Juli / August 2013 INFORMATIONEN corner

VATIKAN

Entspannt sich der Konflikt zwischen US-Ordensfrauen und dem Vatikan?

Kardinal João Braz de Aviz, Präfekt der Ordenskongregation, hat während der Vollversammlung der Internationalen Union der Generaloberinnen massive Kritik an den bisherigen Entscheidungen des Vatikans bezüglich der LCWR geübt. Als Leiter der Ordenskongregation sei er in die Entscheidungen in keinster Weise einbezogen worden. Das Foto zeigt ihn während des Konsistoriums Anfang 2012, bei dem er ins Kardinalskollegium aufgenommen wurde.
FOTO: KNA-BILD

Die kontroverse Entscheidung des Vatikans im vergangenen Jahr, die Leadership Conference of Women Religious (LCWR), ein Zusammenschluss von Ordensoberinnen, die insgesamt 80 Prozent der 57.000 amerikanischen Ordensfrauen repräsentiert, unter die Kontrolle von Bischöfen zu stellen, wurde ohne die Konsultation oder das Wissen der zuständigen Kongregation getroffen. Dies teilte der Präfekt der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens – häufig als Ordenskongregation bezeichnet – Kardinal João Braz de Aviz, am 05. Mai während der Vollversammlung der Internationalen Union der Generaloberinnen (U.I.S.G.) in Rom mit.

Die fehlende Diskussion hinsichtlich der Frage, ob die LCWR scharf zu kritisieren sei, habe ihm viel Kummer bereitet. »Wir müssen diese Art und Weise, Dinge zu entscheiden und auf den Weg zu bringen, ändern«, so der Kardinal. »Wir müssen die Beziehungen zur LCWR wieder verbessern.« Damit bezieht sich Braz de Aviz auf eine Anordnung der Glaubenskongregation vom April letzten Jahres, die die Überprüfung der LCWR vorsieht und zugleich den Zusammenschluss der Ordensoberinnen unter die Kontrolle von Bischöfen stellt.

»Kardinäle dürfen einander nicht misstrauen«, so Braz de Aviz. »Dies ist nicht die Art und Weise, wie die Kirche funktionieren sollte.«

Über eine Stunde lang beantwortete der Kardinal die Fragen der Generaloberinnen während der Vollversammlung. Mehrfach verwies er auf Spannungen, die es immer wieder zwischen Ordensfrauen und Bischöfen hinsichtlich der Fragen von Autorität, Gehorsam und der Zukunft des Ordenslebens gebe.

»Wir befinden uns an einem Punkt, an dem wir bestimmte Dinge überprüfen müssen. Gehorsam und Autorität müssen erneuert und einer Revision unterzogen werden. Die Autorität, die lediglich befiehlt, tötet. Gehorsam, der zu einer Kopie dessen wird, was der andere sagt, infantilisiert.«

Gemäß der Anordnung der Glaubenskongregation vom April vergangenen Jahres wurde der Erzbischof von Seattle, Peter Sartain, als zuständiger Erzbischof für die LCWR ernannt. Mit dieser Ernennung hat er die Autorität erhalten, über die Arbeit der LCWR zu entscheiden. Zugleich untersteht der Zusammenschluss der Ordensfrauen den Anordnungen von Peter Sartain, die Programme und Statuten der LCWR einer Revision zu unterziehen.

Gegründet wurde die LCWR bereits in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und ist der wichtigste Zusammenschluss amerikanischer Ordensfrauen. Die Glaubenskongregation wirft der LCWR vor, in bestimmten Fragen die Lehre der katholischen Kirche verlassen zu haben.

Braz de Aviz erklärte, dass er erstmals von den Plänen der Glaubenskongregation gegenüber der LCWR während einer Konferenz der Glaubenskongregation erfahren habe, zu einem Zeitpunkt, als bereits die Entscheidungen getroffen worden waren. Gegenüber dem damaligen Präfekten der Kongregation, dem amerikanischen Kardinal William Levada, habe er deutlich gemacht, dass diese Fragen, die die amerikanischen Ordensfrauen betreffen, mit der Ordenskongregation hätten erörtert werden müssen.

Weiter führte Braz de Aviz aus: »Die Ordenskongregation gehorcht immer den Entscheidungen des Papstes. « Das Problem sei jedoch sehr häufig, welche Informationen als Grundlage für seine Entscheidungen der Papst erhalte. Unterschiedliche Dikasterien würden dem Papst häufig sehr unterschiedliche Sichtweisen zu ein und derselben Frage vorlegen. Und es gebe dann häufig untereinander ein Verständnis nach dem Motto »Wer wird gewinnen?«. Diese Grundhaltung zwischen den Dikasterien sei nicht gut für die Kirche, so Braz de Aviz.

Angesprochen auf die Frage von Generaloberinnen, ob es ein Treffen zwischen der LCWR und dem Papst geben könnte, um die Probleme zu erörtern, antwortete Kardinal Aviz: »Ich denke ja.« Und er ergänzte: »Ich bin überzeugt, dass Papst Franziskus für Sie kein Fremder sein wird.«

Nach Ansicht von Kardinal Braz de Aviz seien zwei unterschiedliche Dimensionen für die Kirche wesentlich: die charismatische und die hierarchische. Das Ordensleben, das für die charismatische Dimension stehe, sei für die Kirche ebenso wesentlich wie die hierarchische. »Wir müssen heute neu entdecken, dass in der Kirche diese beiden Dimensionen wesentlich sind. Und wir müssen gemeinsam gehen, gemeinsam in der Nachfolge, gemeinsam auf den Heiligen Geist hören – Männer und Frauen zusammen!«, so der brasilianische Kardinal während der Predigt zum Abschluss der Vollversammlung der Generaloberinnen.

Die Ordenskongregation ist für insgesamt 1,5 Millionen Ordensleute weltweit zuständig. Kardinal João Braz de Aviz ist seit 2011 Präfekt der Kongregation.

Als eine der ersten Personalentscheidungen hat Papst Franziskus am 06. April den amtierenden Generalminister der Franziskaner, José Rodriguez Carbalo, zum Sekretär der Ordenskongregation (somit zum Stellvertreter des Präfekten) ernannt. Rodriguez, seit 2003 Generalminister der Franziskaner, ist seit 2012 auch Vorsitzender der Internationalen Union der Generaloberen. Rodriguez folgt damit dem Amerikaner Joseph William Tobin, der von amerikanischen Kirchenvertretern für seinen »zu milden Umgang mit der LCWR« massiv kritisiert und im Oktober vergangenen Jahres zum Erzbischof von Indianapolis ernannt worden war. Seitdem war das Amt des Sekretärs vakant.

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