Konfliktregion Ost-Kongo Zwischen Trauma und Hoffnung corner

Zwischen Trauma und Hoffnung

Das Engagement der katholischen Kirche für traumatisierte Bürgerkriegsopfer

von JÖRG NOWAK

Die Demokratische Republik Kongo ist – laut Human Development Index der Vereinten Nationen – das ärmste Land der Welt. Gleichzeitig ereignen sich hier seit 1996 die blutigsten Konflikte seit dem Zweiten Weltkrieg. Besonders Frauen und Familien leiden unter der unglaublichen Brutalität. Die Traumazentren der katholischen Kirche im Osten des Kongo sind Anlaufstelle und Hoffnung für die Opfer.

Die Sozialarbeiterin Therese Mapenzi Mema zeigt im Traumazentrum in Bukavu Aufklärungskalender über sexuelle Gewalt.
FOTO: MISSIO/BETTINA FILTNER

Die ersten Sequenzen des Filmes könnten von Rosamunde Pilcher stammen, jener britischen Schriftstellerin, deren so leichte wie seichte Romane vom ZDF erfolgreich verfilmt wurden. Zu sehen ist eine idyllische englische Landschaft mit einem romantischen Haus und weitläufigem Garten. Ein junges Mädchen in weißem Kleid pflückt Blumen im Garten, die ältere Schwester kommt gerade von der Schule und telefoniert lächelnd mit ihrem Handy. Während der Vater das Auto wäscht, sieht man die Mutter in der Küche.

Dann spürt der Zuschauer die drohende Gefahr, die aus demHinterhalt die Idylle attackiert. Soldaten sind in dem kurzen Film mit dem Titel »The unwatchable« zu sehen, den bereits Zehntausende im Internet angeklickt haben. Denn die weitere Handlung basiert auf der wahren Geschichte einer kongolesische Familienmutter, die erlitten hat, was hunderttausende Mädchen und Mütter in ihrem Land erleiden mussten und bis heute erleiden. Gewaltexzesse und brutalste Vergewaltigungen.

Ein Team von renommierten Filmproduzenten und Schauspielern hat den Überfall auf ein kongolesisches Dorf nachgestellt und in die heile Welt einer europäischen Kleinstadt verlegt. So sieht es also aus, wenn Zivilisten wehrlos bewaffneten Kämpfern ausgeliefert sind. Es ist ein Horrorfilm, der sich so ereignet hat. Nur an einem anderen Ort. Die Schauspielerin Angela Dixon erklärte, sie habe in dem Film mitgespielt, damit endlich die Gewalt im Kongo aufhöre. Sie spielt die Rolle des Opfers, um wachzurütteln. Es ist ein Hilfeschrei. Ein Hilfeschrei der Menschen im Kongo. Und es ist ein Hilfeschrei der Ohnmacht.

Eine Frau, die die Ohnmacht in Tatkraft gewandelt hat, ist Therese Mema. Die 30-jährige Afrikanerin lebt in Bukavu im Osten der Demokratischen Republik Kongo mit ihrem Mann und ihren drei Kindern. Sie lebt in jener Region, die so wunderschön und so brandgefährlich ist. Allzu selten kann sie den Blick von der Stadt Bukavu auf den Kivu-See genießen. Nicht ohne Grund heißt diese Region die »Riviera am Kongo«. Am Ufer sieht man an den grünen Hängen einzelne Häuser. Im Jahre 1901 wurde die Stadt gegründet und zuerst nach dem belgischen Kolonialherren Costermans benannt. Während der bis 1960 dauernden Kolonialzeit war Bukavu ein bei europäischen Diplomaten beliebter Ort. »Dort hinten in den Bergen leben Gorillas«, erklärt Therese Mema«. Doch dahin wagt sich niemand. Nicht wegen der wilden Tiere, sondern wegen der Rebellen. In der Stadt Bukavu selber kann sich die Bevölkerung zurzeit relativ sicher fühlen.

In dem katholischen Büro für »Gerechtigkeit und Frieden« arbeitet Therese Mema für Familien in Not, die außerhalb der Stadt in den Dörfern am Rande der Berge leben. Dort sind die Menschen ihres Lebens nicht mehr sicher. Da gibt es ruandische Rebellen, die Mai- Mai-Kämpfer und die kongolesischen Regierungssoldaten. Sie kämpfen gegeneinander und gleichzeitig haben sie einen gemeinsamen Feind: die Zivilbevölkerung. »Sie plündern und vergewaltigen«, berichtet Therese Mema. Die Opfer sind Familien, Mütter, Kinder und Väter.

Für Frauen gilt das Land als der gefährlichste Ort der Welt. Stunde für Stunde werden 48 Frauen missbraucht. Die Vereinten Nationen bezeichnen den Kongo als das Zentrum der Vergewaltigungen. »Im August 2009 haben wir begonnen, in den Pfarreien mit Hilfe von missio sogenannte Traumazentren aufzubauen «, erläutert Therese Mema. Hier finden die Familien Zuflucht und Hilfe. Wie zum Beispiel die junge Kongolesin Vumilia Immaculee.

Ein Plakat am Straßenrand erklärt, dass sexuelle Gewalt ein Verbrechen ist und geahndet wird.
FOTO: MISSIO/BETTINA FILTNER

Krieg gegen Familien

»Ich hatte mich gerade zum Schlafen gelegt, als die Soldaten auf unser Grundstück stürmten«, erzählt die traumatisierte Frau. »Mein Mann floh aus unserem Haus.« Therese hört schockiert zu. Die Bewaffneten verschleppten die wehrlose Frau in ihr Lager mitten im Busch. »Sie nahmen das Radio, welches sie meiner Familie gestohlen hatten, und schalteten die Musik an. Ich musste für sie tanzen. Dann vergewaltigten sie mich«, erzählt sie unter Tränen.

Vom Traumazentrum aus begleitet Therese Mema die betroffenen Frauen wie Vumilia Immaculee in das Panzi Krankenhaus in Bukavu. Das 1999 errichtete Hospital hat traurige Bekanntheit erreicht, weil es sich auf die Behandlung der zahllosen Vergewaltigungsopfer spezialisiert hat. »Bei einem Mädchen waren die Verletzungen so schwer«, erinnert sich Therese Mema, »dass das Kind trotz mehrerer Operationen nie wieder richtig zur Toilette gehen kann. Sie wird ihr Leben lang Windeln tragen müssen«.

Stündlich werden schwer verletzte Vergewaltigungsopfer in das Krankenhaus gebracht. Tag für Tag müssen zehn weitere Frauen behandelt werden. Vumilia Immaculee, deren Name sich mit »die Unbefleckte« übersetzen lässt, erhielt die notwendige medizinische Hilfe. Nach ihrer Entlassung konnte sie wieder nach Hause. »Mein Mann hieß mich nicht willkommen. Ich war schwanger… ob von ihm oder dem Rebellen, ich weiß es nicht.«

Es sind vielfach die seelischen Verletzungen unter denen die Opfer besonders leiden. »Als mein Sohn geboren wurde, beschimpfte mein Mann das Kind und mich«. Therese Mema versucht zu vermitteln, will die Familie wieder zusammenbringen. »Aber er will einfach nicht zuhören«, erkennt die engagierte Seelsorgerin enttäuscht. Doch sie weiß, sie muss weiter Vumilia Immaculee helfen, weil sie sonst niemanden hat.

»Bei Therese kann ich mir alles von der Seele reden, sie hilft mir, diese schrecklichen Zeiten irgendwie zu überstehen«, sagt Vumilia Immaculee. »Ich bin sehr arm. Ich habe nicht einmal Geld für Kleidung für meinen Sohn und für Seife. Die Sachen bekommen wir glücklicherweise im Traumazentrum der katholischen Kirche. Ohne die materielle Hilfe und ohne die seelsorgerische Unterstützung wäre sie verloren. Und manchmal hofft sie doch noch, dass ihr Mann das Kind annimmt. »Ich träume davon, dass wir wieder wie eine normale Familie zusammen leben.«

»Ihr müsst zusammenhalten«

Bislang konnten 16 Traumazentren in der gefährdeten Region um Bukavu durch das katholische Büro für »Gerechtigkeit und Frieden« errichtet werden. Die Koordination dieser Organisation liegt in den Händen von Priester Justin Nkunzi. Meist sind die Zentren in den Gemeinden angesiedelt, wo der jeweilige Priester Räume zur Verfügung stellt. »In den vier von missio unterstützten Traumazentren konnten wir bislang rund 500 Menschen direkt helfen«, berichtet Priester Justin.

Therese erinnert sich noch, wie eine junge Frau und ein Mann in das Traumazentrum kamen. Sie hatten sich gerade verlobt, planten voller Hoffnung ihre Hochzeit. Dann überfielen Rebellen ihr Dorf. Sie verloren alles. Sie kamen mit dem nackten Leben davon. Aber die Hochzeit wurde abgesagt, weil – so bestimmten die Eltern – ihr Sohn Chini Mushiji keine Vergewaltigte heiraten könne. Das sei eine Schande. Seine Verlobte Ni Mushengeji Namoni war verzweifelt. In dem Moment als das junge Paar die Unterstützung ihrer Familien am stärksten benötigte, ernteten sie nur Verachtung. »Ihr müsst zusammenhalten«, ermutigte Therese Mema die beiden. Es war ein langer Prozess, die seelischen Wunden zu heilen und sich dem Willen der Familie zu widersetzen. Inzwischen leben die beiden gemeinsam in einer bescheidenen Hütte mit ihren kleinen Kindern. »Irgendwann wird es vielleicht das große Hochzeitsfest mit unseren Familien geben«, hoffen sie. Wenn die junge Familie fröhlich mit ihren Kindern spielt, dann verschwindet das Trauma des Krieges aus ihren Gedanken. Dann wächst der Glaube an eine friedliche Zukunft im Kongo.

Mitarbeiter des Centre d’ecoute, Zentrum für traumatisierte Menschen in Mulo im Ostkongo, (v.l.n.r.) Emmanuel Kaseneko, Leocadie Kabujaja Masika, Sozialarbeiterin, Anicet Kambale, Soziologe und Laborant, Hubert Mulekya Kavusa, Co-Direktor des Zentrums, Rendeza Kavira, Krankenschwester, Jacque Mumbere Mutengana, Psychologe.
FOTO: MISSIO/BETTINA FILTNER

Wer Frieden predigt, lebt gefährlich

Die Traumazentren sind eine von zahlreichen Aktivitäten für Frieden und Versöhnung der katholischen Kirche. Besonders Erzbischof François-Xavier Maroy gehört zu den mutigen Stimmen in der von Gewalt beherrschten Region im Osten Kongos. Beim heutigen Treffen mit dem Team von Priester Justin und Therese Mema besprechen sie die aktuelle Situation und wie sie mit Spenden aus Deutschland hoffen, auch zukünftig die Arbeit der Traumazentren fortführen zu können. Erzbischof Maroy sitzt an seinem Schreibtisch und zeigt auf das Fenster hinter sich. »Seht ihr da oben das Loch? Da schoss die Kugel durch und dann flog sie über meinen Kopf. Sie ist auf der anderen Seite in der Wand stecken geblieben. Ich habe den Schrank davor geschoben, damit ich nicht immer den Einschuss in der Wand sehe.« Rebellen hatten den Erzbischof im Visier, weil sie seine Friedensmission stoppen wollten. Seinen Vorgänger Erzbischof Christophe Munzihirwa hatten die Bewaffneten bereits auf offener Straße erschossen. Doch Erzbischof Maroy lässt sich nicht einschüchtern. Mit viel Gottvertrauen und einer Portion Humor geht er mit der Situation um. »Ich bin froh, dass ich nicht so hochgewachsen bin. Sonst würde die Kugel in meinem Kopf stecken.«

Unbeschreibliches Leid

Es kommen täglich neue Hilfesuchende in die Traumazentren. Inzwischen gibt es dort eine neue Herausforderung. »Wir haben erkannt, dass die Frauen um Hilfe bitten«, erläutert Therese Mema. »Aber die Männer verschweigen aus Scham, dass sie ebenfalls Opfer geworden sind.«

Gemeinsam mit der katholischen Ordensschwester Antoinette Elza Mirali kümmert sich Therese Mema um den 35-jährigen Familienvater Deognatiace Muzuka. Sie zeigen ihm ein Aufklärungsplakat. Zu sehen ist ein Mann. Gefesselt an einem Baum. Mit einem Knüppel schlagen die Soldaten ihm zwischen die Beine. »Ja, sie haben mich auch vergewaltigt. Mit einem Holzstock«, bricht es aus ihm heraus. »Ich werde nie mehr Kinder zeugen können«, sagt er.

Die brutalen Soldaten schrecken weder vor Frauen und Männern noch vor Kindern zurück. Das Mädchen Mafille war acht Jahre alt, als sie und ihre Mutter von Rebellen überfallen wurden. Die Bewaffneten vergewaltigten gleichzeitig Mutter und Tochter. Therese Mema will sich um das Kind kümmern. Einige Zeit später erzählt die völlig verstörte Mafille: »Es ist wieder passiert. Unser Nachbar hat mich vergewaltigt«. Therese umarmt das weinende Kind, tröstet es und trocknet die Tränen. Nach einigen Minuten sagt sie. »Warte mal eine Minute, Mafille. Ich muss ganz schnell telefonieren.« Therese Mema geht für einen Moment aus dem Raum. Dann lässt sie ihren Tränen freien Lauf. »Ich kann dem Mädchen nicht zeigen, wie nahe mir sein Schicksal geht. Ich muss stark sein für sie«, flüstert sie sich zu. Dann spricht sie ein Gebet und geht wieder in den Raum zurück. »Mafille, wir schaffen das schon.«

Inzwischen ist Mafille 14 Jahre. »Ich danke für die Hilfe, die ich im Traumazentrum bekommen habe. Und ich bin froh, dass ich von den Vergewaltigungen nicht schwanger geworden bin«. Ablenkung findet Mafille auch in ihrer neuen Leidenschaft. Sie singt im Kirchenchor. Beim Klang der Musik fühlt sie sich ganz entspannt und geborgen. Über ihre Zukunft hat sie sich auch schon Gedanken gemacht. »Ich habe hier in der Kirche und dem Traumazentrum so viele Menschen wie Therese und Schwester Antoinette getroffen, die Gutes tun. So wie ein Schutzengel«, sagt Mafille. »Vielleicht werde ich ja auch Ordensschwester oder habe einmal wie Therese eine eigene Familie und helfe anderen Menschen in Not…«

Ob die Zivilbevölkerung in der Demokratischen Republik Kongo zukünftig mehr Schutz erhält, hängt von vielen Faktoren und Akteuren ab. Die Kongolesische Regierung spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Abnehmer des illegal abgebauten Coltans und die in dem Land stationierten Friedenstruppen der Vereinten Nationen. Letztere machten zuletzt ihrem Namen keine Ehre. Im Jahre 2010 hatten die Vereinten Nationen Versäumnisse ihrer Soldaten im Zusammenhang mit Massenvergewaltigungen im Kongo eingeräumt. Die Vereinten Nationen hätten »die kollektive Verantwortung « dafür, dass die Massenvergewaltigung nicht rechtzeitig gestoppt wurde, erklärte die UNO-Sonderbeauftragte gegen sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten, Margot Wallström.

Für ein positives Zeichen sorgte im Juli 2012 der Internationale Strafgerichtshof, der den kongolesischen Ex-Milizenführer Thomas Lubanga zu 14 Jahren Gefängnis verurteilte. Der studierte Psychologe hatte die bewaffnete Truppe »Union des Patriotes Congolais« gegründet, die Kindersoldaten zum Töten gezwungen und Zivilisten vergewaltigt hatte. Während der Kriegstreiber Thomas Lubanga seine Haftstrafe absitzt, wird Erzbischof Maroy für seine Friedensmission ausgezeichnet werden. Im Dezember 2012 wird der mutige Katholik nach Deutschland reisen und den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar entgegennehmen. Für die Menschen im Kongo bedeutet dies ein Hoffnungsschimmer.

JÖRG NOWAK
Journalist, missio Aachen

Wartevorraum des Centre d’ecoute in Mulo. Ein Priester der Pere Croisieres arbeitet in dem Zentrum mit.
FOTO: MISSIO/BETTINA FILTNER

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