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»Das Leben der Armen verwandeln«

20 Jahre Kirche in der Mongolei

von WENCESLAO SELGA PADILLA CICM

Bischof Wenceslao Selga Padilla mit Hirten in der Steppe der Mongolei.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Zwanzig Jahre ist es nun her, dass sich drei Missionare auf den Weg in die Mongolei gemacht und dort eine neue Kirche gegründet haben. Bischof Wenceslao Selga Padilla, Bischof der katholischen Kirche in der Mongolei, beschreibt im Folgenden die Schwierigkeiten und Herausforderungen, denen sich die Kirche zu Beginn zu stellen hatte und denen sie sich zukünftig stellen wird. Doch trotz aller Schwierigkeiten geht es um eine Kirche, die sich dem Sendungsauftrag Jesu verpflichtet weiß und sich entschieden auf die Seite der Armen und Benachteiligten stellt.

Die Mongolei ist ein Land der Gegensätze. Reich an Rohstoffen wie Gold, Kupfer und den so genannten Seltenen Erden, zu denen nun auch deutsche Unternehmen Zugang suchen.
Foto: Siedlung mit einfachen Hütten der armen Bevölkerung am Rand der Hauptstadt Ulan-Bator im September 2006.
FOTO: KNA-BILD

Ein kurzer Rückblick

Am 10. Juli 1992 wurde in den Steppen Zentralasiens eine Kirche geboren. Es geschah, als drei Missionare der Kongregation vom Unbefleckten HerzenMariens (CICM) mongolischen Boden betraten. Für die drei fühlte es sich wie ein Abenteuer an, eine Mission zu beginnen in einem Land, in dem die Kirche noch keine eigenen Strukturen und Mitglieder hatte. Mit einer Kirchengründung bei Null anzufangen, war vom ersten Tag an ein nicht ganz geheures, an Herausforderungen reiches, aber auch reizvolles Unterfangen. Bei der Ankunft der Missionare war die mongolische Republik gerade vom sowjetischen Einfluss befreit worden und versuchte mit ersten vorsichtigen Schritten auf eigenen Beinen zu stehen. Die neu gebildete Regierung bemühte sich, die verschiedenen Probleme und Bedürfnisse des Landes und der Menschen anzugehen. Auf den öffentlichen Plätzen war es zu dem Zeitpunkt recht chaotisch, da ein Hungerstreik vor dem Parlament und dem Präsidentensitz durchgeführt wurde und den damaligen Präsidenten aufforderte, zurückzutreten. Der Anführer der damaligen Demonstrationen war ein furchtloser und engagierter Verteidiger der Demokratie, der heutige Amtsinhaber Mr. Tsakhia Elbegdorj.

Erste Kontakte

In Mietwohnungen lebend, fanden wir langsam den Weg in die Herzen der Mongolen, indem wir versuchten, mit ihnen eins zu sein. Das bedeutete, die Härten und Schwierigkeiten des Lebens in der damaligen Zeit ebenfalls zu durchleben. Nahrungsmittel und Verbrauchsgüter waren knapp oder fehlten ganz. Die Mongolei war ein Land der Nöte und Härten, gemäß den Aussagen vieler Ausländer, denen wir in den ersten Tagen während unserer Eingewöhnung begegneten. Als wir nach nicht allzu langer Zeit mehr Wissen über die Menschen und ihre Lebensweise erworben hatten, und als wir uns ihre Sprache ein wenig angeeignet hatten, wurden wir bei der Kontaktaufnahme mit der lokalen Bevölkerung selbstsicherer.

»Kommt und seht!«

war dann unsere Losung, damit sich die Menschen willkommen und wohl fühlten, wenn sie sich zu uns gesellten und uns nahe kamen. Die neugierigen Fragen der Menschen, wie »Wer sind diese Fremden?«, »Was tun sie?«, »Und warum sind sie in die Mongolei gekommen?« wurden nach und nach von uns beantwortet, als wir begannen, die Menschen einzuladen und zur Feier der Liturgie zu versammeln, und als wir Religionsunterricht und soziale Aktivitäten organisierten.

Die ersten Jahre waren Jahre des Überlebens, der Anpassung und Gewöhnung an die äußerlichen Gegebenheiten des Landes und seiner Menschen. Für unser Trio waren diese Jahre wirklich Jahre der Reflexion, der Enkulturation und Erstevangelisierung, der ersten Kontakte der Kirche mit Menschen anderer Glaubensvorstellungen und Überzeugungen.

Wir störten uns nur wenig an den herausfordernden Schwierigkeiten, mit denen wir konfrontiert waren, wie zum Beispiel extrem harte Winter, die Sprachbarriere, der Mangel an Gebrauchsgütern beziehungsweise Bedarfsartikeln, eine starke religiöse Bindung der Menschen an den Buddhismus, den Schamanismus und den Islam; die Präsenz anderer christlicher Denominationen und Sekten; das Fehlen kirchlicher Strukturen und bereits vor Ort ansässiger Katholiken. Ich persönlich empfand all diese Schwierigkeiten als positive Elemente des Missionarslebens. Solche Bedingungen boten uns vielfältige Herausforderungen und Möglichkeiten. Wir hielten an unserer unerschütterlichen Überzeugung fest, dass der Gott, der uns gerufen und in die Mongolei geschickt hatte, im Alltag unserer mongolischen Brüder und Schwestern schon gegenwärtig gewesen war, noch ehe wir dort angekommen waren. Von diesem Denken getrieben, wuchsen unsere Wertschätzung und unser Verständnis der konkreten Lebenswirklichkeiten des Landes und der Menschen.

»Ja, Großes hat der Herr an uns getan«

Aus den ursprünglich drei Pionieren unter den Missionaren sind inzwischen 81 geworden, die 22 Nationalitäten und 13 Ordensgemeinschaften entstammen. Die Zahl der Katholiken ist von Null auf rund 835 angewachsen. All diese mongolischen Brüder und Schwestern haben bislang durch die christliche Unterweisung den katholischen Glauben angenommen. Und noch viel mehr werden gegenwärtig in den katholischen Glauben eingeführt und erfahren unseren Dienst durch die verschiedenen Programme der Missionare, die die Menschen zu erreichen suchen.

Aufgrund der deutlichen Zunahme kirchlichen Personals (Missionare und Mitarbeiter vor Ort) wächst und gedeiht unser pastorales, soziales, entwicklungspolitisches, erzieherisches und humanitäres Engagement kontinuierlich. All unsere Projekte sind darauf ausgerichtet, die Lebenssituation der Armen zu verbessern. Heute kann die Mission stolz sein auf ihre vier Pfarreien mit sechs Außenstationen mit sozialen Diensten; auf zwei Zentren für Straßenkinder; auf ein Altenheim für Männer; auf zwei Montessori-Kindergärten; auf zwei Grundschulen; auf ein Zentrum für behinderte Kinder; auf eine Berufsfachschule; auf drei Bibliotheken mit Studiensälen und ausgestattet mit Computern; ein Studienwohnheim für Studentinnen der Universität, ausgestattet mit einem Studiensaal und Computern sowie Internetanschluss; Jugendzentren; zwei Agrarbetriebe mit Ausbildungsprogramm; eine Ambulanz mit Laboratorium; ein Forschungszentrum; Studentenseelsorge, drei Suppenküchen; Sprachzentren; Caritas Mongolia; ein Zentrum für Exerzitien und Besinnungstage; Sozialzentren mit Programmen zur Minderung der Armut und schließlich das Stipendienprogramm zur Unterstützung armer Schüler und Studierender. In diesem Jahr, wenn wir den 20. Geburtstag der Kirche der Mongolei feiern, wird eine unserer Außenstationen, Maria Auxilium, zur Pfarrei erhoben.

Wir freuen uns zudem sehr, dass zwei junge Mongolen nun an einem Großen Seminar in Südkorea, nämlich an der Katholischen Universität von Daejeon, studieren, um ihrer Berufung zum Priesteramt zu folgen.

Im Rückblick auf diese ersten zwanzig Jahre katholischer Präsenz in der Mongolei stimmen wir froh in die Worte des Psalmisten ein: »Ja, Großes hat der Herr an uns getan. Da waren wir fröhlich.« (Ps 126,3)

All diese Dinge erlauben es uns, mit viel Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Mit Geduld und Entschlossenheit wollen wir noch mehr Menschen erreichen: nicht nur jene, die sich bereits im Glauben mit uns verbunden haben, sondern auch jene, denen wir dienen, die aber noch nicht getauft sind.

Doch macht sich in der jungen Kirche auch Enttäuschung breit: rund 23 Prozent der Getauften gehen nicht mehr zum Gottesdienst. Einige haben die Kirche schon aufgegeben. Weitere 15 Prozent sind ins Ausland gegangen, um dort nach »grüneren Weiden« zu suchen. Wir hoffen, dass sie dort, wo sie nun sind, weiterhin auf die eine oder andere Weise ihren christlichen Glauben leben.

Mongolei auf einen Blick

Fläche: 1.564.116 km2
Einwohner: 3.197.900
Katholiken: 835
Diözesanpriester: 5
Ordenspriester: 15
Ordensbrüder: 2
Ordensschwestern: 59
Laienmissionare: 8
Katechisten: 29
Quellen: WORLDFACTBOOK 2012; STATISTISCHES JAHRBUCH DER KATHOLISCHEN KIRCHE 2009

Rasante Veränderungen fordern das Land und die Kirche heraus

Zwanzig Jahre sind nun vergangen. Heute ist es schwierig zu rekapitulieren, wo wir begonnen haben. Angesichts der Metamorphose des Landes, die durch die Demokratie und die Marktwirtschaft herbeigeführt wurde, blickt die Mongolei in eine für viele Generationen unbekannte Zukunft. Das Land steht nun im Rampenlicht und weckt die Gier ausländischer Investoren aufgrund seiner reichen Rohstoffvorkommen. In den letzten Jahren hat der Bergbau einen Boom erlebt und eine Migrationsbewegung von den Städten aufs Land ausgelöst. Ich gehe davon aus, dass wir in dieser neuen Situation aufgrund des hohen Personalbedarfs im Bergbau unsere Missionsstrategien ändern sollten, damit wir den drängenden menschlichen Bedürfnissen entsprechen können, die durch die erwartete Stadtflucht entstehen werden.

Aufgrund der durch den Bergabau-Boom herbeigeführten Entwicklung erhöht sich der Lebensstandard der Menschen. Auch die Lebenshaltungskosten erreichen neue Höchstwerte.

Um mit dieser Situation zurechtkommen zu können, erhalten die Menschen vom Staat finanzielle Unterstützung. Der Staat erhält schon jetzt beträchtliche Summen aus den Investitionen der Bergbauunternehmen. Die noch nicht erzielten Gewinne aus dem Bergbau werden von den politischen Autoritäten bereits an das Volk weitergegeben. Das hat zur Folge, dass der Großteil der Dividenden, die der Staat aus den Bergbaugewinnen erhalten wird, aller Voraussicht nach an die Investoren zurückgehen wird, sobald die Bergbautätigkeit voll entwickelt sein wird.

In dieser Situation der rasanten Veränderungen stellen wir eine Rückbesinnung der Menschen auf traditionelle Glaubensüberzeugungen fest. Das Wiedererstarken des Schamanismus ist festzustellen.

Die katholische Kirche ist von den aktuellen Entwicklungen stark betroffen. Die Herausforderungen, denen wir uns als Kirche stellen müssen, sind enorm. Die Geschehnisse mögen den Menschen vielleicht dienlich sein, treffen jedoch die Kirche, die im Ausland um Unterstützung und Unterhaltshilfe bittet, massiv. Die mongolische Kirche hat keine eigenen Einkünfte, da sie als eine Non-Profit-Organisation registriert wurde. Die diesjährige 53-prozentige Erhöhung der Gehälter verschärft die finanzielle Belastung der Kirche deutlich. Aller Voraussicht nach müssen die Missionare den Gürtel enger schnallen, einen Gutteil des Personals entlassen oder einige Projekte einstellen.

Neben den soeben genannten Problemen muss die Kirche für ihre Projekte auch mit deutlich zurückgegangenen Zuschüssen und Spenden aus dem Ausland zurechtkommen. Die Hilfswerke können nicht mehr so viel Geld wie in früheren Jahren zur Verfügung stellen. Wohltäter, die von dem wirtschaftlichen Aufstieg der Mongolei erfahren, sind nicht mehr bereit, ihre Unterstützung fortzuführen. Aufgrund dieser neuen Situation hat die Kirche noch größere Hindernisse zu überwinden, um ihr Überleben zu sichern.

Straßenkinder in der mongolischen Hauptstadt Ulan-Bator. Die Jungen wohnen in einem unterirdischen Röhrenbeziehungsweise Kanalsystem der Stadt. Für Bischof Wenceslao waren diese Lebensbedingungen der Straßenkinder menschenunwürdig und er begann alsbald, mit Programmen der Kirche, den Kindern zu helfen.
FOTO: KNA-BILD

Werte sind gefragt

Um relevant sein zu können, muss die Kirche sich noch sorgfältiger mit der Zukunft auseinandersetzen; es gilt, sich an die rasch verändernde Gesellschaft, angetrieben durch Demokratie, Marktwirtschaft, Materialismus und Konsumismus, anzupassen. Für die Vieh züchtenden Nomaden wie auch für die Siedler in den Städten und bei den Erzlagerstätten sucht die Kirche neue Apostolatswege zu beschreiten und neue Dienste ins Leben zu rufen, um ihrem Evangelisierungsauftrag gerecht werden zu können. Die prosperierende Kirche, die wir brauchen, muss sich darauf konzentrieren, den Menschen zu helfen, indem sie Werte bewahrt oder schafft, die ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Dies kann, so meine ich, erreicht werden, wenn wir nicht müde werden, menschliche und christliche Werte zu vermitteln.

Wir sind zeitlich an einem Punkt angelangt, bis zu dem die Kirche ihr Hauptaugenmerk auf soziale, entwicklungspolitische und humanitäre Werke gerichtet hat. Diese Bereiche ihres Engagements bleiben bestehen, da auch weiterhin viele Menschen mit ihren sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen kämpfen. Doch ist für die Kirche auch die Zeit gekommen, ihre pastorale und erzieherische Rolle zu stärken.

Meines Erachtens muss die Kirche sich die Bildung mit dem breiten Spektrum, das diesem Thema innewohnt, zu eigen machen. In welche Richtung auch immer die Mongolei und ihre Bewohner gehen werden, wird, wie ich meine, ein Mentalitätswechsel von einer nomadisch-ländlichen zu einer sesshaften-zivilisierten Lebensweise stattfinden müssen. Das kann nur mithilfe einer rechten (inneren) Einstellung und mithilfe guter Verhaltensweisen gelingen, die durch ein geeignetes Lernen vermittelt werden. Hierbei kann die Kirche helfend mitwirken, indem sie ihr erzieherisches Engagement und die damit verbundenen Bemühungen verstärkt.

Währenddessen muss die Kirche bereitwillig ihren Ruf aufrecht erhalten: den Ruf einer Kirche, die die Menschen willkommen heißt, die die Armen verteidigt und den Bedürftigen moralische Stärke verleiht. Das Lebenszeugnis ihrer Glieder muss bedeuten, dass sie das Evangelium und seine Werte in Wort und Tat bezeugen. Ihre Verkündigung und ihr christlicher Lebenswandel müssen im Einklang miteinander stehen, damit sie glaubhafte und vertrauenswürdige Verkünder der Frohen Botschaft sein können.

Es sind schwierige Herausforderungen, denen sich die Kirche in der Mongolei stellen muss. Für Bischof Wenceslao Padilla liegt die eigentliche Herausforderung neben einer Vielzahl von Schwierigkeiten und Problemen vor allem darin, wahre Missionare zu sein, die dazu beitragen, das Leben der Armen und Bedürftigen zu verwandeln.
FOTO: KNA-BILD

»Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen«

Ich bin davon überzeugt, dass diese Kirche, geleitet vom Geist Gottes, erblühen wird. Sie hat die frühen, schwierigeren Jahre überlebt dank der Hingabe und des Einsatzes der Missionare und ihrer Laienmitarbeiter. Und ich weiß, dass sie auch weiterhin wachsen wird mit dem kontinuierlichen Engagement ihrer pastoralen Mitarbeiter und Freiwilligen, verbunden mit der Großherzigkeit von Einzelpersonen und Personengruppen in anderen Ortskirchen weltweit. Unseren vielen Wohltätern und Unterstützern ist die Kirche der Mongolei zu großem Dank verpflichtet! Gott segne sie!

Was wir darüber hinaus dringend brauchen, ist ein starker Sinn für Zusammenarbeit und Organisation, damit wir unsere verschiedenen Ordenscharismen zu einem gemeinsamen Streben und einer gemeinsamen Vision zusammenführen können. Der Geist der Einheit und der Gemeinschaft unter den Missionaren ist das beste Zeugnis, das wir unserem mongolischen Volk geben können. Auch ist die Lebensführung aller in der Pastoral Tätigen eine kraftvolle Art und Weise, das Evangelium zu bezeugen. Die folgenden Worte von Papst Paul VI. sind in unserer Situation umso zutreffender: »Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind.« (Evangelii Nuntiandi 41)

Die mongolische Mission geht ihren Weg in die Zukunft in dem vollen Bewusstsein, dass die Kirche ein »WIR« ist, das »WIR« des Glaubens. Ein jeder und eine jede hat im Weinberg des Herrn seine individuelle Aufgabe, aber wir alle sind Gottes Mitarbeiter. Dies gilt für uns heute und in der Zukunft für jeden Christen.

Und somit besteht unsere wahre Herausforderung neben der wirksamen Erfüllung unserer Aufgaben darin, wahre Missionare zu sein, die dazu aufgerufen sind, das Leben jener, mit denen sie in Kontakt kommen, besonders der Armen und Bedürftigen, verwandeln zu helfen.

WENCESLAO SELGA PADILLA CICM
Ordensmann, Bischof der Mongolei

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