Konfliktregion Ost-Kongo Vergessen von der Weltgemeinschaft! corner

Vergessen von der Weltgemeinschaft!

Interview mit François-Xavier Maroy Rusengo – katholischer Erzbischof von Bukavu – über die Situation im Osten der DR Kongo

von MATTHIAS VOGT, NORBERT KÖßMEIER

Aktuell erschüttern erneut Berichte über Gewalt und die Flucht von Hunderttausenden im Osten der DR Kongo die Weltöffentlichkeit. Eine neu entstandene Rebellenorganisation mit Namen »M23«, die sich anscheinend vor allem aus ehemaligen Militärangehörigen rekrutiert, hat die leidgeprüfte Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Der Osten des Kongo ist seit vielen Jahren schon das Zentrum nicht endender blutiger Auseinandersetzungen zwischen Rebellenorganisationen, Milizen, bewaffneten Banditen, Polizei und Militär. François- Xavier Maroy Rusengo, seit 2006 katholischer Erzbischof in Bukavu, erläutert im folgenden Interview die äußerst schwierige Situation dieser Krisenregion. Häufig ist die Kirche der einzige Zufluchtsort für die zwischen allen Fronten stehende Zivilbevölkerung. Der internationalen Gemeinschaft wirft der mutige Erzbischof Halbherzigkeit und Versagen vor, diese Konflikte wirklich beenden zu wollen. Dieses Interview ist geführt worden, bevor die neue Rebellenbewegung »M23« erneut blutige Konflikte hervorgerufen hat.

Flüchtlingsströme im Osten des Kongo aufgrund der erneuten brutalen Gewalt, hervorgerufen durch eine neue Rebellenorganisation mit Namen »M23«. Das Foto ist am 24. Juli in der Nähe von Goma entstanden.
FOTO: KNA-BILD

Erzbischof François-Xavier Maroy Rusengo, wie beurteilen Sie die gegenwärtige politische Situation in der Region Kivu, vor allem die Sicherheitslage?

Wie Sie wissen, haben die Kampfhandlungen dieses seit vielen Jahren andauernden Konfliktes im Osten der Demokratischen Republik Kongo speziell in den Provinzen Süd-Kivu und Nord-Kivu begonnen. Die beiden Provinzen grenzen an Ruanda, Burundi und Uganda an. Nicht alle Menschen, die nach dem Völkermord in Ruanda in den Osten des Kongos geflohen waren, sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Bis heute leben Flüchtlinge, Völkermörder und ruandische Milizen in unserer Region und treiben ihr Unwesen. Hinzu kommen kongolesische Milizen, bewaffnete Gruppen und Banditen. All dies ist der Grund dafür, dass es immer noch Vergewaltigungen und Plünderungen gibt. Menschen werden ermordet, ganze Dörfer niedergebrannt, Straßen sind unpassierbar. Und die kongolesischen Banditen, bewaffnete Gruppen und Rebellen können vielleicht sogar davon profitieren, weil es diese ruandische Präsenz hier immer noch gibt. Immerhin kann ich sagen, dass die Gewalt in den vergangenen fünf Jahren ganz langsam zurückgegangen ist. Aber man kann nicht behaupten, dass der Kivu, besonders der Süd-Kivu den Frieden gefunden hat, den man sich erhofft hatte.

Welche Rolle spielt die Kirche in dieser Situation?

Wir haben uns in all den Jahren um die Bevölkerung gekümmert. Daher haben wir versucht, so schnell wie möglich auch wieder all unsere Pfarreien zu öffnen, um nah bei den Menschen sein zu können. Hier, im Bistum Bukavu, gibt es noch eine Pfarrei, die geschlossen ist, weil sie sich in einer Gegend befindet, in der die ruandische Präsenz sehr stark war. Dort ist die Sicherheitslage noch sehr prekär. Im Bistum Uvira gibt es noch zwei geschlossene Pfarreien. Eine Pfarrei war von den ruandischen Flüchtlingen quasi in Beschlag genommen, eine andere Pfarrei hat viel Grauen erleben müssen in den Hochebenen bei den Banyamulenge. Die Priester setzen sich für die leidgeprüfte Bevölkerung ein. Die bischöfliche Kommission »Gerechtigkeit und Frieden« (CPJ) ist sehr engagiert, der traumatisierten Bevölkerung zur Seite zu stehen, sich um sie zu kümmern.

Warum ist die Kirche immer wieder zur Zielscheibe von Rebellen und anderen bewaffneten Gruppen geworden? Viele Priester sind verschleppt oder gar getötet worden, auch Ordensfrauen und Laien. Was könnte der Grund dafür sein?

Einige Priester hatten sich offen gegen die Gewalt ausgesprochen und sind so zur Zielscheibe der Rebellen geworden. Heute leben sie im Exil und können aufgrund dieser Probleme nicht so leicht in ihre Bistümer zurückkehren. Sie sind namentlich bekannt und werden vielleicht sogar von jenen verfolgt, die Gewalt schüren. Zudem ist die Kirche immer wieder zum Ziel von Vergeltungsmaßnahmen und Racheakten geworden. Kirchen wurden angegriffen, weil sie Orte der Zuflucht für die einheimische Bevölkerung waren. Natürlich ist die Kirche hier in Bukavu auch zur Zielscheibe geworden, weil der damalige Erzbischof Munzihirwa die Einmischung des Auslands im Osten des Kongos verurteilt und denunziert hatte.

Ohne Perspektiven, ohne Einkommen, von Gewalt bedroht: Menschen im Osten der DR Kongo. Das Foto zeigt eine Frau mit einem Kind und Brennholz auf dem Rücken.
FOTO: MISSIO/BETTINA FILTNER

Trifft dies bis heute zu, denn Erzbischof Munzihirwa wurde bereits 1996 ermordet?

Das Volk will den Frieden, will Sicherheit und die Einheit des Volkes. Es wendet sich gegen die ausländischen Agitatoren, gegen die ausländische Aggression, gegen Bürger- und Stammeskriege. Die Kirche als Sprachrohr dieser Anliegen des Volkes kommt somit in Konflikt mit den Interessen derjenigen, die Konflikte zwischen den Völkern schüren, um daraus ihren Profit zu ziehen. Ich selbst bin seit 2006 Erzbischof der Diözese Bukavu. Mein Bemühen ist es, diese Arbeit der Kirche fortzuführen, sich auf die Seite der Menschen zu stellen, die schon zuviel Leid erfahren mussten. Jene, die damit nicht einverstanden sind, werden uns nie mögen.

Welche Rolle spielt der Erzabbau für die hiesigen Konflikte?

Wir als Kirche hatten die Frage des Erzabbaus hervorgehoben, da die Minen und Gruben vor allem in jenen Gegenden liegen, in denen es viele Vergewaltigungen, viele Morde gibt, in denen es eine hohe Präsenz von ausländischen Kräften gibt. Durch unsere Analyse haben wir herausgefunden, dass es einen Zusammenhang gibt, zwischen der Gewalt auf der einen Seite und dem illegalen Abbau auf der anderen Seite. Die Betreiber illegaler Minen wollen unbeobachtet bleiben. Wie aber soll dies geschehen, wenn ringsherum Menschen in ihren Dörfern leben? Angriffe auf die Zivilbevölkerung und Vergewaltigungen von Frauen haben verstärkt in diesen Regionen stattgefunden. Die Bevölkerung ist deshalb geflohen. Somit konnten die Aggressoren unbeobachtet die Erze abbauen und illegal exportieren. Mit Hilfe dieser Rohstoffe finanzieren sich die bewaffneten Gruppen. Die Kirche hat auf nationaler Ebene die CERN (Commission épiscopale des ressources naturelles) ins Leben gerufen. Das ist eine Kommission, die es uns erlaubt, alle Informationen über Bergbauverträge landesweit zu erhalten, die Entwicklungen im Bergbau wahrzunehmen und zu verfolgen. CERN hat hier in Bukavu ein Büro. Sie gehört der Gerechtigkeits- und Friedenskommission der Kirche an. Die kirchlichen Erklärungen in dieser Frage sind klar und deutlich. Sie hat sich eindeutig gegen den illegalen Abbau von Rohstoffen, von Mineralien ausgesprochen. Die Betreiber illegaler Minen haben bisher immer Wege gefunden, die illegal abgebauten Erze zu exportieren. Immerhin haben wir zusammen mit dem Senat der Vereinigten Staaten von Amerika erreicht, dass ein Gesetz gegen den Import von illegal abgebauten Erzen verabschiedet worden ist.

Heißt das also, dass sexuelle Gewalt auch eine Methode ist, um die Bevölkerung von den Bergbaustätten zu vertreiben?

Ja, zum großen Teil ist das so. Der Arzt unseres hiesigen Krankenhauses macht in diesem Zusammenhang auf einen weiteren schrecklichen Aspekt aufmerksam: viele der Vergewaltiger sind HIV-positiv. Die Opfer sind demnach nicht nur verletzt und traumatisiert, sondern häufig auch mit dem HI-Virus infiziert worden. Es scheint, als ob dies eine bewusste Strategie der Aggressoren ist.

Einschüchtern lässt er sich nicht, obwohl bereits auf ihn geschossen worden ist: Erzbischof Maroy aus Bukavu. FOTO: MISSIO/BETTINA FILTNER

Was erwarten Sie von ausländischen Regierungen in der Frage der Erzvorkommen? Was erwarten Sie als Vertreter der katholischen Kirche von anderen Regierungen und auch von europäischen Unternehmen?

Wir haben bereits unseren Schwesterkirchen gedankt für ihr Engagement. Wir haben in den USA, in Frankreich, Deutschland, Belgien, in der Schweiz, in Spanien und vielen anderen Ländern die Möglichkeit gehabt, unseren Dank auszusprechen für das Engagement unserer Schwesterkirchen, für ihr Plädoyer bei den Regierungen ihrer Länder. Das ist eine gute Sache. Was ich von den Regierungen erwarte? Wenn sie unserem Land wirklich helfen wollten, dann dürften keine Waffen mehr an all jene Länder geliefert werden, aus denen diejenigen stammen, die hier im Kongo Gewalt verüben. Der Kongo unterliegt einem Waffenembargo, aber die Nachbarländer wie Uganda und Ruanda, die den Kongo ausbeuten, unterliegen keinem Embargo. Das ist nicht korrekt. Das ist eine verkehrte Welt, die der Situation nicht gerecht wird. Ähnliches gilt für die Erzvorkommen: wie ist es möglich, dass Länder, die keine Erzvorkommen haben, als Verkäufer von Erzen auftreten können? Unternehmen, die diese Erze kaufen, tun so, als ob es legal abgebaute Erze seien, obwohl die Verkäuferländer über keine eigenen Vorkommen verfügen. Deshalb müsste man auch den Kauf dieser Bodenschätze mit einem Embargo belegen. Drittens sollte im Kongo investiert werden und legale Abkommen mit der kongolesischen Regierung geschlossen werden, so dass auf legale Weise der Abbau und auch der Export der Erze geschehen kann.

Was bedeutet dies für Unternehmen, die auf diese Erze angewiesen sind?

Wir leben in einem Hochtechnologiezeitalter. Diese Rohstoffe werden gebraucht. Es ist nicht verkehrt, moderne Kommunikationsmittel zu produzieren. Ein jeder braucht Mobiltelefone. Und jeder auch Computer. Raketen fliegen zu Forschungszwecken ins All. Man kann nicht behaupten, dass die technischen Entwicklungen weltweit schlecht sind. Nicht gut ist aber zu wissen, dass diese Erze mitunter mit dem Blut der einheimischen Bevölkerung erkauft sind. Wenn man weiß, dass man Coltan verwendet oder kauft, wofür eine ganze Dorfgemeinschaft niedergemetzelt worden ist, dann sollte dies doch zum Nachdenken anregen und dazu führen, dass diese Art des Einkaufs eingestellt wird. Und wir wollen, dass alles auf legale Weise geschieht. Die Güter der Erde, die Gott in Fülle hier im Kongo angehäuft hat, sind nicht nur für die Kongolesen, sondern für die ganze Menschheit bestimmt. Und ich denke, wenn das vernünftig und legal verwendet wird, und in einer Weise, die der Menschheit dienen soll, dann gibt es keinen Grund, dagegen zu sein.

Soldaten und Polizisten sollen das Volk in der Konfliktregion vor Gewalt und Verbrechen schützen. Immer wieder kommt es jedoch vor, dass sie selbst die Täter sind. Schlechte Bezahlung beziehungsweise ausbleibender Sold ist einer der Gründe dafür.
FOTO: MISSIO/HARTMUT SCHWARZBACH

Was sollte im Kongo passieren oder getan werden, damit Frauen und Familien eine friedlichere, sicherere Zukunft haben können?

Ich habe bereits die Behörden und die Werke, die uns helfen wollen, gebeten, die Investitionen im Kongo zu intensivieren. Wenn man im Kongo investiert, schafft man Arbeitsplätze. Dadurch entwickelt man das Land. Dadurch wiederum, das heißt indem man die Menschen beschäftigt, bekämpft man das Banditentum, man bekämpft die Traumata, weil die Betroffenen beschäftigt sind. Sie können sich nützlich machen für die ganze Gesellschaft und bekommen neue Perspektiven. Dies wäre sicherlich die beste Methode, um zu helfen. Investitionen sind notwendig im Bereich des Straßenbaus. Sobald der Straßenverkehr problemlos funktioniert, investieren wir in Ackerbau, Viehzucht und Fischfang. Diese vier Bereiche könnten fast die ganze Bevölkerung innerhalb kurzer Zeit in Beschäftigung bringen. Und die Potenziale sind da. Wir müssen nicht warten, bis Fabriken gebaut werden für Gold, für Diamanten, für Kupfer oder für Zinnoxid. Wenn wir schnell handeln wollen, dann sind der Straßenbau, der Ackerbau, Viehzucht und Fischfang Bereiche, in denen es sehr einfach ist, die Bevölkerung im Gebiet der Großen Seen wieder in Beschäftigung zu bringen.

Die Lösung läge also vor allem in der wirtschaftlichen Entwicklung?

Ja, das wäre ein sehr vielversprechender Weg im Kampf gegen das Übel, das wir hier haben. Und ich denke, dass wir in diesem Bereich Potenziale haben und dass jene, die investieren wollen, wenn sie denn kommen, uns sehr helfen würden.

Viele mögliche Investoren warten aber darauf, dass wieder Sicherheit einkehrt, ehe sie investieren …

Ja, sie warten auf Sicherheit, ehe sie investieren. Ich glaube, was die Sicherheit angeht, so gibt es, wie schon gesagt, die Präsenz von Ausländern im Kongo, die weiterhin ihr Unwesen treiben, sowie ganz gewiss kongolesische Banditen und Rebellengruppen, die in die Konflikte verwickelt sind. Also: Auf Sicherheit warten, solange man weiß, dass es weiterhin den Waffenhandel gibt, dass es weiterhin die Vergewaltiger gibt, die ungeschoren bleiben …? Ich denke, es wäre gut, etwas zu riskieren und zu investieren. Wenn die Investoren selbst nicht präsent sein wollen, gibt es die Möglichkeit, mit der Kirche zusammenzuarbeiten, die sich bereits hinreichend an die Arbeit gemacht hat.

Sie erwähnen die Straflosigkeit von Verbrechen. Was ist dagegen zu tun?

Ich denke, Einsatz und Ausbildung der Polizei in der Region sind grundsätzlich eine gute Sache, um dem Verbrechen den Kampf anzusagen. Aber man muss auch an die korrekte Entlohnung der Polizisten denken. Denn manchmal säen sie selber Unsicherheit und Gewalt: sie sind bewaffnet, ausgehungert, sie müssen sich etwas zum Überleben suchen; dann benutzen sie die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel, das heißt ihre Waffen. Immer wieder kommt es vor, dass Polizei und Militär die eigene Bevölkerung erpressen, weil sie ausgehungert sind. Aber wie sollen sie entlohnt werden, wenn andererseits jegliche Produktion brach liegt, die Wirtschaft am Boden liegt, wenn es keine Einnahmen gibt? Das andere Problem ist das Justizwesen selbst. Es muss dringend verbessert werden. Es ist ein ungerechtes System. Unsere Richter und Anwälte, das ganze System sind nicht gerade beispielhaft für eine funktionierende Justiz.

Was heißt das?

Gehen Sie doch in unser Gefängnis: Sehr viele Menschen sitzen im Gefängnis wegen Vergehen, die nicht wirklich Straftaten sind. Sehr viele Gefangene sitzen Monate oder gar Jahre im Gefängnis, ohne dass ihr Fall vor Gericht verhandelt wurde, ohne dass es je ein Urteil gegeben hätte. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die Verbrechen begangen haben, die verhört werden, deren Aussagen man Glauben schenkt, obwohl man weiß, dass ihre Aussagen nicht der Wahrheit entsprechen. Sie werden von der Polizei oder der Armee frei gelassen. Und das nur, weil diese Personen genügend Geld haben, um Juristen gut zu bezahlen. Jene, die eigentlich im Gefängnis sitzen sollten, tun dies nicht. Das ist unsere Realität! Und wenn wir uns die Situation in unseren Gefängnissen anschauen, müssen wir sagen, dass dort unmenschliche Bedingungen herrschen. Wenn Menschen schuldig gesprochen worden sind, sollten sie die Chance auf Resozialisierung haben. Dazu bedarf es aber menschenwürdiger Bedingungen, damit sie erfahren, dass sie als Menschen ernst genommen werden. Dies trifft auf unsere Gefängnisse nicht zu.

Gottesdienstteilnehmer in Bukavu. Für viele Menschen ist in der Konfliktregion Ost-Kongo die Kirche Zufluchtsort und Hoffnung zugleich. FOTO: MISSIO/BETTINA FILTNER

Auf welche Weise engagiert sich das Erzbistum Bukavu in diesem Zusammenhang?

Unser Engagement ist sehr umfassend. Zum einen setzen wir uns für Menschen ein, die gar nicht die Gerichtskosten tragen könnten, um zu ihrem Recht zu kommen. Wir stellen uns hinter die Armen, übernehmen ihre Gerichtskosten, um ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen. Andererseits agiert die Kommission »Gerechtigkeit und Frieden« auf dem grassroot-level und versucht mit Hilfe der Basisgemeinschaften, Konflikte zu lösen und Menschen miteinander zu versöhnen. Bei schwierigen Fällen laden wir alle Beteiligten in unser CJP-Büro hier in Bukavu ein. In diesem Zusammenhang tun wir sehr viel. Opfer von Verbrechen lassen wir nicht allein, sondern betreuen sie intensiv. Ebenso kümmern wir uns um die Menschen im Gefängnis. Insbesondere wenn sie zu Unrecht im Gefängnis sitzen, versuchen wir alles, um ihre Freilassung zu erlangen. Unsere Gefängnisseelsorge ist sehr aktiv. Sowohl Ordensgemeinschaften als auch Basisgemeinschaften sind bemüht, die Gefangenen mit dem Notwendigsten, sprich Nahrung oder Medizin zu versorgen.

Kommen wir zurück zur Situation der Flüchtlinge. Sie haben gesagt, dass viele Menschen ihre Dörfer verlassen müssen, weil sie sonst den Tod, ihre Vergewaltigung oder anderes riskieren müssten. Wo lassen sie sich dann nieder? Fern von ihrer Heimat? Wann können sie in ihre Heimatdörfer zurückkehren? Wer steht ihnen auf ihrer Flucht zur Seite?

Auf der einen Seite steht ihnen die CJP Bukavu und Uvira, aber auch die Caritas zur Seite, um sie mit dem Notwendigsten zu versorgen, um sie in ihrer Not zu begleiten und ihnen Hilfe zukommen zu lassen. Zum Teil sind ganze Dörfer niedergebrannt oder geplündert worden, und die Flüchtlinge – wir sprechen hier von Vertriebenen – haben nichts mehr, was sie hätten retten oder mitnehmen können.

Auf der anderen Seite beobachten wir eine stark ausgeprägte Geschwisterlichkeit unter der Bevölkerung. Bei uns geht man nicht in Camps. Wir fassen keine Höfe oder Fußballfelder ins Auge, um zu sagen: Baut Zelte und Flüchtlingslager! Nein, die Vertriebenen betreten lediglich die Häuser von Nachbarn, Bekannten, die Häuser von Personen, die sie aufnehmen und die schweren Lebensbedingungen mit ihnen teilen. Hier in Bukavu gibt es viele, die vom Land geflohen sind. Sie sind sehr zahlreich.

Ausländische Beobachter tun sich schwer, diese Situation auch wahrzunehmen. Es spielt sich sozusagen eine unsichtbare Tragödie ab. Nehmen wir das Beispiel Bukavu: Die Stadt ist innerhalb von zehn Jahren von 500.000 Einwohnern auf über eine Million angewachsen. Und trotzdem finden sie keine Flüchtlingscamps oder Zeltstädte. Die Vertriebenen bauen, nachdem sie bei Familienangehörigen, Verwandten, Freunden oder Bekannten Aufnahme gefunden haben, ein Zimmer neben dem anderen; irgendwo bauen sie sich ein kleines Häuschen, sogar an Orten, die fürs Bauen nicht geeignet sind, denn sie sind gezwungen, sich irgendwie niederzulassen. Sozusagen im Verborgenen geschieht die Versorgung mit Nahrungsmitteln, der Schulbesuch der Kinder. Das sieht man alles nicht. Probleme mit Unterernährung treten auf, denn die Familien sind nicht mehr in der Lage, alle zu ernähren, all das zu bezahlen, was sie im Alltag benötigen. Der Schulbesuch der Kinder wird abgebrochen, weil einfach das Geld fehlt. Unsere Straßen sind aufgrund dieses Phänomens voll von Kindern, die die Schulausbildung abgebrochen haben. Für Einheimische ist das überaus sichtbar. Aber jemand, der von außen kommt, kann es nicht sofort erkennen, weil es in der Tat keine großen weißen Zelte gibt, die irgendwo aufgestellt worden sind. Und dennoch befinden sich die Menschen in einer sehr schweren Notlage.

Vielleicht ist dies das Problem, weshalb die Weltöffentlichkeit diese Situation nicht wahrnimmt. Hätten wir hier riesige Flüchtlingslager, die gut sichtbar wären, dann würden wir vielleicht von der Weltgemeinschaft nicht vergessen!

Erzbischof Maroy, herzlichen Dank für das Gespräch!

MATTHIAS VOGT
Referent der Auslandsabteilung von missio Aachen;

NORBERT KÖßMEIER
Forum Weltkirche

Gratis-Ausgaben

Ich möchte Forum Weltkirche mit 2 Gratis-Ausgaben kennen lernen.

/ Bestellen bei HerderShop24