September/Oktober 2013 INDIEN corner

Indien

Opfer von Orissa geben Hoffnung auf Gerechtigkeit auf

Für Father Ajay Kumar Singh, Menschenrechtsaktivist in Orissa, ist das schlechte Justizwesen Indiens dafür verantwortlich, dass die Opfer von Orissa keine Gerechtigkeit erfahren werden.
FOTO: UCANEWS

Bedrohungen, Verzögerungen und Kosten lassen Gerichtsprozesse platzen

Fünf Jahre nach der vernichtenden Welle anti-christlicher Gewalt im östlichen Bundesstaat Orissa geben immer mehr Christen die Hoffnung auf, Gerechtigkeit mit Hilfe des Justizwesens zu erfahren.

Die sieben Wochen andauernde Gewalt von Hindu-Extremisten im Distrikt Kandhamal im Bundesstaat Orissa geschah im August / September 2008. Mehr als 100 Christen wurden damals getötet und viele Frauen vergewaltigt, darunter auch eine Ordensfrau. Hunderte von Häusern wurden niedergebrannt, auch 95 Kirchen und mehrere Waisenhäuser.

Seit diesen furchtbaren Gewaltexzessen ist jedoch nur wenig geschehen, sei es von der Regierung des Bundesstaates, sei es von der Zentralregierung Indiens, um die Zusicherungen zu erfüllen, die Täter strafrechtlich zu verfolgen. Mehr als 3.200 Klagen sind bei der Polizei eingegangen, jedoch nur 828 sind von der Polizei registriert worden. 327 dieser Fälle sind an die beiden extra eingerichteten »Schnellgerichte« verwiesen worden. Diese beiden Sondergerichte sind im März dieses Jahres geschlossen worden, auch wenn viele Fälle noch nicht vor Gericht verhandelt worden sind.

Aus Sicht der Opfer ist auch die Rate der Verurteilungen ernüchternd. Lediglich in 86 Fällen hat es einen Schuldspruch gegeben, meistens eine geringe Haftstrafe.

»Die Gerichte haben 1.597 Verdächtige freigesprochen. Die Polizei hat darin versagt, Täter festzunehmen, ja sie war sogar dabei behilflich, dass Täter von einem Gerichtsprozess verschont blieben«, sagt Father Ajay Kumar Singh, Priester und Menschenrechtsaktivist, der sich für die Opfer einsetzt.

Neben den enormen Verzögerungen der Gerichtsverfahren wird vor allem auch die Bedrohung von Zeugen als wichtigster Grund dafür genannt, dass viele Verfahren geplatzt sind.

»Ich will leben, deshalb habe ich die Klage zurückgezogen«, sagt Father Edward Sequeira gegenüber UCANews. Er konnte dem Tod entfliehen, als sein Zentrum im Dorf Khutpali während der Tumulte niedergebrannt wurde. Er selbst wurde aufs Schlimmste verprügelt. Eine Frau, die sich um die Kinder des Zentrums kümmerte, wurde vergewaltigt und anschließend bei lebendigem Leibe verbrannt. Auch dieser Mordfall ist inzwischen vor Gericht eingestellt worden.

Father Thomas Chellan, der während der brutalen Ausschreitungen verprügelt und halbnackt durch die Straßen getrieben worden war, hat seine Klage zurückgezogen, aber aus anderem Grund. »Er hat kein Interesse mehr an einem Gerichtsverfahren, da er überzeugt ist, dass die wahren Täter nicht die Dorfbewohner sind, die ihn verprügelt hatten, sondern die Fanatiker, die im Hintergrund standen und die Dorfbewohner dazu gebracht hatten, diese Gewalt zu verüben«, so Father Dibakar Parichha, der das Team von Anwälten leitet, das die Interessen der Opfer vor Gericht vertritt.

Der wohl wichtigste Grund, dass viele Verfahren platzen, ist schlichtweg die Kostenfrage. Vertreter der Erzdiözese Cuttuck-Bhubaneswar – der betroffene Distrikt Kandhamal befindet sich auf dem Gebiet dieser Erzdiözese – weisen darauf hin, dass ein Gerichtsverfahren sowohl mit hohen finanziellen als auch personellen Ressourcen verbunden ist, die nur wenige Menschen aufbringen können. Ein Mordfall kostet bis zu 30.000 US Dollar, eingeschlossen die Anwaltskosten und die Beratung der Zeugen. Wenn ein Fall bis zum Obersten Gericht gebracht werden soll, dann nimmt ein Top-Anwalt, der vom Obersten Gericht zugelassen ist, bis zu 20.000 US Dollar für einen einzigen Verhandlungstag.

»Wir müssen besondere Vorkehrungen treffen, um Zeugen zu unterstützen und vor allem auch zu schützen, bis der Fall vor Gericht abgeschlossen ist, was aber Jahre dauern kann und letztlich Millionen von Rupies kostet«, so Father Dibakar. »Uns fehlt schlichtweg das Geld dafür.«

Der Fall der vergewaltigten Ordensfrau vor dem Obersten Gericht erweist sich seit etwa einem Jahr als Hängepartie und scheint zum Stillstand gekommen zu sein.

»Wie lange soll ich noch warten, und wofür?« – fragt sich die Ordensfrau. »Ich habe kein normales Leben mehr. Ich musste eine falsche Identität annehmen und darf mich keiner einzigen Person mit meinem richtigen Namen vorstellen. Ich will nur noch, dass es endlich zu einem Ende kommt, egal wie auch immer!« – so die Ordensfrau gegenüber UCANews.

»Rechtlich gesehen sind alle Mordfälle und Gewaltdelikte Straftaten, die vom Staat verfolgt werden müssen. Offiziell müssten deshalb Staatsanwälte im Namen der Opfer die Fälle vor Gericht bringen und dort vertreten. In unserem laxen Justizwesen wird sich jedoch vor Gericht nur etwas bewegen, wenn man zusätzlich einen privaten Anwalt als Nebenkläger einschaltet«, gibt Father Ajay Kumar Singh zu bedenken.

»Sie können sich vorstellen, wenn dies bereits für Fälle von großem öffentlichem Interesse gilt, was es dann erst Recht für all jene Fälle bedeutet, in denen die Armen und Menschen ohne jegliche Ausbildung die Opfer sind? Es ist eine sehr traurige Situation. Viele Menschen werden niemals Gerechtigkeit erfahren.«

Gratis-Ausgaben

Ich möchte Forum Weltkirche mit 2 Gratis-Ausgaben kennen lernen.

/ Bestellen bei HerderShop24