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»Menschen auf der Flucht«

Der multimediale missio-Truck

von ANTJE KATHRIN SCHROEDER

Im Rahmen einer innovativen weltkirchlichen Bildungsarbeit hat missio Aachen sich entschlossen, erneut einen multimedialen Truck zu konzipieren, der sich diesmal mit dem wichtigen Thema »Menschen auf der Flucht« auseinandersetzt. Seine Premiere hatte der Truck auf dem diesjährigen Katholikentag in Mannheim.

Der so genannte Flucht-Truck von missio wurde erstmals beim diesjährigen Katholikentag in Mannheim der Öffentlichkeit präsentiert.
FOTO: MISSIO

Flüchtlinge in Afrika – ist das nicht ganz schön weit weg?

»Wie kann man Jugendliche heute für solch ein schwieriges Thema wie ›Flucht‹ sensibilisieren? « und »Ist das nicht total weit weg von der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen?« Diese Fragen haben das katholische Hilfswerk missio und seine Kooperationspartnerin, die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG), in der Vorbereitung einer mobilen Ausstellung »Menschen auf der Flucht« vielfach beschäftigt.

Das Schicksal von Flüchtlingen und deren Erfahrungen, die das zentrale Element der Ausstellung bilden, ist sowohl vom Alltag als auch vom Interessensfokus der Jugendlichen in Deutschland weit weg. Politisch und zeitgeschichtlich interessierte Jugendliche bringen das Thema Flucht am ehesten mit den Flüchtlingsbooten im Mittelmeer und den Frontex-Einsätzen zur »Sicherung der europäischen Außengrenzen« in Verbindung.

Genauer betrachtet besteht aber durchaus eine lebensweltliche Nähe von Jugendlichen. Etwa jeder fünfte Mensch in Deutschland hat heute einen Migrationshintergrund. Etwa 600.000 davon sind als Flüchtlinge anerkannt. Weitere 34.000 Asylsuchende oder so genannte »Geduldete« sind jünger als 18 Jahre. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass viele Jugendliche mit Flüchtlingen in einer Klasse sitzen oder Klassenkameradinnen und -kameraden haben, deren Eltern eine Flucht überstanden haben. Viele deutsche Jugendliche haben von ihren Großeltern oder Urgroßeltern Geschichten von der Vertreibung im 2. Weltkrieg gehört. Das Thema »Flucht« ist daher kein Thema, das nur durch Medienberichte Eingang in den Alltag in Deutschland findet.

Im Jahr 2011 waren weltweit 42,5 Millionen Menschen auf der Flucht, davon 15,2 Millionen Menschen als anerkannte Flüchtlinge. Die meisten dieser Flüchtlinge fanden in Nachbarländern Zuflucht – namentlich Pakistan, das mit 1,7 Millionen Flüchtlingen, sowohl absolut als auch relativ auf seine Bevölkerung bezogen, weltweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Viele Menschen verlassen auf der Flucht vor bewaffneten Konflikten, Naturkatastrophen oder aus anderen Gründen nicht ihr Heimatland, sondern flüchten innerhalb des Landes als so genannte »Binnenflüchtlinge«. Insbesondere in einem riesigen Flächenstaat wie der Demokratischen Republik Kongo betrifft dies die meisten Flüchtlinge (UNHCR 2011: 1,7 Millionen, zuzüglich derjenigen, die nicht von Hilfsangeboten der UNHCR erreicht werden).

Eine Besucherin des Trucks vor einer der Spielestationen, an denen mit Hilfe von »Serious Games« eine Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht stattfindet. FOTO: MISSIO

Das Konzept: Mobile Ausstellung in der weltkirchlichen Bildung

Jugendliche lassen sich auch für schwierige Themen begeistern, wenn die Form der Präsentation stimmt. Das aufsuchende Angebot ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts. Auch die Erfahrungen anderer Bildungsträger wie des Jüdischen Museums in Berlin »on tour« oder des Eine-Welt- Netzes NRW zum Fairen Handel zeigen, dass eine Ausstellung die zu den Besucherinnen und Besuchern kommt, mehr Menschen erreicht, als eine stationäre Ausstellung. Daher hat missio nach dem AIDS-Truck erneute eine mobile Ausstellung erarbeitet und erstmals beim Katholikentag 2012 in Mannheim vorgestellt.

Multimediale Ausstellung

Die Ausstellung »Menschen auf der Flucht« ist in einen umgebauten LKW eingebaut. Sie kommt dorthin, wo Jugendliche ohnehin schon sind. In die Schule, auf das Gemeindefest, ins Sommerlager – es gibt unterschiedliche pädagogische Angebote für die jeweilige Umgebung. Der Fokus der multimedialen Ausstellung im Truck liegt beim Miterleben und Nachvollziehen von Fluchterfahrungen, die sich über einen dreigliedrigen Spannungsbogen dynamisch entfalten:

1. Fliehen müssen
2. Auf der Flucht sein
3. Als unerwünschter Flüchtling in der Fremde ankommen

Neben den Prinzipien des Globalen Lernens sind das »kompetenzorientierte Lehren und Lernen«, die lebensweltliche Relevanz, Erlebnisorientierung, Multimedialität sowie Methoden, welche Partizipation ermöglichen und die Schülerinnen und Schüler zu selbstgesteuertem Lernen aktivieren, Grundlage der Ausstellung. Die Logik folgt dem pädagogischen Dreischritt »Sehen – Urteilen – Handeln«. Übergeordnete Themen, die in der Ausstellung aufgegriffen werden, sind globale Gerechtigkeit, Frieden und Menschenrechte.

Mit unterschiedlichen Methoden werden die Besucherinnen und Besucher eingeladen, sich aktiv Informationen zu erschließen. Vor allem junge Menschen, die noch wenig über Flüchtlinge wissen, sollen für die schwierige Situation in der Region der großen Seen sensibilisiert werden. Durch acht fiktive Flüchtlingsbiographien soll Empathie für diese besonders verletzliche Gruppe geweckt werden.

Abschließend werden die Jugendlichen eingeladen, mit kleinen Solidaritätsaktionen zur Verbesserung der Lebenssituation von Flüchtlingen beizutragen.

Die Hauptzielgruppe der Ausstellung sind Jugendliche ab 13 Jahren (8. Schuljahr) aus allen Sinus-Milieu- Gruppen. Die Inhalte sind aber auch für Erwachsene interessant. Lehrkräfte und Leiterinnen und Leiter von Jugendgruppen erhalten mit dieser mobilen Ausstellung die Möglichkeit, zu einem aktuellen und brisanten Thema fächerübergreifende Projekttage anzubieten und dazu ein von der Konzeption wie der Anmutung überzeugendes, auffallendes, außergewöhnliches und in Erinnerung bleibendes Medium zu nutzen.

Ein nachgebauter Marktstand im Truck.
FOTO: MISSIO

»Serious Games« zur Förderung dauerhafter Lernerfolge

Vier Computerspielstationen bieten Spielsequenzen eines »Serious Games« an. Unter dieser Bezeichnung werden digitale Spiele (Computer- und Videospiele) zusammengefasst, die einen edukativen Wert besitzen. Es wird davon ausgegangen, dass die Spiele unterhaltsam sind, dass aber der Unterhaltungswert im Dienste ernsthafter Inhalte genutzt wird.

Im missio-Truck werden durch diese Methode lebensnahe Konfliktsituationen und aktuelle Probleme im fiktiven Umfeld dargestellt. Durch Simulation einer realen Situation werden die Lerninhalte in eine Geschichte eingebunden. Lernen ereignet sich, indem Inhalte und Lernziele durch das aktive Tun und Erleben vermittelt werden. Wissens- und Kompetenzerwerb werden spielerisch erlebt. Lernen wird mit einem positiven Spielerlebnis verbunden, aber das Erlebte kann dennoch sehr berührend und dramatisch sein.

Das für die Zielgruppe relevante und motivierende Umfeld und der Spielcharakter des Games bieten einen hohen Lernanreiz und dienen der Motivation. Das Game spricht mehrere Sinne gleichzeitig an und eignet sich deshalb für verschiedene Lerntypen. Es weckt Aufmerksamkeit und Neugier und ermöglicht die so genannte »Immersion«, die »Vereinnahmung«, die zu hoher Konzentration führt. Die aktive Partizipation im Game wiederum fördert den Prozess der Aufnahme von Informationen und Wissen. Es erleichtert einen Perspektivwechsel.

Der Besuch im Truck beginnt damit, sich für einen der acht Charaktere (»Avatare«) zu entscheiden. Fiktive Flüchtlingsbiographien sollen unterschiedliche Fluchterlebnisse, unterschiedliche Ziele und Konflikte emotional nachvollziehbar machen. Karten mit QR-Codes leiten die Besucherinnen und Besucher durch die verschiedenen Stationen der Ausstellung. Die Geschichte des Avatars endet an einer Hörstation. Im letzten Raum der Ausstellung werden in einem Raum mit reduzierter Technik die Situation von Flüchtlingen in Deutschland und Solidariätsangebote dargestellt.

Sehen, Urteilen, Handeln – Was tun wir gegen die Ursachen von Flucht?

Neben der Kompetenz der missio-Projektpartner fragen Jugendliche und Erwachsene danach, was missio gegen die Ursachen der Flucht tut. Im Rahmen der »Aktion Schutzengel« bietet missio Besucherinnen und Besuchern zu Anfang der Kampagne an, im Rahmen einer Unterschriftenaktion die Herstellerfirmen von Mobilfunkgeräten dazu aufzufordern, Rohstoffe, insbesondere Coltan, zukünftig nicht mehr von Kriegsparteien zu kaufen. Die Unterschriftenaktion ist in eine politische Aktion eingebunden, die mit weiteren Partnern über den Rohstoffhandel als Finanzquelle für Bürgerkriegsparteien informiert und für einen gesicherten Rohstoffhandel plädiert.

Die Sozialarbeiterin Therese Mema aus der DR Kongo beim Besuch des Trucks. Sie steht vor einem nachgebauten Fluchtfahrzeug.
FOTO: MISSIO

Potential für kompetenzorientiertes Lernen und Anschlussthemen

Darüber hinaus sollten die Inhalte vertieft und Möglichkeiten für weiteres gesellschaftliches Engagement aufgezeigt werden. Zur Vertiefung im Unterricht werden Unterrichtsentwürfe angeboten. Ein Netzwerk von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren steht einerseits in der Struktur von missio zur Verfügung und soll themenspezifisch in den nächsten Jahren aufgebaut werden.

Der missio-Truck bietet großes Potential für kompetenzorientiertes Lernen. In der unten stehenden Tabelle ist eine Auswahl der verschiedenen Dimensionen aufgezeigt, die mit einer guten pädagogischen Begleitung des Ausstellungsbesuches erreicht werden können. Durch die Ausstellung und die begleitenden Unterrichtsangebote sollen unterschiedliche Kompetenzfelder gefördert werden, beispielsweise:

Fachkompetenz – die geopolitischen und sozialen Herausforderungen von Flucht und Menschenrechtsverletzungen an Flüchtlingen erkennen und um Flüchtlingsschutz wissen

Methodenkompetenz beziehungsweise prozessbezogene Kompetenz – ein kritisches Bewusstsein für manipulative verzerrende und falsche Informationen rund um das Thema Flucht entwickeln und Flucht als Folge einer fehlenden stabilitäts- und friedensförderlichen »Good governance-Politik« einordnen können

Personale Kompetenzen – sich am Beispiel von Fluchterfahrungen Jugendlicher in Empathie einüben, einen Perspektivwechsel vollziehen können und Resilienz einüben

Soziale Kompetenzen – Das Leid anderer wahrnehmen, fallbezogen Möglichkeiten der Hilfe entwickeln, die eigene Verantwortung zur Gestaltung einer »besseren Welt« erkennen und Handlungsoptionen erarbeiten

Kompetenzen religiöser Bildung – Das christliche Gottes- und Menschenbild als Motiv der kirchlichen Flüchtlingspastoral erkennen, über einzelne Maßnahmen und deren Erfolg fundiert Auskunft geben können und Verstöße gegen die Menschenrechte als Verletzungen an der Menschenwürde identifizieren und ethisch bewerten können

In Begleitung von Prälat Dr. Klaus Krämer (re.), Präsident von missio Aachen, besucht Erzbischof Dr. Ludwig Schick aus Bamberg, Vorsitzender der
Kommission »Weltkirche« der Deutschen Bischofskonferenz, während des Katholikentages in Mannheim den missio-Truck.
FOTO: MISSIO

Ausgehend von der intensiven Beschäftigung mit der Ausstellung können weitere Anschlussthemen aus unterschiedlichen Lehrplänen im Unterricht bearbeitet werden, zum Beispiel:

  • Wirtschaftliche Faktoren, Ressourcenkonflikte und Flucht/Migration
  • Grundbedürfnisse, Menschenrechte, Flüchtlingsschutz
  • Empowerment, Resilienzförderung und Kommunikation in Grenzerfahrungen

Die Kampagne »Aktion Schutzengel. Für Familien in Not – weltweit«

In der Ausstellung stehen insbesondere Kriegsflüchtlinge im Mittelpunkt. Eine Vielzahl von missio-Partnern insbesondere in Afrika setzt sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Flüchtlingen ein. Dabei geht es um psycho-soziale Hilfsangebote, Projekte zum Aufbau einer wirtschaftlichen Existenz, Seelsorgearbeit, aber auch politische Aktivitäten. Eingebettet in die Kampagne »Aktion Schutzengel« sollen Menschen in Deutschland dazu eingeladen werden, die Arbeit der missio-Partner in der Flüchtlingshilfe zu unterstützen und sich gemeinsam mit missio gegen die Ursachen von Flucht, insbesondere die Ursache von Kriegen, zu engagieren. Aufgefordert durch afrikanische Bischöfe, namentlich Erzbischof François-Xavier Maroy, hat missio daher eine Kampagne für »saubere Handys« initiiert.

Der missio-Truck kann als »Aufhänger« für weltkirchliche Bildungsarbeit für verschiedene Zielgruppen genutzt werden. Bereits in der Entwicklung konnten verschiedene Organisationen für Kooperationen gewonnen werden. Vorträge, Podiumsdiskussionen, Gemeindefeste mit weltkirchlichen Elementen, Projekttage oder Wochenendveranstaltungen können das Thema weiten und unterschiedliche Zielgruppen erreichen. Der missio-Truck ist für eine Laufzeit von etwa sieben Jahren konzipiert und wird stetig überarbeitet. Weitere Begleitmaterialien – etwa für die Erwachsenenbildung und außerschulische Jugendarbeit – sind in Planung.

ANTJE KATHRIN SCHROEDER
Referentin der Bundesleitung der DPSG für Ökologie, Internationale Gerechtigkeit und Freiwilligendienste, Projektleiterin des missio-Trucks

INFO-TIPP:

Weitere Informationen zum Truck und zur Buchung erhalten Sie bei:

Internationales Katholisches Missionswerk missio
Goethestraße 43, 52064 Aachen
Alexandra Götzenich, Tel: 02 41/75 07–294
a.goetzenich@missio.de
www.missio-truck.de
facebook.com/missioTruck

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