Neue Evangelisierung »Neues wagen, Solidarität leben ... corner

»Neues wagen, Solidarität leben und mutig Antworten suchen!«

Interview mit Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, Vorsitzender der DBK, über die Frage der Neuevangelisierung

von NORBERT KÖSSMEIER

Angesichts der bevorstehenden Weltbischofssynode zum Thema Neuevangelisierung hat Forum Weltkirche das folgende Interview mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz geführt. Für Erzbischof Dr. Robert Zollitsch bietet die bevorstehende Weltbischofssynode die Möglichkeit, sich als Weltkirche auf einen Lernprozess einzulassen, um angesichts der vielfältigen Herausforderungen einer sich schnell verändernden Welt Antworten zu finden, die es Menschen ermöglichen, die Relevanz des Glaubens für ihr eigenes Leben und für die Gesellschaft neu zu entdecken. Es gilt, noch mehr eine Kirche zu werden, die in Wort und Tat glaubwürdig Zeugnis gibt von der froh- und freimachenden Botschaft des Evangeliums.

Erzbischof Rino Fisichella leitet den Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung.
FOTO: KNA-BILD

Herr Erzbischof Dr. Zollitsch, Papst Benedikt XVI. hat für den 7. Oktober diesen Jahres eine Weltbischofssynode zum Thema »Neuevangelisierung für die Weitergabe des Glaubens« einberufen. Was sind die Hintergründe, dass Papst Benedikt XVI. diese Weltbischofssynode einberufen hat?

Auf allen Kontinenten erleben wir – wenn auch in ganz unterschiedlicher Weise – radikale Veränderungen der Ausgangs- und Rahmenbedingungen für den christlichen Glauben. In weiten Teilen der Welt beobachten wir, wie kirchliche Traditionen hinterfragt und der christliche Glaube nicht mehr als selbstverständlich wahrgenommen werden. Säkularisierung und Individualisierung sind schillernde Schlagworte unserer Zeit. Gleichzeitig gilt es, die Bedeutung der Globalisierung im Blick zu haben: Gegenseitiger Austausch über Nationen, Grenzen und Kontinente hinweg, wird immer einfacher und alltäglicher. Gerade die digitale Welt bietet enorme Möglichkeiten in diesem Bereich. Diese Entwicklungen wollen sensibel wahrgenommen werden und sind nicht pauschal als eine Bedrohung für die Kirche und den Glauben zu sehen, sondern vielmehr als Kairos –als einen günstigen Zeitpunkt, den wir nutzen können und auch sollten, um möglichst viele Menschen zum Glauben an Jesus Christus zu führen. Wir müssen uns den Herausforderungen und Fragen stellen und immer wieder neu darüber nachdenken, wie wir den christlichen Glauben an die nächsten Generationen weitergeben. Was können wir tun, um eine lebendige Beziehung zwischen den Menschen und Jesus Christus zu ermöglichen, um mitten in den Anforderungen des Alltags Orte und Gelegenheiten zu schaffen, Gott zu erfahren? Dies ist eine Herausforderung – aber auch eine Chance. Evangelisierung ist die ureigenste Aufgabe und Sendung der Kirche.

»Mit der Neuevangelisierung sollen Antworten gefunden werden auf die großen Herausforderungen in einer sich schnell verändernden Welt«, sagt der Generalsekretär der Bischofssynode, Erzbischof Nikola Eterovic. Worin liegen Ihrer Meinung nach die großen Herausforderungen, denen sich die Kirche weltweit, insbesondere aber auch in Deutschland zu stellen hat?

In einer freien und offenen Gesellschaft, die immer weniger gemeinsame Traditionen und verbindliche Konventionen kennt, sind die Menschen in besonderer Weise gefordert, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, Entscheidungen zu fällen und aus der Vielzahl von Lebensentwürfen auszuwählen. Dies gilt auch für den Bereich des Religiösen. Es gibt heute so etwas, wie einen »Markt der Spiritualitäten«. Und als Kirche sind wir ein Teil davon. Deshalb besteht eine große Herausforderung darin, dass es uns gelingt, die Fragen der Menschen mit der Botschaft des Evangeliums so in Verbindung zu bringen, dass sie die Schönheit des christlichen Glaubens – wie es Papst Benedikt gerne formuliert – entdecken und Freude, Kraft, Orientierung und Zuversicht aus der Beziehung zu Jesus Christus gewinnen. Es gilt, den Menschen die Relevanz des Glaubens für ihr eigenes Leben neu aufzuzeigen.

Welche Erwartungen oder auch Hoffnungen verbinden Sie mit dieser Synode?

Eine erste wichtige und wertvolle Erfahrung ist es, zu erleben, dass Neuevangelisierung nicht alleinige Aufgabe der Kirche in Deutschland ist. Jede Ortskirche setzt sich auf ihre Art damit auseinander und sucht nach Wegen. Sich darüber auszutauschen und voneinander zu lernen, ist eine Hoffnung von mir. So wird Weltkirche bereichernd erlebbar, und wir profitieren von der Internationalität.

Die so genannten »Lineamenta« – ein erstes Arbeitspapier zur Vorbereitung der Bischofssynode – liefern verschiedene Beschreibungen oder auch Definitionen für den Begriff »Evangelisierung«: Evangelisierung wird umschrieben als Haltung, als geistliches Tun, als Bemühen um Erneuerung oder auch als geistlicher Aufbruch des Glaubenslebens in den Ortskirchen; und es wird eine enge Verbindung zwischen Evangelisierung und der Weitergabe des Glaubens beschrieben. Was verbinden Sie mit dem Begriff »Evangelisierung«?

Wer evangelisieren will, tut gut daran, zunächst bei sich selbst zu beginnen, das heißt: mit der Heiligen Schrift leben, aus dem Wort Gottes Orientierung und Zuversicht gewinnen, um so immer besser den Weg der Nachfolge Jesu zu gehen. Je authentischer unser Leben und Wirken als Christen ist, desto neugieriger werden andere, desto überzeugender werden wir sein. Wer sich am Evangelium ausrichtet – und darin liegt ja die Wurzel für den Evangelisierungsprozess –, der lässt seinen Glauben nicht im Privaten oder hebt sich sein Christ-Sein nicht für Sonntag auf. Stellen Sie sich zwei Verliebte vor. Man erlebt die zwei selten glücklicher und erfüllter. In ähnlicher Form ist es auch im Glauben: Wer von Christus ergriffen ist, handelt, so gut wie er kann, in dessen Sinn und trägt diese Freude an andere weiter. Damit wird deutlich: Evangelisierung ist nicht zuerst eine Methode oder Strategie, sondern ein durch und durch geistliches Tun, das zu einem Aufbruch im Glaubensleben der Ortskirchen führen will. Für mich ist genau das Evangelisierung: Sich selbst von der Liebe Jesu ergreifen lassen, um dann Zeugnis zu geben von diesem Glauben und ihn in die Gesellschaft weiterzutragen. Oder um es mit einem Wort des Apostels Paulus zu sagen: »Mit dem Herzen glauben und mit dem Mund bekennen.«

Während der Pressekonferenz zur Veröffentlichung der »Lineamenta« betonte der Generalsekretär der Bischofssynode, Erzbischof Nikola Eterovic: »Denn die ganze Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch. Sie existiert, um zu evangelisieren. Um diese Aufgabe in angemessener Weise zu erfüllen, beginnt die Kirche damit, sich selbst zu evangelisieren.« Wie würden Sie den Weg der Selbstevangelisierung der deutschen Ortskirche beschreiben?

Verstärkt auf Gottes Wort und auch aufeinander hören. Diesem Anliegen will auch der geistliche Dialogprozess, den wir im letzten Jahr begonnen haben, dienen. Es geht darum, sensibel zu werden für das, was Gott uns hier und heute sagen will – durch sein Wort wie auch durch die Zeichen der Zeit. So suchen wir nach Möglichkeiten, wie die Kirche Menschen neu gewinnen oder noch stärker für den Glauben an Jesus Christus aufschließen kann. Auch der Katholikentag im Mai in Mannheim ist dafür ein wichtiger Meilenstein. Bei allem braucht es immer wieder die Unterbrechung durch das Gebet, die Stille und die Zeit zur Besinnung, um über den eigenen Horizont hinauszublicken und offen zu werden für Gottes Weg und Willen.

Nach Ansicht von Erzbischof Zollitsch hat sich die Neuevangelisierung den Herausforderungen der heutigen Gesellschaft zu stellen. Dazu gehört auch, eine Kirche zu sein, die solidarisch mit den Menschen ist, weil Gott mit diesen solidarisch ist. Das Foto zeigt einen Obdachlosen, der sich im Regen unter dem Dach des Frankfurter Kichenladens in eine Decke gehüllt hat und schläft.
FOTO: KNA-BILD

Das Thema »Neuevangelisierung« ist nicht wirklich neu. Bereits 1979 hat Papst Johannes Paul II. erstmals von der Neuevangelisierung der Kirchen der westlichen Welt gesprochen. In verschiedenen Predigten und Ansprachen hat er das Thema in der Folgezeit immer wieder angesprochen. Seine Enzyklika »Redemptoris Missio« von 1990 sowie die so genannte Europasynode im Jahr 1991 haben sich ausführlich mit dem Thema befasst. Was ist das Neue an der jetzigen Initiative im Vergleich zu früheren Dokumenten oder auch Synoden, die sich mit dem Thema »Neuevangelisierung« auseinandergesetzt haben?

Neuevangelisierung bezieht sich in erster Linie auf Menschen, die schon von Christus gehört, aber die Begeisterung verloren oder nie richtig gefunden haben. Sie möchte den christlichen Glauben stärken oder wiederbeleben – im Sinne einer spirituellen Auffrischungskur. Gerade vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, in der zwar viele Menschen getauft, aber zunehmend nicht mehr christlich sozialisiert sind, kam der Gedanke der Neuevangelisierung verstärkt in den Blick. Denn ist es mit dem Glauben nicht ähnlich wie mit mathematischen Formeln: Wenn ich sie über längere Zeit nicht anwende, wenn sie nicht meinen Alltag prägen, geraten sie in Vergessenheit und ich weiß nicht mehr so recht, etwas damit anzufangen? Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben die Päpste, beginnend mit der Enzyklika ›Evangelii nuntiandi‹ von Papst Paul VI., immer wieder die Wichtigkeit der Neuevangelisierung betont. Die jetzige Initiative weist noch stärker auf die weltweite Bedeutung hin. Sie lädt uns ein, uns als Weltkirche gemeinsam auf einen Lernprozess einzulassen.

Im September 2010 hat Papst Benedikt XVI. ein neues Dikasterium gegründet, den Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung. Sie selbst sind im Januar 2011 als Mitglied in diesen Rat berufen worden. Mit der Berufung des Theologen Thomas Söding, des Generalsekretärs des Bonifatiuswerkes, Georg Austen, und des Freiburger Priesters Achim Buckenmaier als Berater des Rates sind weitere Vertreter der deutschen Kirche in die Arbeit des Rates eingebunden. Welche Erfahrungen und Impulse kann die deutsche Ortskirche in die Arbeit und Beratung des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung einbringen?

Wir haben Erfahrungen einzubringen angesichts Entwicklungen wie die der Säkularisierung, die anderen Ländern erst noch bevorstehen. Gerade die neuen geistlichen Gemeinschaften geben in dieser Situation ein beeindruckendes Zeugnis und sind in vielem kreative Pioniere und spirituelle Vordenker, was die Neuevangelisierung in unserem Land betrifft. Ebenso wichtig ist die hohe Zahl Ehrenamtlicher, die sich in ganz unterschiedlichen Bereichen und auf vielfältige Weise für die Verkündigung der Frohen Botschaft einsetzen. Ich erinnere etwa auch an die zahlreichen guten Erfahrungen mit Glaubenskursen und Exerzitien im Alltag. Bewundernswert ist ebenso das christliche Leben in den Neuen Bundesländern, das auch Papst Benedikt bei seinem Besuch in Erfurt im letzten Jahr würdigte. In weiten Teilen sind dort Christen in einer radikalen Minderheit. Sie sind in viel stärkerer Weise gefordert, das Feuer des Glaubens wach zu halten und in einer Umgebung zu artikulieren, der in 40 Jahren kommunistischer Diktatur viele unserer in Westdeutschland gewohnten christlichen Formen und Traditionen fremd geworden sind. Sie können uns Vorbild und Ansporn sein, Sauerteig der Liebe in säkularer Gesellschaft zu sein. Wer mit offenen Augen unterwegs ist, der kann in ganz Deutschland viele spannende geistliche Aufbrüche entdecken, die neue Wege in der Verkündigung des Glaubens gehen. All dies werde ich zur Bischofssynode im Oktober mitnehmen.

Für Erzbischof Dr. Robert Zollitsch ist der Dialogprozess ein wichtiger Beitrag für die Selbstevangelisierung der deutschen Kirche.
FOTO: KNA-BILD

Wenn man sich die Liste der vom Papst ernannten Berater anschaut, fällt auf, dass mit Msgr. Fernando Ocariz, Generalvikar von Opus Dei, Kiko Arguello, Mitbegründer des Neokatechumenats, Fr. Julian Carron, Präsident der Fraternität »Communio e Liberazione « sowie Maria Voce, Präsidentin der Fokolar- Bewegung, international agierende geistliche Gemeinschaften und Bewegungen in die Arbeit dieses Päpstlichen Rates eingebunden sind. Welche Rolle kommt ihnen im Kontext der Neuevangelisierung zu?

Die kirchlichen Bewegungen und neuen geistlichen Gemeinschaften leben bereits heute eine wichtige Zukunftsgestalt von Christsein. Weil wir immer weniger eine Kirche sind, der sich getaufte Frauen und Männer gleichsam von Geburt an, aufgrund der Prägung und Frömmigkeit ihrer Herkunftsfamilie zugehörig fühlen, wird es künftig entscheidend auf Christinnen und Christen ankommen, die ihre Taufe und Firmung als Berufung begreifen und aus ihrer gläubigen Verbundenheit mit Jesus Christus heraus durch ihr Leben und Wort Zeugnis geben. Und der Rückhalt in einer geistlichen Gemeinschaft hilft, zu einer christlichen Lebensgestaltung in Alltag, Familie, Beruf und in vielen anderen Bezügen zu finden.

Die enge Verbindung zwischen Evangelisierung und der Weitergabe des Glaubens wird nicht nur im Thema der Synode und in den »Lineamenta« beschrieben, sondern von Papst Benedikt XVI. auch dadurch zum Ausdruck gebracht, dass er zum 11. Oktober 2012, dem 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils und dem 20. Geburtstag des Katechismus der Katholischen Kirche, ein »Jahr des Glaubens« ausgerufen hat. Zu diesem Zeitpunkt tagt auch die Weltbischofssynode zum Thema »Neuevangelisierung«. Was ist Ihrer Meinung nach die Zielsetzung dieser verschiedenen Initiativen? Was wird am Ende dieses Prozesses der Neuevangelisierung stehen?

An der Vielzahl der aufgezählten Initiativen wird deutlich, dass die Weltbischofssynode eingebettet ist in das umfangreiche Bemühen der Kirche, sich dessen zu besinnen, wovon sie lebt: aus der Beziehung zu Gott, aus der lebendigen Begegnung mit Jesus Christus. Und wenn ich von der Kirche spreche, dann meine ich damit jede und jeden einzelnen von uns Christen. Es ist also eine Frage unserer Zeit, wie wir unseren Glauben leben und in die Welt von heute ›hineinbuchstabieren‹. Ich bin deshalb Papst Benedikt dankbar, dass er diesen Prozess der Vergewisserung und Vertiefung für die ganze Kirche anregt, um die Ausstrahlungskraft von uns Christen zu verstärken.

Welche Impulse erhoffen Sie sich für die deutsche Ortskirche?

Ich hoffe, dass wir in Deutschland noch mehr eine Kirche werden, die in Wort und Tat glaubwürdig Zeugnis gibt von der froh- und freimachenden Botschaft des Evangeliums. Eine Kirche, die solidarisch ist mit den Menschen, weil Gott mit ihnen solidarisch ist, die mutig auf die wichtigen Fragen der Zeit Antworten aus dem Glauben sucht und die bereit bleibt, Bewährtes zu bewahren und Neues zu wagen, um noch besser die Nachfolge Jesus Christi zu leben. Dann werden immer mehr Menschen spüren und erfahren, dass der christliche Glaube nicht einengt und von gestern ist, sondern unser Leben und Zusammenleben menschlicher, reicher und wertvoller macht.

Herr Erzbischof Dr. Zollitsch, haben Sie herzlichen Dank für das Interview!

NORBERT KÖSSMEIER

INFO-TIPP:

Der Text der so genannten Lineamenta – ein erstes Vorbereitungsdokument für die Synode – findet sich im Internet auf der Homepage des Vatikans: Link

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