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Herausgefordert durch Situationen extremer Armut

Das asiatische »Netzwerk Pastoral« formiert sich

von ARTHUR GOH

Der Müllberg von Payatas in Quezon City / Philippinen. Die Müllhalde ist Lebensraum von Tausenden von Menschen, die aufgrund ihrer Armut im Müll nach noch verwertbaren Rohstoffen suchen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. FOTO: THOMAS ARNOLD

Im November vergangenen Jahres haben sich erstmals Leiter verschiedener Pastoralinstitute aus Asien in Manila zu einem mehrtägigen Treffen zusammengefunden und gemeinsam Ansätze pastoralen Handelns in völlig unterschiedlichen Kontexten reflektiert. Initiiert durch missio Aachen, beabsichtigt dieses neue »Netzwerk Pastoral«, den Austausch der unterschiedlichen Pastoralinstitute zu fördern, gemeinsam theologische Grundlagen und pastorale Ansätze zu reflektieren und sich gegenseitig in den heutigen Herausforderungen zu unterstützen. Letztlich dreht sich alles um die Frage, auf welche Weise in dem jeweiligen Kontext die Pastoralinstitute den Menschen dienen können, um sie im umfassenden Sinne zu fördern. Es geht darum, die Menschen Hinwendung und Zuwendung erfahren zu lassen, damit sie den Glauben entdecken und auch leben können.

Es war ein sehr schwüler Dienstagnachmittag, als wir diesen Teil von Quezon City in den Philippinen besuchten. Uns wurde mitgeteilt, dass in diesem Teil der Stadt die Ärmsten der Armen in der sich immer weiter ausbreitenden Metropole Manila leben. Als ich aus dem mit einer Klimaanlage gekühlten Van ausstieg, betrat ich die mir unbekannte Welt von Payatas.

Das erste, das allen Mitgliedern der Gruppe entgegenschlug, war der Gestank von Müll. Ich sah Kinder, einige von ihnen höchstens fünf Jahre alt, die Säcke voll Müll trugen und Schrotthaufen durchstöberten. Wir entdeckten schließlich die Quelle des Gestanks. Vor uns lag der größte Müllberg, den ich je gesehen hatte. Von weitem sahen wir Müllwagen, die – wie kleine Insekten – sich auf den Hängen dieses riesigen Müllberges langsam fortbewegten und schließlich den Abfall entluden. Diese 16 Hektar große Mülldeponie ist der Ort, wo drei benachbarte Stadtbezirke ihren unsortierten Müll abladen.

Im Jahr 1993 erlangte Payatas eine traurige Berühmtheit, nicht weil der riesige Müllberg während eines Sturmes zusammengebrochen war, sondern weil Hunderte von Menschen von diesem Müllberg begraben worden waren und starben, Menschen, die auf dem Müllberg gearbeitet hatten oder aber an seinen Rändern lebten. Diese riesige Müllhalde ist auch weiterhin die Einkommensquelle für zig Tausende von Menschen, die den Müll durchwühlen, um verwertbare Rohstoffe zu finden und wieder zu verkaufen. Die meisten von ihnen leben in der Siedlung Barangay. Diese Auswirkungen extremer Armut habe ich bisher so noch nicht erlebt. Der Missionar und Priester Orlanda Normiella, der dort tätig ist, erklärte uns, dass er sich bemühe, den Menschen zu helfen, trotz der furchtbaren Rahmenbedingungen, ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Die größte Herausforderung für die Menschen in Barangay ist die Frage des Überlebens: Wie bekomme ich meine nächste Mahlzeit? Wie kann ich verhindern, krank zu werden? Wie kann ich meine Familie zusammenhalten? Ein Sozialarbeiter erklärte uns die vielfältigen Bedrohungen des Lebens der Bewohner: durch Prostitution, Drogensucht und Bandenkriminalität. Er erzählte von den Schwierigkeiten der Eltern, ihre Kinder zur Schule zu schicken und sie zu motivieren, gut zu lernen. Wir konnten nur sprachlos auf die für uns völlig neue Realität blicken und versuchen, unsere Gedanken zu sortieren, um die Situation der Menschen von Payatas halbwegs zu verstehen. »Auf welche Weise können wir den Menschen helfen, an einem solchen Ort als gute und gläubige Katholiken zu leben?«, fragte ich mich. Eine Frage, die wir in den kommenden Tagen genauer untersuchen würden.

Die Siedlung Barangay am Rande der Müllhalde. Für die dort tätigen Priester geht es in ihrer pastoralen Arbeit vor allem darum, den Menschen in ihren existentiellen Sorgen und Nöten zur Seite zu stehen.
FOTO: THOMAS ARNOLD

Ein asiatisches Netzwerk pastoral Verantwortlicher

Wir sind auf Initiative von missio Aachen nach Manila eingeladen worden. Prof. Dr. mult. Klaus Vellguth hatte einige Monate zuvor vorgeschlagen, dass es für die Leiter der asiatischen Pastoralinstitute gut sei, sich zu treffen und kennenzulernen. Diese Initiative mit Namen »Netzwerk Pastoral« sah ein Treffen auf den Philippinen vor.

Die Idee eines Netzwerkes asiatischer Pastoralinstitute beziehungsweise pastoral Verantwortlicher ist nicht neu. Eine Vereinigung entsprechender Einrichtungen mit Namen »Konferenz der asiatisch, pazifi schen Pastoralinstitute« (CAPPI) gründete sich bereits im Jahr 1983. CAPPI war ein Forum für gegenseitige Unterstützung und die gemeinsame Weiterentwicklung des Sendungsauftrages der Kirche in Asien. Auf ihrem Höhepunkt haben mehr als 30 Vertreter von asiatischen Pastoralinstituten an den Treffen teilgenommen, um zum Beispiel die Frage der gegenseitigen Beziehung von Laien und Klerikern, die Frage des Amtes und der pastoralen Methodologie zu reflektieren. Im Jahr 1991 hatte CAPPI ihr letztes Treffen in Yogyakarta / Indonesien. Seitdem gab es nur eine sehr begrenzte Interaktion zwischen den asiatischen Pastoralinstituten.

Wenn die Vernetzung eine gute Sache ist, warum gab es dann aber keine weiteren Initiativen, sich zu treffen, nachdem CAPPI die regelmäßigen Konferenzen eingestellt hatte? Pastoralinstitute in Asien sind mit wenigen Ausnahmen in der Regel als diözesane Einrichtungen errichtet worden. Diese Institute – dazu gehört auch das Singapore Pastoral Institute (SPI), dessen Leiter ich bin – versuchen, ihr Engagement auf die Förderung der Gläubigen der eigenen Ortskirche zu fokussieren. Mit der Fokussierung der Aufmerksamkeit auf diözesane Fragen ist es ein leichtes für diese Institute, der Pflege externer Beziehungen eine nur sekundäre Priorität einzuräumen. Es ist eine gewisse Ironie – und vielleicht zugleich providentiell – dass es eines externen Akteurs, in diesem Fall missio Aachen, bedurfte, um uns an den Wert der Vernetzung der Institute zu erinnern. Unter der Schirmherrschaft von missio Aachen ist das »Netzwerk Pastoral « ein Projekt, das den Geist der Zusammenarbeit von CAPPI widerspiegelt.

Vom 28. Oktober bis 02. November 2012 war das East Asian Pastoral Institute (EAPI) Gastgeber dieses Treffens der Direktoren asiatischer Pastoralinstitute. Teilgenommen haben: Fr. Arthur Leger SJ vom EAPI, Fr. Thomas Vijay vom Pallotine Animation Centre in Nagpur / Indien, Fr. Cleophas Fernandes vom National Biblical, Catechetical and Liturgical Centre (NBCLC) in Bangalore / Indien, Fr. Carlos Putranto SJ und Agus Rukiyanto SJ von Pusat Kateketik / Indonesien, Fr. Peter Nguyen Van Hien vom erzbischöflichen Pastoralzentrum aus Saigon / Vietnam, Fr. Paul Steffen SVD von der missionstheologischen Fakultät der Päpstlichen Universität Urbaniana in Rom / Italien. Prof. Dr. mult. Klaus Vellguth und Thomas Arnold haben vonseiten missio Aachens teilgenommen. Ich selbst war als Direktor des SPI bei dieser Zusammenkunft vertreten.

Pastoral?

Was der Begriff »pastoral« bedeutet, ist eine nicht enden wollende Frage. Seit Papst Johannes XXIII. mit der Einberufung des II. Vatikanischen Konzils zum Ausdruck brachte, dass er sich wünsche, dass die Kirche ihren Glauben mehr »pastoral« übermittele, haben sich viele katholische Denker damit befasst, was denn »pastoral« eigentlich darstellt. Für einige bedeutet »pastoral« nichts anderes als ein institutioneller Bezug: es geht darum, den Menschen einfach die verschiede nen Wertgegenstände der Kirche zu präsentieren (das heißt die Glaubenslehre, Sakramente, Kirchenrecht etc.). Für andere bedeutet es demgegenüber eine menschliche Haltung: der Dienst der mitfühlenden Begleitung, die soziale Gerechtigkeit einfordert. Wieder andere verbinden mit »pastoral«, dem Evangelium zu folgen und prophetisch zu sein: es gehe darum, mutig Christus selbst den Menschen anzubieten und Missstände in dieser Welt anzuklagen.

Für mich selbst ist die Ansprache von Papst Johannes XXIII. zur Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils mit dem Titel »Gaudete mater ecclesia« eine wichtige Hilfestellung zur Reflexion, da sie eine hilfreiche Unterscheidung zwischen dem zu vermittelnden Inhalt und der Art und Weise, wie dieser Inhalt zu vermitteln ist, darstellt:

»Denn etwas anderes ist der Schatz des Glaubens oder die Wahrheiten, die in der zu verehrenden Lehre enthalten sind, und etwas anderes ist die Art und Weise, wie sie verkündet werden, freilich im gleichen Sinn und derselben Bedeutung. Hierauf ist viel Aufmerksamkeit zu verwenden; und, wenn es Not tut, muss geduldig daran gearbeitet werden, das heißt, alle Gründe müssen erwogen werden, um die Fragen zu klären, wie es einem Lehramt entspricht, dessenWesen vorwiegend pastoral ist.«

Nachdem der Papst in seiner Ansprache den Begriff »pastoral« in weitere Überlegungen einbettet, nämlich auf welche Weise Offenbarung vermittelt wird, verdeutlicht er, was wir erfüllen würden, wenn wir in einer Art und Weise am Dienst der Kirche partizipieren würden, die als »pastoral« zu bezeichnen wäre:

»So bietet die Kirche den modernen Menschen keine vergänglichen Reichtümer und auch kein irdisches Glück. Sie schenkt ihnen vielmehr die Gaben der göttlichen Gnade, die den Menschen zur Würde der Gotteskindschaft erheben und die zur wirksamen Bewahrung und Förderung des menschlichen Lebens dienen. Sie öffnet ihnen die lebendigen Quellen ihrer Lehre, die die Menschen mit dem Lichte Christi erleuchten, so dass sie erkennen können, was sie in Wahrheit sind, welche Würde ihnen zukommt und welchem Ziel sie nachzustreben haben.« (Anmerkung: Die deutsche Übersetzung der Texte ist zitiert nach L. Kaufmann, N. Klein, Johannes XXIII. Prophetie im Vermächtnis. Fribourg 1990, 116–150.)

Ausgehend von diesem Text schließe ich, dass wir »pastoral« sind, wenn wir anderen Menschen helfen wahrzunehmen, wer sie wirklich sind und welches Ziel sie im Leben haben. Diese pastorale Haltung würde Menschen befähigen, ihre Identität als von Gott geliebte Geschöpfe zu entdecken und zu schätzen, und ihr Leben an dieser Identität zu orientieren (unter Orientierung verstehe ich in diesem Zusammenhang Bekehrung und Sendung). Mit diesen Perspektiven habe ich mich in die Gespräche mit meinen Kollegen von anderen Pastoralinstituten begeben.

Gemeinsamer Austausch während des ersten Treffens vom asiatischen »Netzwerk Pastoral«.
FOTO: THOMAS ARNOLD

Die notwendige Kontextualisierung der pastoralen Arbeit

Unsere Gruppe hat eine geraume Zeit damit verbracht, Aspekte des Wortes »pastoral« zu diskutieren. Ich nahm wahr, dass es verschiedene Zugangswege zu dieser Frage gibt, abhängig von dem Ort, von dem wir stammen, und der Theologie, die wir vertreten. Während eines informellen Gesprächs wurde der Vorschlag unterbreitet, das schwierige Wort »pastoral « zu Gunsten des Wortes »praktisch« zu ersetzen. Als Grund wurde genannt, dass dasWort »pastoral« zu sehr mit dem Wort »Pastor« verbunden sei und somit einen Unterton des Klerikalismus besitze, das heißt pastorale Arbeit sei nur den Priestern vorbehalten. Lumen Gentium nennt an zehn Stellen das Wort »pastoral« – allesamt eingebettet in der Beschreibung der Aufgabe des Konzils, des Bischofs- oder Priesteramtes.

Dass »pastoral« die Aufgaben des Priesteramtes beschreibt, ist meiner Ansicht nach auch korrekt. Der Bezug jedoch ist das Priesteramt Christi, der gute Hirte, der sein Leben hingegeben hat für seine Herde. Es war das Paschaopfer des Guten Hirten, das die Gläubigen befähigt, ihre Beziehung zu Gott zu verstehen, »der die Welt sosehr liebte« (Joh 3,16). Das II. Vaticanum war sehr deutlich darin, alles das, was mit Priestertum zu tun hat, mit dem Priesteramt Jesu Christi in direkte Verbindung zu setzen ist; Laien und Ordinierte besitzen zwei wesentlich unterschiedliche Ausdrucksweisen des einen Priesteramtes Christi (Lumen Gentium 10), und »pastoral« muss beide umschließen, da es seine Wurzeln im Amt Christi des ewigen Hohen Priesters hat. Wir würden unsere durch unsere Berufung geschenkte Verbindung zum Priestertum Christi, des guten Hirten, opfern, wenn wir das Wort »pastoral« durch einen anderen theologischen Begriff ersetzen.

Schließlich haben wir einen Weg nach vorne gesehen, in der Notwendigkeit, bestimmte etablierte Verständnisweisen des Wortes »pastoral« zu reformieren – weg von einer enger gefassten klerikalen Bedeutung, hin zu einer, die das allgemeine Priestertum der Laien einschließt und die Berufung der gesamten Kirchen durchdringt.

Obwohl wir unterschiedliche Perspektiven hinsichtlich der Definition des Wortes »pastoral« besaßen, waren wir einhellig der Meinung, dass in dem Prozess des »pastoral sein« wir aufgefordert sind, unseren katholischen Glauben für das gegenwärtige Milieu zu kontextualisieren. Unser Konsens kam nicht zustande, weil es explizit so formuliert worden wäre, sondern durch unser wachsendes kollektives Bewusstsein, da wir respektvoll einander zuhörten, als jeder Einzelne von uns seine Arbeit in den jeweiligen landesspezifischen Situationen präsentierte. In jedem einzelnen Fall tauschten wir uns darüber aus, was wir unter »pastoral« an dem Ort, wo wir leben, verstanden. Ich begann zu sehen, dass obwohl wir von der gleichen Frage ausgingen (»Auf welche Weise helfen wir Menschen gute und gläubige Katholiken zu sein?«), die Arbeit meiner Gesprächspartner anders aussah als meine eigene. Und einfach deshalb, weil es in der heutigen Zeit etwas anderes ist, den katholischen Glauben in Vietnam fruchtbar zu machen als in Indien oder Indonesien oder in den Philippinen.

Herausgefordert durch die Situation in Payatas

In Singapur zielen unsere pastoralen Prioritäten gegenwärtig darauf ab, die katholische Identität in einer vornehmlich aus einer Mittelklasse bestehenden Gesellschaft durch Katechese zu stärken, den Menschen zu helfen, den Stress langer Arbeitstage bewältigen zu können, Gemeinschaften zu formen, um die vorherrschende individualistische Sichtweise unter Menschen mit einer sehr hohen Selbstzufriedenheit zu überwinden, sowie neue Wege zu entwickeln, auf Basis von Zusammenarbeit und Mitverantwortung Pfarreien zu managen. Als ich inmitten von Payatas stand, sah ich, dass die pastoralen Fragen, denen ich in Singapur soviel Zeit widme, nur eine geringe Bedeutung für die Menschen in Payatas haben. Während unseres Gespräches mit Fr. Orlando Normiella versuchten wir herauszufinden, welche pastoralen Prioritäten er in Payatas habe. »Es gibt keine Katechese hier«, gab er uns zu unserer Verwunderung zur Antwort. Aber indem wir in Payatas mit ihm umhergingen und viele Dinge sehen konnten, von denen wir keine Ahnung hatten, begannen wir zu verstehen, was er meinte. Der größte Teil der pastoralen Arbeit ist auf die Frage der sozialen und biologischen Grundbedürfnisse gerichtet: Ausbildung und Erziehung, Gesundheitsversorgung, Einkommensquellen schaffen. Abgesehen von diesen Fragen, die die Priester sehr beschäftigen, schaffen sie es kaum, ihre liturgischen Aufgaben zu erfüllen. »Wie viele Messen feiern sie zusammen am Wochenende?«, fragte ich ihn. Er lächelte und gab zur Antwort: »27!«

Kriterien pastoralen Handelns

Ich war unsicher, ob wir zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgerufen werden würden, unser Treffen zu bewerten. Immerhin waren wertvolle Ressourcen ausgegeben worden, um alle Teilnehmer an diesem Ort zusammenzubringen, und ein Ergebnis sollte erarbeitet werden, um dieses Treffen auch rechtfertigen zu können. Ich selbst habe auf verschiedene Art und Weise von dieser Gelegenheit profitiert.

Der Wert unseres Treffens entwickelte sich für mich sehr deutlich durch den gemeinsamen Prozess, eine neue Realität zu erfahren, zu reflektieren und sich auszutauschen. Selbst bevor wir begannen, darüber zu sprechen, was gut ist an einem »Netzwerk Pastoral« und ob wir diesen Prozess fortführen sollten, hatte ich bereits begonnen, einen Gewinn aus diesem Ereignis zu ziehen. Ich realisierte, dass ich automatisch Annahmen treffe, wenn ich in meinem eigenen Land pastorale Planungen auf den Weg bringe. Wenn ich mich auf die Themen in meiner Heimat konzentriere, hinterfrage ich nicht meinen eigenen Prozess der Definition »was ist pastoral?« Inmitten anderer Verantwortlicher für pastorale Fragen und Planungen sowie in einem völlig anderen Umfeld wurden mir die eigenen Prinzipien bewusst, die ich als Kriterien pastoralen Handelns ansehe und die ich für meine eigene Arbeit anwende. Diese heißen Inkarnation, Dialog und Rezeption.

Die Teilnehmer des ersten Treffens vom asiatischen »Netzwerk Pastoral«. Ganz links: Arthur Goh,
Direktor des Singapore Pastoral Institute. FOTO: THOMAS ARNOLD

Inkarnation

Inkarnation oder Menschwerdung war Christi Art und Weise, mit den Menschen zu sein, die er zu erlösen gerufen war; »Das Wort Gottes wurde Fleisch und hat unter uns gewohnt« (vgl. Joh 1,14). Pastoral bedeutet, gemäß dem Bild vom guten Hirten, zu der Herde zu gehen und nicht einfach darauf zu warten, dass das Schaf zurück zur Herde kommt (vgl. Lk 15,3–7). Ich frage mich, ob ich wohl Fr. Normiella nachahmen könnte und mit den Menschen von Payatas leben und ihnen dienen könnte, wo sie leben. Ich habe ernsthafte Zweifel, dass ich das könnte. Wie viele andere auch, die vor Armut bewahrt worden sind, bestand mein bevorzugter Weg, den Armen zu helfen, darin, aus der Distanz zu helfen. Es würde für mich eine sehr große Herausforderung sein, die Zuwendung der Kirche an einem Ort wie Payatas zu »inkarnieren«. Herausgefordert durch diese Erfahrung ist mir die Notwendigkeit bewusst, den inkarnatorischen Dienst besser auszuüben. Die Erfahrung half mir zudem, neue Fragen zu stellen: »Auf welche Weise ist mein Dienst inkarnatorisch für meine Mitchristen in Singapur?« »Bin ich wählerisch, was den Typ von Mensch angeht, auf den ich zugehe?« »Wo habe ich mich entfernt von den Lebenserfahrungen der anderen? «

Dialog

Dialog bedeutet, auf die Nöte, Sorgen und Hoffnungen der Menschen zu hören, denen ich diene. Es bedeutet, ihr Vertrauen zu gewinnen und dann den geeigneten Weg zu wählen, um mit ihnen das Evangelium zu teilen. Christus der Hirte war immer achtsam, wenn er auf die Menge hörte, in der Wahl seiner Worte, wenn er zu ihnen sprach, in seinen Handlungen (selbst wenn andere es als skandalös empfanden), damit Menschen seiner Zeit sich damit identifizieren konnten. Dialog ist mehr als einfach nur zu lernen, in der Muttersprache der Menschen zu sprechen. Es geht um die Bereitschaft, die eigenen Vorurteile zu überwinden und wirklich zu verstehen, welche Art von Zuwendung sie benötigen. Indem ich den anderen Teilnehmern dieses Treffens zuhörte, erfuhr ich, wie sie in den Dialog mit den Milieus in ihrer Heimat eintreten, und konnte beobachten, auf welche Weise die Exposure- Erfahrung von Payatas für sie einen Sinn ergibt; ich konnte von ihnen lernen und meine eigene Art des Dialogs mit verschiedenen Gruppen meiner eigenen Ortskirche verfeinern.

Rezeption

Rezeption handelt davon, wie diejenigen, denen wir dienen, auf unsere Zuwendung antworten. Manchmal ist die Hilfestellung, die wir bieten, nicht das, was die Menschen wirklich benötigen. Dies kann durch unser Unvermögen entstehen, das Wirken des Geistes hinsichtlich der Situation wahrzunehmen. Zudem mag es sein, dass Menschen noch nicht bereit sind, das zu akzeptieren und zu nutzen, was wir mit ihnen teilen. Jesus, der gute Hirte, war neugierig auf die Sichtweise seiner Jünger, und er ermöglichte ihnen, in ihren Antworten die Initiative zu ergreifen. Er fragte sie: »Was denkt ihr«, »Was liest du dort«, »Was diskutiert ihr« (vgl. Lk 10,26; 24,17). Auf ähnliche Weise versuchen wir, der Akzeptanz unserer pastoralen Arbeit Aufmerksamkeit zu schenken, in dem wir uns bei denen erkundigen, denen wir dienen. »Findet ihr das, was wir machen, für euch hilfreich?« Indem ich mich regelmäßig verschiedenen sozio-kulturellen Milieus aussetze, hilft mir dies, meine Arbeit zu hinterfragen. »Wie würde das, was wir in Singapur machen, hier angenommen?« Noch besser wäre, wenn ich eine entsprechende Analyse von meinen Kollegen aus anderen Ländern erhalten würde, so dass sie mir mitteilen könnten, was ich selbst nicht sehe.

Ein Anfang ist gemacht

Ein Ereignis wie das »Netzwerk Pastoral« ist eine wunderbare Gelegenheit für mich, meine Fähigkeiten der Kontextualisierung weiter zu entwickeln, und meine Wertschätzung für meine drei Kriterien pastoraler Arbeit zu weiten. Die theologische Diskussion war zudem fruchtbar. Zum Abschluss haben wir eine gemeinsame Definition von »pastoral« erarbeitet:

»Wie Jesus und seine Emmausjünger gehen unsere Pastoralzentren den Weg mit den Menschen in Asien. Unser Weg wird bestimmt durch das Evangelium und durch Haltungen, die die mitfühlende Liebe Jesu, des guten Hirten, verkörpern. Die größte Herausforderung für einen asiatischen pastoralen Zugang besteht darin, Wege der Begegnung zu finden, um bereichert zu werden durch die verschiedenen religiösen und kulturellen Traditionen in Asien. In Demut sind wir uns unserer eigenen Schwächen bewusst und als dienende Leiter begeben wir uns auf unsere gemeinsame Suche nach Gott, der die Art und Weise bestimmt, auf die wir uns in unserem Dienst für eine ganzheitliche und integrale Transformation von Menschen und Gesellschaften engagieren. Als authentische Jünger Christi suchen wir den Dialog mit verschiedenen Religionen, Kulturen und den zahllosen in Armut lebenden Menschen.

Wir verstehen »pastoral« als unsere mitfühlende Hinwendung, um den Glauben mit dem Leben zu verbinden. Die pastorale Aufgabe der Kirche besteht darin, Zeugnis zu geben vom Evangelium Jesu Christi. Unser Zeugnis muss immer auf freundliche Art und Weise ausgeübt werden, so dass wir in Harmonie mit den verschiedenen Religionen und Kulturen Asiens leben, die unsere Reise bereichern.« »

Netzwerk Pastoral« wird sich weiter entwickeln. Das nächste Treffen ist geplant – im November 2013 in Bangalore / Indien.

ARTHUR GOH
Direktor des Pastoralinstituts der Erzdiözese Singapur

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