Kleine Christliche Gemeinschaften SICH VOM WORT GOTTES BERÜHREN LASSEN! corner

Sich vom Wort Gottes berühren lassen!

Interview mit Bibana Joo-hyun Ro, Leiterin des AsIPA-Desk der FABC

von NORBERT KÖSSMEIER

Delegierte aus 16 Ländern haben an der VI. AsIPA-Generalversammlung teilgenommen.
FOTO: NORBERT KÖSSMEIER

Bibana Joo-hyun Ro ist als zuständige Referentin im Sekretariat für die Laien der Föderation asiatischer Bischofskonferenzen (FABC) auf gesamtasiatischer Ebene verantwortlich für den pastoralen Ansatz mit Namen AsIPA – Asian Integral Pastoral Approach (Asiatisch integraler Pastoralansatz). Im Zentrum dieses Pastoralansatzes stehen Kleine Christliche Gemeinschaften (KCGs). Sie sind Ausdruck der Volk Gottes Theologie des II. Vatikanischen Konzils und betonen die Mitverantwortung aller Getauften für die Sendung der Kirche. Die Teilhabe aller Getauften prägt das Selbstverständnis dieses Kirchenbildes. Alle drei Jahre lädt die FABC alle Mitgliedskirchen zu einer Generalversammlung AsIPA ein. Diözesane und nationale AsIPA-Teams sind zu dieser Konferenz eingeladen, um gemeinsam die Entwicklungen hinsichtlich der KCGs zu erörtern und neue Herausforderungen zu reflektieren. Vom 18.–25. Oktober 2012 fand die VI. Generalversammlung diesmal in Sri Lanka statt.

Bibana Joo-hyun Ro, was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse der diesjährigen Generalversammlung?

Für mich sehr wichtig sind zunächst einmal die Begegnungen, die stattgefunden haben, die Begegnungen der TeilnehmerInnen aus ganz Asien und auch Europa untereinander, aber auch die Begegnungen mit den Menschen in Sri Lanka. Ich habe aufgrund der vielfältigen Rückmeldungen das Gefühl, dass es gelungen ist, dass durch das Exposure Programm während der Generalversammlung (Anm.: Besuch und Teilnahme an Treffen der KCGs in drei unterschiedlichen Diözesen Sri Lankas) die TeilnehmerInnen in der Begegnung mit den Menschen in den KCGs Jesus Christus begegnen konnten.

Es ging während der Generalversammlung darum wahrzunehmen, was in unserer eigenen Realität trotz der sehr unterschiedlichen Kontexte, was mit den Menschen um uns herum geschieht. Die direkte Begegnung mit den Mitgliedern der KCGs in Sri Lanka hat uns ermutigt, unseren Weg, wo immer wir auch herkommen, fortzuführen. Zugleich war diese Begegnung auch eine sehr große Ermutigung für die lokalen KCGs, die in den allermeisten Fällen erstmals Besucher aus dem Ausland empfingen.

Im Mittelpunkt der diesjährigen Generalversammlung stand das Thema »Geht, Ihr seid gesandt« (Mt 10,5). Mission als grundlegender Auftrag aller Christen. Ich denke, dass uns die diesjährige Generalversammlung geholfen hat, diesen Sendungsauftrag noch klarer zu sehen und zu reflektieren. Kleine Christliche Gemeinschaften spielen in diesem Zusammenhang – und dies haben auch die vielfältigen Berichte der Delegierten aus unterschiedlichen Ländern gezeigt – eine bedeutende Rolle. Sie sind Zentren der Mission der Kirche.

Sie haben das Thema der Generalversammlung benannt. Während der Generalversammlung ist immer wieder der Zusammenhang von Mission und dem Einsatz für Gerechtigkeit deutlich hervorgehoben worden. Wie würden Sie diesbezüglich die Herausforderungen für die Kleinen Christlichen Gemeinschaften beschreiben?

Für mich lautet die entscheidende Frage: Auf welche Weise können wir die Menschen befähigen und ermächtigen, diesen Sendungsauftrag zu leben. Es geht meines Erachtens nicht um die Frage einer verbesserten Methodologie, verbesserter Materialien etc., sondern um die Frage, inwieweit wir bereit sind, uns vom Wort Gottes berühren zu lassen und versuchen, dies in unserem Leben auch umzusetzen.

Während dieser Konferenz ist erörtert worden, dass eine einzelne KCG überfordert wäre, die großen Probleme Asiens, sei es nun die Frage der Armut, der Ausbeutung von Wanderarbeitern, der Bewahrung der Schöpfung beziehungsweise der gewaltsamen Konflikte, anzugehen oder adäquate Antworten zu geben. Was heißt dies für AsIPA?

Es stimmt, dass die Probleme in den verschiedenen Kontexten als übermächtig erscheinen. Bischof Thomas Dabry aus Indien hat in der Konferenz auf die Bedeutung des Sendungsauftrages für Christen hingewiesen, der natürlich mit Fragen der Gerechtigkeit etc. wesent lich zu tun hat. Und Mission ist eng verknüpft mit Prophetie. Zugleich hat Bischof Thomas darauf hingewiesen, dass es zugleich gilt, unsere eigenen Begrenzungen wahrzunehmen und zu akzeptieren. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, auf welche Weise wir uns diesen großen Problemen, die die Realität in Asien und das Leben der Menschen mit prägen, annähern können. Entscheidend wird zunächst einmal sein, diese Probleme als Herausforderungen anzusehen und wirklich auch wahrzunehmen und zwar in unserem ganz konkreten Umfeld dort, wo wir leben. Wenn wir von Mission sprechen, von dem prophetischen Sendungsauftrag, den uns Jesus aufgetragen hat, dann müssen wir uns die Frage stellen, warum wir uns überhaupt um diese Probleme der Armut, der Ungerechtigkeit etc. kümmern sollten, warum wir uns überhaupt damit beschäftigen sollten. Und dann werden wir feststellen, dass dies im Sendungsauftrag und im Wort Gottes begründet ist. Das Wort Gottes steht im Zentrum der Kleinen Christlichen Gemeinschaften. Und zugleich ist es Grundlage für unser Handeln. KCGs versuchen im ganz konkreten Umfeld das Leben der Menschen zu verbessern, sich gegen Ungerechtigkeit einzusetzen. Es ist das Wort Gottes, das sie dazu einlädt, ermutigt, ja auffordert. Ich habe keine Antwort darauf, wie KCGs diese großen Probleme Asiens lösen könnten. Ein wichtiger erster Schritt ist jedoch, in der ganz konkreten Nachbarschaft aktiv zu werden. Und dies nicht als Individuum, sondern als Gemeinschaft. Denn Mission und Gemeinschaft gehören zusammen. Als Gemeinschaft versuchen wir, dem Sendungsauftrag gerecht zu werden.

Bibana Joo-hyun Ro aus Korea ist Leiterin des AsIPA-Desk der FABC.
FOTO: NORBERT KÖSSMEIER

Weshalb ist das Thema Mission in den Mittelpunkt der diesjährigen Generalversammlung gestellt worden?

Dieses Thema ist letztlich die logische Fortführung der Reflexionen der vorigen Generalversammlung im Jahr 2009 in Mindanao. Diese stand unter dem Thema »Tut dies zu meinem Gedächtnis« (Lk 22,19). Es ging letztlich um die Frage der Eucharistie – die Eucharistie zu leben. Auch die Vollversammlung der FABC hatte sich mit dieser Frage auseinandergesetzt. Wenn wir die Bedeutung der Eucharistie reflektieren, wenn wir die Worte Jesu reflektieren »Tut dies zu meinem Gedächtnis «, dann kommen wir nicht umhin, uns mit dem Sendungsauftrag zu beschäftigen. Von daher war es nur logisch, sozusagen als Fortführung der vergangenen Konferenz, sich mit dem Missionsverständnis auseinanderzusetzen.

Was hat sich seit der letzten Generalversammlung im Jahr 2009 hinsichtlich der KCGs in Asien verändert?

Wenn ich die Berichte und Ausführungen der unterschiedlichen nationalen und diözesanen AsIPA-Teams betrachte, stelle ich fest, dass sich in den verschiedenen Ländern einige positive Entwicklungen aufgetan haben. Es sind in verschiedenen Ländern Teams, sowohl auf nationaler als auch diözesaner Ebene, gegründet worden, so zum Beispiel in Sri Lanka, Bangladesh, Thailand, Korea oder auch bestimmten Regionen in Indien. Dies ist ein riesiger Fortschritt. In den Diözesen und auch auf nationaler Ebene gibt es nun verantwortliche Teams, die diesen pastoralen Ansatz fördern. Für die Gründung und Begleitung von KCGs ist dies sehr wichtig. Die Pfarreien vor Ort erhalten qualifizierte Unterstützung für die Gründung und Begleitung von KCGs, aber auch für die notwendigen Schulungen der Interessenten und lokalen Verantwortungsträger. Diese Entwicklungen sind nun nicht direkt auf die vorige Generalversammlung zurückzuführen. Aber sie sind zumindest von dieser inspiriert worden. Zugleich – und dies ist ebenfalls eine sehr positive Entwicklung – stellen wir fest, dass die Teams sowohl auf diözesaner als auch nationaler Ebene wesentlich enger zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen.

Treffen einer KCG in der Erzdiözese Colombo in Sri Lanka.
FOTO: NORBERT KÖSSMEIER

Bereits in vergangenen Generalversammlungen, aber auch erneut während der diesjährigen Generalversammlung in Sri Lanka ist die Rolle des Priesters reflektiert worden. In der Schlussbotschaft heißt es erneut, dass Priester eine entscheidende Rolle in der Frage der KCGs spielen. Erfahrungen zeigen, dass Priester, die sich gegen diesen pastoralen Ansatz stellen, den Weg der KCGs blockieren können, KCGs zerstören können oder aber verhindern können, dass KCGs entstehen. Gibt es von Seiten der FABC Überlegungen, wie mit dieser Frage umzugehen ist?

Dies ist eine schwierige Frage. Zum einen stellen wir fest, dass verschiedene Synodenteilnehmer die große Bedeutung von KCGs beziehungsweise Basisgemeinden für die Zukunft der Kirche hervorgehoben haben, so zum Beispiel bei der Weltbischofssynode zum Thema »Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche« im Jahr 2008. Auch der lateinamerikanische Episkopat hat dies während der Generalversammlung der lateinamerikanischen Kirche in Aparecida 2007 gemacht. Meines Wissens ist dies auch während der zurzeit stattfindenden Bischofssynode zu Fragen der neuen Evangelisierung geschehen. Auf der anderen Seite stellen wir eine Angst, Zurückhaltung oder gar einen gewissenWiderstand auf Seiten von Priestern hinsichtlich der KCGs beziehungsweise Basisgemeinden fest. Vielleicht liegt es daran, dass Priester das Gefühl haben, dass durch die Mitverantwortung der Laien sie ihren eigenen Einfluss und auch ihre Rolle als Priester verlieren. Aber das stimmt nicht. Der gesamte Prozess von Kleinen Christlichen Gemeinschaften hilft uns vielmehr dabei, unsere Identität als Laien, als Priester, als Getaufte zu entdecken. Für das Volk Gottes sind KCGs Orte, die eigene Berufung und Identität zu entdecken. Es geht immer um ein Miteinander. Natürlich spielt gerade auch die Ausbildung von Priestern, die Arbeit in den Priesterseminaren eine entscheidende Rolle, dieses Verständnis auch zu vermitteln. Bereits in den Seminaren sollte die Rolle von Priestern in einer partizipatorischen Kirche vermittelt werden. Dies ist aber nicht immer gegeben. Solange auch weiterhin in den Seminaren ein klerikales Kirchenbild vermittelt wird, wird es diese Unsicherheit und auch Konflikte geben. Interessant für mich ist immer wieder zu erleben, dass Priester auf ihre Bischöfe verweisen, wenn sie bei entsprechenden Konferenzen oder Seminaren der FABC gefragt werden, was denn der Schlüssel für die Gründung von KCGs sei. Dies hängt natürlich auch mit unseren Kulturen in Asien zusammen, in denen der Hierarchie eine große Bedeutung zukommt, nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Familie, in der Gesellschaft oder im Unternehmen. Wahrscheinlich anders als in Europa. Das macht es jedoch nicht gerade leicht, sich in diesem Kontext für eine Kirche einzusetzen, die auf die Mitverantwortung der Laien setzt, sich für eine partizipatorische Kirche einzusetzen.

Eine letzte Frage: TeilnehmerInnen der Generalversammlung berichteten nach ihrem Besuch der unterschiedlichen Diözesen und KCGs hier in Sri Lanka, dass KCGs für Frauen einen Ort darstellen, an dem sie auch mit ihren Problemen verstanden werden, an dem sie Solidarität und Unterstützung erfahren. Zugleich, so wurde von den Teams berichtet, haben kaum Männer an den Treffen der KCGs teilgenommen. Ähnliche Erfahrungen werden aus unterschiedlichen Regionen Asiens berichtet. Ist AsIPA ein spezifischer pastoraler Ansatz für Frauen?

Nein, auf gar keinen Fall! Zum einen muss man sehen, dass wohl in vielen Ländern der Erde sich Männer insgesamt schwerer tun als Frauen, sich in der Kirche aktiv einzubringen. An vielen Orten sind es Frauen, die das kirchliche Leben tragen. Auf der anderen Seite hat es, so glaube ich, auch etwas mit unserem Alltagsleben und unserer eigenen Kultur zu tun. Zum einen muss man sehen, dass Männer häufig durch ihr Arbeitsleben bestimmt werden, mit zum Teil sehr langen Arbeitszeiten. Zum anderen stelle ich fest, dass sich Männer – wenn ich zum Beispiel meine eigene Heimat Korea sehe – sehr schwer tun, über persönliche Erfahrungen zu sprechen, selbst in der eigenen Familie. Mir sagte einmal ein Mitglied eines AsIPA-Teams, dass Männer an Diskussionsabenden gerne teilnehmen und auch kommen würden. Wenn es aber um das Mitteilen eigener sehr persönlicher Erfahrungen geht, halten sie sich häufig sehr bedeckt oder kommen erst gar nicht. Und dies hat zunächst einmal nichts mit Kirche zu tun. Es gilt letztlich, Männer für diese Art von Kirche zu gewinnen, sie zu überzeugen, dass sie selbst eine Menge von dieser Art von Kirche profitieren. Das heißt natürlich auch, ähnlich wie bei der Frage von Priestern, dass es etwas mit dem eigenen Rollenverständnis zu tun hat, dass sich die eigene Identität verändert. Und solche Prozesse brauchen Zeit. Hier in Sri Lanka stellt man fest, dass KCGs aus mehreren Familien bestehen. Selbst wenn bei den Treffen die Männer nicht anwesend sind, so sind es doch die Kinder und Jugendlichen. Ich bin überzeugt, dass diese später, weil sie es nicht anders kennengelernt haben, selbstverständlich an den Treffen der KCGs teilnehmen werden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

NORBERT KÖSSMEIER

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