März / April 2013 Dokumentation »Kongolesisches Volk, erhebe dich ... corner

»Kongolesisches Volk, erhebe dich und rette das Vaterland«

Treue zur nationalen Einheit und der territorialen Integrität der Demokratischen Republik Kongo (cf. 1 Ma 14, 35)

Botschaft des Ständigen Rates der Nationalen Bischofskonferenz des Kongos (CENCO) zur Sicherheitslage in unserem Land

PRÄAMBEL

1. Besorgt über die Zunahme von Gewalt im Osten unseres Landes, Gewalt, die in der Eroberung der Stadt Goma durch die Rebellen der »Bewegung des 23. März 2009« (M23) gipfelte, haben wir, die Mitglieder des Ständigen Rates der Nationalen Bischofskonferenz des Kongos (CENCO) – Kardinal, Erzbischöfe und Bischöfe – uns vom 3. bis zum 5. Dezember 2012 zu einer Sondersitzung in Kinshasa getroffen, um die Gesamtsituation und ihre Folgen zu untersuchen.

FESTSTELLUNGEN

2. In unseren verschiedenen früheren Botschaften haben wir das Vorhaben zur Balkanisierung2 des Kongo, die illegale Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und die Verbreitung von Milizen und bewaffneten Gruppen verurteilt. Deshalb haben wir auch ein Triduum [drei Tage] des Gebetes in all unseren Diözesen und einen Marsch der Solidarität in allen Teilen der Demokratischen Republik Kongo am 1. August 2012 organisiert. Nach unserem pastoralen Solidaritätsbesuch der tief verletzten Bevölkerung von Nord- und Süd-Kivu im September 2012 und trotz unseres Gesprächs mit Vertretern der M23 in Anwesenheit der als Geisel gehaltenen Bevölkerung in Rutshuru, hat sich die Situation weiter verschlechtert.

3. Der Krieg im Nord-Kivu hat enorme Schäden verursacht. Dazu gehören insbesondere die Verschlechterung der Menschenrechtslage, die durch die M23 und bewaffnete Gruppen hervorgerufen wurde, Morde im großen Stil, Vergewaltigungen, Entführungen, die Anwerbung von Minderjährigen in die Reihen der bewaffneten Gruppen, Inhaftierungen und illegale Steuern, Banditentum, die Zerstörung und Plünderung von nationalem und individuellem Vermögen, die erzwungene und massive Vertreibung und das Umherirren der Bevölkerung unter menschenunwürdigen Bedingungen. Zudem hat der Fall der Stadt Goma alle Kongolesen fassungslos gemacht.

4. Heute ist ein Teil unseres Landes der Kontrolle unserer Regierung entglitten und befindet sich tatsächlich unter der Verwaltung der M23, die durch ausländische Mächte unterstützt wird, insbesondere durch Ruanda und Uganda. Der Bericht der Experten der Vereinten Nationen hat dies klar bestätigt. Als Ausgangssituation entlarven wir die Strategie der Balkanisierung, die zur Zeit umgesetzt wird. Diese gehorcht seit Jahrzehnten der gleichen Dynamik: Ansprüche auf die nationale Identität, Angriffe auf die territoriale Integrität, Verweigerung der institutionellen Ordnung, illegale Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, erzwungene Vertreibung der Bevölkerung, die Gewaltanwendung mit dem Ziel der Spaltung der Demokratischen Republik Kongo.

5. Außerdem stellen wir inmitten der Bevölkerung Enttäuschungen fest, ausgelöst durch eine Regierung, die den Erwartungen nicht nachkommt. Ethnische Zugehörigkeit wird wissentlich durch einige Landsleute für ihre politische Positionierung ausgenutzt. Einige Friedensvereinbarungen, die mit bewaffneten Gruppen ohne vorherige Beratung abgeschlossen wurden, gefährden die Souveränität und Integrität der Demokratischen Republik Kongo.

MISSBILLIGUNG

6. Das ist der Grund, warum wir das, was durchgepeitscht wurde, missbilligen und strikt verurteilen. Denn es ist der Grund für das Leiden des Volkes, für die Verzögerung der Entwicklung des ganzen Landes und ein Rückschlag im Demokratisierungsprozess. Es ist insbesondere nicht hinnehmbar, dass dies alles das Werk kongolesischer Landsleuten ist, die sich sklavisch durch ausländische Interessen manipulieren lassen. Sie ignorieren die berechtigten Organe der Republik und unterwandern den nationalen Zusam menhalt, den wir nach so vielen Jahren des Leidens und der Unsicherheit anstreben.

7. Zur gleichen Zeit missbilligen wir den Einsatz von Waffen als Lösungsmöglichkeit für die Probleme, die sich unserer nationalen Gemeinschaft stellen. Die Gräueltaten und die negativen Folgen der gemachten Erfahrungen aus den vergangenen Kriegen beweisen die Grenzen dieses Weges. Die Vorgehensweise von M23 dient daher nicht ihren Ansprüchen. Die Verantwortlichen dieser Rebellenbewegung und ihre Unterstützer [müssen] daraus die Schlussfolgerungen ziehen und die Konsequenzen auf sich nehmen. Ihre Verbrechen werden nicht ungestraft bleiben.

EINLADUNG ZUR STÄRKUNG DER NATIONALEN EINHEIT

8. Wir bekräftigen die Souveränität der Demokratischen Republik Kongo und die Unverletzlichkeit ihrer Grenzen; wir halten an der Einheit und der Unteilbarkeit der Demokratischen Republik Kongo fest, in den aus der Kolonisation hervorgegangenen Grenzen, die von der internationalen Gemeinschaft am 30. Juni 1960 anerkannt wurden. Die Integrität des Territoriums der Demokratischen Republik Kongo ist nicht verhandelbar [1].

9. Treu unserer Aufgabe als Hirten, aufgerufen durch unseren Herrn Jesus Christus für die Einheit der Menschen in unserem Land zu arbeiten, laden wir die gesamte kongolesische Bevölkerung inständig zur nationalen Einheit ein. Jede Lösungssuche für die Probleme innerhalb unserer Nation muss der Perspektive der Einheit folgen, um diese zu Gunsten der gesamten Bevölkerung zu schützen und zu fördern, ohne irgendeine Gruppe auf Kosten anderer zu bevorzugen. Die nationale Aussöhnung ist der Preis.

10. Unter Berücksichtigung der Situationen, die durch die jüngsten Gewaltausbrüche geschaffen wurden und von denen wir einige oben beschrieben haben, formulieren wir die folgenden Empfehlungen:

[1] Cf. CENCO, Non à la balkanisation. Communiqué sur la situation de guerre dans le pays, 06 juillet 2012.

[2] Cf. Notre rêve d un Congo plus beau qu avant. Message de la Conférence Episcopale Nationale du Congo au peuple congolais à l occasion du cinquantenaire de l indépendance de la RD Congo (24/06/2010), n.17.

[3] Cf. Notre rêve d un Congo plus beau qu avant, n.7.

EMPFEHLUNGEN

Aufruf zum Patriotismus

11. Kongolesische Brüder und Schwestern, wir rufen Euch alle zum Patriotismus auf. Die Treue zur nationalen Einheit und der Schutz der territorialen Integrität der Demokratischen Republik Kongo bilden für jeden Kongolesen eine heilige Aufgabe. Unsere ethnische Vielfalt ist eine Bereicherung. Brüder und Schwestern, wir laden Euch ein, wachsam zu sein, so dass niemand – auch die Gewählten Eurer ethnischen Gruppe – Eure Identität instrumentalisiert, um Euch zur Erreichung uneingestandener Ziele gegeneinander aufzubringen. Nur in der Einheit, der Bekehrung der Herzen und der Versöhnung können wir unser Land auf allen Ebenen entwickeln.

Verantwortung unserer Regierenden und Politiker

12. Die derzeitige Situation des Kongo sollte bei denjenigen, die uns regieren, Fragen aufwerfen. Es ist ihre erste Verantwortung, die Sicherheit der Bevölkerung und die Integrität des Staatsgebietes zu gewährleisten. Indem sie die legitimen Wünsche der Bevölkerung nach innerem und äußerem Frieden, nach Würde und Entwicklung aufnehmen, werden sie die nationale Einheit festigen. Nehmen sie sich zu diesem Zweck die Rolle der historischen und visionären Führung, die sie spielen sollten, zu Herzen und suchen sie nach einem Ausweg aus der Krise, den sie den Partnern und den nationalen sowie internationalen Akteuren vorlegen. Es ist dringend notwendig, gute Regierungsführung zu fördern und eine republikanische Armee zur bilden, mit Abschreckungsmitteln und fähig, die Sicherheit der Kongolesen und die Integrität des Territoriums gegen Bedrohungen und alle Übergriffe bewaffneter Gruppen zur verteidigen [2].

13. Alle kongolesischen Politiker erinnern wir daran, dass die Nation in Gefahr ist. Sie haben nicht das Recht, die Zeit verstreichen zu lassen, um sich um egoistische Interessen zu streiten. Es ist sehr bedauerlich, dass sich einige von ihnen, indem sie ihre Interessen bevorzugen, zu Komplizen der Zerstörer unserer nationalen Einheit machen. Die Verteidigung der nationalen Einheit zwingt sie, sich für die territoriale Integrität einzusetzen und alle ihre Kräfte zu bündeln, um die Balkanisierung unseres Landes zu verhindern. Die Ideale, die den Pionieren [3] der Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Kongo wichtig waren, nämlich die Unabhängigkeit, die Einheit, der Wohlstand, der Friede und die Größe der Nation müssen respektiert und von ihnen gefördert werden. Es sind diese Ideale, die unseren Stolz und die Basis unserer nationalen Einheit bilden. Sie müssen ständig im Blick sein, und ihnen gelten alle Bemühungen zum Aufbau der kongolesischen Nation – durch friedliche politische und demokratische Debatten. Angesichts der Gefahr der Spaltung und Versklavung unseres Landes, die ihre eigene Existenz und die der Nation gefährdet, ist der Augenblick gekommen, eine gemeinsame Front zu bilden.

Im Hinblick auf zukünftige Verhandlungen

14. Die Ansprüche der Kongolesen, die sich, aus welcher Gruppe auch immer, benachteiligt fühlen, müssen nach dem Gesetz und gemäß der Verfassung der Demokratischen Republik Kongo behandelt werden. Der juristische Wert der Vereinbarung vom 23. März 2009 und die Relevanz des Treffens in Kampala sind zu hinterfragen.

15. Wir möchten die Teilnehmer der Gespräche in Kampala an mögliche Fallen dieser Verhandlungen erinnern. Sie dürfen die Einheit der Nation nicht beein trächtigen und es dürfen keine Vereinbarungen getroffen werden, die zu einer Balkanisierung der Demokratischen Republik Kongo führen. Wachsamkeit und Umsicht sind gefragt. Die fundamentalen und patriotischen Prinzipien, gegen die niemand verstoßen darf, sowie ein Leitplan, der das Maß und die Art der möglichen, annehmbaren und erträglichen Zugeständnisse festlegt, müssen gewissenhaft eingehalten werden. Jede Vereinbarung, die die nationale Souveränität gefährdet, ist inakzeptabel.

An die Internationale Gemeinschaft

16. Wir erkennen alle Bemühungen der internationalen Gemeinschaft um Frieden und Stabilität in der Demokratischen Republik Kongo an. Jedoch fragen sich die Menschen immer noch: Warum wurde das Gebiet von Rutshuru und der Stadt Goma – trotz der festen Versprechen von Monusco – nicht effektiv verteidigt und die Zivilbevölkerung uneingeschränkt geschützt? Müsste deshalb nicht das Mandat der Monusco der aktuellen Lage in der Demokratischen Republik Kongo angepasst werden? Das kongolesische Volk erwartet sehnsüchtig, dass das Prinzip des internationalen Rechtes und der Solidarität – Grundlage für den Frieden in der Welt siegt.

SCHLUSSFOLGERUNGEN

17. Wir appellieren an die Regierung unseres Landes, an jede Person guten Willens, an Hilfsorganisationen und an die Solidarität der internationalen Gemeinschaft, angemessene humanitäre Hilfe für zehntausende kongolesische Frauen und Männer in Nord-Kivu zu leisten, denen diese Leiden ungerechterweise auferlegt wurden.

18. Liebe Brüder und Schwestern, die Schwierigkeiten – selbst die schlimmsten – sollten uns weder in Verzweiflung stürzen, noch Resignation auslösen. Im Vertrauen auf Gott, die Quelle jeden wahren Friedens, und im Geist des Patriotismus, »erheben wir unsere Köpfe und schauen nach vorne. Auf Grund unseres prophetischen Auftrages haben wir Kontakt aufgenommen mit unseren Regierenden, den Politikern unseres Landes, einigen diplomatischen Vertretern in der Demokratischen Republik Kongo, der Monusco und anderen internationalen Organisationen, um wahren Frieden in unserem Land herzustellen.

19. Wir vertrauen die Opfer dieses Krieges der göttlichen Barmherzigkeit an. Wir möchten Bischof Theophile Kaboy von Goma unsere Verbundenheit zum Ausdruck bringen und unser Mitgefühl mit der gesamten Bevölkerung des Nord-Kivu aussprechen. Wir werden weiter beten, dass der Herr die Herzen derer, die Krieg führen, für den Frieden Christi öffnet. Die Heiligste Jungfrau Maria, unsere Frau des Kongo und Friedenskönigin, möge für unser Land und seine Einwohner die Gnade der Einheit und des Friedens erreichen.

VERFASST IN KINSHASA, 5. DEZEMBER 2012
(Aus dem Französischen übersetzt von Peter Cronenberg/missio Aachen)

Ausgabe 2/2013

ANMERKUNGEN

1 Die Bewegung 23. März ist eine Rebellengruppierung im Nord-Kivu in der Demokratischen Republik Kongo. Die Gruppierung entstand im April 2012 aus ehemaligen Mitgliedern der 2009 aufgelösten Rebellengruppierung Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes (CNDP). Diese war nach einem am 23. März 2009 mit der Regierung in Kinshasa unterzeichneten Friedensabkommen in die kongolesische Armee integriert worden.

2 Zerstückelung größerer politischer und wirtschaftlicher Einheiten sowie die oft damit verbundene politische Instabilität in den betroffenen Regionen.

3 Triduum bezeichnet eigentlich die drei Tage vom Leiden, Tod und Auferstehung Jesu (Vgl. LThK, Freiburg [u. a.]: Herder, 3. Aufl., 2001, Bd. 10, Sp. 220).

4 Stadt in der Provinz Nord-Kivu.

5 Vgl. Anm. 1.

6 Sondergipfel der Staatsoberhäupter und Regierungen der Mitgliedsstaaten der internationalen Konferenz der großen Seen (ICGLR) über die Sicherheitssituation im Osten der Demokratischen Republik Kongo, 7. bis 8. August 2012 in Kampala.

7 Französische Bezeichnung für: Mission der Vereinten Nationen in der Demokratischen Republik Kongo; Beginn 30.11.1999.

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