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Ungewisse Zukunft

Über die Diskriminierung, Ängste und Hoffnungen von Christen in Ägypten

von NORBERT KÖSSMEIER

Die Al-Azhar, die renommierteste und zugleich höchste Autorität der Sunniten, hat qua Verfassung zukünftig die Aufgabe, die Rechtsprinzipien der Sharia im Rahmen der Gesetzgebung zu interpretieren. Die Befürchtung vieler Christen ist es, dass – sollte zukünftig der Einfluss vor allem von Salafisten an der Al-Azhar zunehmen – eine sehr strikte Auslegung und auch Anwendung der Sharia qua Verfassung ermöglicht wird. Das Foto zeigt die zur Al-Azhar Universität gehörende Moschee in Kairo, die im Jahr 970 erbaut wurde. FOTO: KNA-BILD

Es war absehbar, dass der zweite Jahrestag der Revolution in Ägypten, der 25. Januar, nicht ohne Demonstrationen und Proteste verstreichen wird. Zu groß ist die Wut vieler Aktivisten, vor allem junger Menschen, auf die aktuellen politischen Entwicklungen im Land. Sie fühlen sich von den Islamisten hintergangen, die ihrer Meinung nach die Revolution im Land geraubt, instrumentalisiert und verraten haben. Dass die zunächst friedlich verlaufenden Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo aus Anlass des zweiten Jahrestages der Revolution jedoch in Gewalt umschlugen, dass eine Gewaltwelle viele Städte im Land erreichte, so dass Präsident Mursi drei Tage später den Ausnahmezustand für bestimmte Orte erließ, war wohl nicht absehbar. Es wirft ein Schlaglicht auf die angespannte Situation in einem Land, das einen politischen Wandel durchlebt, dessen Ergebnis zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht abzusehen ist.

Der Aufstieg der Muslimbrüder

Seit dem Militärputsch von 1952, der Abdel Nasser an dieMacht gebracht hatte, stand Ägypten unter Militärherrschaft. Nasser, Sadat und schließlich Mubarak regierten das Land fast 60 Jahre lang und etablierten ein System, das durch Menschenrechtsvergehen, Korruption, Einschränkung der bürgerlichen Rechte und Klientelismus geprägt war. Zugleich erfreute sich dieses System der Unterstützung westlicher Regierungen, die im ägyptischen Regime einen verlässlichen Partner im Nahen Osten sahen, der für Stabilität in der so unruhigen Region sorgte. Die Muslimbruderschaft, die heute den Präsidenten stellt, hatte sich bereits sehr früh, lange vor der Militärherrschaft, als politische Kraft in Ägypten herausgebildet. 1928 durch Hassan al-Banna gegründet, verfolgte sie seit den 1930er Jahren in Ägypten die Errichtung einer islamischen Ordnung im Staat und die Einführung der Sharia, da sie die islamische Religion, insbesondere unter der Kolonialherrschaft der Briten, als bedroht ansah. Während sie zu Beginn die Militärherrschaft in Ägypten unterstützt hatte, gab es immer wieder auch Auseinandersetzungen mit den Militärherrschern, was mehrmals zum Verbot der Muslimbrüder führte. Als Zugeständnis an die einflussreichen Muslimbrüder ließ Präsident Sadat 1980 die Sharia als Grundlage des ägyptischen Rechtswesens beziehungsweise der Rechtssprechung in die Verfassung aufnehmen. Im Jahr 1981 wurde er von Islamisten der Gruppierung Al Dschihad ermordet, die ihm vorwarfen, nicht ausschließlich gemäß der Sharia das Land zu regieren.

Unter Mubarak durften die Muslimbrüder zwar nicht als politische Partei auftreten, errangen jedoch als unabhängige Kandidaten bei Parlamentswahlen große Erfolge, so dass sie schließlich zur stärksten politischen Opposition im Parlament aufsteigen konnten. Vor diesem Hintergrund, gerade auch aufgrund ihrer langen Geschichte als politische Kraft in Ägypten, war es nicht allzu überraschend, dass die Muslimbrüder die Parlamentswahlen von 2011 und die Präsidentschaftswahlen von 2012 gewonnen haben. Mit der Revolution trat jedoch eine neue politische Kraft in Erscheinung, die die Angst vor einem Wandel hin zu einem islamistischen Staat schürt: die Salafisten, die auf Anhieb zur zweitstärksten Partei bei den Wahlen wurden.

Als zweitstärkste Partei im Land haben die Salafisten enormen politischen Einfluss in Ägypten gewonnen. Das Foto zeigt Mitglieder der salafistischen Bewegung, die am 09. November 2012 für die strikte Auslegung und Anwendung der Sharia in Ägypten demonstrieren. FOTO: KNA-BILD

Die lange Tradition des Christentums in Ägypten

Ägypten steht vor enormen Herausforderungen. Die desolate wirtschaftliche Situation, die sich seit der Revolution zusehends verschlechtert hat, setzt zum einen die Regierung unter Druck und schränkt ihre Handlungsfähigkeit massiv ein. Zum anderen muss die Bevölkerung die Konsequenzen der Wirtschaftskrise ertragen. Vor allem die Armen sind Opfer dieser Situation. Mit dem massiven Rückgang des Tourismus in Ägypten seit der Revolution hat sich die desolate wirtschaftliche Situation noch verschärft. Viele Ägypter hatten auf die Revolution gesetzt und gehofft, dass sich ihre Lebensbedingungen verbessern würden. Nun macht sich Ernüchterung breit.

In dieser spannungsgeladenen und zugleich sehr komplexen Situation befürchten Christen, die die größte religiöse Minderheit im Land stellen, zu den Verlierern diesesWandels zu werden. Etwa sieben bis acht Millionen Christen, mehr als 90 Prozent von ihnen sind orthodoxe Kopten, gibt es in dem 84 Millionen Einwohner zählenden Land. Zu den Katholiken zählen gerade einmal 250.000 Menschen, die sieben Diözesen im Land angehören. Die koptischen Christen sind sehr stolz auf ihre sehr lange Vergangenheit in Ägypten. Ihre Gründung führen sie auf den Evangelisten Markus zurück, der im ersten Jahrhundert in Ägypten gewirkt haben soll. Im dritten Jahrhundert bildete sich in Ägypten die monastische Bewegung heraus. Der heilige Antonius wird von den Kopten als Vater des christlichen Mönchtums bezeichnet und gründete im 4. Jahrhundert, wohl während der Christenverfolgung unter Diokletion (303–311), die ersten Gemeinschaften von Einsiedlern in der Wüste Ägyptens. Auf dem Konzil von Chalcedon im Jahr 451 kommt es zur Spaltung, da die koptisch-orthodoxe Kirche das christologische Dogma, demzufolge Jesus Christus ganz Mensch und ganz Gott ist, ablehnt. Nachdem sich das Christentum von Alexandria aus rasch verbreitet hatte und bis zur Ankunft islamischer Truppen im 7. Jahrhundert die Bevölkerungsmehrheit darstellte, war es bereits drei Jahrhunderte später zu einer Minderheit geworden.

Hatten die Christen vor zwei Jahren noch Seite an Seite mit Muslimen auf dem Tahrir-Platz in Kairo für einen politischenWandel protestiert und gleichzeitig viel Solidarität im Land erfahren, eine bis dahin unbekannte Erfahrung, so ist davon nicht mehr allzu viel zu spüren. Im Rahmen des politischen Engagements fühlen sich Christen mehr und mehr in eine reine Alibifunktion der Regierung gedrängt, um der Welt zu demonstrieren, dass die islamistischen Gruppierungen im Land insbesondere auf religiöse Minderheiten Rücksicht nehmen. Dies war u. a. ein Grund, weshalb sich die Christen dann auch aus der Verfassungsgebenden Versammlung zurückgezogen haben. Das Gefühl der Angst und der Unsicherheit, das Gefühl, unerwünscht zu sein, wächst unter den Christen in Ägypten. Angesichts dieser Situation hat eine Delegation von missio Aachen unter Leitung von Prälat Dr. Krämer das direkte Gespräch mit der koptisch-katholischen Kirche in Ägypten gesucht und am 22. /23. Januar in Kairo mit den Vertretern der katholischen Bischofskonferenz und verschiedenen Fachleuten die aktuelle Situation erörtert.

missio-Präsident Prälat Dr. Klaus Krämer dankte den Vertretern der koptisch-katholischen Kirche Ägyptens für ihr Vertrauen und die intensiven Gespräche während der zweitägigen Konferenz Ende Januar in Kairo. Den Kirchenvertretern versicherte er in dieser schwierigen Zeit des politischen Umbruchs die Solidarität missios und der katholischen Kirche Deutschlands.
FOTO: NORBERT KÖSSMEIER

Die Angst vor der Islamisierung

Immer mehr Vorfälle werden bekannt, die zeigen, dass Islamisierungstendenzen im Land die normale Bevölkerung unter Druck setzen. Frauen, die kein Kopftuch tragen, werden in öffentlichen Bussen von anderen beschimpft oder gar angegriffen; selbst Schülerinnen, die nicht den Kleidungsvorschriften bestimmter islamistischer Gruppierungen im Land entsprechen, können zu Opfern werden.

Die Angst besteht, dass gerade auch auf Grundlage der neuen Verfassung die Islamisierungstendenzen zunehmen, ja dass Ägypten sich mehr und mehr zu einem von islamistischen Vorstellungen geprägten Staat entwickelt.

Werden in Art. 2 der neuen Verfassung die Prinzipien des islamischen Rechtssystems (Sharia) als Grundlage der Gesetzgebung anerkannt (dieser Passus findet sich bereits seit 1980 in der ägyptischen Verfassung und stellt somit keine Veränderung dar), so definiert nun Art. 219 diese Prinzipien des islamischen Rechtssystems als »alle Belege und fundamentalen und rechtspraktischen Grundlagen und Quellen, wie sie in den sunnitischen Rechtsschulen und der Gemeinschaft vertreten werden«. Dieser neu hinzugefügte Artikel lässt viele Fragen, aber auch Ängste aufkommen. Es wird von den sunnitischen Rechtsschulen gesprochen. Vier Rechtsschulen sind im sunnitischen Islam anerkannt: Hanafiten, Malikiten, Hanbaliten, und Schafiiten. Das Problem dabei: diese Rechtsschulen vertreten zum Teil sehr gegensätzliche Rechtsauffassungen hinsichtlich der Sharia. So sind als besonders streng, dog matisch und konservativ innerhalb der Sunniten die Wahabiten anzusehen, die den Islam in Saudi-Arabien prägen. Sie gehören der Rechtsschule der Hanbaliten an. Was aber bedeutet es dann, wenn die ägyptische Verfassung die vier zum Teil sehr gegensätzlichen Rechtsschulen mit ihren unterschiedlichen Rechtsauffassungen als Grundlage für die Interpretation der Prinzipien des islamischen Rechtssystems benennt, ohne eine Eingrenzung oder genauere Definition vorzunehmen? Konflikte scheinen vorprogrammiert.

Als zuständige Instanz für Fragen des islamischen Rechts, ja letztlich als Prüfinstanz für die Interpretation und Anwendung des islamischen Rechts, wird – und dies ist neu – in Art. 4 die Al-Azhar benannt. Die Teilnehmer der Konferenz in Kairo waren sich einig, dass zum jetzigen Zeitpunkt die Al-Azhar als höchste Instanz der Interpretation islamischen Rechts als sehr moderat anzusehen ist. Das Problem: eine außerstaatliche Institution, die keine demokratische Legitimation aufweist, wird als Prüfinstanz zur Anwendung islamischer Prinzipien in der staatlichen Rechtssprechung herangezogen. Zudem verfügt die neue Verfassung – auch dies ist eine Änderung –, dass der Großscheich, die höchste Autorität der Al-Azhar, zukünftig von den Ulama, also den islamischen Gelehrten der Al-Azhar, zu wählen ist. Bisher war es der Staatspräsident, der den Großscheich ernannte. Was aber, wenn zukünftig die so gefürchteten Salafisten die Mehrheit in der Gruppe der Ulama stellen und somit irgendwann den Großscheich stellen könnten, der dann massiv in die staatliche Rechtssprechung eingreifen könnte, da er eine andere Interpretation hinsichtlich islamischer Rechtsprinzipien vornimmt?

Das Ende der Vorherrschaft der Muslimbrüder innerhalb der islamistischen Szene?

Mit dem Ende des Mubarakregimes hat sich in Ägypten aus Sicht der Zivilgesellschaft, aber auch aus Sicht der christlichen Kirchen einiges zum Positiven entwickelt. So ist in der neuen Verfassung die Meinungs- und Pressefreiheit fest verankert, ein bis dahin nicht gekannter Umstand in der ägyptischen Gesellschaft. Sehr bald mit Beginn der Revolution musste die ägyptische Gesellschaft, insbesondere aber die Muslimbrüder feststellen, dass die neuen Freiheiten auch von neuen, bis dahin in der Öffentlichkeit nicht aufgetretenen Gruppierungen aus der islamistischen Szene genutzt wurden. Die radikal-islamische Partei Al-Nur der Salafisten erlangte auf Anhieb zusammen mit anderen kleineren Gruppierungen der Salafisten 24,6 Prozent der Parlamentssitze. Versucht man einen Vergleich zwischen den salafistischen Parteien und der Partei der Muslimbruderschaft, die so genannte »Freiheits- und Gerechtigkeitspartei«, so hat die Muslimbruderschaft schon vor längerer Zeit bekannt, dass für sie im jetzigen Umfeld die Demokratie die am besten geeignete Methode für die Staatsführung sei. Im politischen Prozess verfolgt sie einen eher flexiblen Bezug zur Sharia. Schon vor vielen Jahren hat sie sich von der Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung der eigenen Vorstellungen als politisches Instrument verabschiedet. Demgegenüber gibt es in der salafistischen Szene durchaus Gruppierungen, die die Anwendung von Gewalt als legitimes politisches Instrument ansehen. Während die Muslimbrüder die Prinzipien des islamischen Rechts als Hauptquelle für die Rechtssprechung ansehen (wie es auch in der Verfassung seit 1980 festgelegt ist), sehen die Salafisten die Rechtsvorschriften der Sharia selbst als Hauptquelle der Rechtssprechung. Für sie steht ein rigides und vor allem auch wörtliches Verständnis der religiösen Quellen im Vordergrund. Ein Interpretationsspielraum ist nicht vorgesehen.

Der politische Prozess in Ägypten zeigt, dass sich die Zahl politischer Parteien, die als islamistisch anzusehen sind, vervielfacht hat. Die Muslimbruderschaft, die im Kontext all dieser Gruppierungen eher als moderat anzusehen ist, hat ihre Vormachtstellung zwar noch nicht verloren, sieht sich nun aber in Konkurrenz zu vielfältigen Gruppierungen, die sich alle auf den Islam beziehen. Es wird sich in Zukunft zeigen, ob dieser Umstand die Muslimbrüder dazu bringt, von ihrem im Vergleich eher moderaten Kurs abzuweichen und radikalere Positionen zu beziehen, um ehemalige Anhänger, die nun die Salafisten wählen, zurückzugewinnen und ihre Vormachtstellung zu behaupten.

Neue Freiheiten bieten auch neue Möglichkeiten

Angesichts dieser politischen Entwicklungen stellt sich für die Vertreter der katholischen Bischofskonferenz eine drängende Frage: Von welchem Islam, von welcher Sharia sprechen wir eigentlich? So sehr sich die unterschiedlichen islamistischen Gruppierungen alle auf den Islam berufen und die Sharia einfordern, so sehr unterscheiden sie sich doch zum Teil erheblich in ihren Vorstellungen. Einzelne Teilnehmer der Konferenz brachten es auf den Punkt: »Wir alle haben den Islam studiert, müssen aber nun feststellen, dass der Islam, den wir im Studium kennengelernt haben, anscheinend ein anderer ist, als der Islam, den heutige politische Parteien vertreten. Auch die Bezeichnung Sharia ist ein vieldeutiger Begriff, mit dem zum Teil völlig unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Dinge verbunden werden. Um für die Herausforderungen und Auseinandersetzungen gewappnet zu sein, benötigen wir eigentlich ein Forschungszentrum, das sich weniger mit dem religionswissenschaftlichen Studium des Islams als vielmehr mit den Vorstellungen konkreter islamistischer Gruppierungen befasst.«

Und ein Weiteres bewegt die Vertreter der katholischen Kirche in Ägypten. Es geht letztlich um das eigene Selbstverständnis. Mit der Revolution, so hat es Fr. Jean Jacques Perennes OP auf den Punkt gebracht, hat sich auch einiges zum Positiven verändert. »Wir haben keine Angst mehr! Wir dürfen ohne Angst vor Vergeltung frei unsere Meinung äußern!« Erstmals in der jüngeren Geschichte Ägyptens sind Christen in der Lage, ihre Vorstellungen in der Öffentlichkeit zu artikulieren, ja sie dürfen nun für ihre Rechte eintreten und auch demonstrieren. Damit aber ergeben sich neue Perspektiven und Möglichkeiten. Die Frage ist nun: Wie nutzen Christen diese neuen Freiheiten? Ziehen sie sich wie bis zur Revolution auf den engen Raum hinter die Kirchenmauern zurück, oder versuchen sie, als Teil der Zivilgesellschaft, sich aktiv in politische Prozesse einzubringen? Sehen sie sich vor allem als diskriminierte Minderheit, die sie in der Tat sind und ziehen sich mehr und mehr zurück, oder sehen sie sich als wichtige Akteure in der ägyptischen Gesellschaft, trotz aller Diskriminierung? Welche Vision haben Christen in Ägypten für die Zukunft ihrer Heimat? Sind sie bereit, sich entschieden dafür einzusetzen?

Es sind schwierige Fragen, vor die die Christen in Ägypten gestellt werden. Mit Sicherheit werden Christen bis heute diskriminiert. Zwar garantiert die neue Verfassung die Religions-, Presse- und Meinungsfreiheit, aber wenn es um ganz praktische Fragen zum Beispiel die Errichtung von Kirchen geht, stehen die christlichen Kirchen vor unüberwindlichen Hindernissen. Die Bekehrung von Muslimen zum Christentum ist verboten und religionsverschiedene Ehen sind nur möglich, wenn der christliche Ehepartner zum Islam konvertiert. Auch was den Zugang zu öffentlichen Ämtern angeht, werden Christen benachteiligt. Die Konferenz in Kairo war sich einig, dass in Ägypten nicht von Christenverfolgung gesprochen werden kann. Nichtsdestotrotz werden insbesondere die politischen Entwicklungen mit großer Sorge betrachtet.

Die Bedeutung des Bildungswesens

Ein Grundproblem Ägyptens ist neben der desolaten wirtschaftlichen und sozialen Situation die hohe Analphabetenrate (50 Prozent der Bevölkerung) im Land. Die katholische Kirche sieht deshalb im Bildungsbereich einen ganz wesentlichen Beitrag zur Entwicklung Ägyptens. Bereits 1951 wurde das Generalsekretariat katholischer Schulen in Ägypten gegründet, das die Sorge für 165 katholische Schulen mit insgesamt etwa 200.000 Schülerinnen und Schülern trägt. Die Mehrheit (55–60 Prozent) sind Muslime. Nach Ansicht des Jesuiten Fadel Sidarouss, Generalsekretär der katholischen Schulen des Landes, leisten diese Schulen einen sehr wichtigen, häufig unterschätzten Beitrag zum Aufbau der Nation. Neben der hohen Qualität der Ausbildung ist für Sidarouss das Miteinander von Christen und Muslimen in diesen Schulen, und somit auch das gegenseitige Kennenlernen, ein wesentlicher Beitrag für ein friedliches Zusammenleben der Religionen in Ägypten. Mit Sorge jedoch betrachtet der Jesuit die Veränderungen im Schulwesen Ägyptens. Eine schleichende Islamisierung im staatlichen Schulwesen sei festzustellen, da mehr und mehr Unterrichtsmaterialien Texte des Korans aufnehmen, obwohl das staatliche Schulwesen einen säkularen Charakter haben sollte. Eine historische Objektivität sei mehr und mehr zu vermissen. Während die Geschichte des Islam in Ägypten selbstverständlich an staatlichen Schulen unterrichtet werde, fehle jeglicher Hinweis auf die Geschichte der Kopten und ihre Kultur. So sehr das Bildungsministerium mehr und mehr in die Curricula staatlicher Schulen eingreife, sei jedoch auch festzustellen, dass eine gewisse Liberalisierung des Bildungswesens ermöglicht werde und 25 neue Ausbildungsprogramme im Land erst jüngst genehmigt worden seien.

Eine grundsätzliche Anfrage stellt Sidarouss an das Selbstverständnis der berühmten Al-Azhar, die neben der berühmten Universität in Kairo viele muslimische Schulen im gesamten Land unterhält, die jedoch lediglich Muslimen vorbehalten sind. Was bedeutet also »nationale Einheit«, wenn gleichzeitig die wichtigste islamische Autorität im Land nicht bereit ist, Mitgliedern anderer Religionen Bildungschancen zu eröffnen? Was bedeutet vor diesem Hintergrund Dialog?

Dass ein breit angelegter Dialog grundsätzlich möglich ist, hat die katholische Kommission »Gerechtigkeit und Frieden« bereits vor vielen Jahren bewiesen. Angesichts der damaligen Schwierigkeiten und Spannungen hat sie zum Dialog mit wichtigen Repräsentanten aller Religionen, politischen Parteien und Vertretern unterschiedlicher Gruppierungen der ägyptischen Gesellschaft eingeladen. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als die Muslimbruderschaft offiziell verboten war. Für Dr. Maged Moussa, ehemaliger Generalsekretär der Kommission »Gerechtigkeit und Frieden«, war dieses Projekt ein sehr wichtiger Beitrag der katholischen Kirche für die Gesellschaft Ägyptens. Zugleich verhalf es der katholischen Kirche dazu, eine hohe Anerkennung und auch einen hohen Respekt von unterschiedlichsten Gruppierungen der Gesellschaft gezollt zu bekommen. Hochrangige Muslimbrüder, die zum damaligen Zeitpunkt vom Regime Mubaraks verfolgt worden waren, sind der Kommission bis heute sehr dankbar, ihnen den Raum für Gespräche und Dialog ermöglicht zu haben. Die Ergebnisse des Dialogs sind inzwischen unter dem Titel »Nationaler Dialog« veröffentlicht worden. Für Dr. Maged Moussa steht fest, dass das damalige Projekt durchaus Vorbild für einen neuen Dialog sein könnte.

Solidarität ist gefordert

Die Konferenz in Kairo war ein intensiver Austausch zwischen der katholischen Bischofskonferenz und missio Aachen. missio-Präsident Prälat Dr. Klaus Krämer, der allen Teilnehmern zum Ende der Konferenz für ihre Teilnahme, ihr Vertrauen und auch die intensiven Gespräche sehr herzlich dankte, hob denn auch den Gewinn dieser besonderen Veranstaltung eigens hervor: »Mit Sicherheit werden wir jetzt mit einer differenzierteren Einschätzung zur Situation in Ägypten, zur Situation der Christen in Ägypten nach Deutschland zurückkehren.« Wenn missio in diesem Jahr die Situation der Christen in Ägypten zum Schwerpunktthema macht und auch die diesjährige Kampagne zumWeltmissionssonntag die Situation der Christen in Ägypten in den Vordergrund stellt, dann gilt es, die Anliegen, Sorgen, Schwierigkeiten, aber auch Hoffnungen und Perspektiven der Christen in Ägpyten ernst zu nehmen und sie in angemessener und differenzierter Art und Weise einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland zu vermitteln. Auch wenn die weiteren Entwicklungen in Ägypten nicht absehbar sind, zumal im April die wichtigen Parlamentswahlen anstehen, so ist die Solidarität mit den Christen in Ägypten aus Sicht von missio unverzichtbar.

NORBERT KÖSSMEIER

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