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»Mein Leben ist in ständiger Gefahr«

Erzbischof Maroy aus Bukavu stiftet Menschenrechtspreis der Stadt Weimar den Opfern im Kongo

von FRANÇOIS XAVIER MAROY RUSENGO

Erzbischof François Xavier Maroy Rusengo während seines Besuches im Dezember 2012 in Deutschland vor dem von missio Aachen im vergangenen Jahr erstmals der Öffentlichkeit präsentierten »Flucht-Truck« – eine multimediale und interaktive Ausstellung, die speziell für Jugendliche konzipiert wurde und sich dem Thema Flucht und Vertreibung widmet. FOTO: MISSIO AACHEN

Am 10. Dezember 2012 erhielt Erzbischof Maroy aus Bukavu den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar für seinen unermüdlichen Einsatz für die Opfer der Gewalt im Osten der Republik Kongo und für seinen unermüdlichen Einsatz für den Frieden, trotz aller Gefahren und Bedrohungen. Dies hob Dr. Bernhard Vogel, ehemaliger Ministerpräsident von Thüringen, in seiner Laudatio besonders hervor: »Weimar ehrt eine beeindruckende Persönlichkeit, die jeden Tag aufs Neue mit Mut, Kraft und Gottvertrauen unter Einsatz ihres Lebens für die Ärmsten der Armen in seinem von Kriegen und Konflikten zerrütteten Heimatland Zeugnis gibt«. »Eines Tages, diese Hoffnung dürfen wir niemals aufgeben, wird Ihre Arbeit Früchte tragen, wird die Demokratische Republik Kongo ein Land des Friedens und der Gültigkeit der Menschenrechte für all seine Bewohner werden«, schloss Vogel seine Laudatio. Für den Vorsitzenden des Vergabebeirates des Menschenrechtspreises der Stadt Weimar, Dr. Christoph Victor, war die Entscheidung für Erzbischof Maroy auch deshalb eindeutig, »weil Ihr Engagement in Predigten, öffentlichen Verlautbarungen und ganz praktisch in der Unterstützung ausgebeuteter und unterdrückter, nicht selten auchmissbrauchter Frauen, etwasmit uns zu tun hat … Wir stehen am Ende einer Handelsund Produktionskette, an deren Anfang Ausbeutung, Gewalt, sexueller Missbrauch, nicht selten Mord und Totschlag Alltag ist. An vielen dieser Produkte, an vielen Handys klebt Blut …Weil wir Erzbischof Maroy mit diesem Preis ehren, ihm mit dem Preisgeld unterstützen, sein Engagement fördern, seine Bekanntheit und damit seine Sicherheit erhöhen wollen, haben wir ihn vorgeschlagen. Auch, weil wir anregen wollen, unsere Verbrauchsgewohnheiten kritisch zu betrachten.« Der folgende Text ist von Erzbischof Maroy selbst. Während seines Aufenthaltes in Deutschland hat er unterschiedliche Gruppen getroffen und ist unterschiedlichen Menschen begegnet. Der Text gibt Einblick in das Selbstverständnis eines Mannes, der trotz aller Gefahren, angetrieben durch seinen Glauben, für die Ärmsten der Armen, für die Opfer von Krieg und Vertreibung und für den Frieden kämpft.

Nach Erhalt des Menschenrechtspreises: Dr. Bernhard Vogel, ehemaliger Ministerpräsident von Thüringen, der die Laudatio während der Verleihung des Menschenrechtspreises hielt, Erzbischof Maroy aus Bukavu / DR Kongo und Prälat Dr. Krämer, Präsident von missio Aachen. FOTO: MISSIO AACHEN

Liebe Brüder und Schwestern, bevor ich mich verabschiede und in mein Dorf zurückkehre, möchte ich euch kurz etwas von mir erzählen.

Ihr kennt meine Namen, jedoch nicht deren Bedeutungen. Aber das ist ein anderes Thema.Wenn ihr bei Google nach dem Namen »Msgr. François Xavier Maroy Rusengo« sucht, werdet ihr jedoch seitenweise Informationen zu meiner Person finden.

Wir sind diesen Risiken täglich ausgesetzt und müssen eine innere Haltung einnehmen, die unser Denken schützt und uns den notwendigen Mut gibt, als Zeugen aufzutreten.

Ich bin der Nachfolger von Bischof Christophe Munzihirwa, der am 29. Oktober 1996 in Bukavu ermordet wurde, und von Emmanuel Kataliko, der am 04. Oktober 2000 nach 7-monatigem Exil in Rom an Resignation starb. Charles Kambale Mbogha, Opfer eines Kriegstraumas, verstarb am 09.10.2005 in Bukavu.

Im Jahr 1996, zu Zeiten von Eminenz Christophe, leitete ich als Geistlicher das Priesterseminar der Diözese. Als die AFDL Flüchtlinge aus Ruanda verfolgte und die kongolesische Bevölkerung abschlachtete, habe ich mehr als 100 junge Flüchtlinge in einem Stiftshaus untergebracht. Dies war eine sehr schwierige Zeit.

Im Jahr 2000, während des Exils von Bischof Emmanuel Kataliko, und während der Herrschaft der RCD, die Steuern auferlegten, [ein Versuch, die Bevölkerung zum Krieg aufzuwiegeln], war ich Vikar einer Gemeinde mit ungefähr 100.000 Einwohnern und musste die Bevölkerung lehren, wie sie in schwierigen Zeiten überleben konnte.

2005 waren die Feindseligkeiten fast zum Erliegen gekommen, aber jede Armee behielt ihr im Krieg gewonnenes Gebiet unter Kontrolle, und das Land befand sich unter der inoffiziellen Führung eines Präsidenten und von vier Vizepräsidenten!

Zu jenem Zeitpunkt war ich Priester im Dienst von Bischof Charles Mbogha, der seit seiner rechtmäßigen Ernennung in der Stadt Bukavu im Jahr 2001 krank war.

Alle drei Bischöfe starben innerhalb von 9 Jahren, in denen ich die äußerst verantwortungsvollen Aufgaben erledigte, mit denen sie mich betrauten. Ich habe mich um Frieden für unser Volk bemüht und bei diesem Unterfangen stand mir nur ein Mittel zur Verfügung: das Evangelium, das von den Kriegsherren nicht gerne vernommen wurde.

Im östlichen Teil unseres Landes verüben Milizen bis heute Anschläge auf die Bevölkerung und alle Menschen, die Frieden predigen.

Können Sie sich im Entferntesten vorstellen, wie mein Leben in diesem Teil des Landes aussieht, dort, wo es selbst bei Mord, Vergewaltigung, Plünderung und Massakern keine polizeilichen Ermittlungen gibt? Wie soll man sich in solchen Situationen verhalten, wenn man sich ständig bedroht fühlt?

Wir sind alle sterblich. Das Leben ist ein Geschenk von Gott und der Tod bleibt selbst denjenigen, die in den größten Palästen der Welt sitzen, nicht erspart. Einzig das Vertrauen auf Gott zählt.

Der Mensch ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Das lehrt uns die Heilige Schrift und das ist die Botschaft Jesu, wenn er uns sagt, dass Gott unser Vater ist. Wir sind Brüder und Schwestern von Jesus, vorausgesetzt, wir lieben ihn und wir lieben unsere Mitmenschen, so wie er uns liebt.

Mit ihrem Einsatz für die Armen setzt die Kirche ihre Botschaft der Liebe für die gesamte Menschheit fort. Wir alle sind diese Armen (Mt, 5, 3), wenn unsere Herzen nach Gerechtigkeit dürsten (siehe Mt 5, 6), und wir Gott in unserem Gegenüber und seinen Bedürfnissen erkennen (Mt 25, 31– 40).

Erzbischof Maroy nach Erhalt des Menschenrechtspreises 2012 der Stadt Weimar am 10. Dezember 2012. missio Aachen hatte ihn als möglichen Preisträger der Vergabekommission des Menschenrechtspreises vorgeschlagen. FOTO: MISSIO AACHEN

Dort, wo ich in der DR Kongo lebe, ist die Zahl derjenigen groß, die auf uns zählen und darauf warten, dass sie durch unser Zeugnis wieder in Freude als Kinder Gottes leben können. Unser Ziel sind traumatisierte Menschen, die unter dem mit Waffen ausgetragenen Konflikt gelitten haben. Ihre Anzahl ist groß, da der Lärm von Soldatenstiefeln und Feuergefechten seit fast zwei Jahrzehnten praktisch schon zum Alltag gehört.

Unsere Kirche nahm sich dieser Opfer auf verschiedene Weisen an: durch Zuhören, Rat geben, medizinische Versorgung, soziale Wiedereingliederung, Unterricht, finanzielle Hilfe, Fürsprache…Ohne die Hilfe der mit uns verbundenen Kirchen hier im Westen, könnte nichts Bleibendes mit unseren begrenzten Mitteln erreicht werden.Wir sind euch dafür sehr dankbar. Der Fluch der Verbrechen geht weiter und daher hoffen wir auf euer Verständnis dafür, dass wir euch erneut um Hilfe bitten. Eure Reaktionen und euer Mitgefühl sind unser ständiger Trost und ermöglichen uns, ein neues, glückliches Leben zu beginnen.

Heute habe ich ein globales Anliegen: Es ist unsere Verantwortung, das Leiden all dieser Opfer zu lindern. Ihre Peiniger befinden sich überall. Wie finden wir sie? Sie sind auf der ganzen Welt verstreut, deshalb muss jeder die Augen offen halten. Vielleicht ist einer von ihnen links oder rechts von euch und fördert den Krieg im Kongo auf die eine oder andere Weise. Es könnte einer dieser Peiniger oder einer seiner Komplizen sein. Man muss sich fragen, was man durch diesen Krieg gewinnt, wenn dabei unschuldige Frauen, Kinder und Männer umgebracht werden… Das muss ein Ende haben!

Lasst uns unsere Stimme erheben, aktiv werden und reagieren, um diese namenslose Tragödie zu stoppen und daran zu hindern, die Menschheit zu zerstören, bevor wir selbst zum Opfer werden. Ich selbst gehöre zu diesen Männern und Frauen, die ihre Stimme erheben, aktiv werden und reagieren, damit der Friede siegt. Mein Leben befindet sich in ständiger Gefahr. Ich bin davon überzeugt, dass die Gefahr jedoch geringer wird, je zahlreicher wir sind.

FRANÇOIS XAVIER MAROY RUSENGO
Erzbischof von Bukavu / Demokratische Republik Kongo

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