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ÄGYPTEN

Christen als Sündenböcke

Zahlreiche kirchliche Einrichtungen zum Ziel gewalttätiger Fanatiker geworden

Der koptisch-orthodoxe Bischof Makarius hat am 26. August 2013 die zerstörte Kirche in Minia, rund 245 Kilometer südlich von Kairo, besucht.
FOTO: KNA-BILD

Mitte August erlebte Ägypten nach dem Sturz von Präsident Mursi eine bis dahin beispiellose Gewalt im gesamten Land, die sich insbesondere auch gegen Christen richtete. Dr. Matthias Vogt (Islamwissenschaftler, Ägyptenexperte und Fachreferent von missio Aachen) kommt in seiner Analyse der Situation zu folgendem Urteil:

»Während sich gerade alle Augen auf Kairo, die Protestlager der Muslimbrüder und deren Räumung durch das Militär richten, werden überall in Ägypten Kirchen angegriffen. Christen werden erneut Opfer der Auseinandersetzungen zwischen der Staatsmacht und den Muslimbrüdern. Bereits wenige Tage nach dem Sturz des damaligen Präsidenten Mohammed Mursi am 3. Juli war es zu Angriffen auf christliche Geschäfte und Wohnhäuser sowie auf Kirchen gekommen. So wurde ein katholisches Sozialzentrum in einem Dorf in der Nähe von Minia im mittleren Niltal in Brand gesteckt. In Marsa Matruh, einem beliebten Ferienort für Ägypter an der Mittelmeerküste, wurden Brandsätze auf eine Kirche geworfen und in einem oberägyptischen Dorf in der Nähe von Luxor bei Ausschreitungen zwischen Christen und Muslimen vier Menschen – drei Christen und ein Muslim – getötet; 25 Häuser von Christen gingen in Flammen auf. Auf der Sinai-Halbinsel wurde ein koptischer Priester offenbar gezielt von radikalen Islamisten auf der Straße gestoppt und kaltblütig ermordet.

Die Gewalt gegen Christen kommt nicht von ungefähr. Bei Protesten von Muslimbrüdern nach dem Sturz von Präsident Mursi wurden der koptischorthodoxe Papst Tawadros II. und der Großscheich der islamischen al-Azhar- Universität, Ahmad al-Tayyeb, wütend beschimpft. Beide waren am 3. Juli zusammen mit Armeechef Abdelfattah al-Sissi im Fernsehen aufgetreten und hatten die Ägypter nach dem Sturz des Präsidenten zu Ruhe und Einheit aufgerufen. Islamisten und Muslimbrüder machen sie jetzt für ihren Machtverlust verantwortlich.

Bereits am 5. Juli hatte Mohammed Badie, der spirituelle Führer der Muslimbruderschaft, Papst Tawadros öffentlich dazu aufgefordert, sich aus der Politik herauszuhalten, und deutlich gemacht, dass gesellschaftliches Engagement der Kirche in Ägypten nicht willkommen sei. Aus Sicherheitsgründen hat Papst Tawadros seine öffentlichen Mittwochskatechesen in der Markus-Kathedrale ausgesetzt. Sein Name findet sich zusammen mit denen von Armeechef al-Sissi und von Übergangspräsident Adly Mansour auf einer anonymen Todesliste. Anfang August bezichtigte dann Ayman al-Zawahiri, der aus Ägypten stammende Führer von al-Qa’ida und Nachfolger Usama bin Ladens, die Christen Ägyptens zusammen mit den US-Amerikanern des Komplotts gegen die Regierung der Muslimbrüder. Christen wollten im Süden Ägyptens einen christlichen Staat gründen. Eine völlig haltlose Behauptung – dennoch kommt es im Anschluss in Oberägypten zur Erstürmung von Kirchen durch Islamisten; in Sohag wird eine Fahne von al- Qa’ida auf dem Kirchengebäude gehisst. In der Nähe von Minia werden christliche Wohnhäuser angegriffen. In Sohag wird ein katholischer Christ getötet, in Kairo ein zehnjähriges Mädchen beim Verlassen einer evangelischen Kirche erschossen.

Und auch beim Vorgehen der Armee gegen die Protestlager der Muslimbrüder entlädt sich die Wut der Islamisten wieder an den Christen. Partner von ›missio – Internationales Katholisches Missionswerk‹ mit Sitz in Aachen berichten, dass am 14. August allein 22 Kirchen im ganzen Land angegriffen wurden. Betroffen sind unter anderem Kloster und Schule der Schwestern vom Guten Hirten in Suez, Kirche und Konvent der Jesuiten in Minia, die katholische Basilika in Kairo-Heliopolis und viele andere. Das koptisch-katholische Patriarchat hat alle Gottesdienste zum Fest Mariä Himmelfahrt am 15. August aus Sicherheitsgründen abgesagt. Dennoch finden sich viele, vor allem junge Christen an ihren Kirchen ein, um sie vor Angriffen zu schützen. ›Ich gehe, meine Kirche mit meinem Blut zu schützen‹, schreibt ein junger Christ aus Beni Suef, etwa 150 Kilometer südlich von Kairo, ›ohne Furcht vor den Terroristen. Ich habe keine Angst, denn der König des Alls ist mit uns. Das ist das Mindeste, was ich für meine Kirche tun kann.‹

Die Entwicklungen der vergangenen Wochen lassen befürchten, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in Ägypten in größter Gefahr ist. Zwar haben Armee und Übergangsregierung schwere Fehler gemacht, indem sie seit dem Sturz von Präsident Mursi die Muslimbrüder verfolgt haben, wie es zu Zeiten von Hosni Mubarak der Fall gewesen war – damit haben sie den gleichen Fehler begangen, die die Demonstranten der Protestbewegung gegen Präsident Mursi den Muslimbrüdern vorgeworfen hatten: nicht auf gesellschaftlichen Konsens, sondern auf Spaltung zu setzen. Christen dürfen aber nicht zum Sündenbock für Fehler von Regierung und Militär gemacht werden. Indem sie den Hass auf die Christen des Landes schüren, wollen sich Muslimbrüder und Islamisten Anhänger verschaffen.«

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