Kleine Christliche Gemeinschaften DAS WORT GOTTES SCHENKT FREIHEIT UND BEFREIUNG! corner

Das Wort Gottes schenkt Freiheit und Befreiung!

Interview mit Emmanuel Asi, Theologe aus Pakistan

von NORBERT KÖSSMEIER

Anhänger der extremistischen Bewegung Ahle Sunnat wal Jamaat verbrennen am 30. September 2012 in Karachi bei einer Demonstration gegen den islamfeindlichen Film
»Innocence of Muslims« eine Flagge der Vereinigten Staaten. Bereits Anfang 2012 war diese Gruppierung von der Regierung verboten worden. Trotzdem kann sie weiterhin
ungestört auch in der Öffentlichkeit agieren.
FOTO: KNA-BILD

Für den Theologen Emmanuel Asi, Leiter der pakistanischen Bibelkommission und Leiter des theologischen Instituts für Laien, ist dieser Pastoralansatz, der Kleine Christliche Gemeinschaften fördert, vor allem so bedeutsam, weil er Menschen im umfassenden Sinne befähigt und ihnen eine Spiritualität der Gerechtigkeit und des Friedens bietet. In einem Land, in dem extremistische Kräfte die Menschen terrorisieren, ist eine solche Spiritualität für die Minderheit der Christen von immenser Bedeutung.

Emmanuel Asi, die negativen Schlagzeilen zu Pakistan nehmen in den internationalen Medien kein Ende. Es scheint, dass der Extremismus in Pakistan Überhand genommen hat, ja das Land beherrscht. Wie würden Sie angesichts dieser Entwicklungen die Situation der Christen in Pakistan beschreiben?

Bevor ich auf diese Frage antworte, erlauben Sie mir einige Punkte zu benennen, die es zu beachten gilt, um eine Einordnung der Ereignisse, aber auch der Situation von Minderheiten zu ermöglichen.

Seit drei bis vier Jahren ist unsere politische Situation sehr instabil. Die Regierung ist sehr schwach. Das Militär ist sehr mächtig und versucht, den eigenen Einfluss, die eigene Macht nicht zu verlieren.Wirtschaftlich gesehen hat Pakistan mit sehr ernsten Problemen zu kämpfen.Wir befinden uns in einer Rezession. Die Inflation hat stark zugenommen. Die Menschen leiden sehr darunter. Die nötigsten Dinge zum Leben werden tagtäglich teurer. Zugleich gibt es eine nicht enden wollende Energiekrise. Die Versorgung mit Elektrizität ist nicht gewährleistet. Ständig fällt der Strom aus. Dies trifft vor allem die Tagelöhner. Gibt es keinen Strom, gibt es auch keine Arbeit. Die Industrie ist durch diese Krise enorm geschädigt worden. Dies hat zu viel Unmut und Unruhe in der Bevölkerung geführt, was jederzeit umschlagen könnte in Protest, ja Gewalt. Das heißt, politisch gesehen ist die Regierung sehr instabil. Die Regierung wäre zum jetzigen Zeitpunkt nicht in der Lage, schmerzhafte, aber zugleich notwendige Maßnahmen zu beschließen, um Reformen einzuleiten, die der Wirtschaft auf die Beine helfen. Diese Gesamtsituation nutzen die Taliban und Extremisten zu ihrem eigenen Vorteil aus. Da die Regierung darauf bedacht ist, an der Macht zu bleiben, und da es in der Bevölkerung einen großen Unmut über die sehr schwierige wirtschaftliche Situation im Land gibt, wird die Regierung nichts unternehmen, was die einflussreichen Islamisten oder auch Fundamentalisten im Land gegen sie aufbringen könnte.

Aber fördert die Regierung nicht zugleich auch die fundamentalistischen und extremistischen Kräfte im Land, wenn zum Beispiel der Eisenbahnminister ein Kopfgeld von 100.000 Dollar für die Ermordung der Produzenten des islamfeindlichen Films »The Innocence of Muslims« aussetzt?

Ja, in diesem Fall ganz offensichtlich, wobei der Regierungschef sich von dieser Äußerung klar distanziert hat. Er hat jedoch nicht seinen Minister entlassen. Aber auch dieser Vorfall ist im Gesamtzusammenhang zu sehen. Alle Führungskräfte im Land, seien es politische oder religiöse, alle muslimischen Führungskräfte, auch alle katholischen Führungspersönlichkeiten der Kirche in Pakistan verurteilen diesen Film. Wenn dem so ist, dann versucht die Regierung daraus Profit zu ziehen, denn alle einflussreichen Menschen im Land verurteilen ja die gleiche Sache. Wenn die Regierung dies wahrnimmt, versucht sie sich an die Spitze der Protestler zu stellen und sich als Kämpferin für die Anliegen der pakistanischen Bevölkerung darzustellen. Vor diesem Hintergrund hat die Regierung selbst für den 21. September unter dem Titel »Tag der Liebe für den Propheten« zu einem landesweiten Protesttag gegen diesen Film aufgerufen. Am Ende des Tages musste die Regierung jedoch feststellen, dass die Proteste in Gewalt gegen ausländische Einrichtungen umgeschlagen waren, was schon vorher zu befürchten war. Auf den Rat von in- und ausländischen Fachleuten, die genau dies vorausgesagt hatten, wollte sie nicht hören. Mehrere Menschen sind getötet worden und ein großer Schaden ist entstanden, so dass die Regierung weitere Proteste verbot. Es scheint so, dass bestimmte Gruppen im Land diesen Protesttag gezielt genutzt haben, um Unruhe und Gewalt zu schüren. Viele Kinos wurden im gesamten Land angezündet, Geschäfte und Banken ausgeraubt, einige versuchten, das amerikanische Generalkonsulat in Karachi zu stürmen. All dies zeigt, dass die Regierung in dem Moment in einer bestimmten Frage Position bezieht, wenn sie die Bevölkerung, die einflussreichen islamistischen und fundamentalistischen Kräfte im Land hinter sich weiß. Letztlich bedeutet es nichts anderes als dass die Regierung niemals klar und deutlich äußern wird, ob sie auf Seiten fundamentalistischer oder gar extremistischer Kräfte im Land steht, oder ob sie etwas gegen diese Kräfte, die die Verfassung des Landes bedrohen, unternehmen wird. Die Regierung nutzt landesweite Proteste wie den Protest gegen diesen Film auch sehr gerne, weil sie dann zugleich von den eigentlichen Problemen im Land ablenken kann.

Nehmen wir ein weiteres Beispiel: das furchtbare Attentat auf die erst 14-jährige Malala Yousafzai am 07. Oktober 2012 diesen Jahres. Die Taliban, die dieses Attentat verübt hatten, haben sehr deutlich erklärt, warum sie dieses Mädchen töten wollten. Dieses Mädchen wurde zum Ziel der Taliban, weil es sich für die Ausbildung von Mädchen einsetzt, etwas also, was die Taliban strickt ablehnen. Die Regierung hat das Attentat als Akt des Terrorismus massiv verurteilt und auch die Taliban verurteilt. Dies zu einem Zeitpunkt, als sich die internationale Gemeinschaft über dieses grauenhafte Attentat geschockt zeigte und auch innerhalb Pakistans die Bevölkerung geschockt war und Proteste gegen die Taliban aufkeimten. Zugleich hat die Regierung dem Mädchen wie auch ihrer Familie ihre volle Unterstützung gegeben. Was aber nicht geschah: Niemand sprach über das Thema, wofür dieses Mädchen sich einsetzt, nämlich eine adäquate Schulausbildung für Mädchen und eine Gleichbehandlung von Mädchen und Jungen, was Ausbildung und Studium betrifft. Niemand sprach über die Gründe, weshalb das Mädchen zum Opfer der Taliban wurde. Und niemand kann sagen, ob die Regierung die Anliegen des Mädchens, wofür es fast getötet worden wäre, wirklich unterstützt, ob die Regierung endlich gegen die Zerstörung von Mädchenschulen durch die Taliban etwas unternehmen wird.

Gebet für Malala Yousafzai am 14. Oktober 2012 in der Kathedrale in Lahore.
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Wie geht die Regierung mit der Spaltung innerhalb des Landes um, wenn wir uns die politische Karte des Landes anschauen? Der Nordwesten des Landes ist die politische Hochburg extremistischer Kräfte. Hat die Regierung in irgendeiner Weise Einfluss auf diese Region?

Nun, die Nord-West-Provinz ist die Wiege des Fundamentalismus, des Extremismus, des Terrorismus in Pakistan, es ist der Stützpunkt auch der Taliban. Diese Provinz liegt an der Grenze zu Afghanistan und ist das Herrschaftsgebiet der Taliban. Sie sehen es als ihr Land an, als ihr Gebiet, wo sie uneingeschränkt herrschen können. Seit nun fast schon zwei Dekaden sind sie die uneingeschränkten Herrscher dort, sie können tun und lassen, was sie wollen. Sie zerstören Schulen für Mädchen, sie verbieten eine Schulausbildung für Mädchen – dies ist auch der Hintergrund für das Engagement von Malala. Genau auf diese Ungerechtigkeit hat sie hingewiesen. Und die Regierung weiß von dieser Situation.

Ein gewöhnlicher Muslim in Pakistan lehnt es ab, was die Taliban als Botschaft des Islam predigen. Die Mehrheit der Muslime in Pakistan lehnt diesen »Islam« der Taliban ab. Aber niemand wird in der Öffentlichkeit dagegen Stellung beziehen. Positiv ist festzuhalten, dass mehr und mehrMedien dieses Thema ansprechen, auch wenn die Journalisten häufig bedroht werden. Aber die Medien greifen diese Frage des Fundamentalismus und des Extremismus im Namen des Islam auf und verurteilen diese Entwicklungen der letzten zwei bis drei Dekaden im Land. Von Seiten der Regierung oder der politischen Parteien wagt es jedoch niemand, zu dieser so wichtigen Frage Position zu beziehen. Die regierende islamistische Partei in der Nord-West-Provinz wirft der Zentralregierung sogar vor, den Anschlag auf Malala aufzuwerten, um einen Grund zu finden, die Provinz militärisch anzugreifen.

Andererseits ist auch zu sehen, dass es insbesondere in der Frage des Terrorismus um viel Geld geht. Die Regierung erhält von den USA viel Geld, um den Terrorismus zu bekämpfen. Wenn es keinen Terrorismus mehr gibt, gibt es auch kein Geld mehr, Geld, das die Regierung aber dringend benötigt, angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Situation. In der Bevölkerung herrscht das Gefühl, dass die Regierung deshalb den Terrorismus brauche.

Um auf die Frage zurückzukommen, direkten Einfluss hat die Regierung nicht. Aufgrund dessen, dass sie sehr schwach ist, wird sie es auch nicht wagen, sich mit der Nord-West-Provinz anzulegen.

Kommen wir auf die Situation der katholischen Kirche in Pakistan zu sprechen.

In Pakistan haben wir die Situation, dass Fragen oder Ereignisse, die die gesamte Nation beschäftigen – wie zum Beispiel der Fall der 14 -jährigen Malala – dafür sorgen, dass Minderheiten im Land, auch die katholische Kirche, aus dem Fokus der Aufmerksamkeit bestimmter Gruppen herausfallen. In dem Moment haben wir Ruhe vor neuen Angriffen.

Die katholische Kirche hat begonnen zu verstehen, dass alle Probleme im Land, seien es terroristische Gewaltakte oder andere wichtige Fragen, auch Probleme und Fragen der katholischen Kirche sind, auch wenn sie zunächst einmal nichts direkt mit der katholischen Kirche zu tun haben. Insbesondere in Fragen terroristischer Gewaltakte hat die katholische Kirche inzwischen begriffen – selbst wenn sie nicht direkt betroffen ist –, dass diese Fragen alle Menschen im Land angehen. Es geht darum zu begreifen, dass die Minderheiten sich nicht nur um sich selbst drehen und nur dann aktiv werden, wenn sie direkt betroffen sind. Denn dann machen sie sich noch mehr zu einer Minderheit im Land. Als das Attentat auf Malala stattgefunden hat, haben alle christlichen Führer, darunter auch alle katholischen Bischöfe diese Gewalttat scharf verurteilt. Als dieser unsägliche Film auftauchte, haben auch alle christlichen Führer diesen Film scharf verurteilt. Und dies haben sie gemacht, nicht um sich muslimischen Gruppen im Land anzubiedern, sondern weil es in Asien einfach nicht geht, sich auf diese Weise, wie es der Film tut, über einen Propheten lächerlich zu machen. Wenn in Asien jemand als von Gott auserwählte Person angesehen wird, sei es nun ein Prophet oder ein Seher, darf man diese Person schlichtweg nicht lächerlich machen. Man darf anderer Meinung sein, sich aber nicht über diese Person lächerlich machen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass angesichts des wachsenden Extremismus und Fundamentalismus im Land die christlichen Großkirchen sich enger miteinander verbunden haben, was ein Segen ist. Außerdem werden sich die großen christlichen Kirchen immer bewusster, dass es in Pakistan auch fundamentalistische christliche Sekten gibt, die sehr gefährlich sind und auch gewöhnliche Muslime gegen sich aufbringen. Sie verursachen viel Leid und richten großen Schaden an, was das friedliche Zusammenleben der Religionen betrifft. Häufig handelt es sich um Gruppierungen, die Unterstützung aus Amerika oder aus Korea erhalten. Die katholischen und protestantischen Bischöfe Pakistans sind diesbezüglich sehr besorgt, haben aber noch keine Antwort, wie sie mit diesen Gruppen umgehen sollen. Für Muslime gehören alle zur gleichen Religion, nämlich dem Christentum. Es ist für sie nur sehr schwierig, die unterschiedlichen Denominationen und Gruppen auseinanderzuhalten.

Überdies hat die Kirche gelernt, zusammen mit der Zivilgesellschaft zu wachsen. Das heißt konkret, dass das Engagement der katholischen Kirche in der Zivilgesellschaft wächst. Wenn die Zivilgesellschaft gegen ein Unrecht im Land protestiert, schließt sich die Kirche diesen Protesten an und ist ebenfalls dabei. Aber auch umgekehrt. Und wir sind froh darüber, dass Gelehrte im Land, dass liberale Kräfte im Land unsere Anliegen unterstützen.

Ein besonderes Hoffnungszeichen für uns ist die Feststellung, dass das Gerichtswesen in den vergangenen drei bis vier Jahren immer stärker geworden ist. Über viele Jahre hinweg waren die politischen Führer stärker als das Gesetz. Die Frage ist sicherlich, ob eine kommende Regierung dies weiter akzeptieren wird. Zurzeit wenigstens sind viele Menschen hoch erfreut darüber, dass das Gerichtswesen stärker geworden ist. Unsere Hoffnung ist es, dass dies die Grundlage für eine Demokratisierung des Landes wird.

Bischof Sebastian Francis Shaw, Apostolischer Administrator der Erzdiözese Lahora in Pakistan, hat 2011 auf Einladung der deutschen Bischofskonferenz über die Situation
von Christen in Pakistan berichtet.
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Der Fall der minderjährigen Christin Rimsha, die der Blasphemie angeklagt wurde – ist dieser Fall ein Ausdruck für eine stärker werdende Justiz?

Dieser Fall hat eine hohe internationale Aufmerksamkeit in der ganzen Welt erfahren. Die junge Frau war Ende August der Blasphemie angeklagt worden. Wie durch ein Wunder stellte sich jedoch alsbald heraus, dass es sich um eine Intrige gegen die junge Frau gehandelt hat. Ich sage deshalb »wie durch ein Wunder«, weil nun viele Muslime hellhörig geworden sind, was die Blasphemiegesetze betreffen. Rimsha ist aus der Untersuchungshaft freigelassen worden, und ein Imam, der nach Ansicht des Gerichts für diese Intrige verantwortlich ist, wurde verhaftet. Dieser Fall ist der erste in der Geschichte Pakistans und des pakistanischen Justizwesens, in dem bewiesen werden konnte, dass das Blasphemiegesetz benutzt worden ist, um einem Menschen bewusst zu schaden, dass Vorwürfe der Blasphemie konstruiert worden sind. Dies wiederum ist aus unserer Sicht eine gute Grundlage für unseren Kampf gegen die Blasphemiegesetze, die in der Vergangenheit immer wieder benutzt worden sind, um anderen Menschen Schaden zuzufügen, um Christen, aber auch Muslime aus Gründen der Eifersucht, aus Hass, aus Habgier etc. aus dem Weg zu räumen. Dieser konkrete Fall ist erstmals ein Beleg für die Stärke des Gesetzes und des Justizwesens. Immer mehr Menschen in Pakistan beginnen nun nachzudenken und zu begreifen, dass unser Kampf gegen die Blasphemiegesetze einen Grund hat, dass das, was wir in all den Jahren immer wieder hervorgehoben haben, nicht falsch sein kann. Viele Muslime haben nun begonnen, das Blasphemiegesetz mit anderen Augen zu betrachten.

Aber ist dies wirklich erst der erste Fall, in dem sich herausstellte, dass der Vorwurf der Blasphemie konstruiert worden ist? In früheren Gerichtsverfahren gab es meines Wissens immer wieder genügend Hinweise darauf, dass genau dies der Fall gewesen sein muss, dass aber zugleich die Polizei nur in eine Richtung ermittelt hatte.

Nun, es gab unterschiedlich Fälle in der Vergangenheit. Zum einen sind Christen in entsprechenden Gerichtsverfahren von der Anklage freigesprochen worden, der Blasphemievorwurf konnte nicht wirklich belegt werden. Zum anderen hat die Nationale Kommission für Gerechtigkeit und Frieden der pakistanischen Bischofskonferenz (NCJP) in verschiedenen Fällen hervorgehoben, dass der Vorwurf der Blasphemie aus Habgier oder aus Hass erhoben worden sei und dass der Fall konstruiert sei. Aber kein einziger örtlicher Muslimführer oder Polizeioffizier hatte es in der Vergangenheit gewagt, uns Glauben zu schenken, denn dies hätte bedeutet, dass sie sich gegen die lokale, häufig gewaltbereite muslimische Gemeinschaft, angestachelt durch Hassprediger, hätten stellen müssen. Die katholische Kirche hat die Regierung immer und immer wieder auf diese Problematik hingewiesen. Aber keine Regierung wagte es, die Blasphemiegesetze zu hinterfragen. Benazir Bhutto, bevor sie erschossen wurde, hat jedoch Verschärfungen eingeführt, was die Verfahrensweise in diesen Fällen der angeblichen Blasphemie betrifft. So verfügte sie, dass in Fällen der Blasphemie nicht die lokalen Behörden zuständig seien, sondern lediglich die Distriktsbeamten. Zudem verfügte sie, dass derjenige, der einen anderen fälschlich der Blasphemie bezichtigt, hart zu bestrafen sei. In der Regel geschah jedoch etwas anderes. Ein der Blasphemie Angeklagter wurde sehr häufig während der Haft aufs Schlimmste verprügelt, sein Haus zerstört, seine Familie bedroht, die christliche Gemeinschaft bedroht und gezwungen, den Ort zu verlassen. NCJP hat in den letzten Jahren Großartiges geleistet und sich für die Opfer und die betroffenen Gemeinschaften eingesetzt. Der Fall Rimsha ist nun völlig anders gelagert. Bevor die katholische Kirche überhaupt zum Fall Rimsha hatte Stellung beziehen können, da sie noch keine umfassenden Informationen zu dem Fall besaß, war bewiesen worden, dass Rimsha Opfer einer Intrige geworden war. Und zugleich ist es der erste Fall, der von allen Medien im Land aufgegriffen worden ist und über den ausführlich berichtet wurde. Wie schwierig bisher die Handhabung von Fällen der angeblichen Blasphemie ist, verdeutlicht der Fall Aasia Bibi, eine Christin, die 2010 wegen angeblicher Blasphemie zum Tode verurteilt worden ist. Es ist bewiesen, dass die Anklage falsch war. Unser Präsident war bereit, sie zu begnadigen und somit freizulassen. Jedoch musste sie dafür ein entsprechendes Gesuch verfassen. Der zuständige Gouverneur, Salman Taseer, suchte sie also auf, um ihr dies mitzuteilen. Er wurde anschließend von Extremisten erschossen. Zwei Monate später ist der katholische Minister Shabaz Bhatti, der ebenfalls für eine Abschaffung der Blasphemiegesetze kämpfte, erschossen worden. Seitdem hat es weder der Staatspräsident, noch irgendein Vertreter der Regierung gewagt, einWort zum Fall Aasia Bibi zu sagen.

Für Emmanuel Asi, Priester und Theologe aus Pakistan, sind KCGs Orte, wo Menschen auf der Grundlage des Wort Gottes die Bedeutung von Freiheit und Befreiung entdecken
und erfahren können.
FOTO: NORBERT KÖSSMEIER

Trägt der aktuelle Fall der minderjährigen Rimsha dazu bei, dass die Regierung ihre Haltung ändert?

Nein, definitiv nicht. Denn unsere Regierung hat Hunderte Probleme zu lösen. Die Frage der Blasphemiegesetze hat für die Regierung angesichts der vielfältigen Probleme im Land keine Priorität. In einer solchen Situation, in der eine schwache Regierung mit vielfältigen Problemen konfrontiert ist, wird sie es nicht wagen, aufgrund dieser einen Frage den Unmut der fundamentalistischen Kräfte im Land auf sich zu ziehen. Zudem besteht die Regierung aus einer Koalition. Sie ist auf die Unterstützung anderer kleinerer Parteien angewiesen. Einigkeit besteht in dieser Frage der Blasphemiegesetze nicht. Einen Bruch der Regierungskoalition wird sie wegen der Frage der Blasphemiegesetze erst recht nicht riskieren.

Welche Herausforderungen sehen sie in dieser Situation für die katholische Kirche?

Eine ganz wichtige Aufgabe der Kirche sehe ich darin, die Christen zu befähigen, ihre Sichtweise zu ändern, so dass sie sich selbst nicht länger einfach als Minderheit definieren. Christen sollten sich verstehen können als Mitglieder der pakistanischen Gesellschaft. Dies würde die Denkweise als Minderheit ändern. Zweitens sollte die Kirche noch stärker als bisher die Zivilgesellschaft fördern. Die Zivilgesellschaft ist ein ganz wichtiger Bereich, sich für Veränderungen im Land einzusetzen. Zugleich sollte die Kirche jedoch sehr vorsichtig sein, wenn es darum geht, einen politischen Führer zu unterstützen, selbst wenn dieser ein Katholik sein sollte. Ein weiterer Aspekt ist die Unterstützung der Justiz. Die Kirche hat sich für eine unabhängige Justiz einzusetzen, die die Gesetze achtet. Recht und Gesetz sollten im Land vorherrschen, damit die Achtung der Menschenwürde und der Menschenrechte zum Tragen kommt. Oberste Gerichte in Pakistan haben schon vor einiger Zeit die Regierung darauf hingewiesen, dass in Pakistan viele Menschen verschwunden sind und dass die Regierung sich dieser Frage annehmen sollte. Auch dies sollte die Kirche unterstützen.

Wenn wir uns nun Kleine Christliche Gemeinschaften anschauen und den pastoralen Ansatz AsIPA: Auf welche Weise könnte dieser Ansatz die Kirche unterstützen, diese von Ihnen beschriebenen Aufgaben und Zielsetzungen zu erreichen?

Bisher ist der AsIPA-Ansatz in Pakistan sehr schwach. Jedoch wird uns im Dezember die Leiterin des AsIPADesk der Föderation Asiatischer Bischofskonferenzen, Bibana Joo-hyun Ro, besuchen, um gemeinsam mit uns ein auf nationaler Ebene geplantes Schulungsprogramm für nächstes Jahr vorzubereiten. Alle Diözesen werden an diesem Programm teilnehmen. Während der Generalversammlung hier in Sri Lanka ist mir sehr deutlich geworden, dass AsIPA ein wunderbarer Ansatz ist, um Laien in der Kirche zu befähigen. Dieser Ansatz kommt dem Selbstverständnis der Christen in Pakistan sehr entgegen, denn sie haben eine sehr hohe Achtung und einen hohen Respekt für dasWort Gottes. Und es ist das Wort Gottes, das die Menschen in eine Gemeinschaft zusammenführt. AsIPA wird dazu beitragen, Laien zu befähigen, Gemeinschaften zu befähigen und vor allem auch Frauen zu befähigen. Insbesondere Frauen werden in Kleinen Christlichen Gemeinschaften in Pakistan das Gefühl der Freiheit und Befreiung erleben. Aber noch ein anderer Aspekt ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig: eine Spiritualität der Gerechtigkeit und des Friedens zu entwickeln. Gerechtigkeit und Frieden sind für Christen nicht einfach Aktionen, die es gilt durchzuführen. Zuallererst geht es um Spiritualität. Solange Christen eine solche prophetische Spiritualität nicht entdeckt haben, werden sie in ihrem Leben auch nicht gestärkt werden. Die Menschen werden von der Vielzahl von Programmen und Projekten in den Pfarreien, in der Kirche ermüden. Immer wieder werden sie zusammengerufen, um dieses oder jenes zu machen. Umso wichtiger ist es, eine Spiritualität zu entdecken, die uns wirklich trägt, die uns Halt gibt. Und eine solche Spiritualität ist die Grundlage für unser Engagement. In unserer Situation wird eine Spiritualität der Gerechtigkeit und des Friedens einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass Christen auch aktiv werden, wenn Menschen anderer Religionen Unrecht erfahren. Bisher kümmert sich ein Großteil der Christen nur um Christen und bleibt stumm, wenn Muslime oder Hindus Unrecht erfahren, wenn sie unterdrückt werden. Vor diesem Hintergrund ist AsIPA sehr machtvoll, insbesondere wenn man das Amos-Programm sieht, also eine besondere Art und Weise, die konkrete Situation mit Hilfe des Wortes Gottes zu reflektieren und gemeinsam eine Antwort zu geben. Es muss nicht immer nur – und dies ist bei der diesjährigen Generalversammlung von AsIPA sehr deutlich geworden – die so genannte 7-Schritt-Methode des Bibel- Teilens sein, die eine Kleine Christliche Gemeinschaft prägt. Ich bin mir sicher, dass der AsIPA-Ansatz für die Menschen eine hohe Attraktivität besitzen wird, da er auf dem Wort Gottes beruht. Wenn ein Programm lediglich auf Menschenrechtsanalysen oder politischen Analysen basieren würde, wäre es zum Scheitern verurteilt. Wenn das Wort Gottes jedoch die Grundlage unserer Reflexionen ist, dann haben wir als Christen eine viel bessere Basis, um Fragen der Unterdrückung, der Ausbeutung und Gewalt zu reflektieren, um konkrete Schritte unseres Handelns vorzubereiten. Als Theologe sehe ich in KCGs zugleich einen genuinen Ort, wo Menschen entdecken und erfahren können, was Freiheit und Befreiung bedeuten, was Menschenwürde und Menschenrechte bedeuten. Und es ist ein Ort, der Menschen befähigt, gegen Unrecht und Unterdrückung zu protestieren, aber in Gewaltlosigkeit. In Pakistan wird der sehr traditionelle Flügel der Kirche diesen Ansatz natürlich nicht unterstützen, denn ihrem Verständnis nach ist es der Priester, der die Pfarrei alleine leitet, der alleine entscheidet. Letztlich entscheidet in diesem Kirchenverständnis der Priester, ob die Menschen sich für die Menschenrechte, für die Unterdrückten einsetzen. In der Regel wird eine solche Entscheidung aber nicht getroffen. Für mich bietet AsIPA eine wunderschöne Spiritualität, um das Leben der Menschen im umfassenden Sinne zu verändern.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

NORBERT KÖSSMEIER

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