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Auf dem Weg zur Erneuerung der Kirche

Herausforderungen einer missionarischen Pastoral in heutiger Gesellschaft

von HUBERTUS SCHÖNEMANN

Angesichts der aktuellen weltkirchlichen Debatte um eine Neue Evangelisierung erhebt sich die Frage nach deren Verhältnis zu den Prozessen, die in Deutschland spätestens in der Nachfolge des Papiers »Zeit zur Aussaat. Missionarisch Kirche sein« der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2000 in den Blick genommen werden. Die Grunderkenntnis beider ist: In gesellschaftlich sich rasch verändernder Zeit funktionieren die überkommenen Formen und Methoden kirchlichen Zeugnisses und pastoralen Handelns offenbar nicht mehr. »Missionarische Pastoral« wird so zum Paradigma der Transformation kirchlich-pastoralen Handelns in veränderter gesellschaftlicher Situation.

Im folgenden Beitrag befasst sich der Autor mit den Herausforderungen einer missionarischen Pastoral. Unter veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ermöglicht sie, den Glauben an die Nähe Gottes in erneuerten Formen zu leben und anzubieten. Dazu jedoch bedarf es umfassender Lernprozesse und letztlich missionarischer Grundhaltungen, die es einzuüben gilt.

Eine evangelisierende Kirche zu sein, verlangt die Bereitschaft zur Reflexion ihrer Diasporaexistenz als Chance des Zeugnisgebens.
FOTO: KNA-BILD

Nun ist es ja so: In jedem Transformationsprozess gibt es Kontinuität, die die Identität erhält, und Diskontinuität, die das Neue, das zu Lernende anzeigt. Es braucht eine Verständigungsleistung darüber, wie beides zu identifizieren und zu gestalten ist. Auch dieser Verständigungsprozess wird unter dem Paradigma »missionarische Pastoral« verstanden. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, versteht »eine missionarische, evangelisierende Kirche als orientierendes Paradigma für die zukünftige Entwicklung der Gestalt und des pastoralen Handelns der Kirche.«Dies betrifft fundamental sowohl den einzelnen Gläubigen, aber auch die Kirche in ihrem Selbstverständnis, in ihren Strukturen und ihrem Handeln.

Eine hörende, dienende und pilgernde Kirche

Derzeit zeigen sich jedoch unterschiedliche Möglichkeiten, diese Herausforderung der »erneuerten« Verkündigung des Evangeliums angesichts veränderter Gesellschaft umzudeuten: Manche propagieren »Weiter so wie bisher!« und praktizieren einen Rückzug in interne Plausibilitätsmuster und reden einer einseitig konfessionell-katholisch verstandenen Profilierung das Wort. Dabei besteht die Gefahr der Isolierung in einer Wagenburgmentalität und die Exkulturation aus der Gesellschaft. Eine »Ghetto-Kirche« jedoch gibt den Anspruch auf, das Evangelium Gottes (mit) den Menschen dieser Zeit zu verkünden, es sei denn, sie würden selbst Teil dieser erneuerungsresistenten partikularen Identität. Oft wird damit die Feststellung verbunden, Kirche sei von ihrem Wesen her schon immer missionarisch. Die Kirche hat sich jedoch nie darauf ausruhen können. Eine Mission heißt: eine Sendung zu haben, sie darf nicht nur verbal postuliert werden und verbleibt so seltsam gestaltlos. Diese Sendung muss sich vielmehr verleiblichen und in Diskursen und Prozessen materialisieren und gesellschaftlich und kulturell wirksam werden.

Andere verstehen Mission lediglich als einen äußerlichen Prozess des Marketing. Natürlich ist nicht von der Hand zu weisen: Öffentlichkeitsarbeit der Kirche kann in einer bestimmten Form missionarischen Charakter haben. Wenn jedoch das Innere der Kirche sich einer Umkehr im Sinne einer inneren Mission oder Selbstevangelisierung verweigert, werden Menschen sehr schnell das Auseinanderklaffen der Außendarstellung mit dem inneren Zustand der Kirche als Glaubensgemeinschaft entdecken. Schließlich zeigt sich derzeit auch eine Weise der Delegation des Missionarischen an bestimmte Berufsträger, die möglicherweise in exponierter Weise für den Kontakt mit Fernstehenden oder Nicht-Christen beauftragt sind.

Demgegenüber ist Mission als ein grundsätzlicher und gemeinschaftlicher Prozess des Lernens in den Blick zu rücken, der die ganze Kirche, den einzelnen Glaubenden und die Gemeinschaft der Zeugen in ihrer sakramentalen Dimension sowie die organisational und amtlich handelnde Kirche erfasst. Erzbischof Zollitsch fasst zusammen: »Eine neue Evangelisierung wird umso mehr gelingen, je mehr wir eine ›hörende, dienende und pilgernde Kirche‹ werden«.

Es geht bei einer Neuen Evangelisierung sowohl um theologische wie um pastoral-praktische Fragen. Fundamental scheint mir im Hintergrund das jeweilige Verständnis des Verhältnisses von Evangelium und Gesellschaft, von Kirche und Welt zu sein.

Zu hinterfragen sind (möglicherweise inoffizielle oder unbewusste) Motive und Zielsetzungen, angesichts vermehrter Kirchenaustritte die »Lücken« schließen und/oder angesichts des Schwunds kirchlichen Deutungsmonopols im Sinne gesellschaftlichen Einflusses und der Meinungsführerschaft diese wiedergewinnen zu wollen. Solches erscheint umso problematischer vor dem Hintergrund der als krisenhaft wahrgenommenen Phänomene in der Zeit gesellschaftlichen und damit auch kirchlichen Umbruchs. Diese Phänomene reichen vom Rückgang der Priester- und Gläubigenzahlen, dem langfristigen Rückgang der Finanzbasis bis hin zu zunehmenden Debatten über die religionsverfassungsrechtliche Position der Kirchen als Religionsgemeinschaften im öffentlichen Raum und den sich in der Vergangenheit entwickelten Rechts-, Finanz- und Partizipationspositionen.

Inwieweit der heutige Mensch der intensivierten Moderne religiös ansprechbar ist, verdeutlichen neue Formen der Pastoral und neue religiöse Angebote.
FOTO: KNA-BILD

In der Begegnung mit dem Anderen lernen

Die unerlässliche theologische Reflexion bezieht sich auf das Evangelium als Verleiblichung des Gnadenangebots Gottes und auf das Verhältnis des einzelnen Glaubenden als Zeuge dieses Evangeliums zur Kirche. Mancher Zeitgenosse bezeichnet sich gar als gläubiger Christ, ist jedoch nicht Mitglied einer Kirche. Die Rolle der Kirche als Zeichen und Werkzeug für das Heilsangebot Gottes kommt theologisch in den Blick, verbunden mit der Frage der Exklusivität einer societas perfecta, was das Gotteswissen und die Heilsvermittlung betrifft. Eine pilgernde Kirche ist selbst auf der Suche in Hoffnung auf Vollendung von Gott her. Missionarische Pastoral zielt auf eine Kirche, die sich nicht selbst ständig in den Mittelpunkt stellt, sondern über sich hinaus immer wieder auf Gott selbst verweist. So ist neu nach dem Verhältnis der Kirche als Religionsgemeinschaft und als größere Pastoralgemeinschaftzu fragen, die die Situation des Menschen und der Gesellschaft als »fremde theologische Orte« (nach Melchior Cano) in ihr Gotteszeugnis einbezieht. Dies führt zu dem Bemühen, in der Säkularität Spuren Gottes wahrzunehmen. Der Zeugendienst des Glaubenden und der Kirche besteht darin, Gottes Wirken beim Anderen unserer selbst durch unser eigenes Zeugnis für unsere Zeitgenossen in einem hermeneutischen Prozess des Übersetzens aufzuschließen oder im Sinne eines Hebammendienst zu »entbinden«. Das Evangelium in veränderter Kultur der Gegenwart neu zu buchstabieren, gewissermaßen »am Fremden« die Wahrheit Christi neu zu lernen, setzt eine geistliche Haltung voraus, »Gott zu suchen in allen Dingen, Menschen und Ereignissen«. Eine solche Evangelisierung geht von der Andersheit des Anderen als Chance einer neuer Rezeption des Evangeliums aus statt von einer Säkularität, die in kulturpessimistischer Weise als Defizienz des Religiösen und als Gottferne verstanden wird. Wenn die Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP), von den Deutschen Bischöfen bewusst in der von christlicher Diaspora geprägten Stadt Erfurt gegründet, u. a. mit empirischen Methoden der Sozialwissenschaft (Religionssoziologie, Religionswissenschaft im Rahmen der Weltanschauungsarbeit, Internetseelsorge als medientheologisches und -pädagogisches Lernen vom Umgang mit »dem« Medium der Gegenwart) wahrnimmt und analysiert, so bedeutet dies, dass die Kirche »am Anderen« lernen will, ihre Botschaft neu auszusagen, im Spannungsfeld von Tradition und menschlich-gesellschaftlicher Situation, den »Zeichen der Zeit« (Gaudium et spes 4).

Veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Eine evangelisierende Pastoral hat die veränderten Rahmenbedingungen für den Glauben in den Blick zu nehmen. Zum einen meint dies die zunehmende Individualität, die sich v.a. in der Autonomie neuzeitlicher Freiheit zeigt. Menschen leben den Glauben auf eine subjektorientierte autonome Art und Weise, mancher spricht von der Selbstkonfiguration des Glaubens Das Monopol der Kirche für Sinndeutung ist vergangen. Der Mensch fragt, was, wie und in welchen Bereichen der Lebensgestaltung ihm ein Glaube plausibel, verantwortet und auch dann und wann »nützlich« erscheint. Die Kirche wird in solcher Situation deutlicher den Mehrwert des christlichen Glaubens artikulieren, mehr noch, dieser muss in den Gemeinschaften und an den Menschen der Kirche auch erlebt werden. Von der Vererbung des Glaubens an die nächste Generation werden sie sich deutlicher zum attraktiven und glaubwürdigen Angebot bestimmter Haltungen und einer bestimmten Lebensführung verändern müssen.

Weitere Rahmenbedingung ist die zunehmende Differenzierung in der Gesellschaft, die sich in einer ebensolchen Differenzierung innerhalb der Kirche widerspiegelt. Es wird eine entscheidende Frage sein, wie pluralitätsfähig die Kirche ist, was ihr eigenes Inneres und die Pluralität von Gestaltungsformen menschlichen Lebens in der Gesellschaft von heute ausmacht? Die Segmentierung der Lebensbereiche mit funktioneller Differenzierung führt dazu, dass Religion für den Zeitgenossen oft nur partikulare Aufgaben wahrnimmt. Der Bezug zum Ganzen wird oft nicht gesehen. Es ist das moderne Paradox: Einerseits leiden Menschen an der funktionellen Differenzierung, bei der für bestimmte Teilbereiche menschlicher Lebensdeutung und -gestaltung punktuell oder phasenweise nach Religion gefragt wird. Sie suchen also nach Ganzheit und Integration der verschiedenen Teilbereiche menschlicher Lebenswahrnehmung. Auf der anderen Seite fragen sie kirchliche Dienstleistungen eben just auf diese partikulare Weise an (Dienstleistungspastoral). In dieser Spannung wird sich kirchliche Pastoral zukünftig bewähren müssen.

Christlicher Glaube braucht schließlich neue Anknüpfungspunkte: Auf welche Themen, Fragen, Probleme des heutigen Menschen korrespondiert der Glaube an den lebendigen Gott? Dies wird nicht in einem simplen Faktenwissen bestehen, indem Frage und Antwort wie Topf und Deckel einander entsprechen, sondern vielmehr in einem verdichteten Erfahrungsschatz und in elementarisiertem Deutungswissen. Es sind neu die Erfahrungen von Geschöpflichkeit trotz behaupteter und modern gefühlter Subjektautonomie, von Gelingen und Versagen, von unverdienter Annahme von Gott her ohne vorherige Leistung durchzubuchstabieren und mit Leben zu füllen.

In Deutschland kommt zu dieser Situationsanalyse der Gegenwart hinzu, dass sich christlicher Glaube im Plural zeigt, sich neben der katholischen Kirche die evangelischen Landeskirchen, Freikirchen und andere christliche Bezeugungsgestalten realisieren. Wenn es um die Gottesfrage und das Gotteszeugnis geht, sind die Hochreligionen ein noch unterschätzter Gesprächspartner, insbesondere der Islam. Die konfessionelle Situation ist in Deutschland immer noch sehr abhängig von der Geschichte der fürstlichen Territorien und der deutschen Teilung. So sind für den Bereich der so genannten alten Bundesrepublik in den katholisch geprägten Gebieten Süd- und Westdeutschlands viele Menschen formal Mitglieder der (katholischen) Kirche, es gibt jedoch auch viele, die dem aktiven Leben der Gemeinden (möglicherweise in treuer Weise) fern stehen oder nur zu bestimmten Anlässen Kontakt mit der verfassten Kirche suchen (Kasualienfromme), in jüngeren Generationen wächst auch die Zahl der Konfessionslosen. Hier ist im Gegensatz zu unhinterfragter Übernahme herkömmlicher Aktivitäts- und Partizipationsmodelle sicher eine Analyse der Motive fruchtbar, wie und warum Menschen eine bestimmte Nähe oder Distanz zur verfassten Kirche einnehmen und dennoch möglicherweise in solcher Weise ihre Gottesbeziehung gestalten. Hier gilt: Die Taufe und formale Mitgliedschaft in der Kirche ist nicht alleinige exklusive Garantie des Heils von Gott her. Neben glaubenden Nichtgetauften gibt es also auch getaufte Nicht-Glaubende.

In den neuen Ländern ist ein von manchen erhoffter Run auf die Kirchen nach der friedlichen politischen Revolution ausgeblieben. Den 15–20 Prozent Christen stehen 75 –80 Prozent Konfessionslose gegenüber, die sich weniger mit militant antikirchlichem Atheismus, sondern vielmehr von einer indifferenten Seite her zeigen. Wenn also »Diaspora« (griech: Zerstreuung) als Minderheitensituation nicht nur »katholische Diaspora « wie in Gebieten Norddeutschlands, sondern eine Grundbefindlichkeit der Christen meint, so zeigt dies zunächst einmal die neue Situation der Nicht-Selbstverständlichkeit eines christlichen Lebensentwurfs, der im Osten Deutschlands offen zu Tage tritt. Es geht nicht darum, zahlenmäßig die Menschen (allein) formal zu Christen zu machen, indem man sie tauft, möglichst noch in konfessioneller Konkurrenz, sondern vielmehr darum, wie Diasporaexistenz (Ausstreuung) im Sinne des Ausstreuens des Samens des Evangeliums (nach Mk 4 mit der Gestalt des Sämanns) als eine neue und chancenhafte Situation des Zeugnisgebens vom Evangelium verstanden werden kann. Möglicherweise ist unsere Zeit auch keine Zeit des Erntens, sondern des Säens (Leo Karrer).

Hubertus Schönemann, Leiter von KAMP, sieht in der Frage der Neuevangelisierung letztlich die Herausforderung, sich als Kirche missionarische Grundhaltungen anzueignen, zu denen auch neue Formen von ehrlicher und wertschätzender Kooperation und Kommunikation zählen.
FOTO: KAMP

Grundhaltungen des Missionarischen

Das Gesagte macht deutlich, dass es weniger um eine filigrane »Strategie«, sondern um eine von Veränderungs- und Lernbereitschaft geprägte Erneuerung der Kirche und ihrer Mitglieder geht, die alle Besserwisserei, Bevormundung und »Belehrung« hinter sich lässt. Eine solche evangelisierende Kirche benötigt nach innen und nach außen neue Formen von ehrlicher und wertschätzender Kooperation und Kommunikation. Es ist eine Kirche, die sich nicht in milieuverengte Vereinsmentalität mit ihresgleichen zurückzieht, sondern sich für die Menschen dieser Gesellschaft, für ihre Erfahrungen, ihr Suchen und Fragen öffnet und Räume der Reflexion und der Auseinandersetzung in Anlehnung an das vom kirchlichen Glauben Gewusste anbietet. Sie wird im Bewusstsein, dass mir im Gast Christus selbst begegnet (Benedikt von Nursia), eine gastfreundliche Kirche und im Sinne Alfred Delps eine hingehende Kirche sein: »Geht hinaus, hat der Meister gesagt und nicht: Setzt euch hin und wartet bis einer kommt.« Eine solche missionarische Kirche wird in ihren Gläubigen eine kritische Zeitgenossenschaft einüben, die einerseits das Evangelium als Bestätigung der Heilszusage im Indikativ verkündigt (Gott ist jetzt bereits mit Dir!), und die andererseits das Herausrufen, sich in neuer christlicher Existenz von Gott umgestalten zu lassen, als konstruktiv-kritischen Akzent vorträgt. Christen einer evangelisierenden Kirche kultivieren Offenheit und Dialogbereitschaft. Sie sind bereit und in der Lage, mit Bescheidenheit das zu sagen, was sie von Gott verstanden haben, wie sie ihr Leben als Geschichte mit Gott deuten. Die Kirche ist dann die Gemeinschaft derer, die eine neue von Gott gestaltete Welt erhoffen, die deren Zeichen und anfanghafte Wirklichkeit in dieser Zeit suchen und die bereit sind, sich jetzt schon in ihrem Bereich dafür zu engagieren und diese neue Welt paradigmatisch-symbolisch zu antizipieren. Der Glaube an den lebendigen Gott kann nur dort gelernt werden, wo er glaubwürdig gelebt und bezeugt wird, in authentischen und lebendigen Gemeinschaftsformen des Glaubens.

Notwendige Veränderungen einer evangelisierenden Kirche

Derzeit zeichnen sich einige Themenbereiche ab, in denen sich die notwendige Veränderung besonders deutlich vollzieht. Die Anerkennung der Berufung der Getauften als Grundberufung zum Volk Gottes führt zu einem neuen Miteinander der Getauften und der verschiedenen Dienste und Ämter. Diese Taufwürde als Berufung in Gottes Kirche ist ihrerseits umfangen von der Wahrnehmung der schöpfungsgemäßen Würde eines jeden Menschen vor Gott. Es gibt also schlechterdings keinen Gott-losen, mit dem sich ein Gespräch über die je eigene Erfahrung Gottes a priori nicht führen ließe. Unterschiedliche Grade der Zugehörigkeit zur Kirche (wie bei den »treuen Kirchenfernen « oder »Kasualienfrommen«)haben sich möglicherweise nicht erst entwickelt, sondern bestanden schon immer, rücken jedoch derzeit neu ins Bewusstsein der Pastoral. Zugehörigkeit zur Kirche in unterschiedlicher Intensität und Abstufung führt zu neuen und differenzierten Formaten von Aktivität und Partizipation. Sie führt dazu, Kirche passager, Kirche auf Zeit, kurz: Kirche mehr als Ereignis des Geistes, weniger als Institution, wahrzunehmen und zu gestalten. Trotz der vorrangig selbstvergewissernden und -bestätigenden Funktion des Glaubens ist die Einladung zur Umkehr (metanoia) und zur grundsätzlichen und umfassenden Annahme des Glaubens in der Übergabe des Lebens als Antwort auf die Berufung durch Gott zu sehen. Dabei ist immer zu fragen, welches Aktivitäts- und Partizipationsmodell angezielt wird. Das Katholische Milieu des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ist vergangen, die aktivistisch-familiale Gemeindetheologie der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts steht kurz vor ihrem Ende.

In einer missionarischen Kirche entstehen neue Formate der Vergewisserung des Glaubens und des gegenseitigen Erzählens über die je eigenen personal-biografischen Erfahrungen mit Gott, weil alle im Glauben Suchenden auf dem Weg sind. Es entstehen Räume zur religiösen Kommunikation zwischen erwachsenen Menschen, ohne ihnen etwas überzustülpen. Es entwickelt sich eine Grammatik, die neu danach fragt, wie über die Erfahrung des Heiligen gesprochen und wie sie bezeugt werden kann. Es zeigt sich, dass Gottesdienste, die als gottvoll und erfahrungsgesättigt erlebt werden, großen Zuspruch haben. Biografieorientierte spirituelle Erfahrungen werden nachgefragt und gesucht: Exerzitien im Alltag, teilnehmerorientierte Glaubenskurse, neue Gemeinschaften, ein erfahrungsbezogener Umgang mit der Heiligen Schrift, wie er in der Methode des Bibelteilens oder der lectio divina (Geistliche Schriftlektüre) zum Ausdruck kommt. Das Feld der City- und Passantenpastoral, der Klöster und der Tourismusseelsorge, das Pilgern und Erfahrungen in kulturellen Feldern wie Musik, Kunst und Erschließung sakraler Räume als Ausdrucksformen des Religiösen zeigen, dass und in welcher Weise der Mensch der intensivierten Moderne religiös ansprechbar und sprachfähig ist. Letztlich geht es darum weiterzusagen, »was für mich selbst geistlicher Lebensreichtum geworden ist. Und ›Evangelisieren‹ meint: Dies auf die Quelle zurückführen, die diesen Reichtum immer neu speist; auf das Evangelium, letztlich auf Jesus Christus selbst und meine Lebensgemeinschaft mit ihm«. Ob es (in) der Kirche in Deutschland gelingt, Räume zu eröffnen, in denen Gott wirken kann, und mit einem personalen Angebot von glaubwürdig erlebten Christen den Glauben an die Nähe Gottes in Jesus Christus in erneuerten Formen zu leben und anzubieten, damit steht und fällt das »Projekt« einer Neuen Evangelisierung.

HUBERTUS SCHÖNEMANN
Theologe, Leiter der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP), Erfurt

INFO-TIPP

Die Katholische Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP), eine Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz, bietet im Internet zahlreiche Informationen zum Thema Evangelisierung und missionarische Pastoral an. Zudem bietet sie das Magazin für missionarische Pastoral – Euangel – an, das als PDF-Datei kostenlos abgerufen werden kann. Die Internetadresse lautet: http://www.kamp-erfurt.de

ANMERKUNGEN

1 Zollitsch, Robert, Pressestatement anlässlich des Abschlusses der Vollversammlung des päpstlichen Rates für die Neuevangelisierung in Rom am 1.6.2011 (Quelle: www.dbk.de).
2 Zollitsch, a. a. O.
3 Vgl. Sander, Hans-Joachim, Nicht ausweichen. Die prekäre Lage der Kirche, Würzburg 2002.
4 Zollitsch, a. a. O.
5 Das II. Vatikanum macht in Lumen Gentium 14 diese Spannung zwischen formaler äußerer Angehörigkeit und innerer Anteilnahme deutlich, dass »nicht gerettet wird …, wer, obwohl der Kirche eingegliedert, in der Liebe nicht verharrt und im Schoße der Kirche zwar ›dem Leibe‹, aber nicht ›dem Herzen‹ nach verbleibt.«
6 Vgl. Först, J./Kügler, J. (Hrsg.), Die unbekannte Mehrheit. Mit Taufe, Trauung und Bestattung durchs Leben? Münster 22010.
7 Nach Lumen Gentium 14 sind die Katechumenen durch ihre Willensäußerung und ihr Begehren auf die Kirche hingeordnet, auch wenn sie ihr noch nicht formaliter eingegliedert sind (vgl. can. 206 CIC).
8 Bischof Dr. Joachim Wanke, Brief eines ostdeutschen Bischofs, in: Die deutschen Bischöfe, Zeit zur Aussaat. Missionarisch Kirche sein, Bonn 2000, 37.

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