Konfliktregion Ost-Kongo Tantal – das begehrte Erz aus dem Kongo corner

Tantal – das begehrte Erz aus dem Kongo

Über die Schwierigkeiten, der Finanzierung des Bürgerkrieges ein Ende zu bereiten

von FRIEDEL HÜTZ-ADAMS

Derzeit wird im Osten der Demokratischen Republik Kongo wieder gekämpft. Von weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit unbemerkt kommt es seit Wochen zu Gefechten zwischen einer neugebildeten Rebellenarmee, die zum Teil aus Deserteuren der Armee besteht, und der regulären Armee. Für die betroffene Bevölkerung spielt es keine Rolle, wer aus welchen Gründen auf wen schießt. Sie steht zwischen den Fronten. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht, der größte Teil von ihnen flieht innerhalb der Demokratischen Republik Kongo, andere in die Nachbarländer. Die Kämpfe sind letztlich die Fortsetzung eines seit 16 Jahren andauernden Konfliktes, in dem Rohstoffe eine wichtige Rolle spielen: Der immer wieder aufflammende Bürgerkrieg hat sicherlich in erster Linie politische Ursachen, doch er muss finanziert werden. Bei dieser Finanzierung spielt der Export von Rohstoffen eine wichtige Rolle.

Regierungssoldaten am 29. Juli 2012 auf einer Hauptstraße in Richtung Goma. Eine neue Rebellengruppe mit dem Namen »M23« hat neue Gewalt entfacht. Ein Bericht der Vereinten Nationen wirft Ruanda vor, diese Rebellen zu unterstützen.
FOTO: KNA-BILD

Ausplünderung

Die Region, in der heute die Demokratische Republik Kongo liegt, hat im Laufe der Jahrhunderte immer wieder darunter gelitten, dass externe oder interne Herrscher das Land ausplünderten. Dies begann damit, dass zu Zeiten der Sklaverei Millionen Menschen entweder als Sklaven nach Amerika gebracht wurden oder auf der Jagd nach Sklaven starben. Fortgesetzt wurde die Ausplünderung ab 1885 durch die belgischen Kolonialherren.

Die Kolonialherrschaft endete im Jahr 1960 chaotisch. Der erste Regierungschef, Patrice Lumumba, wurde durch Rebellentruppen und ausländische Geheimdienste ermordet. Im Jahre 1965 übernahm der Offizier Mobutu Sese Seko Dank massiver Unterstützung westlicher Staaten die Macht. Dieser nutzte unter anderem die Erlöse aus dem Abbau metallischer Rohstoffe und von Diamanten zur Sicherung seiner Macht. Hinzu kam eine massive finanzielle, militärische und politische Unterstützung durch westliche Staaten, deren Verbündeter im Kalten Krieg er war.

Mobutus Macht begann mit dem Ende des kalten Krieges zu wackeln, da er seine Unterstützer aus dem Ausland verlor. Nach dem Völkermord im Nachbarstaat Ruanda (1994) flohen rund zwei Millionen Menschen – darunter die für den Völkermord verantwortlichen Milizen und Regierungsangehörigen – in den Ostkongo. Sie bildeten in den Flüchtlingslagern Truppen aus und überfielen immer wieder Grenzgebiete Ruandas. Zudem destabilisierten bewaffnete Rebellenorganisationen aus weiteren Nachbarländern vom Kongo aus ihre Heimatländer.

Uganda und Ruanda bewaffneten im Jahr 1996 Rebellen, die gegen Mobutu kämpfen wollten. Im Mai 1997 übernahm Rebellenführer Laurent Kabila die Macht in Kinshasa – Mobutu war geflohen. Doch das Land kam nicht zur Ruhe und 1998 brach ein weiterer Krieg aus, in den erneut mehrere Nachbarstaaten verwickelt waren. Ab 2003 regierte eine Übergangsregierung, seit 2007 eine im Vorjahr gewählte Regierung unter Joseph Kabila, der seinen Vater nach dessen Ermordung im Januar 2001 beerbt hatte.

Teile des Landes sind weiterhin nicht befriedet und es kommt immer wieder zu Kämpfen, Plünderungen und Massakern. Die direkten und indirekten Folgen des Krieges haben rund fünf Millionen Menschen das Leben gekostet.

Ende des Jahres 2011 wurde Kabila in einer stark von Betrugsvorwürfen überschatteten Wahl erneut zum Präsidenten gewählt. Die Opposition fordert seitdem Neuwahlen.

Menschen in der Nähe von Goma sind vor der brutalen Gewalt Mitte Juli geflohen und suchen Schutz.
FOTO: KNA-BILD

Die Rohstoffe und der Kongo

Bald nach Beginn des Krieges 1996 fragten sich internationale Beobachter, womit die verschiedenen Rebellengruppen und die im Kongo kämpfenden Nachbarstaaten, die teilweise zu den ärmsten Ländern der Welt gehören, ihren Krieg finanzierten. Die Vereinten Nationen setzten eine Untersuchungskommission ein, die mehrere umfassende Berichte verfasste, Nichtregierungsorganisationen publizierten Studien. Bei allen Unterschieden in der Interpretation einzelner Ereignisse herrschte bald Einigkeit, dass die Förderung und der Export von Rohstoffen einen ganz wichtigen Beitrag zur Finanzierung des Krieges leisteten.

Zugleich darf allerdings nicht übersehen werden, dass der Abbau von Rohstoffen trotz aller damit verbundenen Probleme für schätzungsweise zwei Millionen Kleinschürfer die einzige Möglichkeit ist, im kriegszerstörten Osten des Kongo einen Lebensunterhalt zu verdienen.

Allerdings arbeiten sie in der Regel unter sehr schlechten Bedingungen in kaum gesicherten Gruben oder Tunneln. Immer wieder kommt es dabei zu Unfällen, bei denen in den letzten Jahren Tausende Menschen ums Leben gekommen sind. Überall in den Minengebieten sind Kinder zu beobachten, die schwere Arbeiten verrichten.

Tantal (Coltan)

Besonders begehrt waren bei den Rebellen sowie auch bei Teilen der Regierungsarmee Rohstoffe, die schon in kleinen Mengen einen großen Wert besitzen. Oft reichen einfachste Mittel, um diese Rohstoffe abzubauen und dann über verschlungene Wege auf die internationalen Märkte zu verkaufen.

Einer der Rohstoffe, der in die Schlagzeilen geriet, ist Tantal. Das Metall ist in jedem Mobiltelefon enthalten: Tantal ist ein sehr guter Stromleiter und ist extrem hitze- und säurebeständig. Daher wird es überall dort eingesetzt, wo auf engstem Raum viel Strom fließen muss, vor allem beim Bau von Kondensatoren. Tantal findet sich daher in kleinsten Mengen in Mobiltelefonen, Playstations, Laptops und CD-Spielern, in chemischen Apparaten sowie in Produkten der Raumfahrt- und Rüstungsindustrie.

Ende der 1990er Jahre boomte die Elektronikbranche und die Hersteller von Mobiltelefonen sowie auch andere, auf Tantal angewiesene Unternehmen, befürchteten Lieferengpässe. Der Preis für Tantal stieg kurzzeitig auf fast 1000 Euro je Kilo, was es für die diversen bewaffneten Truppen im Osten des Kongo noch attraktiver machte. Danach sank der Preis drastisch, da weltweit neue Minen erschlossen wurden. In den letzten Jahren lag der Preis zwischen 50 und 70 Euro je Kilo Tantalerz.

Der Markt für Tantal ist sehr unübersichtlich. Es gibt keine genauen Angaben darüber, in welchen Ländern sich wie große Mengen des Rohstoffes befinden. Selbst die Herkunft des heute auf dem Markt verkauften Tantals ist umstritten. Statistiken verschiedener Länder weichen erheblich voneinander ab. Nach Angaben von US-Behörden sind beispielsweise nur noch wenige Prozent des heute verbrauchten Tantal aus kongolesischen Minen. Andere Quellen gehen dagegen davon aus, dass rund ein Drittel des auf den Weltmarkt verwendeten Tantals aus dem Kongo stammt.

Für die verschiedenen Bürgerkriegsfraktionen in der Demokratischen Republik Kongo ist Tantal ein sehr praktischer Rohstoff, da er gemeinsam mit Columbium (= Niobium) – daher wird das Erz in der Regel Coltan genannt – häufig leicht abbaubar ist. Die Schürfer graben Löcher und waschen die Erde aus, um die Coltanklumpen zu finden. Ein erheblicher Teil der Arbeiter waren und sind Kinder. Immer wieder starben bei Unfällen und Erdrutschen Menschen. Darüber hinaus kam es in den Minen oft zu schwersten Menschenrechtsverletzungen und Zwangsarbeit.

Die Säcke mit dem Coltan wurden in Kleinflugzeuge verladen, die auf provisorischen Pisten landen können. Von dort ging es zu solchen Flughäfen – meist in Nachbarstaaten –, die für größere Flugzeuge geeignet waren, und dann weiter zu den Verarbeitern, die aus Coltan das reine Tantal gewinnen.

Internationale Standards

Viele Unternehmen haben lange darauf verwiesen, dass sie keinen Überblick über die Lieferkette der von ihnen verwendeten Rohstoffe haben. Dies mag in vielen Fällen zwar stimmen, enthebt sie jedoch nicht der Verantwortung. Darauf weisen die derzeit stark diskutierten Stellungnahmen von John Ruggie, dem vom Generalsekretär der Vereinten Nationen eingesetzten Sonderbeauftragten für Wirtschaft und Menschenrechte, nachdrücklich hin. Ruggie sieht zwar Regierungen in der Pflicht, wenn es um die Durchsetzung von Gesetzen und den Schutz der Betroffenen beispielsweise des Rohstoffabbaus geht. Doch können sich Unternehmen laut Ruggie nicht hinter die Verantwortung des Staates zurückziehen, sondern müssen jede Komplizenschaft beim Bruch von Menschenrechten durch staatliche oder nichtstaatliche Akteure vermeiden. Ein zentraler Begriff in der Argumentation von Ruggie ist die Sorgfaltspflicht (»due diligence«): Er verlangt, dass Unternehmen in ihrer täglichen Geschäftspraxis ihrer Verantwortung zur Einhaltung der Menschenrechte gerecht werden. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) – ein Zusammenschluss von derzeit 34 Industrie- und Schwellenländern – hat Ruggies Argumentation aufgegriffen und eigene Richtlinien für die Beschaffung von Rohstoffen aus Konfliktgebieten geschaffen. Auch in diesen werden Unternehmen nachdrücklich aufgefordert, durch ihr Verhalten Konflikte nicht zu verschärfen. Allerdings können sowohl die Vereinten Nationen als auch die OECD ihre Bestimmungen nicht durchsetzen, da sie nicht über die Macht verfügen, Unternehmen bei Verstößen zu verklagen.

Die unermesslichen Rohstoffvorkommen im Osten des Kongo stehen im Zentrum des seit Jahren andauernden Konflikts. Das Foto zeigt eine Goldmine 180 Kilometer südlich von Bukavu.
FOTO: KNA-BILD

Abschnitt 1502 des Dodd-Frank-Act

Wesentlich weiter geht der im Juli des Jahres 2010 in den USA beschlossene sogenannte »Dodd-Frank Wall Street Reform and Consumer Protection Act«, kurz Dodd- Frank-Act. Abschnitt 1504 verlangt die Offenlegung aller Zahlungen an Regierungen, die als Gegenleistung für den Zugang zu Rohstoffen geleistet werden. Dies könnte den Rohstoffhandel der Demokratischen Republik Kongo deutlich transparenter machen, als es bisher der Fall ist.

Noch größere Bedeutung für den Handel mit Tantal hat Abschnitt 1502. Gefordert wird, dass der Handel mit Gold, Zinnerz, Tantal und Wolfram in Zukunft nachweislich keine Milizen im Osten des Kongo finanzieren darf. Da bekannt ist, dass ein erheblicher Teil der im Ostkongo geförderten Rohstoffe außer Landes geschmuggelt wird, werden auch für Lieferungen aus neun Nachbarstaaten Auskünfte über die genaue Herkunft der vier Rohstoffe verlangt.

Um die Einhaltung der Bestimmungen zu belegen müssen Unternehmen herausfinden, woher das von ihnen verwendete Tantal (oder Gold, Zinn und Wolfram) kommt. Sollte es aus Zentralafrika kommen, muss nachgewiesen werden, dass bei der Förderung der Rohstoffe keine Rebellen finanziert wurden. Dies gilt nicht nur für die Rohstoffe verarbeitenden Unternehmen, sondern auch für die Endverbraucher, also auch für Mobilfunkfirmen wie Samsung, Nokia, Apple oder LG.

Allerdings wird über die genaue Ausformulierung der Umsetzungsbestimmungen derzeit in den USA noch gestritten. Es ist anzunehmen, dass Unternehmen durch intensive Lobbyarbeit die Bestimmungen verändern und abschwächen wollen.

Lösungen unter Berücksichtigung der Situation der Kleinschürfer erarbeiten

Zwar wird von Nichtregierungsorganisationen im Osten der DR Kongo anerkannt, dass Transparenz eine Voraussetzung für die Eindämmung der Finanzierung von Kriegsparteien durch Rohstoffe ist, doch die Schaffung transparenterWarenketten steht vor erheblichen Problemen. Daher droht der Ausschluss von Mineralien aus Zentralafrika vom Welthandel: Derzeit ist es für die Unternehmen einfacher, ihre Zulieferer zu einem Boykott der Waren aus Zentralafrika zu verpflichten, als in den Aufbau transparenter Handelswege zu investieren. Dies hätte verheerende Folgen für mehrere Hunderttausend Kleinschürfer, was wiederum Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Steuereinnahmen im Osten des Kongo hätte. Notwendig ist daher der Aufbau von transparenten Wegen, die die Beteiligung der Kleinschürfer am Rohstoffabbau ermöglichen.

Doch die Unternehmen dürfen sich nicht aus der Verantwortung stehlen, nachdem sie jahrelang einen Krieg mitfinanziert haben. Tantal ist ein wertvoller Rohstoff. Würden die Arbeitsbedingungen in den Abbaugebieten des Kongo verbessert, sämtliche Steuern gezahlt, ökologische Kriterien eingehalten und die Sicherheit in den Minen gewährleistet, könnte der Abbau von Tantal tausende Arbeitsplätze schaffen. Dies würde auch zur Befriedung der Situation in der Region beitragen, da die Menschen Einkommen benötigen, um ihre Existenz zu sichern und das Land wieder aufzubauen.

Einige Unternehmen verweisen darauf, dass der Aufbau von Zertifizierungssystemen zu teuer sei. Betrachtet man allerdings den Verkaufspreis eines Mobiltelefons oder den anderer elektronischer Geräte, die Tantal enthalten, macht dieser Rohstoff nur einen Bruchteil des Endpreises aus. Daher sollten die Markenunternehmen, die die Endprodukte verkaufen, von ihren Lieferanten die Einführung zertifizierter Lieferketten verlangen.

Beim Aufbau neuer Strukturen muss die gesamte Wertschöpfungskette eng kooperieren. Nur wenn an Runden Tischen (»Multistakeholder-Verfahren«) alle Beteiligten ihre Interessen einbringen können, inklusive der Kleinschürfer, wird es zu Fortschritten kommen.

FRIEDEL HÜTZ-ADAMS
Wissenschaftlicher Mitarbeiter SÜDWIND e.V. – Institut für Ökonomie und Ökumene, Siegburg

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