Kleine Christliche Gemeinschaften SAMENKÖRNER EINER NEUEN GESELLSCHAFT? corner

Samenkörner einer neuen Gesellschaft?

Hoffnungen und Herausforderungen für KCGs in Sri Lanka im Kontext des ethnischen Konflikts

von EMMANUEL RAVICHANDRAN

Ein Soldat der Armee von Sri Lanka überwacht am 9. Juni 2009 mit einem Maschinengewehr die Rückführung von Flüchtlingen in die Region von Mannar.
FOTO: KNA-BILD

Der Konflikt zwischen Tamilen und Singhalesen in Sri Lanka ist ein bereits über Dekaden schwelender Konflikt, der in einen 26 Jahre dauernden Bürgerkrieg mündete. Mit der Zerschlagung der LTTE – der Rebellenbewegung der Tamilen – und der Beendigung des Krieges ist dieser Konflikt jedoch nicht beendet (vgl. Forum Weltkirche 5–2011, S. 21ff: Der [hoffnungslose] Traum von Frieden und Versöhnung). Hoffnungen auf Versöhnung wurden bisher nicht erfüllt. In diesem Kontext stellt der Autor die Frage nach der möglichen Rolle und der Relevanz Kleiner Christlicher Gemeinschaften, die das Bild der Kirche Sri Lankas prägen. Denn gerade das Christentum ist als einzige Religion sowohl im Volk der Singhalesen, die überwiegend Buddhisten sind, als auch im Volk der Tamilen, überwiegend Hinduisten, vertreten und könnte eine wichtige Brückenfunktion in diesem ethnischen Konflikt spielen.

Die Kirche ist in Christus gleichsam das Sakrament beziehungsweise Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott und für die Einheit des ganzen Menschengeschlechts, heißt es in den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils. »Christen, vereint mit dem Sohn durch das Liebesband des Geistes, sind auch mit dem Vater vereint, und aus dieser Gemeinschaft geht auch die Gemeinschaft hervor, welche sie untereinander durch Christus im Heiligen Geist verbindet«, betont Papst Johannes Paul II. in seinem postsynodalen Schreiben der Asiensynode. Diese Lehraussagen der Kirche sprechen sehr klar das allseits bekannte Verständnis der Kirche als Gemeinschaft aus. In der Tat ist die Gemeinschaft von zentraler Bedeutung für das Wesen und die Mission der Kirche.

Der Dienst der Kirche für die Einheit hat eine besondere Bedeutung in Asien, wo es so viele Spannungen, Spaltungen und Konflikte gibt, verursacht durch ethnische, soziale, kulturelle, sprachliche, wirtschaftliche und religiöse Unterschiede. In diesem Kontext ruft Papst Johannes Paul II. im Namen der Weltkirche die Ortskirchen Asiens auf, »eine größere Gemeinschaft des Geistes und des Herzens«untereinander zu pflegen.

Angesichts der Situation in Sri Lanka sind die Aussagen des Papstes sehr bedeutsam und seine Aufforderung zu einer engeren Gemeinschaft sehr berechtigt. Die frühere Präsidentin Sri Lankas, Mrs. Chandrika Bandaranaike Kumaratunga, sagte während einer Ansprache mit Tränen in den Augen, dass ihr Sohn und ihre Tochter, nachdem sie die Dokumentation »Sri Lankan killing fields« im TV Sender »Channel 4« gesehen hatten, sich schämen würden, Bürger Sri Lankas zu sein.4 Der vorherrschende ethnische Konflikt fordert in der Tat zu einer größeren Gemeinschaft in jeglicher Hinsicht im Leben der Menschen Sri Lankas auf.

Dieser Artikel versucht die Herausforderungen und Möglichkeiten zu identifizieren, die sich Kleinen Christlichen Gemeinschaften stellen, um die so notwendige Gemeinschaft in Sri Lanka zu fördern.

Der ethnische Konflikt in Sri Lanka

Sri Lanka ist eine unitarische Präsidialrepublik. Singhalesen, mehrheitlich Buddhisten, bilden die Mehrheit der Bevölkerung. Tamilen, die vor allem im Norden und Osten des Landes leben und mehrheitlich dem Hinduismus angehören, bilden die größte ethnische Minderheit. Andere Gemeinschaften sind Araber, Malayen, Burgher und das indigene Volk der Vedda. Die Gesamtbevölkerung beträgt etwa 20 Millionen Menschen. Davon sind 74,9 Prozent Singhalesen, 18,1 Prozent Tamilen, 7,1 Prozent Araber und 0,8 Prozent andere.

Das Land stand während fünf Jahrhunderten unter der Herrschaft dreier unterschiedlicher Kolonialmächte. Zunächst stand es unter der Herrschaft der Portu giesen, dann der Holländer und schließlich der Briten. Vor allem die Briten, deren Herrschaft am längsten dauerte und die das gesamte Land unter ihre Herrschaft brachten, haben das Land verändert. Vor der Ankunft der Kolonialmächte gab es in Sri Lanka drei unabhängige Königreiche. Eines der Tamilen im Norden und Osten des Landes sowie zwei Königreiche der Singhalesen im Zentrum der Insel und im Südwesten (Jaffna, Kandy und Kotte). Während dieser Zeit wurden Tamilen häufig als Verwaltungsbeamte eingesetzt, da sie als schriftkundig galten. Singhalesen fühlten sich benachteiligt. Als die Briten das Land verließen, war Sri Lanka zu einem Einheitsstaat geworden, mit einer überwältigenden Bevölkerungsmehrheit der Singhalesen. Diese Mehrheit versuchte sodann mit Erlangung der Unabhängigkeit im Jahre 1948 nach und nach Sri Lanka in einen Staat der Singhalesen zu verwandeln und die unter der Kolonialmacht der Briten eingeführte Bevorzugung der Tamilen zu beenden. Im Jahr 1956 wurde das Gesetz der offiziellen Landessprache verabschiedet. Dieses Gesetz sah die singhalesische Sprache, die von über 70 Prozent der Bevölkerung gesprochen wurde, als einzige offizielle Landessprache vor. Zudem wurden Versuche unternommen, den Buddhismus zur Staatsreligion zu erheben, unter Ausschluss des Hinduismus, des Christentums und des Islam. Bis heute heißt es in Sektion 9 der aktuellen Verfassung, dass dem Buddhismus eine bevorzugte Rolle im Land einzuräumen sei. Auch die geänderten Zulassungsbestimmungen für die Universitäten waren ein weiterer Schritt, Tamilen im Land zu diskriminieren. Die Tamilen ihrerseits kamen zu dem Schluss, dass sie angesichts solch bewusster Marginalisierung ihres Volkes einen eigenen Staat benötigen. Dies war der Beginn eines zunächst friedlichen Kampfes der Tamilen gegen ihre Diskriminierung und für die Gründung eines eigenen Staates. Als es schließlich im Jahr 1983 zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Singhalesen und Tamilen kam, in dessen Verlauf Tausende von Tamilen getötet wurden, gründete sich die LTTE – Liberation Tigers of Tamil Eelam. Es war der Beginn eines 26-jährigen brutalen Bürgerkrieges.

Vor dem UN-Büro in Colombo protestieren Ende September Hunderte von Menschen, unter ihnen einige buddhistische Mönche, gegen den Besuch von UN-Vertretern, die mit der Regierung die Frage der Menschenrechtsverbrechen während des Bürgerkrieges diskutierten. Internationale Beobachter, die Menschenrechtskommission der UN, aber auch einige Regierungen der EU werfen der Regierung Sri Lankas vor, die Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen während des Bürgerkrieges zu verhindern.
FOTO: UCANEWS

Die Nachkriegssituation

Mit einer Großoffensive der Regierungstruppen und der Zerschlagung der LTTE im Mai 2009 in Mullaitheevu kam es zu einem Ende des Bürgerkrieges. Es wird befürchtet, dass mehrere Tausend Zivilisten, manche sprechen gar von mehreren Zehntausend, während dieser letzten Wochen des Krieges getötet worden sind. Bis zu 300.000 Zivilisten haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren und wurden von der Regierungsarmee in Internierungslager gebracht. Heute dürfen sie zurück in ihre Heimatorte. Doch auch weiterhin gibt es Orte, die militärisch abgeriegelt sind und zu denen die Zivilbevölkerung keinen Zutritt hat. Mehr und mehr Beweise kommen ans Tageslicht, dass zum Ende des Bürgerkrieges zahlreiche Menschenrechtsverbrechen begangen worden sind.

Es sind nun seit der Beendigung des Bürgerkrieges mehr als drei Jahre vergangen. Die Situation ist weiterhin sehr prekär für die Zivilbevölkerung. Es war allgemein angenommen worden, dass mit dem Sieg über die LTTE die Regierung aufrichtige politische Vereinbarungen mit den Tamilen treffen würde, um den Hoffnungen der Tamilen gerecht zu werden und eine Mitwirkung an der Regierungsgewalt auf Landesebene zu ermöglichen. Jedoch waren diese Erwartungen umsonst. Die Regierung versucht eine »ein Land- eine Nation«-Politik durchzusetzen, was die Gefahr in sich birgt, die Identität der Tamilen zu zerstören. Der gesamte Norden und Osten ist sehr stark militarisiert, überall finden sich Kontrollposten. Das Militär greift in alle Bereiche des Lebens der Zivilbevölkerung ein. Die letzten Wahlen, sowohl die Parlamentswahlen, Präsidentschaftswahlen als auch Wahlen auf kommunaler Ebene, haben gezeigt, dass es eine deutliche Spaltung zwischen dem Norden und Osten auf der einen Seite, dem Rest des Landes auf der anderen Seite gibt. Westliche Regierungen und auch die EU erhöhen den Druck auf die Regierung. Sie bestehen darauf, dass die Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen untersucht werden. Die Regierung demgegenüber beschleunigt die Errichtung einer Herrschaft einer Familie, die mit sichtbaren und unsichtbaren Methoden jeden Aspekt des Lebens kontrolliert (Anm.: vergleiche auch Informationen S. 5 in dieser Ausgabe). Auf lokaler Ebene ist die Situation auf dem Siedepunkt angekommen. Eine Bekehrung der Herzen und die Förderung von Gemeinschaft sind notwendiger denn je.

Die Geschichte der KCGs in Sri Lanka

Die Geschichte der gegenwärtigen Bewegung der Kleinen Christlichen Gemeinschaften in Sri Lanka begann mit der Errichtung von AsIPA – dem asiatischen, integralen, pastoralen Ansatz – als Antwort auf den Ruf der FABC während ihrer 5. Vollversammlung imJahr 1990 in Bandung, eine partizipatorische Kirche zu werden, eine Gemeinschaft von Gemeinschaften, eine Kirche, die den auferstandenen Herrn bezeugt. Das Sekretariat für die Laien zusammen mit dem Sekretariat für menschliche Entwicklung der FABC entwickelte daraufhin im Jahr 1993 diesen Pastoralansatz, der sich AsIPA nennt. Im Jahr 1995 wurde der ersteWorkshop in Sri Lanka durchgeführt. Der inzwischen verstorbene Bischof Oswald Hirmer (damals noch Priester und als Direktor am Lumko-Institut in Südafrika tätig), Father Thomas Vijay aus Indien, Ms. Cora Mateo aus Taiwan und Ms. Estella Padilla aus den Philippinen haben diesen Workshop durchgeführt. Viele Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien aus allen Diözesen Sri Lankas nahmen daran teil.

Sehr schnell wurden die Materialien von AsIPA in die eigene Muttersprache übersetzt und die ersten Diözesen begannen damit, diese »neue Art, Kirche zu sein« einzuführen. Die Errichtung von KCGs begann mit großem Enthusiasmus.

Die Bischofskonferenz Sri Lankas hat im Laufe der Zeit zu diesem Pastoralansatz drei Pastoralbriefe veröffentlicht und die Bedeutung für die Kirche Sri Lankas hervorgehoben.

Mitglieder von KCGs aus ganz Sri Lanka haben am 24. Oktober 2012 an der Abschlussveranstaltung der VI. AsIPA-Generalversammlung teilgenommen.
FOTO: NORBERT KÖSSMEIER

Die gegenwärtige Situation der KCGs in Sri Lanka

Zurzeit gibt es in allen zwölf Diözesen des Landes KCGs. In allen Diözesen wurden von den Bischöfen Priester als Koordinatoren auf diözesaner Ebene ernannt sowie diözesane Leitungsteams, bestehend aus Ordensleuten und Laien, gegründet. Alle vier Monate gibt es ein Treffen der Verantwortlichen auf nationaler Ebene, und Repräsentanten aller diözesanen Teams treffen sich in einer Diözese zu einem Exposure-Programm in dieser Diözese, zu einem Erfahrungsaustausch und auch, um von den Entwicklungen in den verschiedenen Diözesen zu berichten. Aber auch, um gemeinsam weitere Schritte zu planen. Gegenwärtig gibt es etwa 3.500 KCGs in Sri Lanka, verteilt auf 12 Diözesen. In manchen Diözesen sind KCGs besser organisiert als in anderen. Die Diözesen Kurnagala, Chilaw, Mannar, Trincomalee-Batti und Jaffna haben landesweit die meisten KCGs. Eine große Anzahl ihrer Pfarreien verstehen sich als Gemeinschaft von Gemeinschaften. Jedoch haben alle KCGs noch einen weiten Weg vor sich, um wirklich Gemeinde zu sein. Eine landesweite Erhebung im Jahr 2011 hilft uns, die gegenwärtige Situation von KCGs in Sri Lanka zu verstehen.

Positive Entwicklungen:

– Die Partizipation in KCGs hat einen höheren Grad an Umkehr im persönlichen Leben hervorgebracht. Die Mitglieder einer KCG haben gelernt, dass das Wort Gottes sie nährt. Sie partizipieren nun aktiv am Leben der Pfarrei, mehr als je zuvor. Ihre Fähigkeit und Bereitschaft, ihren Nachbarn zu vergeben und sich mit ihnen zu versöhnen hat stark zugenommen. Ihr Glaube hat sich vertieft. Die Menschen fühlen, dass ihr Glaube ihnen nun hilft, leichter mit den Höhen und Tiefen ihres Alltags umgehen zu können. Sie fühlen sich nun imstande, intensiver zu beten. Ihr persönliches und gemeinschaftliches Gebetsleben hat sich verbessert. Die Liturgie und die Sakramente haben für die Menschen nun eine größere Bedeutung als zuvor.

– In ihrem Gemeinschaftsleben beobachten die Mitglieder der KCGs ebenfalls große Veränderungen. Sie fühlen sich nun in ihrer Nachbarschaft glücklich. Ihre direkte Umgebung ist sauberer geworden, da sie sie regelmäßig als Gemeinschaft reinigen. Die Kranken, Älteren, Armen und Leidenden fühlen sich besser umsorgt, da sie nun wirklich Hilfe und Unterstützung von der Gemeinschaft erhalten. Auf Kastenunterschiede basierende Spannungen haben abgenommen. Die Mitglieder der KCGs erlangen eine christliche Reife, die es ihnen ermöglicht, alle Menschen als ihresgleichen zu akzeptieren, trotz Kasten-, Klassen- und religiösen Unterschieden. Das Christentum ist nicht länger eine Religion der Regeln, Bestimmungen und Vorschriften, die es zu beachten gilt, sondern eine wirkliche Lebensfreude einer wahren Gemeinschaft.

– KCGs berichten, dass ihre Partizipation am kirchlichen Leben und Dienst großartig zugenommen hat.

Viele neue Gesichter nehmen an Liturgiefeiern teil und engagieren sich in der Pfarrei in unterschiedlichen Diensten und Gremien. Sie übernehmen Verantwortung für bestimmte Aufgaben und Dienste. »Es ist meine Aufgabe als Mitglied der Kirche« – so lautet häufig ihr Selbstverständnis. Die Aufgaben und Dienste der Kirche sind nicht länger eine alleinige Angelegenheit der Priester und Ordensleute. Mit Einführung der KCGs wurden die unterschiedlichen Dienste auf viele Laien verteilt. Regelmäßig wechseln sie sich ab.

Vielfältige Herausforderungen

– Eine geringe Partizipation von Männern ist eine landesweit identifizierte Herausforderung. Männer halten die Treffen von KCGs für eine Gebetsveranstaltung, die vor allem Frauen ansprechen und für sie ge macht werden. Häufig verleiten die vor Ort durchgeführten Treffen der KCGs die Männer zu dieser Annahme. Diejenigen, die sich versammeln, tendieren dazu, ihr Treffen als routinemäßige Versammlung durchzuführen, die lediglich die 7-Schritt-Methode des Bibel-Teilens kennt. Immer wieder wird zuvor der Rosenkranz gebetet. Keine anderen Methoden des Bibel- Teilens, keine anderen Wege des Austausches oder des Gemeinschaftslebens finden statt.

– Viele Gruppen treffen sich wöchentlich, was unausweichlich zu einer monotonen Routine führt. Viele Mitglieder, die zunächst mit großem Enthusiasmus begonnen hatten, bleiben später den Treffen fern aufgrund dieser monotonen Art der Zusammenkünfte.

– Fehlende Ausbildung und Schulung der Leiter der Treffen führen dazu, dass die Treffen z. T. als langweilig oder uninteressant erlebt werden. Häufig wurden KCGs in großer Eile gegründet, ohne der Schulung der Leiter Beachtung zu schenken. Dies wirkt sich nun aus und schadet auf lange Sicht der Gemeinschaft.

– Viele KCGs stagnieren auf der Ebene von Gebet, Gemeinschaft und Nachbarschaftshilfe. Sie schaffen es nicht, die über ihre konkrete Nachbarschaft hinausgehenden Fragen und Probleme zu sehen und zu reflektieren. Fragen von Gerechtigkeit und Frieden werden häufig ausgeklammert. Fragen des Bürgerkriegs, des ethnischen Konflikts in Sri Lanka, der Menschenrechtsverletzungen in Sri Lanka kommen nicht vor.

– Priester und Ordensleute gilt es zu überzeugen und für diese Art von Kirche zu begeistern. Dies ist eine allgemein beschriebene Herausforderung. Auch wenn die meisten Priester und Ordensleute theoretisch diese Art von Kirche, eine partizipatorische Kirche, und auch die Rolle der Laien in einer partizipatorischen Kirche unterstützen, fällt es ihnen in der Realität sehr schwer, Laien als mitverantwortliche Mitarbeiter im Weinberg des Herrn zu akzeptieren. Der Missbrauch von Autorität auf Seiten des Klerus ist eine bedeutsame Herausforderung, der sich die Kirche in Sri Lanka stellen muss, um »eine neue Art, Kirche zu sein« auch realisieren zu können. Die Kirche ist bis heute traurigerweise sehr hierarchisch geprägt.

Eine Situation der Ungerechtigkeit

Der ethnische Konflikt ist bisher für KCGs kein Thema, sei es im Norden oder Süden des Landes. Die Situation der Ungerechtigkeit ist im Norden des Landes überall greifbar:

– Tamilen, die vertrieben worden waren und lange Zeit in Internierungslagern untergebracht waren, dürfen zwar jetzt weitgehend zurück in ihre Heimatorte. Jedoch hat die Regierung nur unzureichende Vorkehrungen getroffen, ihnen die Rückkehr zu ermöglichen, zumal sie alles verloren haben. Die Errichtung vorübergehender und auch dauerhafter Unterkünfte für die Rückkehrer geht nur sehr langsam voran. Das Leiden der Menschen ist sehr groß.

– Möglichkeiten, den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, gibt es kaum. Insbesondere Frauen und Kinder leiden unter der Situation. Sie sind am verwundbarsten. Viele von ihnen benötigen aufgrund ihrer Traumatisierungen psychologische Hilfe, jedoch erhalten NGOs, die sich auf eine entsprechende fachlich qualifizierte Hilfe spezialisiert haben, von der Regierung keine Genehmigung für ihr Engagement.

– Selbstmorde, häusliche Gewalt, örtliche Konflikte, Drogenmissbrauch, Raub, Mord, Kinderarbeit etc. nehmen dramatisch zu. Von Seiten der Regierung geschieht nichts, um Abhilfe zu schaffen. Die Arbeit der NGOs ist untersagt.

– Das Leben ehemaliger Rebellen ist besonders schwierig, soweit sie überhaupt auf freiem Fuß sind. Von Sicherheitsbehörden werden sie ständig überwacht und kontrolliert. Eine Arbeit finden sie in der Regel nicht.

– Auch weiterhin werden Menschen umgebracht, nicht identifizierte Leichen werden in Brunnen gefunden oder an abgelegenen Orten. Die Polizei macht keinerlei Fortschritte, die Täter zu identifizieren.

– Frauen sind in den vom Krieg betroffenen Gebieten in einer besonders schwierigen Situation, was ihre Sicherheit betrifft. Sie sind auf die Gnade der Militärs in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft angewiesen. Die meisten von ihnen sind gezwungen, allein mit ihren Kindern zu leben, da ihre Männer entweder im Krieg getötet wurden oder aber in Internierungslagern sitzen. Es gibt viele Berichte über sexuellen Missbrauch und Vergewaltigungen.

– Die Ansiedlung von Singhalesen aus dem Süden nimmt deutlich zu.

– Im Gebiet von Mullaitheevu, dort also, wo die heftigsten Kämpfe zum Ende des Bürgerkrieges stattgefunden haben, wird Fischern aus dem Süden Sri Lankas jegliche Freiheit zum Fischen gegeben. Tamilischen Fischern werden von den Behörden eine Fülle von Restriktionen auferlegt.

– Der Norden und Osten Sri Lankas ist komplett militarisiert worden. Die Präsenz der Streitkräfte ist überall zu sehen. Große Landstriche, die Zivilisten gehörten, sind beschlagnahmt und vom Militär in Beschlag genommen worden. Große Militärbasen werden im gesamten Norden und Osten errichtet.

– Sicherheitskräfte stecken ihre Nase in alle Bereiche des Lebens. Zu allen öffentlichen Versammlungen oder Veranstaltungen muss das Militär eingeladen werden. Ansonsten bekommen die Organisatoren massive Probleme mit den Sicherheitskräften.

– Eine massive Buddhisierung im Norden ist festzustellen. Etwa 200 buddhistische Schreine, kleinere und größere, wurden an den Straßenrändern und Kreuzungen im Norden seit der Beendigung des Krieges errichtet.

– Jeglicher Versuch, gegen die Situation zu protestieren, wird mit harschen Mitteln unterdrückt. Das Militär bedroht jeden, der im Namen der Bevölkerung eine andere Meinung als die Militärs vertritt.

Das Senfkorn Hoffnung

KCGs in Sri Lanka sind zurzeit nicht darauf vorbereitet, auf diese Situation zu reagieren. Wenn sie jedoch diese Probleme offen und ehrlich angehen und als Christen auf sie antworten wollen, dann stellen sich folgende Herausforderungen:

– KCGs haben sich mit dem prophetischen Wort Gottes zu stärken. Sie müssen zu Gemeinschaften werden, die nach Gerechtigkeit, Menschenwürde, Frieden und Versöhnung hungern. Dies bedeutet aber auch, dass die Bewusstseinsarbeit auf Ebene der KCGs gestärkt werden muss.

– KCGs müssen ihr ökumenisches und interreligiöses Engagement verstärken, denn die vor ihnen liegende Aufgabe erfordert eine größere Gemeinschaft unter allen Menschen guten Willens, ganz gleich welcher Religion sie angehören.

– Die einzelne KCG ist machtlos und wäre überfordert, sich diesen Problemen zu widmen. Von daher bedarf es einer verstärkten Vernetzung der KCGs untereinander und auch mit anderen Organisationen, die Gerechtigkeit, Menschenwürde, Frieden und Versöhnung fördern.

KCGs bestehen in Sri Lanka seit nun schon 16 Jahren. Doch es scheint, dass sie erst jetzt wirklich Wurzeln treiben. Es geht nun darum, sie aus ihrer Stagnation zu führen, damit sie wirklich Reich-Gottes-Gemeinschaften werden, die sich ihres Kontextes bewusst sind, Gemeinschaften, die ihren Kontext im Lichte des Wort Gottes reflektieren und entsprechend handeln. Dies ist eine sehr schwierige, zugleich aber notwendige Aufgabe für die Kirche in Sri Lanka.

Jesus hat das Reich Gottes mit einem Senfkorn verglichen. Es ist sehr klein und doch wird es zu einem großen Baum, der die Vögel des Himmels beherbergen kann. Unsere Hoffnung ist es, dass KCGs in Sri Lanka ebenso Samenkörner einer neuen Gesellschaft sind, die Zuflucht für alle leidenden Menschen bieten, insbesondere auch den vom Krieg besonders betroffenen Tamilen.

EMMANUEL RAVICHANDRAN
Diözesanpriester, Direktor der Kommission für Laien, Jugend und KCGs in der Diözese Jaffna, Dozent der Theologie am Priesterseminar Francis Xavier in Jaffna, Gastdozent an der Universität von Jaffna, Sri Lanka

ANMERKUNGEN

1 Vgl. Lumen Gentium 1
2 Ecclesia in Asia 24
3 Ibid.
4 Link

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