»Wenn Du Frieden willst, setze Dich für Gerechtigkeit ein!« Interview mit Erzbischof Charles Bo aus Yangon / Myanmar corner

»Wenn Du Frieden willst, setze Dich für Gerechtigkeit ein!«

Interview mit Erzbischof Charles Bo aus Yangon / Myanmar

von NORBERT KÖSSMEIER

Eine Mutter vom Volk der Rohingya hält im Oktober 2012 in einem Flüchtlingslager ihr Kind in den Armen. Schätzungsweise 140.000 Rohingya mussten vor der Gewalt eines buddhistischen Mobs fliehen.
FOTO: KNA-BILD

Es scheint, als ob Myanmar nach jahrzehntelanger Militärdiktatur nun von Gewalt zwischen den Religionsgemeinschaften im Land beherrscht wird. Zahlreiche Konflikte haben in den vergangenen zwei Jahren sehr viele Opfer gefordert. Nachdem im vergangenen Jahr vor allem der Bundesstaat Rakhine im Zentrum einer ungeheuren Gewalt gegen Muslime stand, sind nun die Konflikte auch in anderen Teilen des Landes präsent. Und immer wieder werden nationalistische Buddhisten im Zusammenhang mit der Gewalt gegen religiöse Minderheiten genannt. Nachdem im Mai auch in Meikhtila und Okkan Muslime zum Opfer von Gewalt geworden sind, hat Erzbischof Charles Bo aus Yangon in einem öffentlichen Appell zum Frieden aufgerufen. Forum Weltkirche hat daraufhin mit Erzbischof Bo ein Interview über die aktuelle Situation geführt.

Forum Weltkirche: Erzbischof Charles Bo, im Mai haben Sie die Stimmen »des Friedens und der Harmonie « im Land aufgefordert, ihre Stimme zu erheben. Es wurde berichtet, dass sie gesagt haben: »Es bricht mir das Herz, den aufkommenden Hass und die religiöse Intoleranz in Myanmar zu sehen und noch schlimmer, die Wellen der furchtbaren Gewalt und der Zerstörung.« Was hat Sie zu diesem öffentlichen Aufruf veranlasst?

Erzbischof Charles Bo: Die Kirche ist die Förderin des Friedens. Christi Geburt wurde verkündet mit der großartigen Botschaft: »Frieden auf Erden!«. Christus selbst hat in der Bergpredigt betont: Selig sind die Friedensstifter! Dies ist Teil unseres Glaubens. Es gehört zu unserem Glaubensweg. Wenn also sinnloser Hass das Blut der Brüder vergießt, ist es an uns, inspiriert durch unseren Glauben, die Stimme zu erheben.

Forum Weltkirche: In den vergangenen zwei Jahren scheint es, dass die Gewalt zwischen Buddhisten und Muslimen dramatisch angestiegen ist. Letztes Jahr mussten 140.000 Menschen vom Volk der Rohingya, überwiegend Muslime, im Bundesstaat Rakhine vor der furchtbaren Gewalt eines Mobs von Buddhisten fliehen. Was ist die Ursache für diesen Hass?

Erzbischof Charles Bo: Zunächst einmal muss gesagt werden, dass das Problem nicht einfach in Schwarz- Weiß-Malerei beschrieben werden kann. Es ist viel komplizierter. Die Menschen Myanmars sind wundervolle Menschen, bekannt für ihre Anmut, ihren Glauben und ihren Geist der Kameradschaft. Deshalb öffnen alle Versuche, die Gemeinschaften zu polarisieren, neue Wunden. Es hat umstrittene Ansichten über die Frage von Staatsbürgerschaft gegeben. Koloniale Übrigbleibsel in dieser Frage wurden wieder an die Oberfläche befördert, seit der Staat sich geöffnet hat. Geschichte mag eine großartige Lehrerin sein, aber eine schlechte Meisterin. Irrige Vorstellungen oder Wahrnehmungen sind reichlich vorhanden. Es gibt eigennützige Interessen, die aus diesem Konflikt Profit ziehen wollen.

Die katholische Bischofskonferenz Myanmars hat Mitte Juli einen eindringlichen Appell für den Frieden veröffentlicht. Sie verurteilt die Gewalt gegen religiöse Minderheiten im Land und fordert vom Staat, sowohl Minderheiten zu schützen als auch die Gewalttäter zu bestrafen. In der 1. Reihe, 2. von rechts: Erzbischof Charles Bo aus Yangon.
FOTO: UCANEWS

Forum Weltkirche: Hat dieser Hass zwischen den Mitgliedern dieser beiden Religionsgemeinschaften schon während der Militärdiktatur bestanden oder ist der Konflikt zwischen den Religionen etwas völlig neues für das Land?

Erzbischof Charles Bo: Unglücklicherweise ist dieser Konflikt nichts Neues für unser Land. Schon früh nach dem 2. Weltkrieg und auch in den 60er Jahren haben kollektive Ängste Hass und Furcht hervorgebracht. Und diese wurden gezielt verstärkt durch eigennützige Interessen. Die Menschen in Myanmar lassen sich aufgrund ihres Naturells durch einen Geist der Kamerad schaft leiten. Doch gelegentliche Gewaltausbrüche schockieren jeden. Eine Menge Arbeit liegt vor uns, die Harmonie zwischen Völkern und Religionen zu fördern.

Forum Weltkirche: Im Kontext der Gewalt zwischen Buddhisten und Muslimen wird immer wieder die Bewegung »969« genannt. Was ist dies für eine Bewegung? Was ist ihre Zielsetzung?

Erzbischof Charles Bo: »969« ist eine buddhistische Bewegung. Der Name der Bewegung hat geistliche beziehungsweise sakrale Konnotationen. Die Zahlen stehen für die Eigenschaften des Buddhismus: 9 verweist auf Buddha beziehungsweise die 9 Stufen der Versenkung; 6 verweist im Zusammenhang mit dem Weg der Erleuchtung auf die sechs Eigenschaften, die die Erleuchtung fördern; die 9 verweist auf die neun Eigenschaften der Gemeinschaft der Praktizierenden des Buddhismus. Ursprünglich begann diese Bewegung, um Buddhisten in ihrem Glauben zu beleben, zu fördern. Diese Bewegung ist unglücklicherweise heute kennzeichnend für das Gesicht des Hasses geworden. Einige skrupellose Elemente haben dies in den gewaltsamen Konflikten als Symbol für buddhistische Überlegenheit missbraucht. Es ist sehr traurig, dieses Zahlensymbol nun in Taxis, Geschäften oder an belebten Orten als Ausdruck dieses Hasses zu sehen. Ich muss an dieser Stelle jedoch betonen, dass diese Entwicklung und dieser Missbrauch der Zahlensymbolik weder von der buddhistischen Gemeinschaft noch von den buddhistischen Mönchen mehrheitlich befürwortet wird.

Forum Weltkirche: Eine zentrale Figur dieser Bewegung scheint der buddhistische Mönch Ashin Wirathu zu sein, ein Mann, der bereits 2003 zu einer 25-jährigen Haftstrafe wegen seiner Hasspredigten gegen Muslime verurteilt worden war, letztes Jahr dann aber begnadigt worden ist und wieder frei kam. Wie wird er von der Mehrheit der buddhistischen Mönche in Myanmar gesehen? Teilen sie seine Ansichten oder stehen sie ihm eher ablehnend gegenüber?

Erzbischof Charles Bo: Über konkrete Personen zu diskutieren, mag nicht sehr hilfreich sein. Vielleicht reicht es zu sagen, dass es Elemente gibt, die, inspiriert durch gewaltsame Extremisten aus anderen Ländern, die rechte Ideologie »Eine Nation, eine Religion« verfolgen. Die Militärdiktatur hatte jegliche Bewegung unterdrückt und Personen verhaftet, die Menschenmengen mobilisieren konnten. Wirathu war verhaftet worden, dann jedoch wieder frei gelassen worden. Er ist unbelehrbar in seinen Ansichten und sehr abgebrüht. Dies ist sehr schmerzlich, umso mehr, da die Asienausgabe des amerikanischen »Time Magazine« in seiner Ausgabe vom 01. Juli sein Gesicht auf der Titelseite mit dem Titel »Das Gesicht des buddhistischen Terrors« abgebildet hat. Dies war wie ein Schock für so viele friedliebenden Buddhisten im Land.Wir verurteilen diesen unsensiblen Titel aufs Schärfste. Buddhismus ist eine Religion des Friedens. Man sollte sehr vorsichtig sein, die Handlungen eines Einzelnen zu verallgemeinern. Dieser Schock hat jedoch auch viel Nachdenken unter den buddhistischen Mönchen und auch innerhalb des Volkes hervorgerufen. Auf der jüngsten Versammlung buddhistischer Mönche in Insein, an dem etwa 1.500 Mönche teilgenommen haben, hat der ranghöchste Mönch die besagte Person aufgefordert, sich zu beherrschen und sich in Langmut zu üben.

Für Erzbischof Charles Bo wäre es fatal, die hasserfüllte Propaganda einzelner buddhistischer Extremisten mit dem Buddhismus gleichzusetzen. Das Foto zeigt buddhistische Mönche an der Shwedagon Pagode im Jahr 2007. Etwa 10.000 Mönche hatten damals friedlich gegen die Militärjunta demonstriert. Zahlreiche Mönche sind während der Demonstrationen und der anschließenden Verfolgung durch die Militärjunta ums Leben gekommen.
FOTO: KNA-BILD

Forum Weltkirche: Erst jüngst hat jedoch in Rakhine State – die Heimat der Rohingyas – die Regierung ein Gesetz vorgelegt, das muslimischen Familien vorschreibt, maximal zwei Kinder haben zu dürfen. Wie ist es zu verstehen, dass eine Regierung lediglich einer spezifischen Gruppe von Menschen Vorschriften hinsichtlich der Familienplanung macht, die zugleich auch noch einer religiösen Minderheit angehört? Was ist der Grund für dieses Ansinnen der Regierung? Fördert dieses Gesetz nicht zugleich nationalistische Ideologien wie »Nur Buddhisten sind die wirklichen Bürger Myanmars«?

Erzbischof Charles Bo: Das Gesetz ist noch nicht endgültig verabschiedet, sondern muss vom Parlament beschlossen werden. Es gibt eine Wahrnehmung, dass Muslime im Land mehr Frauen heiraten, mehr Kinder haben. Dies mag schlichtweg Propaganda sein. Das Land hatte keine Volkszählung in den vergangenen 30 Jahren. Von daher sollte man sehr vorsichtig sein mit solchen Behauptungen und sich jeglicher Rückschlüsse oder Entscheidungen fernhalten. Nationalistische Ideologien mögen zwar von Minderheiten propagiert werden. Sie werden jedoch bis jetzt von der Mehrheit schlichtweg abgelehnt. Wir werden sehen, ob diesem provinziellen Diskurs ermöglicht wird, sich auszubreiten. Wenn dies passieren sollte, ist das Volk Myanmars zu bedauern, denn es musste bereits so viele Katastrophen erleben, Naturkatastrophen und von Menschen gemachte Katastrophen. Das Volk des Landes verdient es nicht, die nächste zu erleben. Ich bin zuversichtlich, das die Menschen Myanmars spirituell reif genug sind, um die Vorgänge zu begreifen und das Unkraut und die Dornen aus dem Boden zu reißen.

Forum Weltkirche: Warum aber greift dann nicht die Zentralregierung ein, wohl wissend, dass eine solche Gesetzgebung neue Konflikte heraufbeschwört?

Erzbischof Charles Bo: Es sind zurzeit mehr als genug Verschwörungstheorien im Umlauf. Ich schenke ihnen keine Beachtung. Ich glaube vielmehr, dass die jetzige Regierung an vielen Fronten gleichzeitig zu kämpfen hat: Demokratie, Erwartungen von der internationalen Gemeinschaft, Landfragen, Parlament, kommende Wahlen etc. Trotzdem hätte ich es sehr begrüßt, wenn die Regierung wesentlich schneller und deutlicher reagiert hätte. Die Stimmen der internationalen Gemeinschaft zeigen sich sehr besorgt. Jüngst wurden einzelne Buddhisten, die an der Gewalt gegen Muslime beteiligt waren, ins Gefängnis gebracht. Dies ist ermutigend, aber es könnte noch wesentlich mehr unternommen werden.

Aung San Suu Kyi hat das Gesetzesvorhaben der Regierung des Bundesstaates Rakhine, muslimischen Familien nur zwei Kinder zu erlauben, massiv verurteilt. Von der buddhistischen Bewegung »969« wird das Gesetz dagegen sehr begrüßt.
FOTO: KNA-BILD

Forum Weltkirche: Ashin Wirathu scheint ein weiteres Gesetz einzufordern, das dann bestimmen würde, dass jeder Mann, der eine buddhistische Frau heiraten möchte, sich zum Buddhismus bekehren muss. Wenn man sich solche Entwicklungen anschaut, läuft das Land Gefahr, das Menschenrecht der Religionsfreiheit zu verlieren?

Erzbischof Charles Bo: Da würde ich sehr vorsichtig sein. Es gibt viele vernünftige Stimmen im Land, die sich gegen diese Forderung gestellt haben. Eine einzelne Person ist nicht die Regierung und Myanmar hat eine pulsierende Medienlandschaft, die die Pros und Contras dieser Forderung ausführlich beleuchtet.

Forum Weltkirche: In dieser schwierigen Situation, wie würden Sie die Rolle der Christen beschreiben?

Erzbischof Charles Bo: Unser Glaube beauftragt uns, Frieden zu stiften.Wir leben mitten unter den Betroffenen. An vielen Orten haben Christen und auch die Kirche den Betroffenen Zuflucht geboten. Und ich habe in verschiedenen Erklärungen öffentlich zum Frieden aufgerufen. Die Bischofskonferenz hat ebenfalls eine Erklärung veröffentlich. Jüngst sind die religiösen Führer aus verschiedenen Gemeinschaften zusammengekommen und haben gemeinsam zum Frieden aufgefordert. Sehr viel ist von Religionen für den Frieden unternommen worden. Trotzdem können wir noch mehr tun. Wir versuchen dies mit Hilfe unserer Kommissionen, unserer Pfarreien und durch das Engagement vieler Individuen. In Kürze werden wir zusammenkommen, um eine Strategie zu erarbeiten.Wie bereits Papst Paul VI. sagte: »Wenn du Frieden willst, setze dich für Gerechtigkeit ein.« Und Martin Luther King betonte: »Eine Ungerechtigkeit an einem Ort ist die Bedrohung der Gerechtigkeit an jedem anderen!« Es ist unsere Pflicht, uns für den Frieden einzusetzen.Wir arbeiten daran, Anwaltschaft zu übernehmen, Konfliktzonen zu identifizieren, und wir haben ein Training für Frieden und Gerechtigkeit initiiert.

Forum Weltkirche: Was erwarten Sie von der Zentralregierung und den politischen Parteien im Hinblick auf die Errichtung von Frieden und Harmonie im Land?

Erzbischof Charles Bo: Die Regierung muss besonders vorsichtig sein. Es gibt kein Zurück mehr für dieses Land nach sechs Dekaden dunkler Nacht und stiller Tränen. Da sich eine neoliberale Wirtschaft erhebt, vor allem mit der Absicht, die Ressourcen auszubeuten, benötigt man einen Sündenbock. Dieser Sündenbock mag heute eine einzelne Gemeinschaft sein, morgen bereits eine andere. Ein Denken nach dem Motto »Auge um Auge« wird die gesamte Welt blind machen, sagte Gandhi. Und wir können uns diese Gewalt nicht leisten. Die Regierung muss jegliche Gewalt im Land, ohne Rücksichtnahme auf Glaube oder Rasse, im Keim ersticken. Die Zukunft gehört uns allen.

Die Vergangenheit hat tiefe Wunden im kollektiven Gedächtnis unseres Volkes hinterlassen. Ohne wirkliche Wahrheitsfindung und Versöhnung werden die Menschen gezwungen sein, einen Sündenbock zu finden. Und dies mag zu einer endlosen Spirale der Gewalt führen.

Ich hoffe, dass Myanmar nicht diesen Weg der Qualen einschlagen wird. Die Urteilsfähigkeit der Nation wird beurteilt werden aufgrund ihrer Fähigkeit, jeden Einzelnen gleich zu behandeln. Während der Militärdiktatur ist viel Leid geschehen. Die Regierung muss den Weg der Gerechtigkeit und der menschlichen Entwicklung einschlagen. Parteien, die den Hass fördern, müssen verboten werden.

Herzlichen Dank, Erzbischof Charles Bo!

NORBERT KÖSSMEIER
Forum Weltkirche

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