Die Bedeutung des Konzils aus afrikanischer Sicht GOTT IST AFRIKANER GEWORDEN! corner

Gott ist Afrikaner geworden!

Die Bedeutung des II. Vatikanischen Konzils aus afrikanischer Perspektive

von MATTHEW KUKAH

Das Konzil hat überhaupt erst die Ökumene ermöglicht. Für viele Regionen Afrikas, in denen es eine Vielzahl von Konflikten zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen gab, war der Aufruf des Konzils zur Ökumene ein sehr wichtiges Ergebnis. Auch die Kirche in Nigeria nahm dies als Ermutigung auf, nun die Gemeinschaft mit anderen Glaubensgemeinschaften zu suchen. Das Foto zeigt den Gründer und Leiter der Gemeinschaft von Taizé, Roger Schütz, unter den Konzilsvätern. FOTO: KNA-BILD

Ein Bischof, der direkt im Himmel wohnt und nur zu Besuch auf die Erde kommt? Ein Priester, der der jüngere Bruder Jesu ist? Es sind dies die Vorstellungen eines zehnjährigen Jungen in einem kleinen Dorf in Nigeria vor 50 Jahren. Und es waren dies die Vorstellungen von Matthew Kukah, der heute Bischof in Sokoto im konfliktreichen Nord-Nigeria ist. Für den Autor ist das II. Vatikanische Konzil ein revolutionäres Ereignis gewesen, das die Kirche Afrikas mehr verändert hat, als wir uns häufig vorstellen. Für Bischof Kukah ist Afrika der größte Nutznießer des Konzils.

Wenn ich nun versuche, über das II. Vatikanische Konzil meine Gedanken niederzuschreiben, dann fühle ich mich in der gleichen Zwickmühle wie der junge Mann, der von seinem Vater ausgeschimpft wird, obwohl er in fast allen Unterrichtsfächern Bestnoten erhalten hat, in Geschichte jedoch ein Ungenügend. Der wütende Vater schimpft: »Wie konntest Du in Mathematik, Physik und anderen schwierigen Fächern so gut abschneiden, in Geschichte aber so schlecht, ein eher einfaches Schulfach?« Der junge Mann antwortet zögerlich: »Vater, es ist wirklich nicht meine Schuld. Es ist die Schuld meines Lehrers. All die Fragen, die er in der Prüfung gestellt hat, handelten von Geschehnissen, die lange vor meiner Geburt stattgefunden haben!«

Der Himmel war vorübergehend leer!

Im Jahr 1962 war ich knapp zehn Jahre alt. Den einzigen weißen Mann, den wir Kinder in unserem Dorf gesehen haben, und das auch nur sehr selten, war der Priester. Es wurde deshalb von uns Kindern vermutet, dass alle weißen Männer Priester seien. Wir vermuteten, dass die Ordenfrauen ebenfalls Priester seien, nur eben weibliche. Dann, eines Tages, sahen wir einen großen Mann, der mehr als 1,80 m groß war. Es war der größte Mann, den ich bis dahin je gesehen hatte. Der Katechist erklärte uns, dass dies der Bischof sei. Aufgrund der wörtlichen Übersetzung, die uns geliefert wurde, kamen wir zu der Schlussfolgerung, dass dieser Mann direkt von Gott komme und dass er mit Gott zusammenlebe. Unser Katechist hatte eine sehr bildliche Sprache, um Dinge zu erklären. Wir alle waren der Überzeugung, dass der Bischof, nach seinem Besuch bei uns, direkt zurück in den Himmel gehen würde. Wir würden dann mit dem kleineren Priester, in unseren Augen ein jüngerer Bruder Jesu, zurückgelassen werden. Wir hatten damals kein Fernsehen und konnten uns deshalb in keinster Weise vorstellen, was denn dieses II. Vatikanische Konzil sein sollte und was wir uns denn darunter vorzustellen hätten. Wenn ich mir nun heute die Bilder vom II. Vatikanischen Konzil anschaue, dann bin ich mir sicher, dass wir als Kinder, hätten wir damals die Bilder zu Gesicht bekommen, mit Sicherheit zu der Einsicht gekommen wären, dass der Himmel vorübergehend leer gewesen sein müsste.

Nun meine Sicht über das II. Vatikanische Konzil niederzuschreiben, 50 Jahre nach diesem so wichtigen Ereignis, ist eine nicht einfache Aufgabe. Ich bin nicht länger ein zehnjähriger Junge mit staunenden Augen, der glaubt, dass ein Bischof wirklich physisch direkt vom Himmel hinunter zur Erde gekommen ist, sondern nun bin ich selber Bischof und habe vor wenigen Wochen meinen 60. Geburtstag gefeiert. Noch ernüchternder ist die Tatsache, dass ich selbst in Kürze in dieser berühmten Konzilshalle mit Hunderten von Bischöfen aus der ganzen Welt sein werde, um an der kommenden Bischofssynode teilzunehmen. Ich werde dort auch am 11. Oktober 2012 sein, um den 50. Geburtstag des II. Vatikanischen Konzils zu begehen.

Wie und wo beginnt man also, um dieses Ereignis zu betrachten und zu bewerten? Ich bin Gott sehr dankbar, dass meine Unschuld bezüglich des Konzils im Laufe der Zeit kompensiert worden ist und dass Gott in seiner unermesslichen Gnade mir das Geschenk gemacht hat, das zu sein, was ich heute bin. Meine Ausführungen werden sich auf allgemeine Beobachtungen einiger Schlüsselthemen beschränken. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass das Konzil eine Menge an Reaktionen hervorgerufen hat. Mein Fazit jedoch ist, dass das Konzil mit Sicherheit ein sehr bedeutsames Ereignis für die Kirche im Allgemeinen und für Afrika im Besonderen war.

Papst Johannes XXIII. unterschreibt im Dezember 1961 die Bulle zur Einberufung des Konzils.
FOTO: KNA-BILD

Dilemma, Möglichkeiten und Hoffnung

Nigerias Kardinal Arinze betrat im Alter von 32 Jahren, kurz bevor das Konzil endete, als neuer Erzbischof von Onitsha die Bühne. Im kommenden November wird er bereits 80 Jahre alt. Vor dem letzten Konklave wurde er als papabile (Anm.: ein möglicher Kandidat für das Papstamt) angesehen. Seine Geschichte und die weiterer hochrangiger Kirchenvertreter aus Afrika, die ebenfalls am Konzil teilgenommen hatten, sind ein Beleg für Afrikas reiche Erfahrungen. Die Kirche Afrikas stellte etwa 10 Prozent der über 2.000 Konzilsväter.

Eine Menge Kritik voller anklagender und verurteilender Aussagen ist am Konzil geübt worden. Das Konzil ist angeklagt worden, die Kirche ins Chaos, in Zwietracht und Uneinigkeit gestürzt zu haben, die Kirche für Häresien geöffnet zu haben.Wenn wir nicht das Konzil gehabt hätten, so das Argument, dann wäre die Identität der katholischen Kirche nicht verwässert worden, und wir wären heute viel stärker, robuster und hätten einen stimmigeren Glauben. Das Entstehen solcher Randgruppen wie die des inzwischen verstorbenen Erzbischofs Lefebvre, die so genannten Piusbrüder, und eine Reihe weiterer Protestgruppen sind häufig als Beleg für das Versagen des Konzils angeführt worden. Andere benennen in diesem Zusammenhang die große Zahl von Priestern und Ordensleuten, die nach dem Konzil das Priesteramt aufgegeben, den Orden verlassen oder gar aus der Kirche ausgetreten sind, als Beweis für das Versagen des Konzils. Diese Bedenken sind ernst zu nehmen. Wenn wir jedoch diese Hinweise als Beweise in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stellen, dann sollten wir zugleich auch daran denken, dass jede Geburt eine Gefahr für das ungeborene Kind darstellt, denn bei der Geburt muss das Kind die Geborgenheit und Sicherheit der Gebärmutter verlassen. Und wir sollten an die Kinder denken, die während der Geburt sterben. Eine Geburt mit Komplikationen kann sogar den Tod des Kindes wie auch der Mutter herbeiführen. Und doch ist jede Geburt trotz aller Gefahren unauflöslich verbunden mit neuen Möglichkeiten und der Zusage auf Fortbestand des menschlichen Lebens und der Zivilisation. Stellen Sie sich nur vor, was für eine Gesellschaft entstehen würde, wenn wir diesen Ängsten erlauben würden, die Entscheidung hinsichtlich der Geburt eines Kindes diktieren zu können!

»Eine noch glücklichere Familie werden«

Vielleicht ist der bedeutsamste Aspekt für uns, den es anzuerkennen gilt, die Tatsache, dass das II. Vatikanische Konzil irgendwie eine selbstlose Entscheidung von Papst Johannes XXIII. war. Es hatte im Vergleich zu vorangegangenen Konzilien eine bemerkenswerte Ausprägung, die frühere Konzilien nicht besaßen. Stellen Sie sich einen Vater vor, der seine Familie zusammenruft und ihr eine aufwendige Feier spendiert. Natürlich würden seine Frau und auch seine Kinder versucht sein zu fragen, was der Grund für diese Feier sei. Und stellen Sie sich vor, der Vater antwortet ganz ruhig: »Ich habe entschieden, dass es diese Feier geben sollte, weil ich möchte, dass wir uns als Familie schätzen. Ich möchte, dass wir Gott für das Geschenk eines jeden einzelnen von uns danken und dass wir gemeinsam darüber nachdenken, wie wir in der Zukunft eine noch stärkere und noch glücklichere Familie werden können!«

Dies mag vielleicht nicht das beste Beispiel sein, aber es ist wirklich der Versuch, uns zu helfen, die Tatsache zu schätzen, dass es, wenn man so will, verglichen mit anderen Konzilen, keine wirkliche Notwendigkeit für ein Konzil gab. Vorherige Konzile waren zusammengerufen worden, um Streit zu beenden, um Häresien zu bekämpfen oder umdie Autorität der kirchlichen Lehre zu bestätigen. Dieses Konzil jedoch wurde zusammengerufen, um der Kirche zu helfen, eine Inventur zu machen, eine Innenschau zu halten und in die Zukunft zu blicken. Kein Zweifel, die Welt veränderte sich rasant. Die Entscheidung, ein Konzil einzuberufen, war eine strategische Entscheidung, um Pläne für die Zukunft zu entwerfen, um die Kirche darauf vorzubereiten, sich der Zukunft mit Vertrauen und Hoffnung zu stellen. Zentral in der Vision des Heiligen Vaters für das Konzil war die Notwendigkeit, ein neues Bewusstsein zu entwickeln, es ging um einen Aufbruch im Volk Gottes.

Meine Intention in diesem Beitrag ist es, einige Schlüsselfragen des Konzils hervorzuheben, die das Leben der Kirche in Afrika im Allgemeinen und in Nigeria im Besonderen berührt haben. Ichmöchte in aller Kürze einen Blick darauf werfen, auf welche Weise wir diese gemeistert haben, und ich behaupte, dass das Konzil weit mehr positive Dinge für die afrikanische Kirche erbracht hat. Die Herausforderung nach 50 Jahren ist meiner Meinung nach in der Frage zu sehen, auf welche Weise wir die Errungenschaften festigen und mit großer Hoffnung in die Zukunft blicken können.

Francis Arinze aus Nigeria ist bereits im Alter von 32 Jahren, kurz vor Abschluss des II. Vatikanischen Konzils, zum Erzbischof von Onitsha ernannt worden (Foto). Von 1979–1984 leitete er die nigerianische Bischofskonferenz. 1985 ist er zum Kardinal ernannt worden und übernahm als Präsident den Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog. Von 2002–2008 leitete er als Präfekt die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Kardinal Francis Arinze gehört zu den ersten Vertretern der afrikanischen Kirchen, die bis in höchste Ämter des Vatikans Verantwortung in der Weltkirche übernommen haben.
FOTO: KNA-BILD

Schlüsselfragen des II. Vatikanischen Konzils

Einige von uns entsinnen sich einiger Schlüsselbegriffe oder Bilder, die das II. Vatikanische Konzil kennzeichneten. Uns wurde zum Beispiel erzählt, dass der Heilige Vater, als er das Konzil einberief, den Vorschlag unterbreitete, die Fenster der Kirche zu öffnen, um frische Luft einzulassen. Ein weiterer Begriff hieß Aggiornamento, was soviel heißt wie »Aktualisierung«, »auf den neuesten Stand bringen«, »Schritt halten mit etwas« oder auch »aufholen.« Diese Begriffe und Bilder wurden benutzt, um die Notwendigkeit aufzuzeigen, dass die Kirche sich der Realitäten um sie herum bewusst wird und auch der Frage nach der Zukunft nachspürt. Das Konzil wurde einberufen, um die Kirche zu einer Heimat für jeden zu machen, indem versucht wurde, die Botschaft des Evangeliums zu nutzen, um die Welt zu verändern. Die Einleitung der Pastoralkonstitution »Kirche in der modernen Welt« gibt diese Empfindungen wieder, wenn es dort heißt: »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen dieser Zeit, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst auch der Jünger Christi… Deswegen erfährt sie sich mit dem Menschengeschlecht und seiner Geschichte wirklich innigst verbunden.« (Gaudium et Spes 1).

1. Der große Vorstoß des Konzils war der universale Ruf zur Heiligkeit. Die Türen waren geöffnet und wir alle wurden gerufen, die Tatsache schätzen zu lernen, dass wir nicht nur Zuschauer sind, die das Schauspiel unseres Glaubens anschauen, das von Experten und Spezialisten, insbesondere den Priestern während der Messfeier aufgeführt wird, sondern dass wir aktive Teilnehmer in jeglicher Hinsicht sind. Die- ser Ruf zur Heiligkeit bedeutete, dass jenseits des Messbesuchs oder des Hörens auf die Schrift, die uns Experten vorlasen, wir ermutigt wurden, die Bibel zu ergreifen und auf Gott zu hören, der nun direkt zu uns spricht. Das Konzil eröffnete den Kindern Gottes die Chance, wahrhaft zu fühlen, dass Entfernungen kein Hindernis für die Universalität unserer Zugehörigkeit zur Kirche darstellen, indem es betont: »Alle über den Erdkreis hin verstreuten Gläubigen stehen nämlich mit den übrigen im Heiligen Geiste in Gemeinschaft, und so ›weiß der, welcher in Rom sitzt, dass die Inder ein Glied von ihm sind‹« (Lumen Gentium 13).

2. In diesem Zusammenhang ist auch die Veränderung im liturgischen Leben der Kirche zu sehen. Die Messe konnte nun in unserer eigenen Sprache gefeiert werden, wir konnten nun die Worte und Handlungen des Priesters unterscheiden, wir konnten nun dem Priester mit größerem Selbstvertrauen antworten. Gott konnte unsere eigenen Sprachen verstehen. Wir in Afrika fühlten nun und kamen zu der Überzeugung, dass Gott nicht länger nur Latein verstand und dass unsere Sprachen und Kulturen nicht länger minderwertig waren. Wir konnten nun direkt zu Gott in unseren eigenen Sprachen sprechen und uns selbst ausdrücken. Nun einen Priester zu haben, der uns direkt ansah, war eine besondere Freude. Wir alle waren nun Beteiligte an der Messfeier, nicht länger Zuschauer. Wir konnten nun auch Dialog mit unseren eigenen Kulturen führen, da wir begannen, unsere eigenen Lieder zu komponieren. Endlich konnte Gott uns tanzen, singen und klatschen sehen. Er konnte unseren Trommeln zuhören, ohne die Stirn runzeln zu müssen. Wir mussten nicht länger dem Piano zuhören, dessen Klang für unsere Ohren wirklich befremdlich war. Unsere Trommeln mit ihren Ziegenfellen konnten nun genutzt werden, um Gott zu preisen. Die gleichen Trommeln, die wir für unsere Feste nutzten, unsere Hochzeiten, Beerdigungen etc., diese Trommeln, mit denen wir das Leben feierten, konnten genutzt werden, um Gott zu preisen, ihn anzubeten. Da die Lieder nun in einheimischen Sprachen gesungen wurden, war das Analphabetentum keinHindernis mehr, um sich die Liedtexte zu merken. Die neue Form liturgischer Ausdrücke und Redewendungen erforderte nunmehr Überzeugungen und die Bekehrung der Herzen, nicht länger aber Bildung und Alphabetisierung.

3. Wir konnten nun die Bibel in unsere lokalen Sprachen übersetzen und lesen. Herr Gott Allmächtiger! Gott selbst konnte unsere eigenen afrikanischen Sprachen sprechen! Sein Buch sprach nun direkt zu uns in unseren Dörfern! Wir erlebten ein Pfingsten ohne je nach Jerusalem gereist zu sein. Gott ist wirklich ein Afrikaner geworden! Wie der heilige Paulus es ausdrückt, wir konnten mit Freude zurückblicken und verkünden, dass Gott keine Lieblinge hat.

4. Es gab den deutlichen Aufruf zum Dialog mit der Welt und unserer Umwelt. In den meisten afrikanischen Gemeinschaften, die durch die Sprache und die Ahnen geeint waren, hatte der neue Glauben Spaltungen hervorgerufen. Unser nigerianischer Schriftsteller Chinua Achebe hat dieses Dilemma mit Titeln wie »Things Fall Apart« oder »No Longer at Ease« aufgegriffen. Viele Verbindungen der Gemeinschaften wurden zertrennt, da katholische und protestantische Bereiche der Gemeinschaft gegeneinander Krieg führten. Durch den Aufruf zur Ökumene wurden wir nun ermutigt, Wege der Kommunion zu suchen, in Übereinstimmung mit dem Gebet Jesu, dass alle eins sein sollten (Joh 17,21). Uns wurde mitgeteilt, dass wir nun mit Muslimen sprechen konnten und dass wir uns unserer afrikanischen religiösen Traditionen erfreuen konnten. Das Konzil teilte uns mit, dass unsere traditionellen Namen, die wir mit der Taufe abzulegen hatten, nicht länger vom Teufel waren und dass unsere Großeltern, die sich nicht hatten taufen lassen, wirklich Menschen waren. Dies war in der Tat eine große Herausforderung, denn es bedeutete letztlich, zurück zu den Abfalleimern zu gehen, in die wir einige unserer Identitäten verbannt hatten.

5. Neue Möglichkeiten wurden insbesondere den Laien geboten. Es war, als ob die geschlossene Tür nun geöffnet worden war und die Laien wirklich mit Selbstvertrauen hereinkommen und Platz nehmen konnten. Die Entstehung von Laienorganisationen wurde ermutigt, und die Menschen bekamen nun eine Stimme in allen kirchlichen Angelegenheiten. Das quirlige Leben und die freigesetzte Energie unter den Laien ist eines der erstaunlichsten Erfolge des Konzils gewesen. Die Explosion an Vitalität, Expertise, Engagement und Enthusiasmus in fast allen Bereichen des kirchlichen Lebens ist zu einer Quelle der Bereicherung geworden. Die Öffnung hin zu den Laien hat diese befähigt, ihre akademischen und beruflichen Fähigkeiten in die Kirche einzubringen. Noch erstaunlicher für die Kirche war die Vitalität von Frauengruppen, insbesondere die gewöhnlicher Frauen aus den unteren Schichten. In den meisten Teilen Afrikas sind Frauen auch weiterhin der kraftvollste und stärkste Ausdruck des Lebens und der Energie, die die Kirche umfasst. Zeremonien und andere öffentliche Auftritte würden nicht dieselben sein ohne Frauen. Nicht ausgebildete Frauen haben ihre Stimme als Komponisten gefunden. Aber auch die Jugend hat ihre Stimme gefunden. Auch ihre Vitalität ist eine große Bereicherung für die Kirche.

6. Das Entstehen eines einheimischen Ordenslebens, eines einheimischen Klerus ist vielleicht der deutlichste Ausdruck für die Gewinne des II. Vatikanischen Konzils. Wie ich weiter unten aufzeigen werde, fanden die Worte von Papst Paul VI. direkt nach dem Konzil tatsächlich eine hohe Beachtung, als er die Afrikaner dazu aufrief, zu eigenen Missionaren für Afrika zu werden. Die afrikanische Kirche, die diesem Aufruf eine besondere Beachtung schenkte, steht heute mit Stolz und Selbstvertrauen im Herzen der Weltkirche.

Was wäre geschehen, hätte es das Konzil nicht gegeben?

Zusammenfassend müssen wir Gott für das Geschenk des Geistes, der der Welt den seligen Papst Johannes Paul XXXIII. geschenkt hat, loben und preisen. Es war dieser Papst, der den Mut hatte, das Konzil einzuberufen. Er erlebte das Ende des Konzils leider nicht mehr, aber gemäß den Worten der Schrift ist der nahtlose Übergang und die Kontinuität durch seinen würdigen Nachfolger, Papst Paul VI., ein Beweis für die Realität, dass ein und derselbe Geist der Kirche unterschiedliche Gaben schenkt (1 Kor 12,11).

Es wäre in unserer Bestandsaufnahme nun zu einfach, die so genannten Schwierigkeiten, die mit dem Konzil entstanden sind, als Beleg für das Versagen des Konzils zu deuten. Was wir nicht erklären können:Was wäre geschehen, wenn das Konzil nicht stattgefunden hätte? Hätte Afrika trotzdem die Energie gehabt, um seinen Beitrag auf eine Art und Weise, wie es nach dem Konzil erst möglich wurde, für die Weltkirche zu leisten? Ich bezweifle es. Afrika ist mit Sicherheit einer der größten Nutznießer des Konzils.

Das Wachstum der Kirche Afrikas seit den 60er Jahren hinsichtlich kirchlicher Strukturen und kirchlicher Präsenz (Erzdiözesen, Diözesen, Pfarreien, Pastoralzentren, kirchliche Gesundheits-, Bildungs- und Sozialeinrichtungen sowie Einrichtungen der Entwicklungsarbeit) und hinsichtlich des Personals (Bischöfe, Priester, Ordensleute, Seminaristen, Katechisten sowie Laienorganisationen) ist phänomenal und steigt auch weiterhin. Diese Entwicklung traf zusammen mit der politischen Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Staaten von ihren Kolonialherren. Gott sei gepriesen!

Eine wichtige historische Phase für das kirchliche Leben in Afrika in Folge des Konzils war das Pontifikat von Papst Johannes Paul II. Besuche des Papstes in Afrika, der steile Anstieg kirchlicher Jurisdiktionen, Seligsprechungen von Afrikanern, die Ernennung vieler Kardinäle, die epochale Einberufung der Bischofssynode zu Afrika im Jahr 1994: dies und einige andere Entwicklungen schenkten der afrikanischen Kirche einen besonderen Platz in der Weltkirche. Und das sind reiche Ernten der Früchte, die durch das Konzil gesät wurden.

Die afrikanische Kirche erlebte bisher nicht dieses gewisse Trauma, das einige Gebiete der Kirche in Europa und Amerika charakterisiert. Es handelt sich meiner Meinung nach um eine Frage des Alters und des Zeitpunkts. Während die Kirche in Europa gereift und gealtert ist, trug sie in Afrika Früchte und erblühte. Wir wurden nicht Zeuge eines Exodus aus den Kirchenbänken, aus dem Priestertum oder dem Ordensleben, denn die entsprechenden Zahlen waren zu unbedeutend. Die Kirche ist nichtsdestotrotz ins Alter gekommen und beginnt deshalb verständlicherweise erste Zeichen von Stress zu zeigen. Das Entstehen von Pfingstkirchen, der wachsende Materialismus und wachsende säkulare Einflüsse fordern inzwischen auch in der afrikanischen Kirche ihre Opfer.

Dialog ist gefordert

Wir sind in Afrika vor enorme Herausforderungen gestellt. Afrikas schwache politische Infrastruktur hat den Kontinent geöffnet für die Angriffe vonWölfen (Mt 7,15; Apg 20,29). Hunger, Armut und Tod suchen den Kontinent auch weiterhin heim und haben ihn der Gewalt ausgesetzt; und in der Tat reißen die Gewalttätigen den Kontinent an sich (Mt 11,12).

Papst Benedikt XVI. hat in seiner Predigt zum Abschluss der Afrikasynode am 25. Oktober 2009 den Kontinent als einen Ort eines unschätzbaren Schatzes für die gesamte Welt bezeichnet. Er betonte, dass Afrika auch weiterhin ein Kontinent mit ergiebigen Reichtümern sei, die unglücklicherweise zu einer Quelle für Ausbeutung, Konflikte und Korruption geworden seien. Aber: Afrika repräsentiere ein anderes Erbe: es sei die spirituelle Lunge derMenschheit. Zugleich warnte er die Synodenteilnehmer, denn diese Lunge könne erkranken aufgrund zweier Phänomene: des praktischen Materialismus und des relativistischen, nihilistischen Denkens.

Der Kontinent sieht sich den moralischen Herausforderungen gegenüber, die durch eine wachsende Kultur der Selbstsucht und der Habgier entstanden sind. Das hat zum Zusammenbruch des Familiensinns geführt, zur Erosion der Hingabe zur harten Arbeit, zum Zusammenbruch einer Kultur der Liebe, Harmonie und Nächstenliebe. Selbst über den Leib Christi sind die grausamen Wölfe des Ethnizismus brutal hergefallen, die Gemeinschaften gegeneinander aufgehetzt haben.

Die katholische Kirche ist mit ihren personellen Ressourcen gut aufgestellt, um den Kontinent anzustubsen für eine Zukunft, die genährt wird von der reichen Tradition der katholischen Soziallehre hinsichtlich der Möglichkeit, eine gerechte Ordnung zu errichten. Die Kirche muss ihre moralischen Ressourcen mobilisieren, ihre reichen Traditionen und ihre Erfahrung und dabei behilflich sein, den Weg zu einem Afrika der Verheißung und der Hoffnung zu machen. Die Rückkehr der Demokratie ist ein Indikator, dass eine neue politische Ordnung errichtet werden kann. Um dies zu ermöglichen, muss die Kirche sich selbst für den Dialog in all seinen Konsequenzen öffnen, für einen Dialog mit der Politik, der Wirtschaft und mit anderen Religionsgemeinschaften wie dem Islam. Wir müssen das dreiteilige Konzept eines Dialogs der Gesellschaft, Religion und Kultur umarmen. Dialog ist in der Tat eine Verkündigung des Evangeliums. Um dies effektiv leisten zu können, müssen wir uns die Worte unseres Herrn und Meisters ins Gedächtnis rufen, der uns die Zusage gegeben hat: »Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt.« (Mt 28,20)

»Hab Mut! Steh auf, afrikanischer Kontinent!«

Zum Ende der zweiten Afrikasynode erklärten die afrikanischen Bischöfe: »Unser Geschick ist auchweiterhin in unseren Händen. DieWassermögen stürmisch sein. Aber unseren Blick auf Christus den Herrn gerichtet, mögen wir es sicher in den Hafen der Versöhnung, Gerechtigkeit und des Friedens schaffen, bis ans Ende der Zeiten.«

Papst Benedikt XVI. erklärte während des Abschlussgottesdienstes: »Hab Mut! Steh auf, afrikanischer Kontinent, Land, das den Heiland der Welt aufgenommen hat, als er als Kind mit Josef und Maria nach Ägypten flüchten musste, um sein Leben vor der Verfolgung des Königs Herodes zu retten… Wenn ihr, Hirten der Kirche in Afrika, nach Hause zurückkehrt, überbringt euren Gemeinschaften meinen Segen.« Mit diesen Reisewünschen des Heiligen Vaters und mit dem Wind des II. Vatikanischen Konzils in unseren Segeln sind wir bereit, die Worte Jesu zu beherzigen und auf den See zu fahren und die Netze auszuwerfen (Lk 5,4). Die Entscheidung des Heiligen Vaters, eine Bischofssynode zum Thema der Neuevangelisierung und der Weitergabe des Glaubens einzuberufen, ist sowohl eine vielversprechende als auch prophetische Art und Weise, das II. Vatikanische Konzil zu ehren.

MATTHEW KUKAH
Theologe, Bischof der Diözese Sokoto / Nord-Nigeria; im Auftrag der Vereinten Nationen leitete er die Shell-Versöhnungskommission, die sich um ein Ende der Konflikte im Nigerdelta und eine Wiedergutmachung für die Bevölkerung aufgrund der Umweltzerstörung durch die Erdölförderung bemühte; als Experte und Berater nahm er an der zweiten Afrikasynode teil, als ordentliches Mitglied wird er an der diesjährigen Bischofssynode zur Neuevangelisierung vom 18 7.–28. Oktober 2012 in Rom teilnehmen.

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