein Anliegen, besonders jene Talente zu fördern, die aus bisher kirchlich und wirtschaftlich weniger entwickelten Regionen kommen, um so auch ihnen eine Chance zu geben. Exzellenz und Relevanz verbinden sich auch hier.

HARALD SUERMANN
Theologe, Dozent der Universität Bonn, Direktor des Missionswissenschaftlichen Instituts Missio e.V., Aachen

INFO-TIPP

Die Bibliothek und Dokumentation des Missionswissenschaftlichen Instituts, genannt mikado, bietet im Internet die Möglichkeit, mit Hilfe einer speziellen Eingabemaske die Bestände dieser Einrichtung nach Themen oder Autoren zu durchsuchen. Für alle theologisch-wissenschaftlich Interessierten bietet diese Homepage für die eigene Recherche eine große Unterstützung. Die Internetadresse lautet: http://www.mikado-ac.info/home.html

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