Nationalismus statt Religionsfreiheit? Sri Lankas religiöse Minderheiten geraten immer mehr unter D corner

Nationalismus statt Religionsfreiheit?

Sri Lankas religiöse Minderheiten geraten immer mehr unter Druck

von LAWRENCE FERDINANDO

Verwandte von Verschwundenen aus dem Norden Sri Lankas überreichen einem Mitarbeiter der UN-Vertretung in Colombo eine Petition, die die UN auffordert, sich dafür einzusetzen, den Verbleib der Verschwundenen aufzuklären.
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Der Klang der Gewehrfeuer und das Dröhnen explodierender Bomben ist in der Nordprovinz Sri Lankas seit der gewaltsamen Beendigung des drei Jahrzehnte andauernden Blutvergießens durch die Regierungsarmee im Mai 2009 verstummt. Aber der Kampf gegen Tamilen auf der mehrheitlich von buddhistischen Singhalesen bewohnten Insel ist noch nicht beendet. Es scheint, dass die Situation der Tamilen im Norden des Landes schlimmer ist, als sie vor Beginn des Bürgerkrieges je war. Es ist wie ein »Kalter Krieg«, der gegen die tamilische Bevölkerung geführt wird. Was ist der Grund für die jetzige Situation? Es gibt wohl keinen Zweifel daran, dass es darum geht, Tamilen unter die Knute eines strikten Regiments buddhistischer Singhalesen zu stellen, um zu verhindern, dass sich insbesondere die tamilische Jugend neu organisiert und eine Bewegung ins Leben ruft, die einen unabhängigen tamilischen Staat – den Staat von Elam – zum Ziel hat. Davor fürchtet sich die Regierung. Deshalb die massive Militarisierung des Nordens oder auch die »Buddhisierung« der Dörfer der Tamilen im Norden. Doch die Angst vor einer möglichen Unabhängigkeitsbewegung darf nicht die Unterdrückung eines ganzen Volkes zur Folge haben. Zum Jahrestag der Beendigung des Bürgerkrieges und des Sieges über die tamilische Rebellenarmee erklärte Staatspräsident Mahinda Rajapaksa, dass es in dem Inselstaat keine Spaltung zwischen Mehrheit und Minderheit mehr gäbe. »Es gibt jedoch zwei unterschiedliche Gruppen in unserem Land: eine solche, die unser Land liebt, und eine andere, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Ansehen des Landes zu beschädigen! « Jedoch ist es der Regierung seit Kriegsende nicht gelungen, eine Nation für alle Gruppen, Ethnien und Religionen zu errichten. Im Gegenteil, religiöse Minderheiten geraten im gesamten Land immer mehr unter Druck. Dies hängt auch mit dem Selbstverständnis vieler Singhalesen zusammen, die Sri Lanka als »Land der buddhistischen Singhalesen« betrachten.

Bodu Bala Sena, eine Organisation nationalistischer Buddhisten, wirft Bischof Rayappu vor, zusammen mit der indischen Regierung einen unabhängigen Staat der Tamilen im Norden Sri Lankas zu planen.
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Versöhnung?

Sri Lanka wurde von der internationalen Gemeinschaft für die mutmaßlichen Kriegsverbrechen scharf gerügt. Die Regierung wurde aufgefordert, alle nur notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die mutmaßlichen Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen, insbesondere zum Ende des Krieges, zu untersuchen. Der Staatspräsident hat daraufhin im Jahr 2010 die »Lesson Learnt and Reconciliation Commission« (LLRC) ins Leben gerufen, die die Kriegsverbrechen untersuchen und Empfehlungen erarbeiten sollte, um einen Versöhnungsprozess mit der tamilischen Gemeinschaft zu ermöglichen. Zielsetzung dieser Kommission, so ließ der Präsident verlauten, sei es, zukünftige Konflikte zu vermeiden. Zudem versicherte er, dass die Kommission natürlich die Fragen von Verantwortlichkeiten für mögliche Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen bearbeiten und mögliche Verantwortliche benennen werde.

Der Abschlussbericht dieser Kommission wurde mit 254 Empfehlungen am 16. Dezember 2011 der Regierung vorgelegt.

Die meisten Bürgerrechtsorganisationen im Norden und Süden des Landes gingen sodann davon aus, dass die Regierung unmittelbare Maßnahmen ergreifen werde, um die Empfehlungen der Kommission zu implementieren und somit auch die Kritik der internationalen Gemeinschaft bezüglich der Tatenlosigkeit der Regierung in Fragen von Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen zum Schweigen zu bringen. Heute jedoch müssen diese Bürgerrechtsorganisationen ernüchtert feststellen, dass nicht eine einzige Empfehlung der Kommission umgesetzt worden ist.

Die Tamil National Alliance – die wichtigste politische Allianz der tamilischen Minderheit im Land und zweitgrößte politische Opposition – zeigt sich in ihrer im Januar 2012 veröffentlichten Analyse der Arbeit von LLRC desillusioniert. Demnach habe die Arbeit der Kommission darin versagt, das Vertrauen der tamilischen Bevölkerung zu gewinnen. Zudem sei ein dramatisches Versagen der Kommission festzustellen, was die internationalen Standards hinsichtlich dieses Prozesses der Rechenschaft und der Untersuchung der Verantwortlichkeiten für die Menschenrechtsverbrechen betrifft.

»Das ethnische und auch gendermäßige Ungleichgewicht bezüglich der Mitglieder dieser Kommission, die Interessenskonflikte der Mitglieder und die fehlende Unabhängigkeit ihrer Mitglieder, die fehlende Kompetenz der Mehrheit der Mitglieder hinsichtlich des internationalen Humanitären Völkerrechts und des internationalen Menschenrechts, das Ausbleiben jeglicher Konsultationen von Opfervereinigungen und Repräsentanten der tamilischen Gemeinschaft lässt an der Unabhängigkeit und Kompetenz dieser Kommission ernsthaft zweifeln.« Der Bericht der LLRC habe ausdrücklich hervorgehoben, dass Versöhnung und die Dezentralisierung vonMacht sobald als möglich implementiert werden müsse, aus Sicht der tamilischen Gesellschaft eine unabdingbare Notwendigkeit. Doch geschehen ist nichts!

Indem der Minister für religiöse Angelegenheiten, D. M Jayaratna, interreligiöse Bürgerkomitees errichten ließ, hatte er einen wichtigen Schritt getan, um die Wunden der Kriegsopfer zu heilen. Jedoch war diesen Komitees kein nachhaltiger Erfolg beschieden, da buddhistische Organisationen der Singhalesen ihren Einfluss, den sie im Staat besitzen, gegen diese Komitees genutzt haben. Dazu zählt zum Beispiel der »All Ceylon Buddhist Congress«. Aber auch nationalistische, wenn nicht sogar extremistische buddhistische Organisationen wie zum Beispiel die noch junge Organisation »Bodu Bala Sena« (BBS), haben gegen solche Komitees opponiert. Ihrer Meinung nach sollte Sri Lanka ein buddhistischer Staat sein, gemäß der Verfassung des Landes. Nicht-Buddhisten werden in dieser Logik als Bürger zweiter Klasse angesehen.

Das Problem der Vertriebenen

Im Rahmen des Versöhnungsprozesses spielt die Frage der insbesondere auch zum Ende des Bürgerkrieges Vertriebenen eine sehr wichtige Rolle. Die Regierung ließ Ende 2011 erklären, dass alle Vertriebenen (IDP – Internal Displaced People), die sich in entsprechenden Flüchtlingscamps aufgehalten hatten, wieder in ihrer Heimat angesiedelt worden seien.

Bürgerrechtler und auch Betroffene selbst bestreiten jedoch diese Aussage der Regierung. Statt von Wiederansiedlung sollte besser von schlichter »Rückführung« gesprochen werden, so die Bürgerrechtsaktivisten. In einer Untersuchung vor Ort haben sie festgestellt, dass das gesamte so genannte Wiederansiedlungsprogramm durch massive Fehler und Versagen der Verantwortlichen gekennzeichnet sei.

»Einige der Betroffenen leben schon seit mehr als 20 Jahren in diesen Camps. Sie haben nicht eine einzige Landparzelle zugewiesen bekommen, so dass eine Wiederansiedlung unmöglich ist. Manche Familien haben eine entsprechende Landzuweisung erhalten. Wieder andere Familien seien mit ihrer Verwandtschaft zusammen angesiedelt worden, wobei sie trotzdem nur eine Landfläche für eine einzelne Familie zugewiesen bekommen haben, die aber für eine Großfamilie viel zu klein ist, um sie zu ernähren. Ein großer Teil des früheren Landbesitzes haben sich einflussreiche Menschen widerrechtlich angeeignet. Innerhalb der Sicherheitszone von Palali sind die Auswirkungen der massiven Präsenz von Sicherheitskräften auf die Vertriebenen unübersehbar. Auch wenn es Maßnahmen zur nationalen Sicherheit geben muss, so ist es schlichtweg ungerecht und ethisch nicht vertretbar, die betroffenen Menschen einfach in den Camps festzuhalten.«

Innerhalb der Camps, so berichten die Bürgerrechtsaktivisten, gebe es eine Vielzahl von Schwierigkeiten. So sprechen sie von Schwierigkeiten bei der Verteilung von Nahrungsmitteln, eine ungenügende Wasserversorgung, unzureichende Sicherheitsvorkehrungen, der Zusammenbruch der Schulausbildung für Kinder, ungenügende Gesundheitseinrichtungen, die unzureichenden Lebensbedingungen in den Unterkünften selbst, die häufig nur mangelhaft seien, die schwierige Situation, dass das Leben in diesen Camps körperliche und mentale Erkrankungen fördere. Besonders betroffen seien u. a. die Menschen aus Mullikulam (Anm. d. Red.: eine der vom Krieg am schlimmsten betroffenen Gebiete), die in dieser Hochsicherheitszone leben müssen.

Während eines Massenprotestes fordern unter anderem viele buddhistische Mönche der Organisation Bodu Bala Sena in Colombo die Regierung auf, die Wahl zum Provinzrat im Norden des Landes zu verhindern.
FOTO: LAWRENCE FERDINANDO

Landgrabbing

Dass die Wiederansiedlungsprogramme nicht funktionieren, liegt u. a. auch am »Landgrabbing«, das im Norden stattfindet. Das Militär hat 6.184 Acres Land von Kriegsopfern auf der Halbinsel in Jaffna aus Gründen der nationalen Sicherheit besetzt (Anm. d. Red.: Ein Acre entspricht etwa 4.046 m2 – die vom Militär besetzte Landfläche entspricht einer Fläche von etwa 2.502 Hektar Land). Weitere 5.000 Acres Land sind im Norden von der Regierung für Großprojekte beschlagnahmt worden, zum Beispiel Kohlekraftwerke. Und es gibt viele weitere Beispiele. Die genaue Größe der vom Militär und der Regierung besetzten oder enteigneten Landflächen kennt niemand.

Nach Ansicht verschiedener Menschenrechtsorganisationen ist die Enteignung der Kriegsopfer ein klarer Verstoß gegen das in der Verfassung garantierte Eigentumsrecht. Die Opfer dieses Landgrabbing haben in Jaffna inzwischen 2.127 Klagen bei Gericht eingereicht. Die Tamil National Alliance geht davon aus, dass insgesamt etwa 5.000 Klagen vor Gericht landen werden. Regierungsquellen berichten, dass die Regierung nun aufgrund der zahlreichen gerichtlichen Klagen erwäge, den Opfern eine Entschädigung zukommen zu lassen. Ein Betrag in Höhe von insgesamt etwa 400 Millionen Rupien wird genannt (Anm. d. R.: dies entspricht etwa einem Betrag in Höhe von 2,3 Millionen Euro).

Ich selbst habe als Journalist das Glück gehabt, die betroffene Region besuchen zu können. Die Menschen beklagten sich mir gegenüber immer wieder über die fehlende oder unzureichende Infrastruktur, die fehlenden Zukunftsperspektiven für Kinder und Jugendliche. Viele Mütter sind völlig auf sich allein gestellt, weil ihre Männer entweder im Krieg getötet wurden, sie bis heute als verschwunden gelten und nie wieder aufgetaucht sind oder aber weil sie in Gefängnissen beziehungsweise Internierungslagern festgehalten werden. Die meisten Menschen beklagen sich jedoch darüber, dass sie das Gefühl haben, nicht als Bürger Sri Lankas zu gelten. Ja, ihnen würden grundlegende Menschenrechte wie das Recht zu leben, das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Versammlungsrecht und das Recht auf Eigentum vorenthalten.

Der Prophet aus Mannar – Bischof Rayappu Joseph

In ihrer Not haben sich die Kriegsopfer an den katholischen Bischof von Mannar, Rayappu Joseph gewandt, ihm ihre Nöte dargelegt und ihn um Hilfe gebeten. Bischof Joseph gilt als unerschrockener Hirte im Norden Sri Lankas. Er genießt ein sehr großes Vertrauen der Bevölkerung, ganz gleich ob es sich um Christen oder Hindus handelt (die Mehrheit der Tamilen sind Hindus). Bischof Rayappu Joseph hat die Probleme des Nordens immer wieder zum Gesprächsthema mit Vertretern der Regierung, ja selbst mit dem Staatspräsidenten gemacht, um Lösungen für die Be troffenen zu finden. Er klagte bei Menschenrechtsorganisationen in Sri Lanka, aber auch im Ausland, wenn er feststellen musste, dass die Menschenrechte verletzt werden, Regierungsvertreter aber nicht bereit waren, die Situation zu ändern. Fragen der massiven Militarisierung des Nordens, die verzweifelten Bitten der Kriegswitwen, das Problem der noch zahlreich vorhandenen Minenfelder im Norden, das Verschwinden von Menschen, die nicht durchgeführte Implementierung der Empfehlungen von LLRC, aber auch die grundlegende Frage der Freiheit der Tamilen in Sri Lanka sind Themen, die von Bischof Rayappu Joseph immer wieder aufgegriffen worden sind und für die er sich einsetzt. Bereits während des Krieges hatte er sich enorm dafür eingesetzt, Menschen zu beschützen. Dies brachte ihm einen hohen Respekt und ein hohes Ansehen innerhalb der Bevölkerung ein.

Der von seinen Gegnern immer wieder erhobene Vorwurf der Parteilichkeit kann mit Sicherheit nicht aufrechterhalten werden. So hat er zum Beispiel während des Krieges die tamilischen Rebellen mehrfach angeklagt, Kindersoldaten zu rekrutieren. Er organisierte Demonstrationen gegen die LTTE aufgrund der von ihnen begangenen Menschenrechtsverletzungen.

Aber Bischof Joseph hat sich aufgrund seines unerschrockenen Eintretens für die Menschenrechte nicht nur Freunde gemacht. Während einer Großdemonstration gegen die UN-Resolution, die Sri Lanka aufforderte, die Empfehlungen von LLCR umzusetzen, die Kriegsverbrechen zu untersuchen und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen, warf ihm ein Minister der Regierung, Wimal Weerawansa, vor, dass Bischof Rayappu Joseph immer davon geträumt habe, erster Kardinal in einem unabhängigen Staat »Elam« werden zu wollen, dass dieser Traum jedoch zerplatzt sei, da die Regierung die Rebellenarmee LTTE vernichtend geschlagen habe. Nur deshalb »hat Bischof Rayappu Sri Lanka bei ausländischen Ländern verraten und das Image des Landes beschädigt«, so MinisterWeerawansa.

Als der Bischof im vergangenen Dezember die australische Regierung aufforderte, Flüchtlinge aus Sri Lanka nicht zurück in ihre Heimat zu deportieren, da ihnen dort Haft und Folter drohe, schlug ihm eine Welle der Verachtung und des Hasses vieler nationalistischer Singhalesen entgegen. Beamte des Criminal Investigation Department (CID) verhörten ihn wegen seines Briefes an die australische Regierung. Nichtsdestotrotz fuhr Bischof Rayappu fort, die massive Militarisierung des Nordens, das Verschwinden von Menschen, die Frage des Landgrabbing und die häufig fehlgeschlagene Wiederansiedlung der Vertriebenen in der Öffentlichkeit anzuklagen. Nach Meinung des Bischofs bedarf es dringend einer politischen Lösung, um den Konflikt im Land zu entschärfen. Deshalb hat er immer wieder auch darauf gedrungen, dass es im Norden gemäß der Verfassung Wahlen für den Provinzrat (provincial council) geben müsse. Diese müssten fair und frei verlaufen. Damit hat er sich unter anderem massive Kritik vor allem von BBS eingehandelt. Diese nationalistische Organisation singhalesischer Buddhisten warf ihm in einem umstrittenen Statement vor, der Nachfolger von Velupillai Prabakaran werden zu wollen. Dieser war der Führer der Liberation Tigers of Tamil Elam (LTTE) und ist zum Ende des Krieges von Regierungssoldaten getötet worden. Vehement widerspricht der Bischof von Mannar den Anschuldigungen, sich für einen unabhängigen Staat der Tamilen einzusetzen. »Ich setze mich für den Frieden ein und nicht für die Spaltung des Landes. Mein Ziel ist es, sicherzustellen, dass Tamilen die gleichen Rechte im Land haben wie auch andere Bürger Sri Lankas. Deshalb klagt mich Bodu Bala Sena an, ohne zu verstehen, wofür ich mich einsetze, und vergleicht mich mit dem Führer der LTTE. Indem BBS die Gefühle anderer Glaubensgemeinschaften verletzt, versucht diese Bewegung eine Spaltung zwischen Ethnien und Religionen im Land herbeizuführen«, so Bischof Joseph.

Der Generalsekretär der BBS erklärte daraufhin in der Öffentlichkeit, dass BBS nach Mannar gehen werde und den Bischof herausfordern werde. Es gelte, die Bevölkerung Mannars vor der Invasion von Christen zu schützen!

Inzwischen steht fest, dass die Wahlen für den Provinzrat im September stattfinden sollen. Bischof Joseph sieht sich nun neuen Anschuldigungen ausgesetzt. Regierungsvertreter werfen ihm vor, die Bevölkerung zu einem Wahlboykott aufgerufen zu haben.

All diese Anschuldigungen, die sich ins Unendliche fortsetzen lassen, machen letztlich nur deutlich, dass der streitbare Bischof aus Mannar der eingeschlagenen Politik nationalistischer Buddhisten imWege steht und dass seine Gegner an ihm nicht mehr vorbei kommen, wenn sie ihre Eigeninteressen – gegen denWillen der tamilischen Bevölkerung – durchsetzen wollen. Viele Beobachter sehen in Bischof Rayappu Joseph inzwischen einen »Propheten der heutigen Zeit«, da er sich unerschrocken für die Menschenrechte und die demokratischen Rechte der Bevölkerung einsetzt, ohne im Geringsten einen Gedanken daran zu verschwenden, ob er dadurch vielleicht sein eigenes Leben in Gefahr bringt.

Buddhistische Nationalisten fordern vor dem Präsidentenpalast in Colombo das Verbot der Schächtung von Tieren und das Verbot evangelikaler Gemeindezentren.
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Die Gewalt gegenüber religiösen Minderheiten nimmt zu

Seit einigen Wochen erlebt Sri Lanka einen ungewöhnlich massiven Protest, der die Frage der Religionsfreiheit in ein neues Licht rückt. Sinhala Rawaya, eine Koalition buddhistischer Nationalisten, übergab Präsident Rajapaksa eine Petition mit einer Million Unterschriften, die das sofortige Verbot der Schächtung von Tieren sowie ein Verbot der Konvertierung vom Buddhismus zum Christentum fordert. Vorausgegangen war der Selbstmord eines buddhistischen Mönches Ende Mai. Er hatte sich in aller Öffentlichkeit selbst angezündet, um der Forderung des Verbots der Schächtung von Tieren Nachdruck zu verleihen. Einen Tag später verstarb er an seinen schweren Verbrennungen.

Das Verbot der Schächtung von Tieren hat in diesem konkreten Fall in keinster Weise etwas mit dem Selbstverständnis des Buddhismus zu tun. Im Gegensatz zu anderen Regionen dieser Welt lehnen Buddhisten in Sri Lanka auch den Verzehr von Fleisch nicht ab. Der Protest richtet sich vielmehr gegen die muslimische Minderheit im Land, um ihr auf diese Weise ihre Speisevorschriften zu verunmöglichen. Aber auch christliche Gruppierungen will Sinhala Rawaya treffen, indem die Regierung endlich ein Anti-Bekehrungsgesetz, dass die Konvertierung vom Buddhismus zum Christentum verbietet, einführen soll.

Es scheint, dass neben dem alles beherrschenden Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen, der sowohl eine ethnische als auch religiöse Dimension beinhaltet, nun auch mehr und mehr Provokationen und Angriffe auf andere religiöse Minderheiten im Land durch nationalistische Buddhisten auf den Weg gebracht werden. Gegenüber UCANews erklärte ein politischer Analyst der Universität von Colombo, der aufgrund des sensiblen Themas namentlich nicht genannt werden wollte, dass die Agitation von nationalistischen, ja extremistischen Buddhisten gegen religiöse Minderheiten in dem Moment eine andere Dimension erreichte, als der jüngste Zensus zu Tage gebracht hatte, dass innerhalb der Bevölkerung ein größeres Bevölkerungswachstum unter den Muslimen festzustellen sei als unter den buddhistischen Singhalesen, die etwa 70 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Auch der Jahresbericht 2012 der US Commission for International Religious Freedom (USCIRF) zeigt sich besorgt angesichts der steigenden Zahl von Angriffen auf religiöse Minderheiten im Land, auch angesichts der wachsenden Intoleranz gegen Muslime und der wachsenden Diskriminierung von Muslimen.

Sehr ausführlich beklagt der Bericht die »Buddhisierung « im Norden und Osten des Landes, also dem Gebiet der mehrheitlich hinduistischen Tamilen. Weiters kritisiert der Bericht die wachsende Zahl von Übergriffen auf christliche Kirchen durch Buddhisten. Insgesamt etwa 50 Übergriffe auf christliche Gruppen und Kirchen listet der Bericht auf. Einer dieser Vorfälle hat im Dezember 2012 im südlichen Distrikt Hambanthota stattgefunden: Ein Mob von 350 Personen, angeführt von 80 buddhistischen Mönchen, stürmte während des Gottesdienstes eine christliche Kirche. Die Inneneinrichtung wurde zerstört, ebenso Autos von Gläubigen. Der Pastor der Gemeinde wurde verletzt, zwei Polizisten, die versuchten, die Übergriffe zu stoppen, wurden verprügelt. Einen Tag zuvor hatte eine Gruppe buddhistischer Mönche den Pastor aufgesucht und ihm mitgeteilt, dass er nicht berechtigt sei, mit seiner Gemeinde Gottesdienst zu feiern, solange er nicht die Genehmigung der buddhistischen Mönche habe. Es scheint, dass zumindest einige Mönche unter dem Schutz der lokalen Politik stehen. Denn obwohl Zeugen vorhanden sind, wurden die entsprechenden Mönche bis heute nicht einmal von der Polizei zu den Vorfällen befragt, geschweige denn in Haft genommen.

Auch Übergriffe auf Moscheen werden inzwischen verzeichnet. Im Mai vergangenen Jahres haben sich etwa 250 buddhistische Mönche vor der Moschee von Dehiwala versammelt und sowohl Steine als auch verdorbenes Fleisch über das Eingangstor auf das Gelände der Moschee geworfen. Die Mönche forderten die Schließung der Moschee, da dort verbotene Tieropfer dargebracht würden. Daraufhin hatte der Bürgermeister eine Untersuchung angeordnet und erklärt, dass die Moschee illegal errichtet worden sei und deshalb geschlossen werden müsse.

Trotz allem konstatiert der US-Bericht, dass die Verfassung und die ausführenden Gesetze die Religionsfreiheit respektieren und schützen. Auch respektiere die Regierung die Religionsfreiheit. Jedoch sei auf lokaler Ebene festzustellen, dass lokale Behörden versagen, angemessen auf Angriffe gegen religiöse Minderheiten zu antworten. Macht es sich der US-Bericht damit nicht ein wenig zu einfach? Wenn auf der einen Seite zum Teil landesweit organisierte nationalistische Gruppierungen von Buddhisten agieren und auf der anderen Seite die konkreten Übergriffe den lokalen Behörden zur Last gelegt werden?

Es scheint, dass ein in den vergangenen Jahren immer extremer auftretender buddhistischer Nationalismus die Religionsfreiheit in Sri Lanka mehr und mehr in Frage stellt. Zu hoffen bleibt, dass die vielen, oft in der Öffentlichkeit nicht vernehmbaren Stimmen besonnener buddhistischer Mönche, die sich aktiv in den Dialog mit religiösen Minderheiten einbringen und das Auftreten der genannten Organisationen massiv kritisieren, die Oberhand behalten. Die Regierung wird sich, sollten die Angriffe auf religiöse Minderheiten eine Fortsetzung finden, nicht mehr damit begnügen dürfen, die Verantwortlichen zu ermahnen. Es sind Taten gefragt, die die Verantwortlichen für Gewalt und Konflikte zur Rechenschaft ziehen.

LAWRENCE FERDINANDO
Journalist / Sri Lanka

INFO-TIPP

Wer sich über die Positionen von Bischof Rayappu Joseph aus Mannar informieren will, findet auf der Homepage der Diözese ausführliche Statements des Bischofs beziehungsweise Briefe, die die Notlage der tamilischen Bevölkerung beschreiben, die Einhaltung der Menschenrechte fordern sowie politische Lösungen anmahnen. Die Briefe sind an den Staatspräsidenten des Landes gerichtet. Internetlink

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