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Neue Konflikte im Schatten der Vergangenheit

Burundi und der Kampf um die Macht

von HELGA DICKOW

Jahrzehntelang war Burundi geprägt von blutigen Konflikten zwischen den Gruppen der Hutu und Tutsi um die politische Macht; seit dem Friedensvertrag von Arusha im Jahr 2000 scheinen die ethnischen Auseinandersetzungen zwar abgeflaut zu sein, aber der Kampf um die politische Macht geht weiter – inzwischen vordergründig zwischen Hutu-Parteien, die aber nicht weniger eine Gefahr für die Stabilität des Landes darstellen.

Burundi zählt zu den ärmsten Ländern der Erde. Die gewaltsame Vergangenheit scheint überwunden, und doch ist der Kampf um die Macht im Land nicht vorbei. Die Bevölkerung wird von der Regierungspartei kontrolliert und zuletzt auch zu Geldspenden gezwungen.
FOTO: HELGA DICKOW

Das zentralafrikanische Land Burundi schafft es selten in die internationalen Schlagzeilen im Vergleich zu seinen Nachbarn in der Region der Großen Seen. Berichte über Kämpfe in der DR Kongo zwischen Milizen, Rebellengruppen und den Truppen der UN, seit Kurzem ausgestattet mit einem robusten Mandat, sind hingegen an der Tagesordnung. Der nördliche Nachbar Ruanda gilt vielen als afrikanische Erfolgsstory unter Präsident Kagame, ungeachtet der inneren Repressalien gegen Oppositionelle und die Bevölkerungsmehrheit der Hutu.

Burundi und Ruanda entsprechen sich in vielerlei Hinsicht: In beiden Ländern leben Hutu, Tutsi und Twa. Nach wie vor sind sich Ethnologen uneins darüber, ob die Unterschiede zwischen Hutu und Tutsi in erster Linie sozialen oder ethnischen Ursprungs sind. Seit dem Völkermord 1994 dürfen in Ruanda die unterschiedlichen Gruppen nicht mehr benannt werden – es gilt als Anstachelung zum Rassenhass – und finden nur an den Gedenktagen für die Massaker an den Tutsi (nicht aber den Hutu) Erwähnung.

Burundi ging einen anderen Weg, auch wenn hier die Geschichte seit der Unabhängigkeit von Belgien ebenfalls gekennzeichnet ist von blutigen Auseinandersetzungen um die politische Macht zwischen den Tutsi, die circa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen, und der Bevölkerungsmehrheit der Hutu. Die Twa stellen nur circa zwei Prozent der Bevölkerung, die meisten von ihnen leben auf dem Land und gehören zu den ärmsten Gruppen der Bevölkerung.

Eine gewaltsame Vergangenheit

Im Jahr 1972 wurden mehr als 200.000 Hutu nach einem missglückten Putschversuch gegen die Tutsi-Vorherrschaft getötet. 1993 wiederum fielen Tausende gegenseitigen Massakern zum Opfer. Jahre des Bürgerkriegs zwischen der von Tutsi dominierten Armee und Hutu-Rebellengruppen, bei denen mehr als 300.000 Menschen getötet und Hunderttausende zur Flucht in die Nachbarländer gezwungen wurden, folgten. Von 1998 bis 2000 schließlich fanden auf internationalen Druck Friedensverhandlungen statt mit dem Ziel, die Hutu-Tutsi-Dichothomie zu reduzieren. Zu den Vermittlern im Verhandlungsprozess zählten unter anderem auch Julius Nyerere und Nelson Mandela. Die Konfliktparteien, die die Hutu beziehungsweise die Tutsi im tansanischen Arusha repräsentierten, sowie die meisten Hutu-Rebellengruppen, die zum Teil aus dem benachbarten Ostkongo heraus agierten, einigten sich im Vertrag von Arusha auf die Entwaffnung der Milizen, die Integration von Kombattanten in die Nationale Armee und auf eine Übergangsregierung, die innerhalb von vier Jahren eine neue Verfassung sowie ein neues Wahlgesetz ausarbeiten sollte. Dies stieß auf große Zustimmung bei der kriegsmüden Bevölkerung: Beim Verfassungsreferendum 2005 stimmten mehr als 90 Prozent der registrierten Wähler für die neue Verfassung.

Ihr wichtigster Bestandteil ist ein 60:40-Proporz von Hutu und Tutsi in Regierung, Parlament und öffentlicher Verwaltung. Die kleinste Bevölkerungsgruppe, die Twa, erhält ebenfalls einige Sitze; 30 Prozent sind für Frauen reserviert. Der Proporz bei den vormals von Tutsi dominierten Streitkräften beträgt 50:50. Die beiden Vizepräsidenten müssen ein Hutu und ein Tutsi sein. Parteien dürfen sich nicht, wie in der Vergangenheit, auf ethnische (oder auf regionale oder religiöse) Zugehörigkeiten berufen. Die Hutu sahen mit den Quoten ihre neue Vormachtstellung nicht gefährdet, auch wenn ihr Bevölkerungsanteil höher war. Die Tutsi erhielten durch die Quoten mehr Anteile als es ihrem Bevölkerungsanteil entsprach und akzeptierten sie daher ebenfalls.

Burundi zählt zu den ärmsten Ländern der Erde. Die gewaltsame Vergangenheit scheint überwunden, und doch ist der Kampf um die Macht im Land nicht vorbei. Die Bevölkerung
wird von der Regierungspartei kontrolliert und zuletzt auch zu Geldspenden gezwungen.
FOTO: HELGA DICKOW

Der neue politische Akteur

Der Friedensprozess von Arusha war mit den Parlamentswahlen von 2005 abgeschlossen. Allerdings waren die Parteien, die die Friedensverhandlungen vorangetrieben hatten, die Verlierer dieser Wahlen, nämlich der Front pour la démocratie au Burundi (FRODEBU) – eine Hutu-Partei – und die Tutsi-Partei Union pour le progrès national (UPRONA), die bis 1993 die Regierung gestellt hatte. Wahlsieger war der Conseil national pour la défense de la démocratie – Forces pour la défense de la démocratie (CNDD-FDD), eine 1998 gegründete ehemalige Hutu- Rebellenbewegung, die nicht an den Friedensverhandlungen von Arusha teilgenommen hatte. Der CNDDFDD war erst 2003 nach dem Abschluss eines separaten Friedensvertrags mit der Regierung in die Regierung der Nationalen Einheit aufgenommen worden. Nun wurde der Parteiführer und ehemalige Rebellenchef des CNDD-FDD Pierre Nkurunziza mit über 80 Prozent der Stimmen der Abgeordneten zum Präsidenten gewählt. Dieses Amt hat er heute noch inne.

Die erste Amtszeit Nkurunzizas gilt als Phase des Ausgleichs und der Befriedung der alten Konflikte. Der Proporz wurde in Regierung, Verwaltung und Armee umgesetzt. Internationale Hilfsorganisationen strömten ins Land, das im Human Development Report 2013 des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen auf Rang 178 von 187 aufgelisteten Staaten steht und somit weltweit eines der ärmsten Länder ist. Mehr als 90 Prozent der knapp neun Millionen Einwohner leben auf dem Land von weniger als zwei Dollar pro Tag.

Der Präsident sichert sich die Macht

Die größten politischen Auseinandersetzungen spielten sich in dieser Phase innerhalb der Regierungspartei ab – mit weitreichenden Konsequenzen: Präsident Nkurunziza ließ Anfang 2007 seinen politischen Weggefährten und damaligen Vorsitzenden des CNDD-FDD, Hussein Radjabu, der über enge Kontakte zur burundischen Geschäftswelt und auch zu Waffenlieferanten im Ostkongo verfügt haben soll, absetzen und wegen eines angeblichen Putschversuchs zu langjähriger Haft verurteilen. Der CNDD-FDD verlor daraufhin die Mehrheit im Parlament, da die Anhänger Radjabus der Regierung ihre Unterstützung entzogen. Nkurunziza sah sich daher zur Koalition mit den Oppositionsparteien gezwungen und besetzte einige Ministerposten mit Vertretern von FRODEBU und UPRONA. DieBurunder sagen heute, dass die Mitglieder dieser drei Parteien wissen, wie süß der Kuchen schmeckt, wenn man an der Macht ist. Und damit meinen sie vor allem die Möglichkeiten der Bereicherung, die sich an der Spitze des Staates finden lassen. Die UPRONA konnte dazu auch noch auf alte Netzwerke und Kontakte aus ihrer Regierungszeit bis Anfang der 1990er Jahre zurückgreifen. Beim Wahlkampf für die 2010 stattfindenden Kommunal-, Präsidentschafts-, Parlaments- und Senatswahlen hatte die politische Opposition dann auch nicht wirklich ein politisches Programm vorzuweisen. Sie setzte vielmehr auf den Kampf gegen die Korruption. Präsident Nkurunziza hingegen wusste sich geschickt die Unterstützung der armen Bevölkerung auf dem Land zu sichern: Er reiste durch die Provinzen und machte große Wahlversprechungen, wie Versorgung mit Strom in entlegenen Gebieten, freie Gesundheitsversorgung und Schulen und oft auch Geschenke, Geld oder Stoffe. Dass er sich für seinen Wahlkampf aus der Staatskasse bedienen und den staatlichen Fuhrpark benutzen konnte, war selbstverständlich. Der CNDD-FDD ist auch die einzige Partei, die in jedem Ort und auf jedem Hügel über ein Büro verfügt. Der Präsident, ein begeisterter Fußballspieler und Prediger in einer Pfingstkirche, weiß seine Auftritte medienwirksam einzusetzen. Noch heute wird erzählt, dass der Präsident einer Gruppe von Twa erst die Füße gewaschen und ihnen dann Schuhe geschenkt habe. Bei der extrem armen Bevölkerung und in den am dichtesten besiedelten Regionen im Norden fand er dann auch die größte Unterstützung.

Im Vorfeld der Wahlen hatte sich die einzige noch aktive Hutu-Rebellenbewegung, Parti pour la libération du peuple hutu – Forces nationales de libération (PALIPEHUTU- FLN), die ebenfalls wie der CNDD-FDD nicht an den Friedensgesprächen von Arusha teilgenommen hatte, in Übereinstimmung mit der Verfassung von ihrem Anspruch, nur die Hutu zu vertreten, verabschiedet. Als Forces nationales de libération (FNL) führte sie der ehemalige Rebellenchef, der in den Bergen um Bujumbura sehr populäre Agathon Rwasa, in den Wahlkampf. Damit standen sich 2010 drei Hutu- Parteien gegenüber: die alte Partei FRODEBU und zwei ehemalige Hutu-Milizen, der CNDD-FDD und die FLN. Auf Tutsi-Seite waren es die UPRONA, der kaum Siegeschancen eingeräumt wurden, und der Mouvement pour la sécurité et la démocratie (MSD). Parteigründer des MSD ist der auch international renommierte Journalist Alexis Sinduhije, der vor allem junge Hutu und Tutsi anspricht, die den Bürgerkrieg nicht mehr miterlebt haben.

Die Regierungspartei gewann die Kommunalwahlen mit Ausnahme der Hauptstadt und der Provinz Bujumbura Rural. Die insgesamt 13 Oppositionsparteien (heute sind es schon 43) beanstandeten Unregelmäßigkeiten und forderten vergeblich die Annullierung der Wahlen. Daraufhin boykottierten die Führer der FLN und des MSD, Rwasa und Sinduhije, die Präsidentschaftswahlen. Präsident Nkurunziza wurde mit 77 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Seine Partei gewann bei den Parlamentswahlen 81 der 106 Sitze und schloss sich mit der ehemaligen Tutsi-Partei UPRONA zu einer Koalition zusammen.

Parteiveranstaltung der MSD mit ihrem Parteichef Alexis Sinduhije. Drei Jahre hat er im Exil verbracht, dieses Jahr ist er nach Burundi zurückgekehrt. Sinduhije gilt als einer der wichtigsten Oppositionspolitiker im Land.
FOTO: HELGA DICKOW

Die Partei als Herrschaftsinstrument

DerWahlmarathon und die Zeit nach den Wahlen waren überschattet von Übergriffen und Anschlägen, die anonymen Kräften, aber auch Jugendmilizen der Regierungspartei, den sogenannten Imbonerakure, oder auch ehemaligen Rebellengruppen zugeschrieben wurden. Viele Anhänger der Oppositionsparteien wurden verhaftet. Um ihre Sicherheit besorgt, flohen Rwasa und Sinduhije. Es wurde befürchtet, dass Rwasa seine Kämpfer im Ostkongo erneut sammelte. Sinduhije war erst in Paris und dann in Kinshasa. Erst 2013 tauchten beide wieder in Bujumbara auf.

Nkurunziza nutzt seine zweite Amtszeit, um seine Macht weiter auszubauen. Den CNDD-FDD inszenierte er als zentrales Herrschaftsinstrument, im Land wird oft nur noch von der Partei gesprochen. Sendungen des staatlichen Fernsehsenders über den Präsidenten erinnern an Hochämter. Beamtenschaft und halbstaatliche Betriebe wurden mit loyalen Parteianhängern aufgestockt; das führte zu immensen staatlichen Ausgaben. Mehr als 60 Prozent der Staatsausgaben werden über internationale Hilfe finanziert. Die fast jeden Samstag stattfindenden Pflichtveranstaltungen, die »travaux communautaires«, bei der alle Burunder gehalten sind, zwei Stunden für das Gemeinwesen zu arbeiten, werden als Parteiveranstaltungen zweckentfremdet. Anderen Parteien hingegen ist es untersagt, auch nur ihre Parteiembleme oder -fahnen zu zeigen. Berichte der International Crisis Group werfen der Regierung Ausgrenzung und Unterdrückung der Opposition vor.

Gleichzeitig versucht die Regierung, sich international den Anschein eines befriedeten Landes zu geben. Sie betrieb die Integration Burundis in die ostafrikanische Gemeinschaft, die die regionale Integration ihrer Mitgliedstaaten, Tansania, Kenia, Uganda, Ruanda und Burundi, über einen gemeinsamen Markt, Währungsunion und – zumindest langfristig auf dem Papier – politische Einheit anstrebt. Die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den Nachbarländern festigten sich durch den Beitritt 2010. Ein Erfolg für die Regierung Nkurunziza war, dass Tansania seine Unterstützung von Rwasa und der FNL beendete. Des Weiteren entsendet Burundi gerne seine Soldaten zu afrikanischen Friedensmissionen: 5.500 Soldaten in Somalia gegen die islamistische Al-Shabab und 500 in Mali gegen Al-Qaida. Der frühere Präsident Burundis und Putschist von 1996, Pierre Buyoya, ist einer der Oberbefehlshaber der internationalen Mission in Mali. Auch in die Zentralafrikanische Republik wird Burundi ein Kontingent von 500 Mann entsenden. Die Einsätze sind freilich nicht ganz uneigennützig. Ehemalige, in die Armee integrierte Rebellen und Tutsi-Militärs sind beschäftigt, ihr Sold ist gesichert und mit Tagesgeldern deutlich aufgebessert. Mahnende Stimmen in Bujumbura warnen schon, dass burundische Soldaten sich viel lieber im Ausland verdingen, als das Land gegen potentielle Rebellen, die trotz der vielen Friedensabkommen immer noch im Ostkongo vermutet werden, zu verteidigen.

Die Kirche in Burundi spielt eine sehr wichtige Rolle im Versöhnungsprozess und kritisiert deutlich Armut und Korruption im Land. Wünschenswert wäre es, wenn sie sich aktiv für die Demokratisierung und die Vermittlung demokratischer Werte einsetzen würde. Das Foto zeigt Erzbischof Simon Ntamwana aus Gitega, der nach dem Gottesdienst von Frauen und Kindern umringt wird.
FOTO: KNA-BILD

Ein ungleicher Kampf zwischen Regierung und Opposition

Die nächsten Wahlen finden turnusgemäß im Jahr 2015 statt. Sie werfen aber heute schon ihre Schatten voraus. Seit 2010 hatte die Regierung einen Dialog mit den in einer Allianz zusammengeschlossenen Oppositionsparteien verweigert, aber auf Einladung der UN fand im März diesen Jahres in Kayanza ein Treffen von Regierungs- und Oppositionsparteien statt, an dem auch Alexis Sinduhije teilnahm. Der Führer der MSD war kurz zuvor aus seinem dreijährigen Exil zurückgekommen und wurde enthusiastisch von seinen Anhängern gefeiert. In Kayanza wurde ein Zeitplan für die Vorbereitung der nächsten Wahlen erstellt. Im August tauchte dann auch Agathon Rwasa, ehemaliger Rebellenchef und Führer der FLN, wieder auf. Er behauptet, nie außerhalb des Landes gewesen zu sein. Seine Anhänger hätten ihn im Land versteckt gehalten. Die Regierung hatte zwischenzeitlich versucht, ihn von seinem Posten als Parteichef abzusetzen und einen ihr genehmen Kandidaten an die Spitze wählen zu lassen. Rwasa erkannte diesen nicht an, ein Großteil der Anhänger der FLN ebenfalls nicht.

Rwasa und Sinduhije gelten als die gefährlichsten Herausforderer für Präsident Nkurunziza. Die Verfassung sieht zwar nur zwei Amtszeiten vor, aber Nkurunziza legt das Arusha-Abkommen zu seinen Gunsten aus: Er sei beim ersten Mal ja vom Parlament gewählt worden und nicht in direkter Wahl vom Volk. Daher stünde ihm noch eine weitere Amtszeit zu. Es ist abzusehen, dass er sich angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Parlament mit seiner Lesart durchsetzen wird. Der in den Bergen um Bujumbura populäre Hutu Rwasa und der intellektuelle Tutsi Sinduhije wissen, dass sie nur gemeinsam eine Chance gegen den Präsidenten haben. Sinduhije hat zwar erklärt, er sei bereit, in die zweite Reihe zurückzutreten, wenn seine Anhänger das wünschten. FLN und MSD geben an, für die Parlamentswahl gemeinsame Listen zu erstellen. Es ist freilich noch zu früh, um vorhersagen zu können, ob tatsächlich einer von beiden zugunsten des anderen nicht kandidieren wird. Rwasa könnte mehr Stimmen der Hutu gewinnen, aber auch Sinduhije mobilisiert seit seiner Rückkehr Anhänger unter den Hutu und zeigt sich sehr selbstbewusst. Die Tutsi-Mittelschicht unterstützte ihn schon 2010. Rwasa hingegen kann sein Domizil in Bumjumbara noch nicht verlassen. Ob der gemeinsame Kandidat dann in der Lage ist, Präsident Nkurunziza zu schlagen, ist ebenfalls fraglich. Parteifinanzierung sieht die burundische Verfassung nicht vor. Nkurunziza kann freilich auch 2015 wieder auf Finanzierung seines Wahlkampfes aus der Staatskasse zählen und viele Wahlgeschenke verteilen. Darüber hinaus ist er in seiner bevölkerungsreichen Herkunftsregion sehr populär. Nicht zuletzt – und das ist in dem krisengeschüttelten Burundi ein Zündholz zum Flächenbrand – geht die Einschüchterung politischer Gegner, aber auch der Wähler weiter. Das passiert scheinbar legal: Im Juni diesen Jahres wurde ein neues restriktives Pressegesetz verabschiedet, das unter anderem von Journalisten die Offenlegung ihrer Quellen verlangt. Die Internetseite der regierungskritischen Zeitung IWACU wurde dann auch gleich drei Wochen verboten. Bislang haben sich die burundischen Journalisten, die stolz auf die freie Meinungsäußerung in ihrem Land sind, insbesondere im Vergleich zu Ruanda, nicht einschüchtern lassen.

Menschenrechtsaktivisten leben gefährlich: Im April 2009 wurde Ernest Manirumva umgebracht, der einen Korruptionsskandal aufgedeckt hatte. Die Parteijugend der CNDD-FDD, in der Regel sind das arbeitslose Jugendliche, betätigen sich gerne als Schlägertrupps. Sinduhije wurde erst kürzlich auf dem Weg in die Provinz Cibitoke von einem Polizeifahrzeug und den berüchtigten Imbonerakure an der Weiterfahrt gehindert. Die Opposition unterhält ebenfalls Jugendmilizen. Die Konflikte sind vorgezeichnet.

Seit Neustem fordert der CNDD-FDD die Bevölkerung auf, ihr einen kleinen »freiwilligen« Beitrag für den Wahlkampf zu spenden. Wer nicht spendet, ist bekannt und lebt ebenfalls gefährlich. Die Opposition weiß, dass die Ausstellung der Wählerausweise ein besonders kritischer Punkt ist. Sie ist an die neuen biometrischen Ausweise gebunden. Wer erhält aber rechtzeitig einen neuen Ausweis und wer nicht? Der Vergleich mit Simbabwe drängt sich auf. Auch in Burundi werden die Wahlen nicht am Wahltag entschieden, sondern schon lange vorher.

Schlechte Regierungsführung und Korruption

Spricht man heute mit Burundern über die Probleme ihres Landes, erwähnen sie nicht als Erstes den alten Konflikt zwischen Hutu und Tutsi. Manche, insbesondere Hauptstadtbewohner, halten ihn fast schon für überwunden. Man wisse zwar genau, wer zu welcher Gruppe gehöre, aber auf dem Land seien schließlich alle gleich arm und kämpften ums tägliche Überleben. Andere glauben zwar, dass der Konflikt wie in der Vergangenheit instrumentalisiert werden und wieder zu Tage treten könnte, wenn die Regierung ihre Macht gefährdet sehen sollte. Aber am häufigsten werden »schlechte Regierungsführung und Korruption« als Problemfelder genannt. Der ehemaligen Rebellenbewegung beziehungsweise der aktuellen Regierungspartei CNDD-FDD wird vorgeworfen, dass sie keine Ahnung habe, wie ein Land zu regieren sei. Posten würden nach Parteizugehörigkeit und nicht nach Kompetenz vergeben. Ratschläge besser gebildeter oder in Wirtschaft und Verwaltung erfahrenerer Tutsi würden nicht befolgt werden. Unterstützer der Oppositionsparteien, die sich beim Wahlkampf 2010 »geoutet« hätten, würden auch schon mal ihre Posten verlieren oder als Beamte in rangniedrigere Positionen versetzt werden. Ehemalige Rebellen hingegen, die ohne irgendwelche Besitztümer aus den jahrelangen Kriegen aus dem Busch gekommen seien, würden sich nun am Reichtum des Landes schadlos halten und sich Häuser in Bujumbura, aber auch in Europa bauen.

In der Tat sind in Bujumbura in bester Wohnlage am Hang viele neue Prachtbauten zu bewundern. Den ehemaligen Rebellenchefs werden auch gute Kontakte zu Rebellenführern im Ostkongo nachgesagt, die sie mit Coltan und Gold versorgen. In der Armee bestimmten nun Hutu-Generäle und beeinflussten auch den Präsidenten, während Tutsi-Generäle auf Posten ohne Macht abgeschoben würden. Des Weiteren verhindere die Regierung die Einführung einer im Ab kommen von Arusha vorgesehenen Wahrheits- und Versöhnungskommission. Nkurunziza verspricht sie immer wieder und vertagt sie nun schon seit Jahren. Insbesondere Vertreter der Zivilgesellschaft nehmen an, dass mit der Einrichtung bis nach den Wahlen 2015 gewartet wird, damit möglichst viele Täter weiterhin Immunität genießen. Hutu und Tutsi sind sich freilich über das Verfahren uneins: Erstere wollen eine Kommission, die die Verbrechen der Vergangenheit vergibt, letztere eine, die sie verurteilt. Den Tutsi sind die Ereignisse von 1993 offensichtlich viel näher.

Aber auch die Opposition wird kritisch gesehen: Ihr werden der Wahlboykott und ihr völliger Rückzug 2010 vorgeworfen. Viele meinen, dass sie zumindest die Rolle der Opposition und kritischen Stimme im Parlament hätte wahrnehmen sollen. Ohne jede Kritik und nur umgeben von Satellitenparteien und der UPRONA, die sich an die stärkste Partei angelehnt habe, habe der CNDD-FDD die Gelegenheit genutzt, alle politischen Felder und Posten sowohl in Bujumbura als auch auf sämtlichen Hügeln des Landes mit loyalen Anhängern zu besetzen. Nun habe die Opposition diese Möglichkeit verpasst.

Burundi auf einen Blick

Fläche: 27.834 km2
Einwohner: 10.888.000

Ethnien:
– Hutu: 84 %
– Tutsi: 14 %
– Twa: 2 %

Religionen:
– Christen: 82,8 %
– Katholiken: 61,4 %
– Protestanten: 21,4 %
– Muslime: 2,5 %
– andere: 8,8 %
– unbekannt: 5,9 %

Diözesanpriester: 510
Ordenspriester: 109
Ordensbrüder: 192
Ordensschwestern: 1.416
Laienmissionare: 40
Katechisten: 5.586

Quellen: Worldfactbook 2013; Statistisches Jahrbuch der Katholischen Kirche 2009

Die wichtige Rolle der Kirche

Die überwiegende Mehrheit der Burunder besteht aus Katholiken, aber auch die charismatischen und Pfingstkirchen gewinnen überall Zuwachs. Oft sieht man katholische Würdenträger sowie protestantische und muslimische Geistliche bei »Crusades« des Präsidenten – wie kürzlich Ende August zum 3. Jahrestag seines Wahlsieges 2010. Die katholische Kirche unterhält die besten Bildungseinrichtungen im Land und fördert landesweit soziale Projekte; wie bereits in früheren Jahrzehnten ist sie im Primarschulbereich engagiert. Die katholischen Bischöfe und der Erzbischof von Bujumbura, Evariste Ngoyagoye, predigen Versöhnung und Ausgleich zwischen Hutu und Tutsi und äußern sich in ihren Hirtenbriefen zu Korruption und Armut. Insgesamt allerdings sind sie eher zurückhaltend.

Angesichts der von Gewalt geprägten Geschichte Burundis, ihres Rückhalts in allen Gruppen der Bevölkerung und ihres starken Engagements im Bildungsbereich wäre es wünschenswert, wenn die Kirche zur Vermittlung von demokratischen Werten und Verfahren beitragen würde. Wählerbildung und Wahlbeobachtung nicht nur am Wahltag, sondern weit im Voraus wären ein mögliches Mittel, um eine ähnliche Situation wie den Boykott der Opposition 2010 zu vermeiden und der dann gewählten Regierung zu allgemein anerkannter Legitimität zu verhelfen. Ansonsten könnte die kleine Chance auf Frieden, die das leichte Abflauen des alten Konflikts mit sich bringt, vergeben werden und sich neue politische Gewalt zwischen allen Gruppen breitmachen.

HELGA DICKOW
Politikwissenschaftlerin mit den Forschungsschwerpunkten »Ethnische und religiöse Konflikte« sowie Demokratisierungsprozesse. Der regionale Forschungsschwerpunkt liegt auf dem subsaharen Afrika. Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Arnold-Bergstraesser-Instituts / Freiburg

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