Neue Evangelisierung Was ist neu an der »neuen Evangelisierung«? corner

Was ist neu an der »neuen Evangelisierung«?

Eine theologische Einordnung

von MICHAEL SIEVERNICH SJ

Kongress zur Neuevangelisierung mit Papst Benedikt XVI. am 15. Oktober 2011 im Vatikan.
FOTO: KNA-BILD

Das erste Vorbereitungsdokument für die anstehende Bischofssynode – die so genannten Lineamenta – vermeidet es, Neuevangelisierung zu definieren. Dies bietet der Synode die Möglichkeit, eigene Akzente zu setzen und das Thema pointiert zu behandeln. Jedoch werden die sozialen und vor allem kulturellen Kontexte einzubeziehen sein, um dem Thema gerecht zu werden. Und es gilt, die spätmoderne Kultur in einer angemessenen und überzeugenden Weise so darzustellen, dass einer inkulturierenden Evangelisierung der Weg gebahnt werden kann.

Das ganz Neue liegt noch in der Zukunft und wird sich erst zeigen, wenn die 13. Generalversammlung der römischen Bischofssynode im Oktober 2012 über das Thema der »neuen Evangelisierung« beraten haben wird. Welche Bedeutung Papst Benedikt XVI. dem Thema beimisst, zeigt allein schon ein neues römisches Dikasterium, das er mit dem Motu proprio Ubicumque et semper vom 21. September 2010 errichtet hat und das Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung (Pontificio Consiglio per la promozione della nuova evangelizzazione) heißt. Dieser neue Päpstliche Rat, einer von insgesamt zwölfen, hat zwanzig bischöfliche Mitglieder, darunter den deutschen Erzbischof Robert Zollitsch (Freiburg), und wird von dem italienischen Erzbischof Rino Fisichella als Präsident geleitet. Die Zusammensetzung der Mitglieder läßt etwas von der Zielsetzung erahnen, denn am stärksten ist Europa vertreten, dann folgen die Amerikas (Brasilien, Mexiko und USA) und Australien. Nicht vertreten sind die Kontinente Afrika und Asien, für die nach wie vor die altehrwürdige Kongregation für die Evangelisierung der Völker (Congregazione per l’Evangelizzazione dei Popoli), die ehemalige Propaganda Fide, zuständig ist.

Demnach gibt es jetzt zwei römische Dikasterien für die Evangelisierung, deren unterscheidendes Merkmal territorialer Art ist. Das geht aus dem erwähnten Schreiben hervor, in dem der Papst von den »traditionell christlichen Territorien« spricht, die eines neuen missionarischen Elans, und von »fast völlig entchristlichten « Zonen, die einer erneuten Verkündigung des Evangeliums bedürften. Im neuen Päpstlichen Rat geht es also um die »Neuevangelisierung« der mehrheitlich christlichen Länder im »Westen«, während die Kongregation für die »Erstevangelisierung« auf den Kontinenten mit schwacher kirchlicher Präsenz, vor allem im »Süden«, Sorge trägt.

Die Gründe für die Neugründung ergeben sich aus der Diagnose einer zunehmenden Distanzierung von Glaube und Kirche in christlich geprägten westlichen Gesellschaften. Ein »besorgniserregender Verlust des Sinnes für das Heilige« stelle selbst die Fundamente des Glaubens an Gott und die Offenbarung in Jesus Christus in Frage sowie das natürliche Sittengesetz und gemeinsame Wertüberzeugungen. Die Aufgabe des Rates bestehe nun darin, die neue Evangelisierung zu fördern und zu reflektieren, und zwar vor allem »in jenen Territorien christlicher Tradition, wo das Phänomen der Säkularisierung deutlicher zutage tritt.« Auch solle die neue Institution der römischen Kurie mit Ordensgemeinschaften und neuen geistlichen Gemeinschaften zusammenwirken, aber auch die modernen Kommunikationsmittel nutzen sowie lehramtliche Äußerungen und den Katechismus der Katholischen Kirche verbreiten, um die Weitergabe des Glaubens zu fördern.

Es dürfte für die territoriale Betrachtung aufschlussreich sein, sich die Statistik der Weltkirche zu vergegenwärtigen. Als größte Religionsgemeinschaft zählt die Katholische Weltkirche zu Beginn des 21. Jahrhunderts fast 1,2 Milliarden Mitglieder, die über alle Kontinente verteilt sind und dort in über 2.600 Diözesen lokale Kirchen in den Kulturen der Welt bilden, also in globaler Diaspora leben. Auf die Kontinente hin ergibt sich eine höchst ungleiche Verteilung. Auf dem amerikanischen Kontinent sind fast die Hälfte aller Katholiken zu Hause, in Europa etwa 25 Prozent. Ein weiteres Viertel (etwa 25 Prozent) der Katholiken wohnt in den bevölkerungsreichen Kontinenten Afrika und Asien zusammengenommen, wo aber etwa drei Viertel der Weltbevölkerung (75 Prozent) leben. Nimmt man die Wachstumsfaktoren hinzu, dann geht die Zahl der Katholiken in einem alternden Europa zurück, während Afrika und Asien Kontinente mit junger Bevölkerung sind und die Katholikenzahl dort weiterhin stark anwächst. Die Kirchen in Europa und Deutschland haben Rückgangsprobleme zu meistern, die jungen Kirchen auf anderen Kontinenten dagegen Wachstumsprobleme. Es liegt auf der Hand, dass Fragen der Evangelisierung unterschiedliche Antworten erfordern.

Das II. Vatikanische Konzil hat den Evangelisierungsbegriff eingeführt. Darunter wird sowohl die kontextuelle Erst- wie auch die Neuevangelisierung verstanden. Das Foto zeigt Papst Paul VI. während der 4. Session des II. Vatikanischen Konzils im Jahr 1965.
FOTO: KNA-BILD

Eine kontextuelle Erst- und Neuevangelisierung

Die Rede von »Evangelisierung« und »Neuevangelisierung « ist im katholischen Sprachgebrauch neueren Datums und beginnt erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Bis dahin galt »Evangelisation« als typisch protestantische Methode evangelikaler Erweckung, die etwa ein Prediger wie Billy Graham weltweit praktizierte. Es gehört daher zu den konziliaren Innovationen, dass »Evangelisierung« im katholischen Raum zu einem missionarischen Leitbegriff wurde.

Die verspätete Karriere im katholischen Raum muss auf den ersten Blick verwundern, da doch die Verbform »evangelisieren«, »Evangelium verkünden« biblische Wurzeln hat und vor allem die lukanische (vgl. Apg 5,42) und paulinische Theologie (vgl. 1 Kor 1,17) prägt, auch wenn die deutsche Einheitsübersetzung das Wort nicht immer präzise wiedergibt, zum Beispiel Apg 8,4.

In den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils stößt man auf ein doppeltes Verständnis der Evangelisierung: Zum einen geht es um die klassische Mission, wenn es im Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes heißt, die ganze Kirche sei missionarisch und das »Werk der Evangelisation« (opus evangelizationis) eine Grundpflicht des Gottesvolkes (AG 35). Ziel der missionarischen Tätigkeit sei »die Evangelisierung und die Einpflanzung der Kirche bei den Völkern und Gemeinschaften, bei denen sie noch nicht Wurzel gefaßt hat« (AG 6), wodurch die beiden klassischen Bestimmungen der Seelenrettung (Konversion) und der Kirchengründung (Plantation) verknüpft werden.

Zum anderen versteht das Konzil unter Evangelisierung auch die spezifischen Aufgaben der Laien in christianisierten Ländern, wenn etwa die dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium im Laienkapitel die Evangelisierung als »Verkündigung der Botschaft Christi durch das Zeugnis des Lebens und das Wort« bestimmt, das in den gewöhnlichen Verhältnissen derWelt erfüllt werde (LG 35). Aufgrund der Teilnahme am dreifachen Amt Christi üben die Laien ein Apostolat aus, das nach dem Dekret Apostolicam Actuositatem auf personaler und struktureller Ebene zum Ausdruck kommt, das heißt durch »die Evangelisierung und Heiligung der Menschen« und mittels einer »Durchdringung und Vervollkommnung der zeitlichen Ordnung mit dem Geist des Evangeliums« (AA 2).

Das doppelte Evangelisierungsverständnis des Konzils bezieht sich also auf die erste Evangelisierung bei nichtchristlichen Völkern, die von professionellen Missionaren, also dem Klerus und den Ordensleuten ausgeübt wird, aber auch auf eine erneute Evangelisierung in christianisierten Gesellschaften, die vor allem Laien anvertraut ist. Für beide Weisen der Evangelisierung aber gilt das »Gesetz jeder Evangelisierung« (lex omnis evangelizationis), das die pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes so formuliert: die Verkündigung des geoffenbarten Wortes »müsse so angepaßt« (accomodata) sein, dass jedes Volk auf seine Weise die Botschaft Christi aussagen und der Austausch zwischen der Kirche und den verschiedenen Kulturen stattfinden kann (GS 44). Das Konzil, so unser Zwischenergebnis, führt den Evangelisierungsbegriff ein und versteht darunter der Sache nach eine kontextuelle Erst- und Neuevangelisierung.

Das Paradigma der Evangelisierung und seine Entfaltung

Nach dem Konzil fand das neue Paradigma der Evangelisierung eine ausdrückliche Entfaltung durch Papst Paul VI., der im Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi (1975) Evangelisierung eng mit Entwicklung und Befreiung verknüpfte (EN 31). Dabei wird Evangelisierung als vielschichtige und dynamische Wirklichkeit begriffen, die zur Identität der Kirche gehört, denn »sie ist da, um zu evangelisieren « (EN 14), was nicht nur Individuen gelte, sondern auch Kulturen. Was die Methoden angeht, weist das Schreiben dem »Zeugnis des Lebens« (EN 21, 41, 76) und der »ausdrücklichen Verkündigung« (EN 22, 42–44) eine vorrangige Bedeutung zu. Evangelisierung wird als Prozess von fünf Stufen beschrieben (EN 21–24). Am Anfang steht das Zeugnis des gelebten Glaubens, dem das »Wort des Lebens« folgt, die ausdrückliche Verkündigung Jesu Christi (Kerygma, Predigt, Katechese). Darauf folgen die Phasen der »Zustimmung des Herzens« und des Beitritts zur kirchlichen sakramentalen Gemeinschaft. Die letzte Stufe besteht darin, dass der oder die Evangelisierte nun ihrerseits das Empfangene weitergeben. Dieses Schema haben die deutschen Bischöfe in ihrem Dokument Zeit zur Aussaat über das missionarisch Kirchesein (2000) übernommen. Evangelii nuntiandi schließt an das doppelte Verständnis des Konzils an, wenn es als Adressaten sowohl die Nichtchristen nennt als auch die nichtpraktizierenden Christen, die eine »erneute Verkündigung an die entchristlichte Welt« (EN 52) erforderlich machen.

An diesem weltkirchlich vorgegebenen Stichwort der Evangelisierung haben sich in der Folgezeit zahlreiche Ortskirchen im Hinblick auf ihre jeweiligen Kontexte orientiert. So hat der lateinamerikanische Episkopat auf seinen Generalversammlungen in Puebla (1979) und in Santo Domingo (1992) die Evangelisierung auf dem Kontinent in den Mittelpunkt gestellt und angesichts der sozialen Lage ausdrücklich für eine »befreiende Evangelisierung« (Puebla Nr. 480–490) plädiert. In Santo Domingo votierte er für eine »neue Evangelisierung «, bei der die »Förderung des Menschen« (promoción humana) einbezogen wird und damit Themen wie Menschenrechte, Ökologie, Verarmung, Arbeit, Mobilität, Demokratie, Wirtschaftsordnung, Familie und Lebensschutz, die mithin integraler Bestandteil jeder Evangelisierung sind. Einen anderen Weg beschritten die europäischen Bischöfe, die in den 80er Jahren den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) als Plattform nutzten, um unter Leitung des englischen Kardinals Basil Hume auf zwei Symposien (1982 und 1985) die Frage der Evangelisierung in einem säkularisierten Europa zu studieren.

Für Prof. Michael Sievernich SJ bedarf es angesichts der spätmodernen Kultur einer inkulturierenden Evangelisierung.
FOTO: SIEVERNICH

Die Enzyklika »Redemptoris Missio«

Auch Papst Johannes Paul II. hat seit seinem Amtsantritt 1979 großen Anteil an der Entwicklung des Schlüsselbegriffs der Evangelisierung, insbesondere der Neuevangelisierung. Bei der Lektüre seiner großen Missionsenzyklika Redemptoris missio (1990) fällt die doppelte missionarische Aufgabenstellung auf. Angesichts der Zeitenwenden und geweiteten Horizonte müsse die Kirche zu neuen Ufern aufbrechen, »sei es in ihrer Erstmission ad gentes, sei es in der Neuevangelisierung von Völkern, die die Botschaft von Christus schon erhalten haben« (RMi 30). Doch darüber hinaus präzisiert eine dreigliedrige Typologie die Adressaten der Evangelisierung: 1) die »eigentliche Mission ad gentes«, das heißt an Völker, Menschengruppen oder sozio-kulturelle Zusammenhänge, in denen Christus und sein Evangelium nicht bekannt sind; 2) die »Seelsorgetätigkeit der Kirche « an christliche Gemeinden, die solide Strukturen besitzen und durch ihr Zeugnis ausstrahlen; 3) die »neue Evangelisierung« oder »Wieder-Evangelisierung« in Ländern mit alter christlicher Tradition, in denen ganze Gruppen von Getauften den Glauben und den Kontakt zur Kirche verloren haben (RMi 33). Damit erhält die Kategorie der Evangelisierung einen übergreifenden Charakter, der die alten Begriffe der Mission unter Andersgläubigen und der Seelsorge an Gläubigen und an Fernstehenden oder Abständigen umfasst.

Die Debatte um die Neuevangelisierung, die der damalige Basler Bischof und heutige Kurienkardinal Kurt Koch nachgezeichnet hat (Koch 1993), ist nun in ein neues Stadium getreten. Führte die dritte Generalversammlung der Bischofsynode zur Evangelisierung zum Dokument Evangelii nuntiandi (1975), so dürfte die dreizehnte Generalversammlung der Synode quadragesimo anno zu einem postsynodalen Dokument über die Neuevangelisierung führen. Darauf kann man gespannt sein.

»Evangelisierung« – Umschreibungen

Zur Vorbereitung der Bischofssynode 2012 zum Thema Neue Evangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens sind am 2. Februar 2011 umfangreiche Lineamenta erschienen, die in drei Kapitel gegliedert sind: 1) Die Zeit der »neuen Evangelisierung«; 2) Das Evangelium Jesus Christi verkünden und 3) Zur christlichen Erfahrung hinführen.

Das Dokument knüpft im wesentlichen an die einschlägigen lehramtlichen Texte seit dem Konzil an und verfolgt deren Grundlinien weiter, nicht ohne eigene Akzente zu setzen. So gibt das erste Kapitel dem Kontext der heutigen Zeit Raum und umkreist die Frage einer Definition. Eher abgrenzend betont der Text, dass mit der »neuen Evangelisierung« keine Re-Evangelisierung und kein Proselytismus gemeint sei und dass man auch keine Agnostiker abschrecken wolle. Das positiv Gemeinte wird freilich nicht definitorisch, sondern umschreibend benannt. Es gehe um »Erneuerung der Kirche « angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen, es handele sich um ein »Synonym für den geistlichen Aufbruch des Glaubenslebens in den Ortskirchen«, um eine »relecture der Erinnerung des Glaubens«. Im Kern gehe es darum, die Gottesfrage zu stellen (Nr. 5). Evangelisierung umfasst aber auch die Heiligung des Einzelnen und den Aufbau der Kirche, die Verkündigung und eine Antwort auf die Zeichen der Zeit; sie versteht sich als »Synonym für Mission«, welche die Fähigkeit erfordere, Grenzen zu überschreiten und Horizonte zu erweitern (Nr. 10). Die definitorische Unschärfe bietet den Vorteil, dass die Lineamenta ein ganzes Spektrum eröffnen und es der Synode selbst überlassen, Neuevangelisierung so auf den Begriff zu bringen, dass das Neue spirituell und operativ aufleuchtet.

Adressaten der Neuevangelisierung

Ein breites Spektrum öffnet sich ebenfalls bei den Adressaten, zu denen praktizierende Christen gezählt werden, aber auch Gottessucher und Agnostiker. Dafür wählt das Dokument eine räumliche Metapher und spricht des öfteren vom »Vorhof der Heiden« (Nr. 5, 9, 21), zum Beispiel hinsichtlich der neuen Medien. Das Bild ist vom Jerusalemer Tempel abgeleitet, der einen Vorhof der Heiden kannte, der aber scharf von den für Juden zugänglichen Vorhöfen abgetrennt war, wobei die Überschreitung der Grenze mit der Todesstrafe bedroht war. Wenn dieser Hof nun als Bild Räume der christlich- heidnischen Begegnung bezeichnen soll, dann stellen sich mehrere Fragen: Wird diese Metapher jenen zusagen, die nur in die Vorhöfe eingeladen werden? Wollen sie »Heiden« genannt werden? Wird damit nicht eine ethnozentrische Differenz zementiert? Sicher, der Vorhof der Heiden war im historischen Tempel ein Ort der Evangelisierung (Apg 5,42), aber neutestamentlich wird Jesus selbst zum lebendigen Tempel (Joh 2,21), wie auch diejenigen, die ihm glaubend folgen (1 Kor 3,16). Daher geht es doch gerade um die personale Begegnung mit Jesus Christus (vgl. Nr. 11) und seiner Gemeinde, zumal der Geist Gottes auch über Heiden ausgegossen wird (vgl. Apg 10,45).

Soziale und kulturelle Kontexte

Ausführlich geht das Dokument auf den sozialen und kulturellen Kontext im Wandel der Gegenwart ein, der einen »mutigen Stil« verlange und in sechs Szenarien beschrieben wird, darunter Migration und Medien, Wirtschaft und Wissenschaft sowie Politik (Nr. 6). Besondere Betonung aber erfährt an erster Stelle das kulturelle Szenario der »Säkularisierung « in der westlichen Welt, die sich mit leisen Tönen eingeschlichen habe. Sie wird antagonistisch beschrieben, als Transzendenzverlust, »Kultur der Relativierung « und »Kult des Individuums« mit vorherrschender hedonistischer und konsumistischer Mentalität, was zu geistlicher Atrophie, Leere des Herzens und vagem Spiritualismus führe. Hier wäre eine differenziertere Sicht von Säkularisierung am Platz, wie sie etwa der amerikanische Soziologe José Casanova leistet, sowie eine neue Positionierung des Christentums in einem »säkularen Zeitalter«, die exemplarisch Charles Taylor beschreibt. Zu Recht machen die Lineamenta darauf aufmerksam, dass weder Identifizierung mit der späten Moderne noch Abschottung von ihr der Weg sein kann. In der Tat kommt es auf die Verhandlung von christlicher und säkularer Position im Sinn einer Interkulturalität an, für die Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. seit langem eintritt.

Eine »inkulturierende Evangelisierung«

Nur zu unterstreichen sind die rahmenden Aussagen über die Rolle des Heiligen Geistes (Nr. 3, 23), die außerkirchlich im Hinblick auf die »Heiden« und innerkirchlich auf die Charismen Einzelner weitergeführt zu werden verdiente. In diesem Sinn geht es wesentlich um eine neue spirituelle Evangelisierung, die das Wehen des Geistes wahrnimmt. Einen Schwerpunkt legt das Vorbereitungsdokument auf die drei als »evangelisatorischer Prozess« (Nr. 18) verstandenen Initiationssakramente, deren Abfolge bei Erwachsenen- und Kindertaufe auseinanderklafft. Im Hinblick auf die Jugendlichen wäre es ein großer Schritt, wenn die Synode auf eine Sicht der Firmung als begleitendes und stärkendes Sakrament an einer Lebenswende hinwirkte und diese mit einer ausdrücklichen Gabe und Aufgabe zur Evangelisierung verknüpfte. So geht es auch umeine biographische Evangelisierung in verschiedenen Lebensaltern. DesWeiteren würde man sich eine angemessene und überzeugende Darstellung der spätmodernen Kultur mit ihren Licht- und Schattenseiten wünschen. Angesichts dieser Kultur bedarf es also einer inkulturierenden Evangelisierung, zumal es auch die Hilfe wahrzunehmen gilt, »welche die Kirche von der heutigenWelt erfährt« (Gaudium et spes Nr. 44).

Die Lineamenta stellen eine Ideensammlung, aber keine gerundete Synthese aus einem Guss dar. Eine solche wird Aufgabe der Bischofssynode sein, deren inhaltliche Bestimmung der neuen Evangelisierung drei Bezüge stärker herausarbeiten sollte: zum Wirken des Heiligen Geistes, zur Biographie der Personen und zum Kontext unserer Kultur.

MICHAEL SIEVERNICH SJ
Priester und Ordensmann, Theologe, Professor em. für Pastoraltheologie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

LITERATUR

- George Augustin / Klaus Krämer (Hrsg.): Mission als Herausforderung. Impulse zur Neuevangelisierung. Freiburg im Br.: Herder, 2011 (Theologie im Dialog, 6).
- Charles Taylor: Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt 2009.
- Christoph Böttigheimer: Europa und die Neuevangelisierung, in: Stimmen der Zeit 217 (1999) 683 –695.
- Kurt Koch: Neuevangelisierung im Missionskontinent Europa, in: Joachim Müller (Hrsg.), Neuevangelisierung Europas. Chancen und Versuchungen, Freiburg Schweiz 1993, 111–148.
- Neue Evangelisierung, Förderung des Menschen, Christliche Kultur. Schlußdokument der IV. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Santo Domingo. Bonn 1992 (Stimmen der Weltkirche, 34).
- Rat der europäischen Bischofskonferenzen (CCEE): Die europäischen Bischöfe und die Neu-Evangelisierung Europas. Bonn / St. Gallen 1991 (Stimmen der Weltkirche, 32).
- Johannes Paul II.: Enzyklika Redemptoris missio über die fortdauernde Gültigkeit des missionarischen Auftrages. Bonn 1990 (Verlautb. des Apostolischen Stuhls, 100).
- Die Evangelisierung in der Gegenwart und Zukunft Lateinamerikas. Dokument der III. Generalkonferenz des lateinamerikanischen Episkopats in Puebla. Bonn 1979 (Stimmen der Weltkirche, 8).
- Paul VI.: Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi über die Evangelisierung in der Welt von heute. Bonn 1975 (Verlautb. des Apostolischen Stuhls, 2).

Gratis-Ausgaben

Ich möchte Forum Weltkirche mit 2 Gratis-Ausgaben kennen lernen.

/ Bestellen bei HerderShop24