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Boko Haram – eine Krankheit oder ein Symptom?

Hintergründe der Gewalt in Nigeria

von MATTHEW HASSAN KUKAH

Seit April vergangenen Jahres durchzieht eine unbeschreibliche Gewaltwelle das westafrikanische Land Nigeria. Und in den meisten Zusammenhängen taucht der Name Boko Haram auf. Im Folgenden wird dieses Phänomen mit Namen Boko Haram näherhin beleuchtet. Es werden Gründe für die Radikalisierung und erhöhte Gewaltbereitschaft dieser Bewegung benannt, sowie die Konsequenzen für das Land aufgezeigt. Fehlinterpretationen, Fehlentscheidungen der Regierung beziehungsweise der Sicherheitskräfte sowie eine illegale Gewaltanwendung gegen die Gruppierung haben Boko Haram scheinbar in die Opferrolle geführt und der Gruppierung die Unterstützung zahlloser Sympathisanten und Unterstützer beschert. Heute, so scheint es, ist Boko Haram nicht mehr eine als geschlossen zu identifizierende Einzelgruppe, sondern ein Sammelbecken vielfältiger gewaltbereiter Gruppierungen, die im Staat ihren Feind sehen. Ein Dialog mit diesem sich ständig wandelnden Schatten, der sich über das Land gelegt hat, scheint unmöglich.

Ein Priester steht am 25. Dezember 2011 vor den Trümmern eines Autos vor der St. Theresa Kirche. Dieser Anschlag war der vorläufige Höhepunkt einer Reihe von Anschlägen auf christliche Kirchen durch Boko Haram. Das Schreckgespenst eines religiösen Konflikts wird dadurch heraufbeschworen.
FOTO: KNA-BILD

Boko Haram ist omnipräsent geworden, definiert heute den Glauben des Islam und bestimmt die Stabilität oder Instabilität Nigerias. Die Gruppe hat ein dunkles Sargtuch über die Regierung von Präsident Goodluck Jonathan geworfen.Mehr als alles andere seit Nigerias Bürgerkrieg hat die Organisation es geschafft, den nigerianischen Staat in hohem Maße zu pulverisieren und die Steuerung seiner Macht als auch das Vertrauen unserer Bevölkerung hinsichtlich ihrer Identität zu bedrohen und ernsthaft zu schwächen. Seit Boko Haram begonnen hat, seinen Terror in allen nördlichen Staaten zu entfesseln, sind in vielen Städten die ökonomischen Aktivitäten gelähmt worden, und die Ungewissheit der Bürger hinsichtlich ihrer Sicherheit hält die Gerüchteküche am Brodeln. Die internationale Gemeinschaft ist Nigerias überdrüssig geworden, während Diplomaten beständig Sicherheitswarnungen versenden und gelegentlich selbst gewarnt werden, wohin sie gehen dürfen und wohin nicht. Geschäftsleute, die selbst zu besten Zeiten immer recht skeptisch das Investitionsklima in Nigeria betrachtet haben, sind entweder weggezogen oder aber tun sich besonders schwer, ihre Ressourcen einer sehr unbeständigen Umwelt anzuvertrauen. Die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen stehen unter einer schweren Belastung. Jedoch bleiben die Identität, die Philosophie und die Zielsetzungen von Boko Haram, trotz der verheerenden Auswirkungen auf die Fundamente der Nation, in hohem Maße verworren und unbestimmt. Die Sicherheitsbehörden sowie die Bundes- wie auch die Landesregierungen sind unfähig, den Feind wirklich zu benennen und die tödliche Krankheit zu diagnostizieren. Eine ansonsten eher harmlose Organisation ist zum Subjekt eines Mythos, zur Mobilisierung aller benachteiligten Nigerianer geworden. Aber was ist Boko Haram, was ist der Antrieb, was sind die wirklichen Zielsetzungen?

Dieser kurze Beitrag kann diese Fragen nicht vollständig beantworten und noch wichtiger, der Autor kann nicht den Anspruch erheben, fähig zu sein, diesen sich ständig wandelnden Schatten zu erfassen. Was ich in diesem Beitrag machen werde, ist zunächst zu definieren und zu erklären, wofür Boko Haram meines Erachtens steht und auf welcheWeise Boko Haram zum größten Teil falsch diagnostiziert worden ist. Zweitens werde ich auf die – wie ich es bezeichne – Stadien der »Schwangerschaft« dieser Organisation schauen, was meiner Meinung nach zurzeit geschieht und warum die Regierung scheinbar unfähig ist, diese Tragödie unter Kontrolle zu bringen. Und schließlich werde ich nach den Konsequenzen für unsere Nation fragen.

Lydia Danjuma Yero lebt seit Wochen mit ihren Kindern in einem Flüchtlingslager, das eine halbe Autostunde nördlich der Stadt Kaduna liegt.

Eine Namensgebung durch den Feind

Das Erste, was bezüglich Boko Haram zu sagen ist, ist die Tatsache, dass es keine Organisation gibt, die sich selbst so nennt. Ja, ich gehe soweit zu sagen, dass diese Organisation mit einem Namen verbunden ist, den sie sich nicht selbst gegeben hat, ein Name, der geprägt worden ist durch jene, die als ihre Feinde anzusehen sind. Ich denke, dass dies der erste Fehler ist, den wir gemacht haben. Es ist mehr oder weniger wie damals, als die britische Regierung die Irish Republican Army (IRA) fortwährend als Terroristen bezeichnete oder die gleiche britische, die amerikanische und andere europäische Regierungen sich über lange Zeit weigerten, den African National Congress (ANC) anzuerkennen. Stattdessen sahen sie in ihm lediglich eine Organisation von Kommunisten. In diesen Situationen war es der jeweiligen Regierung nicht möglich, effektiv mit den entsprechenden Organisationen zu kommunizieren, da sie das Gegenüber durch einen Schleier oder eine Leinwand betrachteten. Aber der gleiche Gerry Adams, der damals als Terrorist bezeichnet worden war, ist heute Mitglied des nordirischen Parlaments. Und der gleiche Nelson Mandela, der als Kommunist bezeichnet wurde, ist später zur moralischen Stimme und zum Gewissen der Nation geworden.

Die Worte Boko Haram leiteten sich von der Behauptung der Sicherheitsbehörden ab, dass die Mitglieder dieser Organisation keine westliche Ausbildung und keinen westlichen Lebensstil akzeptieren würden. Das jedoch ist eine Fehlinterpretation und eine Übertreibung des Anspruchs der Gruppe. Boko Haram nämlich hob immer wieder hervor, dass sie nicht gegen westliche Ausbildung als solche sei, jedoch gegen die Behauptung, dass lediglich westliche Erziehung und westliche Werte die Wege zu Wissen und Zivilisation seien. Ich bezweifle, ob es viele Menschen gibt, die dieser Aussage widersprechen würden.

Dem Koran und dem Jihad verpflichtet

Was weithin als Boko Haram bezeichnet wird, ist als Jama’atu Ahlis Sunna Lidda’awati wal Jihat bekannt, das sind Menschen, die sich der Verbreitung der Lehren des Propheten und dem Jihad verpflichtet fühlen. Die Gruppe sieht sich selbst als eine salafistische Bewegung an. Der Salafismus und der Wahhabismus sollen eng miteinander verbunden sein. Ihr Fokus liegt auf der recht puritanischen Auslegung und Anwendung des Korans und seiner Lehren. Beide islamischen Richtungen sind davon überzeugt, dass der Westen der Vertreter des Bösen ist und man sich deshalb westlichen Lebensstilen entgegenzustellen hat. Indessen ist auch die Aneignung des Jihad Subjekt der gleichen kontroversen Interpretation: bedeutet Jihad der Ruf zu den Waffen oder aber lediglich der Aufruf zur Buße und das Ringen um persönliche Tugendhaftigkeit und Heiligkeit? Es kann darüber gestritten werden, ob diese Gruppe vor allem um die Selbstreinigung besorgt war. Selbstverständlich sah sie als ihre Gegner entweder Muslime an, die andere Vorstellungen von ihrem Glauben hatten oder aber die sich dem westlichen Lebensstil zugewandt hatten. Aus Sicht eines Christen müssen wir zugeben, dass diese puritanischen Anstrengungen auch bei Mitgliedern von Pfingstkirchen existieren, die an die Strenge ihrer Lehren glauben und andere Christen, die diesen Lehren nicht zustimmen, verurteilen. Es kann nun die These vertreten werden, dass Boko Haram zumindest bis vor wenigen Jahren keine Gewaltanwendung angeordnet hatte. Die Frage aber lautet: Was hat diese Gruppe so radikalisiert und warum ist sie so gewalttätig geworden?

Die Gewalt von Boko Haram zeigt die Schwächen der jetzigen Regierung unter Goodluck Jonathan (Foto) auf und wird von manchen Beobachtern als mögliche Strategie des Nordens interpretiert, selbst wieder an die Macht zu kommen.
FOTO: KNA-BILD

Radikalisierung und zunehmende Gewaltbereitschaft

Ich denke, dass es wichtig ist zu verstehen, dass diese Gruppe zu Beginn recht eng mit der Regie rung verbunden war. Politiker sind bekannt dafür, dass sie sehr häufig die Nähe zu einflussreichen Menschen suchen. Religiöse Führer gehören zu solchen einflussreichen Menschen. Und Politiker mögen solche Menschen, die ihnen die Stimmen der Massen herbeibringen können. Jedoch brach diese Beziehung zusammen, und der Gouverneur wandte sich von ihnen ab. Zu diesem Zeitpunkt stand die Polizei bereit, um der neue Verbündete des Gouverneurs zu werden. Verschiedentlich störte sie die Prozessionen und Demonstrationen von Boko Haram und schaffte damit die Voraussetzungen für Feindseligkeiten.

Die Regierung hat sich darauf verlegt, eine Joint Task Force aufzustellen. Der schwere Aufmarsch des Militärs hat die Spannungen zusätzlich erhöht und die Bewegung von Boko Haram veranlasst, Waffen zu beschaffen und militärische sowie finanzielle Hilfe sowohl im In- als auch Ausland zu suchen. Schließlich erfolgten im Jahr 2009 Verhaftungen und Internierungen sowie »extra judicial killings« (Anm.: dieser Ausdruck wird häufig als »außergerichtliche Hinrichtungen« übersetzt; er bezeichnet die Tötung von Menschen durch offizielle Sicherheitskräfte eines Landes, ohne dass es ein Strafverfahren beziehungsweise Gerichtsverfahren gegeben hat) einer beträchtlichen Zahl ihrer Mitglieder, einschließlich ihres Führers Mallam Mohammed Yusuf. Die Tötung von Yusuf stellt einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung zwischen dem Staat und der Bewegung dar. Die spätere außergerichtliche Hinrichtung des einflussreichen Schwiegervaters von Yusuf verschärfte schließlich noch die Krise. Die Bewegung begann Polizeistationen als Vergeltungsmaßnahmen anzugreifen, aber auch, um ihr Waffenarsenal zu vergrößern.

Kein Haufen von Analphabeten

Schließlich wurde Boko Haram nach und nach immer professioneller, was folglich dem falschen Eindruck der Medien, der Bundesregierung, der Sicherheitsbehörden und anderer Nigerianer einen Riegel vorschiebt, die glauben, dass die Gruppe ein Haufen Analphabeten sei und dass sie nur durch Gewalt einzuschüchtern sei. Die Mitglieder wurden immer aggressiver und entschieden sich schließlich, sich mit weiten Teilen der Gesellschaft anzulegen, indem sie die ersten so genannten Selbstmordattentate verübten. Es folgte die Bombenexplosion im Polizei- Hauptquartier und das Bombenattentat auf das Gebäude der Vereinten Nationen in Abuja.Wahrscheinlich hat die Gewaltanwendung gegen Boko Haram und die außergerichtlichen Hinrichtungen durch den Staat dazu geführt, dass Boko Haram sich in der Opferrolle sieht, was die Mitglieder wiederum dazu genutzt haben, enorme finanzielle Unterstützung von lokalen und internationalen Sympathisanten zu erhalten.

Das Schreckgespenst eines religiösen Konfliktes

Eine dritte Phase der Operationen dieser Gruppierung ist die Einführung einer neuen, einer religiösen Dimension, nämlich die Angriffe auf Kirchen. Zwar hat Boko Haram erklärt, dass sie nicht gegen Christen oder andere Nigerianer sind, sondern dass der nigerianische Staat ihr erklärter Gegner ist. Doch stimmt dieser Punkt nicht mit den Realitäten vor Ort überein und ist ein Beleg für die Dissonanz der Sprachregelungen von Boko Haram. Dies lässt zudem daran zweifeln, ob das, womit wir uns auseinanderzusetzen haben, eine einheitliche Gruppe mit einer klaren Agenda ist.

Indes hat diese Phase, die mit dem Bombenattentat auf die katholische St. Theresa Kirche in Madalla, einem Vorort von Abuja, ihren vorläufigen Höhepunkt fand, das Schreckgespenst eines Konfliktes zwischen Christen und Muslimen aufkommen lassen. Seitdem sind viele andere Kirchen angegriffen worden. Viele Christen fragen sich, warum sie Angriffsziele in einem Konflikt sind, der keinen direkten Zusammenhang mit ihnen oder ihrem Glauben hat. Was sagt uns dies alles und wie sind die gegenwärtigen Bedrohungen der Sicherheit, die durch Boko Haram erzeugt worden sind, zu verstehen?

Für Bischof Matthew Kukah sind im Umgang mit Boko Haram mannigfaltige Fehlentscheidungen getroffen worden, die der Gruppierung zu neuem Auftrieb verhalfen. Seiner Meinung nach ist Boko Haram heute eine Plattform vielfältiger, gewaltbereiter Gruppierungen, die im Staat ihren Feind sehen.
FOTO: MISSIO AACHEN

Die Folgen der Plünderung des Staates durch Diebe, Schurken und Banditen

Zunächst ist das, was als Boko Haram bezeichnet wird, wie auch die Bedrohung der Gesellschaft Nigerias durch diese Gruppierung, vor dem Hintergrund größerer Probleme der Struktur des nigerianischen Staates zu verstehen. Dieser Staat ist die Domäne von Schurken, Dieben und offensichtlichen Banditen geblieben, die beständig das Vermögen des Staates geplündert haben und die, in Kollaboration mit multinationalen Ölgesellschaften und eng vernetzten ausländischen Baufirmen, auch weiterhin die Ressourcen der Nation weggeben.

Verschiedene Gemeinschaften und Interessensgruppen haben auf eine solche Situation auf unterschiedliche Weise geantwortet: Die Igbos durch einen Aufstand, der schließlich zum so genannten Biafra-Krieg führte, das Niger-Delta durch eine gewaltsame und blutige Militanz, die viele Leben gefordert und die Infrastruktur zerstört hat, bis die Nation schließlich einem der Söhne des Niger-Deltas zugestanden hat, Präsident zu werden (Anm.: gemeint ist der aktuelle Präsident Goodluck Jonathan, der aus dem Niger-Delta stammt). Die Yoruba fochten einen bitteren internen Krieg mit Odu’a Peoples Congress (OPC) aus, eine gewalttätige und militante Gruppe, die sich während der Herrschaft von Abacha gründete. Und erneut: Die Gewalt endete, als ein Yoruba Staatspräsident wurde, nämlich Olusegun Obasanjo.

Vielleicht mag Boko Haram eine Strategie weiter Teile des Nordens sein, der zum ersten Mal seit Einführung der Demokratie im Jahr 1999 von der Macht abgeschnitten ist und leer ausgeht (die Chance des Nordens starb mit dem Tod des nur kurzzeitig an der Macht stehenden Präsidenten Umaru Yar’adua im Jahr 2010). Ein guter Grund, der diese Behauptung stützt, mag in dem Faktum zu sehen sein, dass die gegenwärtige Krise, so scheint es, nach der Krise aufgrund der Wahlen im April 2011 an Fahrt aufgenommen hat. Wenn dies der Fall ist, mag Boko Haram eine unausgesprochene Strategie sein, um die Präsidentschaft von Dr. Goodluck Jonathan zu schwächen, indem diese Präsidentschaft ständig abgelenkt wird und folglich der Weg gebahnt wird für eine Rückkehr der Macht des Nordens.

Eine Plattform für gewaltbereite Gruppen

Des Weiteren ist die Frage zu stellen, ob Boko Haram tatsächlich alles andere als ein »Franchiseunternehmen« ist. Boko Haram scheint zu einem geeigneten Schirm geworden zu sein, der nun die Vielzahl der Missstände abdeckt, die sich als Resultat einer Legitimitätskrise des nigerianischen Staates übers ganze Land verbreitet. Zusammengenommen mit anderen Missständen, die auf existierenden Problemen zwischen Ethnien, Clans und Gemeinschaften oder auf ländlichen Problemen beruhen, mag Boko Haram wirklich eine Plattform für Gewalt geworden sein, die viele Sprachen spricht. Traurigerweise ist unsere Regierung derart überwältigt worden und hat in der Tat keine Berichte erstellt oder Untersuchungen über die im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Bombenexplosionen, die das Land zum Wanken gebracht haben, abgeschlossen. Die Kernfrage, wer was und warum gemacht hat, bleibt ein Mysterium Boko Harams, einer Bewegung, die ihren Namen vielleicht für mehrere Krisen geltend macht, denn Boko Haram verstärkt seine Behauptung der Allgegenwart und der Gesichtslosigkeit.

Korruption, Schwächen des Präsidenten, Machtkampf um die Ressourcen

Zudem gibt es das Problem der fortdauernden Korruption in diesem System, das zu einem Verfall der Lebensqualität der Bürger geführt hat und zu einer ernsthaften Frustration über die Politik. Damit meine ich folgendes: es gibt viele Menschen, die nichts über Boko Haram wissen, aber tief in ihrem Inneren Boko Haram als eine Bewegung ansehen, die am Ende den brutalen Fiesling verhauen wird.

Außerdem gibt es eine Wahrnehmung, derzufolge Boko Haram eine weitere Gelegenheit geworden ist, die Schwächen und die Unfähigkeit der Präsidentschaft von Goodluck Jonathan genau zu bestimmen. Viele Menschen halten ihn für einen guten Mann, der jedoch nicht wirklich das Rückgrat, die Reife und die Erfahrung hat, sich auf die komplexen Probleme eines Landes wie Nigeria einzulassen, das einen chirurgischen Eingriff benötigt und keine Wundpflaster. Viele beklagen, dass er eine Verwaltung leitet, die unverhohlen parteiisch agiert entlang ethnischer, regionaler und religiöser Linien. Die Regierung wird als zu christlich, zu südlich orientiert und zu ijawish (Anm:. gemeint ist der Volksstamm des Präsidenten) angesehen! Was auch immer die zutreffende Situation sein mag, Faktum bleibt, dass selbst wenn es sich nicht um eine Krankheit handelt, dies ein Symptom ist für fortbestehende Ängste und Befürchtungen hinsichtlich der Frage des Zugangs zu den enormen Ressourcen eines Staates, der vor allem eine Rentenökonomie betreibt (Anm.: Nigeria wird als so genannter Rentierstaat bezeichnet, das heißt ein enormer Anteil der Einnahmen bezieht der Staat aus der Ölförderung – er bezieht »Renten« für die Vergabe der Förderlizenzen).

Das Versagen des Staates

Schließlich sind die Auswirkungen von Boko Haram auf weite Teile der Gesellschaft und den nationalen Zusammenhalt enorm. Die Gruppierung hat die Kapazität, einen Buschkrieg zu führen, aber sie hat keine Kapazität, das Fundament des nigerianischen Staates zu bedrohen. Angesichts der fehlenden Fähigkeit, das öffentliche Vertrauen auf lokaler und internationaler Ebene wieder herzustellen, hat die Regierung Grundlagen für vielfältige Ängste geschaffen. Millionen von Nigerianern gelten auch weiterhin als vertrieben und leben seit der Krise im Dezember fernab ihrer Heimat. Falsche SMS-Nachrichten, die Nigerianer aus dem Süden und aus dem Norden ultimativ aufgefordert haben, wegzuziehen, haben viele Spannungen erzeugt. Die Regierung hat demgegenüber nicht viel unternommen, um gewöhnlichen Bürgern des Landes neues Vertrauen hinsichtlich ihrer Sicherheit einzuflößen. Die Fortdauer der Gewalt ängstigt auch weiterhin viele Geschäftsleute etc.

Brot oder Kugeln?

Ist Dialog die Lösung? Die Antwort mag lauten: Dialog mit wem, über was und wo? Ein oder zwei Dialogversuche sind als Fehlstarts anzusehen und haben Rückschläge erlitten. Sie verdeutlichen, dass niemand zu wissen scheint, mit wem zu sprechen ist und wie das Befehlshandbuch dieses Franchiseunternehmens zu entschlüsseln ist. Die Regierung hat angekündigt, Milliarden von Naira (Anm.: die nigerianische Währung) für die Sicherheit in den Staatshaushalt zu stellen. Die Befürchtung ist nun, dass wir unaufhaltsam in eine Situation laufen, in der die Frage der Sicherheit zur neuen Kuh gemacht wird, die von einflussreichen Personen mit ihrem unstillbaren Appetit nur noch gemolken werden braucht. Die letzte und entscheidende Frage wird sein, ob Nigeria Brot oder Kugeln wählt. Letztendlich wird eine hungrige Bürgerschaft verletzbar für Gewalt bleiben. Boko Haram, in welcher Gestalt oder Form auch immer, geht es nicht um Religion! Es geht um das Versagen von Politik in Nigeria, die Schwächung und die Verkümmerung der Adern der Macht durch die zersetzenden Auswirkungen der Korruption. Bei Boko Haram handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um ein Symptom eines seit Jahren stattfindenden Zerfalls.

MATTHEW HASSAN KUKAH
Bischof der Diözese Sokoto, Nigeria

Ausführliche Hinweise zum Lebenslauf des Autors und zu seinem Wirken als Leiter der goni-Shell-Versöhnungskommission finden sich in FW 6-2011, S. 4.

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Nigeria auf einen Blick

Fläche: 923.728 km2
Einwohner: 170.123.000

Religionen:
Muslime: 50 Prozent
Christen: 40 Prozent
Traditionelle Religionen: 10 Prozent

Katholiken: 23.039.000
Diözesanpriester: 4.704
Ordenspriester: 888
Ordensbrüder: 479
Ordensschwestern: 4.614
Laienmissionare: 1.207
Katechisten: 29.862

Quellen: WORLDFACTBOOK 2012; STATISTISCHES JAHRBUCH DER KATHOLISCHEN KIRCHE 2009

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