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»Das Risiko der Existenz«

Die Herausforderung der staatsbürgerlichen Verantwortung im heutigen Ägypten

von JEAN JACQUES PERENNES OP

Aus Ägypten kommen beunruhigende Nachrichten. Zwei Jahre nach dem Fall des Regimes von Hosni Mubarak sind viele der Meinung, dass statt des voller Hoffnung erwarteten »arabischen Frühlings« tatsächlich ein »islamistischer Winter« gekommen ist. Wie in Tunesien haben in der Tat auch in Ägypten die Islamisten die Wahlen gewonnen: die Partei »Freiheit und Gerechtigkeit« (»Liberté et Justice«) der Muslimbrüder in Ägypten und die Partei »Ennahda« in Tunesien. Und obschon sie die Mehrheit stellen, müssen diese Parteien zudem das ansehnliche Ergebnis der salafistischen Parteien berücksichtigen, deren islamistische Ideologie noch deutlich radikaler ist. So räumt die neue ägyptische Verfassung, die im Dezember 2012 durch das Referendum angenommen wurde, der Sharia einen größeren Einfluss ein. Die politische Opposition wehrt sich gegen die Errichtung eines erneut autoritären Regimes, das jetzt von den Muslimbrüdern kontrolliert wird. Die Begeisterung der Bevölkerung vom Januar 2011 ist dahin. Insbesondere die Christen fürchten die Möglichkeit eines islamistischen Regimes, das ihren Platz in der Gesellschaft weiter beschneiden würde. Dieser Artikel möchte die emotionalen Reaktionen aufzeigen und zum Verständnis des politischen Wechsels, der gerade erst begonnen hat, beitragen. Die These lautet, dass die ägyptische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit vor der Herausforderung steht, ein neues ziviles, staatsbürgerliches Bewusstsein zu schaffen – eine schwierige Aufgabe, denn die Idee eines weltanschaulich neutralen Staats findet wenig Widerhall in einem Land, in dem nur wenige Bürger (ob Muslime oder Christen) die Rolle der Religion hinterfragen wollen und in dem ein 40 Jahre währendes autoritäres Regime jegliche Dynamik zum Aufbau einer Zivilgesellschaft erstickt hat.

Über Jahrzehnte hat ein autokratisches Regime unter Führung von Präsident Mubarak das Land beherrscht. Dieses Regime hat jegliche Demokratisierungsprozesse verhindert, was heute zu vielfältigen Problemen führt. Das Foto zeigt Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo, die während der Revolution am 30. Januar 2011 den Rücktritt Mubaraks fordern. FOTO: KNA-BILD

Ein chaotischer Übergang

Der Zusammenbruch des Regimes von Hosni Mubarak im Januar/Februar 2011 kam völlig überraschend, so solide schien dieses Regime dazustehen: eine dynamische Wirtschaft, eine allmächtige Polizei, und das Regime genoss die volle Unterstützung des Westens, da es als Schutzburg gegen den Islamismus angesehen wurde. So schloss der Westen die Augen vor den Menschenrechtsverletzungen, der Korruption im Regime und der sehr ungleichen Verteilung des Reichtums. Der Westen glaubte sogar, dieses Regime »unterstütze die Christen«, wo doch tatsächlich bei Attentaten und interkonfessioneller Gewalt die Täter weitestgehend Straffreiheit genossen. Dieses Regime ist aus zwei Gründen zusammengebrochen:

– Das Regime hatte abgewirtschaftet. Mubarak war seit 1971 an der Macht gewesen, sein Regime ging sogar auf den Staatsstreich der freien Offiziere von 1952 zurück, der Gamal abd el Nasser an die Macht gebracht hatte. Mit Nasser, und später mit Sadat und Mubarak, stand Ägypten unter einer Militärherrschaft, die im autoritären Stil ein mächtiges Kontrollsystem zur Beschränkung der bürgerlichen Freiheiten installierte. Die Ermordung Sadats bot im Jahr 1971 die Gelegenheit, einen Ausnahmezustand auszurufen, der in den darauf folgenden 40 Jahren immer wieder verhängt wurde. Das Regime griff zudem auf Korruption und Klientelismus zurück, um sich seiner Unterstützer zu vergewissern. Dieses System war so wirksam und mächtig, dass nur wenige Beobachter seinen so raschen Zusammenbruch vorausgesehen haben. Dieser ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass die dem Regime zugrunde liegende politische Ideologie nicht mehr aufging. Die arabischen politischen Systeme der 1960er Jahre gründeten in einer sozialistischen und nationalistischen Ideologie mit folgenden Idealen: die palästinensische Sache, die Herausforderung der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung, die arabische Einheit. Nasser war ein charismatischer Held dieser Ideologie, ebenso Saddam Hussein, Bouguiba, Boumedienne. Das fehlende Charisma ihrer Nachfolger (Mubarak, Ben Ali, Chadli) unterstrich noch den Verlust der Plausibilität dieses politischen Diskurses.

– Der zweite Faktor des raschen Niedergangs dieses Regimes ist die Globalisierung. Die Jugend, die auf dem Tahrir-Platz demonstrierte, war eine typische Jugend der Globalisierung: ob liberal oder islamistisch – viele haben Zugang zum Internet und zu den sozialen Netzen (Facebook, Twitter) und sind so von einer Moderne geprägt, die in Konkurrenz zu jenen islamisti schen Strömungen tritt, die aus den Golfstaaten in das Ägypten Mubaraks herübergekommen sind. Durch die Unterdrückung der Muslimbrüder (die die einzige, wenn auch verbotene politisch organisierte Kraft war) hat das Regime zugelassen, dass sich radikalere, antipolitische Strömungen bildeten – die Salafisten. Das Regime konnte den Einfluss der Globalisierung nicht eindämmen, dem sich heute niemand entziehen kann: Coca-Cola, Jeans, Rapmusik … – das sind weltweite Wirklichkeiten, was man auch an dem Aufkommen der Debatte über den so genannten »Harlem-Shake« in Tunesien ablesen kann.

Es folgten zwei chaotische Jahre des Übergangs mit den folgenden wichtigen Etappen:

– die Gestaltung des Übergangs durch einen höchsten Militärrat (Conseil supérieur des forces armées), eine wenig transparente Instanz, führte schnell zum drohenden Verlust der öffentlichen Ordnung. Anzumerken ist, dass die Polizei, die unter dem früheren Regime ihre Privilegien und Straffreiheit missbraucht hatte, plötzlich in der Öffentlichkeit unsichtbar wurde, was zu einer Form von Unsicherheit führte, die das Land bisher nicht gekannt hatte.

– die Änderung der Verfassung durch das Referendum vom 19. März 2011, um eine größere Zahl von Kandidaturen zu ermöglichen.

– die Gesetzgebung über neue politische Parteien, zu denen auch die »Partei Freiheit und Gerechtigkeit« (Partie Liberté et Justice) und die salafistische Partei El Nour gehörten, hat den Weg zu den Wahlen für ein neues Parlaments frei gemacht, die Ende 2011 / Anfang 2012 stattgefunden haben. Das Ergebnis war eine sehr klare islamistische Mehrheit: 47 Prozent für die Muslimbrüder, 24 Prozent für die Salafisten.

– Die Wahl eines neuen Präsidenten hat im Juni 2012 stattgefunden und brachte mit knapper Mehrheit den Kandidaten der Muslimbrüder, Mohammed Mursi, an die Macht: eine Persönlichkeit ohne eigenes Charisma, die nur die Vorstellungen seiner Bruderschaft umzusetzen scheint. Die Armee hatte damit die Macht wieder in zivile Hände abgegeben.

– Nach mehreren Monaten konfuser Diskussion hat Präsident Mursi im Dezember 2012 über eine Verfassung abstimmen lassen, der tatsächlich nur jeder fünfte Ägypter zugestimmt hat, wenn man die hohe Zahl von Enthaltungen betrachtet. Die Verfassung schafft eine problematische institutionelle Grundlage, bei der zum Beispiel der Platz der Sharia in der Rechtsprechung alles andere als klar ist.

– Die letzte Etappe des Übergangs ist für April 2013 mit der Wahl eines neuen Parlaments vorgesehen, da das bisherige Parlament aus formalen wahlrechtlichen Gründen aufgelöst worden ist.

Dem Anschein nach ist also der politische Wechsel auf einem guten Weg. Tatsächlich aber drohen verschiedene Blockierungen das Land in eine Sackgasse zu führen.

Christen und Muslime haben gemeinsam für die Revolution gekämpft. Für die Zukunft des Landes wird es entscheidend sein, welche Antworten sie gemeinsam auf die Frage der staatsbürgerlichen Verantwortung finden.
FOTO: KNA-BILD

Die schwerwiegenden Folgen des politischen Übergangs

Die lange Dauer und die fehlende Kohärenz dieses politischen Übergangs zeigen negative Folgen, so dass die Situation in Ägypten beunruhigen kann. Dazu zählen:

– eine massive Verschlechterung der Sicherheitslage, zurückzuführen auf die Unzulänglichkeiten der Polizei, das Aufkommen von verschiedenen Formen alltäglicher Kriminalität und, vor allem, auf die Rückkehr von Gruppen, die zum Dschihad aufrufen. Vom vorherigen Regime unterdrückt, profitieren diese Gruppen nun vom Umbau des Sicherheitsapparats, von den zahlreichen Waffen, die aus Libyen ins Land kommen, sowie von regionalen Konflikten wie etwa dem in Syrien.

– eine massive Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation, da ausländische Investitionen, die ungefähr 15 Milliarden Dollar pro Jahr betrugen, ausbleiben. Der Tourismus, eine der Haupteinnahmequellen des Landes und ein großer Arbeitsplatzsektor, ist um 30 Prozent eingebrochen. Der Staat wiederum hat einen Großteil seiner Devisenvorräte eingebüßt, – allein die künstliche Stärkung des ägyptischen Pfunds in seiner Parität zum Dollar haben ihn 20 Milliarden Dollar gekostet. Dies hat das Wachstum des Bruttosozialprodukts von 6 Prozent auf 1 Prozent reduziert. In der Staatskasse sind heute nur noch Reserven in der Höhe der Importe von ein oder zwei Monaten. Das aktuelle Regime zögert, einen Kredit beim Internationalen Währungsfond (IWF) aufzunehmen, der 4,8 Milliarden Dollar für die Wiederankurbelung der Wirtschaft bereitstellt – unter der Bedingung, dass strukturelle Reformen umgesetzt werden (Begrenzung der Subventionen auf bestimmte Produkte, Errichtung eines Fiskalsystems). Diese unpopulären Maßnahmen sind wohl unausweichlich, drohen aber bei den nächsten Wahlen Stimmen zu kosten. 40 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze (2 Dollar am Tag), eine Verschlechterung der Kaufkraft kann verheerende Auswirkungen haben: Aufstände wegen Hunger, Meuterei der Massen usw.

– Schließlich ist die politische Situation blockiert. Die Muslimbrüder versuchen, sich die Macht, von der sie lange ausgeschlossen waren, zu sichern. Aus Mangel an Erfahrung formiert sich die demokratische Opposition nur mit Mühe; es fehlt ihr an klaren Programmen und glaubwürdigen Führungspersönlichkeiten. Dies ist der hohe Preis, den Ägypten für 40 Jahre fehlender politischer Debatte zahlt, denn das vorherige Regime hatte die Politik auf ein Gegenüber der Partei des Präsidenten (PND) und einer von ihr verteufelten islamistischen Opposition reduziert.

Fr. Jean Jacques Pérennès fordert die Christen in Ägypten auf, mutig die Entwicklungen des Landes mitzugestalten. »Die Entrüstung über den Aufstieg und die Exzesse des politischen Islams wird nicht ausreichen, um den Christen eine Zukunft zu garantieren.« FOTO: NORBERT KÖSSMEIER

Positive Aspekte

Dieses düstere Bild der aktuellen Situation in Ägypten sollte aber nicht den Blick auf die positiven Aspekte verstellen:

– der Geschmack an der wiedergefundenen Freiheit. Die Mauern der Angst sind gefallen. Die Ägypter haben wieder den Weg zur Wahlurne gefunden und die politische Debatte neu entdeckt, die lautstark in der Öffentlichkeit geführt wird. Diese Errungenschaft lässt sich nicht wieder umkehren – dessen müssen sich alle folgenden Regierungen bewusst sein.

– neue Akteure haben die Szene betreten, insbesondere Al-Azhar, diese berühmte, tausendjährige Institution des sunnitischen Islam, die im heutigen Kräfteverhältnis ihre moderate Stimme zugunsten eines nationalen Dialogs erhebt. So hat Al-Azhar die Phase des politischen Übergangs genutzt, um unter dem Titel »Haus der ägyptischen Familie« Reflexionsgruppen einzurichten, in denen alle Fragen der Gesellschaft auf einer möglichst breiten Basis (säkular, religiös usw.) diskutiert werden.

– Christen und Muslime waren sich im Wunsch nach einem politischen Wechsel einig. Selbst wenn es heute ernsthaft Anlass zur Besorgnis gibt, darf man doch die Qualität der interreligiösen Zusammenarbeit in der Phase der »Revolution« nicht aus den Augen verlieren. Der Bruch verläuft nicht zwischen Christen und Muslimen, sondern eher zwischen den Vertretern der Demokratie und den Anhängern autoritärer Systeme (auch auf religiöser Grundlage). Alle stehen heute vor einer entscheidenden Frage: die Frage der staatsbürgerlichen Verantwortung.

INFO-TIPP

IDEO ist das Institut für orientalische Studien der Dominikaner in Kairo. Etwa 20 wissenschaftliche Mitarbeiter sind an diesem Institut tätig. Es zeichnet sich neben der wissenschaftlichen Arbeit vor allem auch durch seine umfassende Bibliothek aus und wird deshalb von vielen Wissenschaftlern geschätzt. Umfassende Informationen finden sich auf der Homepage des Instituts: www.ideo-cairo.org

Welche Zukunft gibt es für die ägyptischen Christen im aktuellen politischen Übergang?

Zunächst sei der wichtige Hinweis gestattet, dass die Christen Ägyptens die größte christliche Gemeinschaft im Mittleren Osten bilden: sie sind ungefähr 7 Millionen Menschen (und nicht 10 oder 12 Millionen, wie die Christen manchmal behaupten) und damit 8 Prozent der Bevölkerung. Die weitaus größte Mehrheit von ihnen ist koptisch-orthodox, die Katholiken und Protestanten stellen jeweils ungefähr 250.000 Gläubige. Die Kirche ist tief in der Tradition verwurzelt und geht auf das 1. Jahrhundert des christlichen Zeitalters zurück. Sie ist die Wiege des Mönchtums, kennt eine reiche liturgische und patristische Tradition, und die koptische Kirche ist fürwahr Teil der ägyptischen Identität. Selbst wenn sie statistisch gesehen seit dem 10. Jahrhundert in der Minderheit sind, sehen sich die Christen Ägyptens nicht als eine Minderheit, sondern als einen Bestandteil der nationalen ägyptischen Identität. Die nationale Einheit aus Kopten und Muslimen zeigt sich übrigens an den großen Wendepunkten der Geschichte des Landes: im Kampf um die politische Unabhängigkeit in den 1920er Jahren und im Kampf gegen das autoritäre Regime von Hosni Mubarak in der jüngsten Vergangenheit.

Dieser Status der Christen Ägyptens erlaubt ihnen jedoch nicht, ihren wahren Platz im Leben der Nation einzunehmen. Wäre die Bezeichnung »Verfolgung« übertrieben, so kann man doch von »Diskriminierung« sprechen: Der Zugang zu hohen Funktionen oder Ämtern mit Medienpräsenz ist ihnen oft verwehrt. Die Regelung über die Orte der christlichen Kultausübung ist äußerst diskriminierend. Darüber hinaus hat die Islamisierung des gesellschaftlichen Lebens und der Mentalitäten, die in den letzten zwei Jahrzehnten um sich gegriffen hat, eine Atmosphäre geschaffen, in der sich die Christen unwohl fühlen. Regelmäßig gibt es gewalttätige Entgleisungen: Kirchen werden angezündet, Christen unter dem Verdacht, sie betrieben Proselytismus, bedroht etc. Von daher rührt die Versuchung, auszuwandern, was aber bisher, im Gegensatz etwa zu den libanesischen oder irakischen Christen, nur wenigen ägyptischen Christen gelungen ist; oder auch die Versuchung des Rückzug in eine Ghetto- Atmosphäre, in der man untereinander bleibt, Ängste, Gerüchte und die Angst vor den anderen schürt und dabei Gefahr läuft, einer bestimmten Verteufelung des Islam das Wort zu reden. Um diese Marginalisierung zu überwinden, hatte Papst Chenouda III. eine unbeugsame Haltung gegenüber dem Staatsapparat eingenommen und geriet damit in einen politischen Kampf mit dem Regime. Die Wahl des neuen koptisch- orthodoxen Papstes Tawadros II. im November 2012 scheint neue Perspektiven zu eröffnen, da er eher für einen spirituellen und weniger politisch ausgerichteten Amtsstil steht.

Das Institut für orientalische Studien der Dominikaner in Kairo.
FOTO: IDEO

Eine der Herausforderungen, vor denen heute die Christen im Mittleren Orient stehen, ist ihre Mitwirkung an den aktuellen politischen Übergängen. Dazu hat die Sonderversammlung der Römischen Bischofssynode, die Papst Benedikt XIV. im Oktober 2010 zusammengerufen hat, die Christen aufgerufen. »Die Katholiken des Mittleren Orient – die meisten von ihnen sind seit ihrer Geburt Bürger des jeweiligen Landes – haben die Aufgabe und das Recht, am Leben der Nation teilzunehmen und sich am Aufbau ihres Vaterlandes zu beteiligen. Sie genießen alle Bürgerrechte und dürfen nicht als Bürger oder Gläubige zweiter Klasse behandelt werden« (Nr. 25 der postsynodalen Erklärung Ecclesia in Medio Oriente vom September 2012). Das Festhalten an einem bestimmten Status quo unter den jüngsten autoritären Regierungen, ja gelegentlich auch erfahrene Herabsetzung, lassen die Christen zögerlich auf politische Veränderungen reagieren. Tarik Mitri, libanesischer Christ und bereits mehrmals Minister seines Landes, schlägt eine andere Haltung vor: »Im Gegensatz zum Kommunitarismus oder auch zur Resignation steht ein Weg und mit ihm eine Vielzahl von Wahlmöglichkeiten offen. Dieser Weg ist der der staatsbürgerlichen Verantwortung, der politischen Partizipation und der authentischen kulturellen Rückbesinnung im Geist der Nahda- Bewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts.«

Derselbe Autor unterstreicht, dass »die Zukunft der Christen der arabischen Welt nicht nur von Beiträgen abhängt, die sie selber leisten können, sondern auch von der Aufmerksamkeit ihrer muslimischen Mitbürger – einer nicht herablassenden, sondern solidarischen Aufmerksamkeit, die empfänglich ist für die Reichtümer einer Vielfalt, durch die der arabischen Welt das traurige Antlitz der Uniformität erspart bleibt« (ebd). Von diesem Standpunkt aus gesehen sind die jüngsten politischen Entwicklungen in Ägypten nicht sehr ermutigend: Die lange verbotenen und verfolgten Muslimbrüder scheinen in erster Linie um ihre eigene politische Machtposition besorgt zu sein und stiften mit ihrem Projekt eines »zivilen, demokratischen Staates mit islamischem Bezug«eher Verwirrung. Die Salafisten ihrerseits machen eine Art religiöse Überhöhung zu ihrer politischen Leitlinie. Die Erwähnung der Sharia hat im Moment eher rhetorischen Charakter, aber zwingendere Maßnahmen in diese Richtung sind nicht auszuschließen. Dies alles beunruhigt die Christen. Zudem ist das ägyptische Volk der Reden, und seien sie religiösen Charakters, überdrüssig. Es erwartet heute Brot, Arbeitsplätze, funktionierende Schulen und Krankenhäuser – eine Verbesserung der Lebenssituation. Wenn sie ihren Einfluss behalten wollen, müssen die politischen Parteien Antworten auf diese heute so drängenden Erwartungen finden. Die Christen ihrerseits müssen von der »Angst vor dem Verschwinden« zum »Risiko der Existenz« übergehen, wie es Jean Courbon mit seinen detailreichen Kenntnissen der arabischen Christen aufgezeigt hat (L’Église des Arabes, Cerf, 1977). Dies erfordert von den Christen Mut und eine tiefe spirituelle Verwurzelung. Die Entrüstung über den Aufstieg und die Exzesse des politischen Islam wird nicht ausreichen, um ihnen eine Zukunft zu garantieren.

JEAN JACQUES PÉRENNÈS OP
IDEO, Kairo / Ägypten
(Übersetzung: Marco Moerschbacher)

ANMERKUNGEN

1 Zu diesem Thema lese man die verschiedenen Artikel in der Zeitschrift Les cahiers de l’Orient, no. 108, Winter 2012, »L’Égypte entame sa longue marche«.
2 Vgl. Laure Laure Guirguis, Les coptes d’Égypte. Violences communautaires et transformations politiques (2005–2012), Karthala, Paris 2012, 312 S.
3 Tarek Mitri, La place des chrétiens dans le printemps arabe, in: L’Orient-le Jour, 22. Mai 2012.
4 Cf. Dominique Avon, Les Frères musulmans et l’»État civil démocratique à référence islamique«, in: Les Cahiers de l’Orient, No. 108, 81–95.
5 Es lohnt sich, den sehr guten Pastoralbrief des lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Mgr. Michel Sabbah, zu lesen, den er am Ende seines Mandats im März 2008 geschrieben hat. »Die Christen im Heiligen Land und in der Kirche Jerusalems sind nur eine kleine Zahl. Dies ist nicht nur die Folge der historischen und sozialen Umstände. Es steht in direktem Zusammenhang mit dem Geheimnis Jesu auf der Erde. Vor 2000 Jahren kam Jesus nach hier, aber seine Apostel, Jünger und die wenigen, die an ihn glaubten, waren nur eine kleine Zahl. Heute, 2000 Jahre später, ist Jesus in derselben Situation des »nicht Anerkannten« auf der Erde, während Jerusalem, die Stadt der Erlösung und die Quelle des Friedens für die Welt, weder seine Erlösung angenommen noch den Frieden gefunden hat. Und in dieser Situation sind die Christen immer noch nur eine kleine Zahl, um Zeugen für Jesus auf der Erde zu sein. Klein sein auf der Erde heißt also schlicht leben wie Jesus hier gelebt hat. Das bedeutet kein vermindertes, randständiges Leben in Furcht und Ratlosigkeit. Wir wissen, warum wir klein sind, und wir kennen den Platz, den wir in unserer Gesellschaft und in der Welt einzunehmen haben.« (Lettre pastorale No. 9)

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