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Es geht um die Zukunft des Landes!

Das Engagement der ägyptischen, bischöflichen Kommission »Gerechtigkeit und Frieden«

von DR. MAGES MOUSSA

Auch wenn die katholische Kirche in Ägypten mit ihren schätzungsweise 250.000 Mitgliedern eine sehr kleine Minderheit ist, hat sie doch eine beachtliche Einwirkung und auch Reputation in der ägyptischen Gesellschaft. Ein Grund dafür liegt in der Arbeit der Kommission »Gerechtigkeit und Frieden«. In einem sehr offenen und freien Dialog mit allen religiösen und politischen Gruppierungen hat sie über mehrere Jahre hinweg die Probleme des Landes zur Sprache gebracht und mit allen Beteiligten nach Lösungen gesucht. Der frühere Generalsekretär der Kommission, Dr. Maged Moussa, sieht aufgrund der aktuellen angespannten Situation erneut die Zeit gekommen, mit allen politischen, zivilgesellschaftlichen und religiösen Kräften des Landes einen erneuten Dialog zu führen, um gemeinsam Lösungen für die vorhandenen Probleme zu suchen.

Präsident Mohamed Mursi trifft sich am 27. August 2012 mit hochrangigen Vertretern der christlichen Kirchen in Kairo. Angesichts der schwierigen Situation des Landes fordert die bischöfliche Kommission »Gerechtigkeit und
Frieden« einen neuen nationalen Dialog, in dem alle politischen, religiösen und zivilgesellschaftlichen Gruppen eingebunden werden sollten. FOTO: KNA-BILD

Die ägyptische Kommission für Gerechtigkeit und Frieden war in den späten 60er Jahren nach dem Krieg von 1967 gegründet worden als Antwort auf die Situation im Land wie auch als Antwort auf die Gründung des Päpstlichen Rates »Gerechtigkeit und Frieden «. Die Kommission arbeitete zunächst vor allem im Raum der katholischen Kirche und entwickelte Bewusstseinsbildungsprogramme. Sie nahman den Treffen der katholischen Kirche in Ägypten wie auch an denen des Päpstlichen Rates im Vatikan teil. Nach diesen Anfangsjahren mit ihren unterschiedlichen Aktivitäten und Entwicklungen kam jedoch eine Periode von etwa 10 Jahren, in der die Arbeit der Kommission praktisch ruhte.

Zu Beginn der 80er Jahre wurde die Kommission reformiert und es gründete sich eine bischöfliche Kommission unter der Schirmherrschaft des Rates der katholischen Bistümer Ägyptens. In dieser Zeit fokussierte die Kommission ihre Arbeit auf folgende Schwerpunkte:

– Sie wollte eine ägyptische Kommission sein, die sich mit nationalen Fragen befasst.

– Ausweitung der Arbeit, um alle christlichen Denominationen in Ägypten einzubeziehen und nicht nur mit Katholiken zu arbeiten.

– Eine Kerngruppe mit Vertretern aller Denominationen wurde gegründet, die für die Organisation und Planung der Aktivitäten der Kommission verantwortlich war. Unterstützt wurde diese Gruppe durch eine Reihe von Beratern aus Parteien, Medien und bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Sektors.

– Die Kommission erörterte verschiedene nationale Fragen und Probleme, die für Ägypten von großer Bedeutung waren. Zu Beginn des Jahres 2000 wurde die Kommission neu errichtet und neue Statuten wurden verabschiedet. Diese Statuten beschreiben die Identität und den Rahmen der Aktivitäten der Kommission.

Identität

Die Kommission setzt die Begriffe Gerechtigkeit und Frieden als ihr Motto und zugleich als ihre Leitlinien fest. Zugleich bezieht sie in ihre Arbeit alle Ägypter guten Willens ein, um einen Geist der Geschwisterlichkeit zu errichten und gemeinsam für die Verbreitung der Botschaft des Friedens zu arbeiten, während die Kommission ihren Beitrag für den Fortschritt der Gesellschaft leistet. Dies versucht sie zu erreichen, indem sie

– sich dafür einsetzt, ein Bewusstsein unter den Ägyptern und insbesondere den Christen dafür zu schaffen, sich mit den Problemen der Gesellschaft auseinanderzusetzen und sich diesen Problemen zu widmen;

– sich ein Verständnis für die Realitäten der Gesellschaft erwirbt und an der Lösung von Problemen mitarbeitet, mit denen Ägypter konfrontiert sind;

– sich öffnet für und zusammenarbeitet mit anderen Organisationen und Einrichtungen, die sich ähnlichen Werten verpflichtet fühlen.

Ich kann sagen, dass – auch wenn die Kommission recht klein war und nur wenige Ressourcen zur Verfügung hatte – die Kommission große Einwirkungen auf die Gesellschaft hatte, während sie lang andauernde Beziehungen aufbaute und sich eine hohe Reputation erwarb. Die Kommission eröffnete eine Plattform für einen freien und transparenten Austausch von Ideen über die Leiden der ägyptischen Gesellschaft. Das Allgemeinwohl wurde als vordringliches Motiv für einen Wandel gesehen.

Der Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen hat der Kommission »Gerechtigkeit und Frieden« eine hohe Achtung eingebracht und zugleich einen wichtigen Beitrag für das Selbstverständnis von Christen als Teil der Zivilgesellschaft geleistet. Das Foto zeigt eine christliche
Kirche am Ufer des Nils in Kairo. FOTO: NORBERT KÖSSMEIER

Aktivitäten

In ihrer Geschichte hat die Kommission zahlreiche Aktivitäten durchgeführt, seien es Seminare, Jahreskonferenzen oder auch das RamadanMahl (Iftar). Zugleich nahm sie teil an Veranstaltungen und Treffen ähnlicher Organisationen, wie zum Beispiel des ökumenischen Rates der Kirchen des Mittleren Ostens oder des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden des Vatikans.

Die Themen, denen sich die Kommission in ihrem Engagement widmete, umfassten eine große Bandbreite. Beispielhaft seien an dieser Stelle folgende genannt:

1. Seminare und Treffen zu den Themen

  • Arbeitslosigkeit
  • Umwelt und Umweltzerstörung
  • Die sozialen Auswirkungen von Privatisierung
  • Politische Reformen und menschliche Entwicklung
  • Menschenrechtskultur
  • Die Beziehungen zwischen dem Westen und dem Islam (insbesondere nach dem 11.09.2001)
  • Erziehung
  • Islamisch-Christliche Interaktionen
  • Die Situation von Frauen
  • Dialog mit dem Westen
  • Die wirtschaftliche Situation Ägyptens
  • Die Zukunft der Zivilgesellschaft Ägyptens

2. Ramadan Mahl (Iftar)

Die Freunde der Kommission wurden aus diesem Anlass eingeladen, um gemeinsam über anstehende wichtige Fragen zu diskutieren.

3. Nach der Revolution vom 25. Januar war die Kommission in verschiedenen Kampagnen der politischen Bewusstseinsbildung involviert. Zudem lud die Kommission einige Politiker und Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen ein, ihre Ideen und Visionen zu präsentieren.

Ich kann heute mit Fug und Recht sagen, dass die Kommission in der Lage war, viele Probleme zu diskutieren und Aktivitäten durchzuführen, die sich als besonders bedeutsam für die Zukunft des Landes erwiesen haben. Dies war nur möglich durch die Erfahrung und die außerordentliche Kenntnis und auch Sensibilität ihrer Mitglieder für die Nöte der ägyptischen Gesellschaft und aufgrund der Unterstützung der Kirche für die Erörterung aller Themen. Es gibt viele sehr bekannte Namen in der heutigen politischen Landschaft, die in der einen oder anderen Art und Weise im Laufe der Zeit an der Arbeit der Kommission partizipiert haben.

Dr. Maged Moussa sieht die Herausforderung für Christen vor allem darin, sich als verantwortungsvolle Bürger des Landes zu verstehen und sich aktiv als Teil der Zivilgesellschaft im politischen Umbruchprozess einzubringen.
FOTO: NORBERT KÖSSMEIER

Nationaler Dialog

Im Folgenden würde ich gerne vor allem auf den nationalen Dialog eingehen, der zu Recht als ein Meilenstein in der Geschichte der Kommission anzusehen ist und als eine exzellente Initiative der Kommission gewertet werden darf. Zudem sehe ich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der damaligen Zeit, als dieser Dialog stattfand (1992–1994) und der gegenwärtigen Situation, aufgrund der Zunahme islamischer Strömungen und dem Aufstieg des Islams zur Macht, die die Identität des Staates, die islamisch-christlichen Beziehungen und die Zukunft der Zivilgesellschaft in Ägypten beeinflussen wird.

Gegen Ende der 80er Jahre und dem Beginn der 90er Jahre erlebte Ägypten eine Zunahme islamischer Strömungen und ein Aufeinanderprallen von Gruppen des politischen Islam und von Jihad-Gruppen auf der einen Seite, mit dem Staat und den Christen auf der anderen Seite. Dies wurde begleitet durch religiöse Spannungen zwischen Christen und Muslimen. Aus diesem Grund entschied sich die Kommission, einen Dialog zu organisieren, zu dem Repräsentanten ver schiedenster politischer, islamischer, bürgerlicher, liberaler und nationaler Gruppen eingeladen wurden.

Während einiger Sitzungen des Dialogs diskutierten die Teilnehmer Fragen und Ursachen der Probleme, die diese Spannungen verursachten. Zugleich wurde die Frage gestellt, wie der Islam die anderen Gruppen der Gesellschaft betrachtet. Es galt, Lösungen für die Zukunft zu finden. Die Kommission stellte sicher, dass die Diskussionen offen und frei waren, um auf diese Weise Objektivität und auch die Entwicklung des Dialogs zu ermöglichen. Im Zentrum der Diskussionen standen folgende Themen: Versöhnung und Förderung des Friedens zwischen politischen islamischen Strömungen auf der einen Seite und liberalen und nationalen Vorstellungen sowie Christen auf der anderen Seite. Eines der wichtigsten Ziele des Dialogs war es, Kommunikationskanäle zwischen Ägyptern aller Glaubensrichtungen zu eröffnen. Es ging darum, Initiativen zu gründen, die die Diskussion über die wichtigen Fragen der ägyptischen Gesellschaft ermöglichten. Diese Art der Kommunikation war nicht darauf ausgerichtet, eine bestimmte Partei oder Gruppe zu favorisieren, sondern im Gegenteil, Übereinstimmungen zu finden, denen alle Beteiligten zustimmen konnten.

Diese Diskussionen brachten solch vielversprechende Ergebnisse hervor, dass sie schließlich in einem Buch mit dem Titel »Der nationale Dialog« veröffentlicht worden sind. Im Folgenden werde ich einige, meiner Ansicht nach sehr wichtige Passagen dieser Publikation zitieren.

Ergebnisse des nationalen Dialogs

»Jeglicher Beobachter der ägyptischen Gesellschaft würde folgende Tendenzen bemerken:

– Der beständige Anstieg sozialer Spannungen im weitesten Sinne, einschließlich religiöser, politischer und ideologischer.

– Die Erniedrigung des intellektuellen Umfeldes, das die Gemüter und den Schwund des intellektuellen Austausches zwischen den verschiedenen Menschen beherrscht.

– Die beständige Erniedrigung gesellschaftlicher Beziehung und der Autorität der Gesellschaft sowie der Schwund rechtlicher Autorität und dem Anstieg von Chaos.« (Samir Morcos – ein koptischer Publizist; von Präsident Mursi im August 2012 zum Berater ernannt; trat im November von seinem Amt zurück.)

»Es gibt viele Missstände, unter denen wir und unser Land leiden. Und wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, dass wir unsere eigenen Feinde sind. Wir selbst verhindern mehr unsere Entwicklung als es unsere Feinde tun. Es gibt eine Redensart, dass wir ein religiöses Volk sind und dass die himmlischen Religionen vor allem eine Botschaft der Liebe, der Freundschaft und die Verständigung zwischen Menschen und mit der ganzen Welt sind.

Es kann zudem gesagt werden, dass all diese Botschaften und Bedeutungen in allen heiligen Büchern zu finden sind. Aber wenn wir uns die Realität anschauen, erkennt man die bizarren Situationen, und man wird verängstigt angesichts der beständigen Behauptungen religiösen Eifers und der Beachtung von Ritualen und Glauben, der auf seine äußerlichen Manifestationen beharrt. Man findet in den Herzen der meisten von uns nicht den notwendigen Platz, den Freund oder den Nachbarn und gar den Antagonisten zu lieben.« (Dr. Ahmed Abdallah, Menschenrechtsaktivist)

»In der ägyptischen Situation in der Gegenwart ererbter psychologischer und moralischer Brüche besteht eine Notwendigkeit zur Schaffung eines – wie wir es bezeichnen – ›Nationalen Dialogs‹. Das Umfeld dieses Dialogs ist geprägt durch sein moralisches, mentales und psychologisches Wesen. Und es handelt sich um einen Prozess, der in die Tiefe geht, ein Prozess der inneren, mentalen und moralischen Offenheit für den anderen.« (Dr. Nabil Abdel Fattah – Direktor von Al Ahram Newspaper / Zentrum für strategische und politische Studien.)

»Ich weiß, dass es historisch gesehen immer Muslime in christlichen Missionsschulen gegeben hat, vielleicht auch deshalb, weil sie die besten Einrichtungen waren, westlichesWissen, das in jener Zeit als das beste Modell angesehen wurde, zu lehren. Ich frage mich jedoch: Warum gab es keine Christen in islamischen Schulen? Haben sie Angst, zum Islam bekehrt zu werden? Und ich frage: Ist es möglich, dass eine Person ihr gesamtes Leben an einer islamischen Schule verbringt, ohne je mit Christen in Interaktion getreten zu sein? Ihre Nachbarn, Freunde, Familie und Kollegen an der Schule sind alles Muslime. Ich kann ihnen versichern, dass für solche Menschen Christen nicht nur feindliche Geschöpfe sind, sondern vor allem legendäre.« (Dr. Heba Raouf – Professorin an der Fakultät für Wirtschafts- und Politikwissenschaften in Kairo; sie gilt als konservative Muslima.) Es sind nur kurze Auszüge aus der Veröffentlichung des damaligen Dialogs. Aber sie zeigen meines Erachtens eine überraschende Aktualität angesichts unserer heutigen Situation.

Wohin will die Kirche

Meiner Meinung nach muss sich die katholische Kirche zunächst einmal intern darüber verständigen, welche Rolle sie durch ihre Organisationen in der Gesellschaft spielen sollte, insbesondere auf jenem Gebiet, auf dem die Kommission »Gerechtigkeit und Frieden« engagiert ist. Die Kommission selbst sollte eine Agenda annehmen, die sich einzig und allein mit den Kernproblemen Ägyptens befasst, zumal die Situation des Landes sehr komplex und sehr kompliziert ist. Zudem muss sie sicherstellen, dass sie ihre Prioritäten sorgsam und sensibel festlegt. Die Kommission muss sich für ein neues Bewusstsein unter den Christen einsetzen, ein Bewusstsein hinsichtlich ihrer wichtigen Rolle, einenWandel im Land zu bewirken. Sie muss die Partizipation von Christen am öffentlichen Leben in Ägypten ermutigen, nicht einfach als Repräsentanten des Christentums, sondern, was viel wichtiger ist, als verantwortungsvolle Bürger dieses Landes. Es ist sehr wichtig, dass die Kommission ihren Fokus auf die Situation von Frauen und Jugendlichen legt, da sie die Zukunft des Landes sind und auf die Situation der Armen, die sehr leicht zu beeinflussen sind.

Die Kommission sollte die Kommunikationskanäle mit den heutzutage hervortretenden islamischen Strömungen öffnen, während sie sich bewusst ist, dass ein genuiner Dialog, der Ergebnisse hervorbringt, von eminenter Bedeutung ist und dass Diskussionen, die lediglich zum Ziel haben, öffentlichwirksam zu sein, keine Lösungen bieten werden. Die Hauptpunkte eines solchen Dialogs müssen sich um die Zukunft dieses Landes und die Frage des Zusammenlebens von Muslimen und Christen drehen, die gemeinsam eine Nation errichten, indem sie gemeinsaman den Problemen arbeiten, denen sie beide ausgesetzt sind. Dieses Land ist ein Land für alle, und die Herausforderung, der wir uns stellen müssen, betrifft alle Menschen in diesem Land. Sowohl Muslime als auch Christen müssen zusammenarbeiten, um eine bessere Situation zu schaffen und eine bessere Zukunft für kommende Generationen.

Es mag zu einer Brücke werden zwischen Ägypten und dem Westen, insbesondere zwischen Muslimen und dem Westen, wenn wir versuchen, einige der vorgefassten Ideen, die unnötigerweise Spannungen erzeugen, zu verändern.

DR. MAGED MOUSSA
Von 2001–2007 Generalsekretär der Kommission »Gerechtigkeit und Frieden«, bis heute Mitglied dieser Kommission

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