Mai / Juni 2013 INFO VATIKAN corner

Eine Wahl gegen die Kurie?

Kardinal Bergoglio galt nicht als Top-Favorit fürs Konklave

»Ach, wie wünsche ich mir eine arme Kirche für die Armen!« Dies äußert Papst Franziskus bei seinem ersten Treffen mit Tausenden von Journalisten am 16. März in der Audienzhalle Paul Vl.

Auch wenn die am Konklave teilnehmenden Kardinäle sich zum Schweigen über das Konklave verpflichten, sind wenige Tage nach der Papstwahl doch Einzelheiten bekannt geworden, die vermuten lassen, dass die Wahl auf Kardinal Bergoglio unter anderem deshalb fiel, weil viele Kardinäle mit dem Agieren der Kurie nicht mehr einverstanden waren. In einem Interview mit dem Magazin Focus hat Kardinal Lehman nach dem Konklave sowohl Papst Benedikt XVI. als auch die Kurienvertreter im Konklave kritisiert. So hob er hervor, dass eine Aufklärung über die Vatileaks-Affäre für die Kardinäle im Konklave (Anm.: gemeint ist wohl das Vorkonklave) nur teilweise stattgefunden habe. Einer der Kardinäle, die das Geheimdossier für Papst Benedikt XVI. verfasst hatten, habe auf Nachfrage einfach nur ein Statement vorgelesen, das bereits im Dezember vom Vatikan veröffentlicht worden war. Die konkreten Fragen ließ er demnach unbeantwortet. »Dabei hatte man den Eindruck, wir stellen Fragen, aber niemand beantwortet sie«, so Lehmann.

Auch Kardinal Kasper hatte bereits während des Vorkonklaves durchklingen lassen, dass Reformen der Kurie unerlässlich seien. Dazu bedürfe es eines Papstes, der auch die entsprechende Willens- und Widerstandskraft besitze, um diese schwierige Aufgabe in Angriff zu nehmen.

Der französische Kardinal Andre Vingt Trois, Erzbischof von Paris und Vorsitzender der französischen Bischofskonferenz, erklärte nach der Papstwahl: »Kardinal Bergoglio ist nicht Teil des Systems der Italiener gewesen, aufgrund seiner Herkunft jedoch für die Italiener im Konklave wählbar, weil italienische Wurzeln. Wenn es jemanden im Konklave gab, der mit Gerechtigkeit in dieser Situation intervenieren kann – die Kurie zu reformieren – war Bergoglio derjenige, der es am besten kann.«

Auch Kardinal Schönborn aus Wien macht in einem Interview im österreichischen Fernsehen seinem Ärger über die Kurie mit deutlichen Worten Luft: Es müsse herausgefunden werden, wo die schwarzen Schafe sind und »es muss – sagen wir es ruhig ganz deutlich – auch der Stall gereinigt werden, damit jene, die wirklich gute Arbeit leisten, nicht durch die Irrwege von Einzelnen diskreditiert werden«.

Wie NCR berichtet, habe Bergoglio bereits bei der ersten Wahl mit einer ansehnlichen Stimmenzahl, für viele Konklaveteilnehmer wohl überraschend, die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Von Wahl zu Wahl erhielt er mehr Stimmen, bis er schließlich im 5. Wahlgang als Papst festgestanden habe. Nach Aussage von Kardinal O’Malley aus Boston, im Vorfeld des Konklave immer wieder auch selbst als möglicher Kandidat fürs Papstamt bezeichnet, habe Bergoglio am Mittwoch beim Mittagessen am Tisch gesessen, »als ob eine riesige Last auf ihm liege.«

Es sei wohl, so berichtet La Repubblica, der Einfluss der amerikanischen Kardinäle gewesen, der für die Wahl Bergoglios ausschlaggebend gewesen sei.

Dass die italienische Kirche von einem anderen Wahlergebnis ausgegangen war, zeigt eine sehr peinliche Begebenheit: Nachdem der weiße Rauch aus dem Kamin der Sixtinischen Kapelle aufgestiegen war, schickte der Pressesprecher der italienischen Bischofskonferenz dem im Vorfeld des Konklave immer wieder genannten Topkandidaten fürs Papstamt, dem italienischen Kardinal Scola, ein Glückwunschschreiben zu seiner Papstwahl.

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