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Ein Leben in Angst!

Die brutale Unterwerfung von Frauen in Indien

von VIRGINIA SALDANHA

Immer häufiger ist zu hören, dass zu den reichsten Menschen der Welt nun auch Asiaten gehören, unter ihnen mehr und mehr Frauen! Frauen in Asien mögen hoch qualifiziert und/oder die gleichen unternehmerischen Fähigkeiten wie Männer aufweisen. Trotzdem ist diesen Frauen eine Erfahrung gemein mit den meisten Frauen Asiens – Gewalt! Häusliche Gewalt, Vorurteile gegen Mädchen, Menschenhandel, sexueller Missbrauch und sexuelle Belästigung von Frauen in allen Lebensbereichen ist eine vertraute Erfahrung für die meisten asiatischen Frauen.

Die Gewalt gegen Frauen beginnt bereits im fötalen Stadium. Die Bevorzugung männlicher Nachkommen, gepaart mit einer Politik der Bevölkerungskontrolle, hat die Vernichtung von Millionen weiblicher Föten insbesondere in Indien und China zur Folge gehabt. Die wirtschaftlichen Fortschritte in diesen Ländern haben keine Auswirkungen auf die kulturellen Vorurteile gegen Mädchen und zugunsten von Jungen.

Ein Schulmädchen hält ein Plakat während eines Gebetstreffens für ein fünfjähriges Vergewaltigungsopfer in Jammu am 20.04.2013. Das Opfer war 40 Stunden in Gefangenschaft und wurde mutmaßlich vergewaltigt und gequält.
FOTO: KNA-BILD

Religiöse Legitimation der Vorherrschaft des Mannes

Alle Religionen sind patriarchal ausgerichtet und fördern Männer als religiöse Führer und als Haupt der Familie, mit Frauen als unterwürfigen Partnern und Hausfrauen. Es gibt religiöse Vorschriften sowohl im Hinduismus (das Gesetz Manu) als auch im Islam (die Shariah) für den »Schutz« (Kontrolle) von Frauen. Insbesondere die Länder Südasiens, wo die Gewalt gegen Frauen am schlimmsten ist, werden durch Denkweisen dominiert, die in diesen religiösen Traditionen ihre Wurzeln haben. Obwohl in eher fortschrittlichen urbanen Gesellschaften diese Gesetze nicht strikt befolgt werden, so untermauern sie doch auch weiterhin Haltungen, die als Gewalt gegen Frauen zum Vorschein kommen. Die religiöse und soziale Legitimation der Dominanz von Männern und ihre Kontrolle über Frauen, schließt Frauen davon aus, eine legitime Autonomie in der Organisierung ihres Lebens unter Einbeziehung ihrer von Gott geschenkten Freiheit zu besitzen.

Straffreiheit für Täter

Asiaten sind zutiefst religiöse Menschen. Religiöse Führer und Gottesmänner erfreuen sich einer privilegierten Position in asiatischen Gesellschaften. Unglücklicherweise haben diese Männer immer wieder ihre Position missbraucht, um Frauen, sei es finanziell oder sexuell, auszubeuten. Und sie können dies unter Straffreiheit tun, weil sie so zusagen Immunität genießen und sich der Unterstützung ihrer großen Anhängerschaft und ergebenen Jüngerschaft erfreuen. In erster Linie sind es Frauen selbst, die blind ihre religiösen Führer verteidigen, selbst wenn diese mannigfacher Vergehen beschuldigt werden.

Als ich den Fall des sexuellen Missbrauchs von Frauen durch einen Priester zur Sprache brachte, sagte mir eine Frau, ich solle endlich damit aufhören, »Priester anzugreifen!«. Diese Frau nahm mich als jemanden wahr, der das Priestertum zerstöre! »Wir brauchen die Priester für unser spirituelles Wachstum!« – so die Frau. Geschockt fragte ich sie, ob solche Priester, die Frauen sexuell missbrauchen, ihr helfen könnten, spirituell zu wachsen!

Vor wenigenWochen wurde ein hinduistischer Gottesmann in Jodhpur in Indien wegen des sexuellen Missbrauchs eines jungen Mädchens von der Polizei gesucht. Das Mädchen war zu seinem Ashram gebracht worden, um geheilt zu werden. Die Polizei hatte dem Guru Vorladungen übergeben und ihn aufgefordert, in die Polizeistation zum Verhör zu kommen. Es hat trotzdem viele Tage gedauert, bis die Polizei, als der Täter der Aufforderung nicht nachgekommen war, ihn schließlich verhaftet hat. Die Polizisten hatten schlichtweg Angst vor der Gegenreaktion seiner Gefolgschaft (vgl. S. 5 in dieser Ausgabe).

Aber auch in Fällen, in denen der Täter eine andere hohe Position in der Gesellschaft bekleidet, seien es Politiker oder Unternehmer, springt ihm in der Regel die Gemeinschaft zu Hilfe und beschuldigt die betroffene Frau, zum sexuellen Missbrauch sozusagen aufgefordert zu haben.

Schülerinnen und Schüler halten am 31.12.2012 in Ahmedabad eine Mahnwache für die in Dehli brutalst vergewaltigte Frau ab. Zugleich protestieren sie gegen die Gewalt gegen Frauen im Land.
FOTO: KNA-BILD

Rollenklischees

Stereotype sind mitverantwortlich für die Gewalt gegen Frauen in Asien. Die traditionelle Rolle von Frauen als Mütter schränkt sie auf das eigene Zuhause ein, wo sie dem Mann zu dienen haben. Die Vergeschlechtlichung (»gendering«) von Zeit und Raum beraubt junge Mädchen der Möglichkeiten zu studieren und Berufe zu wählen, da dies als Bedrohung der Jungfräulichkeit vor der Heirat angesehen wird.

Die hohen Lebenshaltungskosten im 21. Jahrhundert zwingen Frauen trotzdem immer häufiger dazu, außerhalb des Hauses zu arbeiten und ihren Beitrag zum Familieneinkommen zu leisten. Neben der Doppelbelastung haben Frauen häufig mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu kämpfen. Eine frauenverachtende Haltung ihnen gegenüber gibt ihnen sodann auch noch die Schuld dafür, die Aufmerksamkeit der Männer auf sich gezogen und somit die Gewalt provoziert zu haben. In der Konsequenz leiden Frauen sowohl mental als auch emotional, denn sie haben Angst, über ihre erfahrene sexuelle Belästigung außerhalb des Hauses mit einem Ehemann zu sprechen, dem es an notwendiger Sensibilität und notwendigem Verständnis für ihr Problem fehlt. Gewalt gegen Frauen erzeugt eine Angstpsychose bei allen Frauen und nimmt ihnen ihr Selbstvertrauen. Diese Gewalt kann zu einem virtuellen Gefängnis für Frauen werden, denen ständig Angst eingeflößt wird. Die Bedrohung wird benutzt, um Frauen zu beherrschen und zu kontrollieren, direkt oder indirekt durch kulturelle Traditionen und Sozialisierungsprozesse. Auch häusliche Gewalt ist häufig ein Mittel der extremen Kontrolle, die über Ehefrauen ausgeübt wird.

Eine falsch verstandene Männlichkeit

Die Idee, dass ein Mann seine Frau und Töchter »besitzt« und mit seinem Eigentum machen kann, was er will, ist ein sehr wichtiger Faktor, der für die Vergewaltigung innerhalb der Ehe eine große Rolle spielt; ebenso, wenn es zu Inzest und anderen Formen sexueller Gewalt im häuslichen Bereich kommt.

Die Sexualität einer Frau ist an den Namen und die Ehre der Familie des Mannes gebunden. Feinde einer Familie benutzen das Mittel der Vergewaltigung als eine Waffe, um die Ehre dieser Familie anzugreifen. Dies ist eine gängige Praxis in religiösen oder persönlichen Konflikten zwischen Männern.

Manchmal nehmen sich Frauen, die beständig einer emotionalen und psychischen Gewalt unterworfen sind, das Leben oder töten auch ihre Kinder. Ihre »Unfähigkeit«, einen männlichen Nachkommen zu gebären oder die Unfähigkeit ihres Vaters, eine angemessene Mitgift zu zahlen, ist häufig die Ursache für eine Vielzahl von Schikanen, Belästigungen und Bedrängnis. Beschrieben als »Mitgift Tod«, wird die Ermordung einer Frau auch in einer Art und Weise vollzogen, dass es wie ein Selbstmord aussieht oder aber wie ein Unfall in der Küche, in der sich die Frau aufgrund einer explodierenden Gasflasche tödliche Verletzungen oder Verbrennungen zugezogen hat. Sehr häufig ist die Verwandtschaft an den Mitgiftmorden beteiligt.

Die eigentliche Ursache der Gewalt durch Männer ist ein falsches Verständnis von Männlichkeit. Männlichkeit ist eine Metapher für ein Anspruchsdenken und Macht; dieses Verständnis wird häufig als Teil der geschlechtsspezifischen Sozialisation internalisiert. Als einen beständigen Anspruch auf Macht befindet sich die Männlichkeit immer in einem Krisenzustand, da stets die Notwendigkeit besteht, ihre Macht durch ihr Agieren aufrechtzuerhalten: Dies bedeutet zum Beispiel die Befriedigung sexueller Triebe, die Kontrolle von Frauen, das Schlagen der Ehefrau, sobald die eigenen Erwartungen nicht erfüllt werden. All dies wird als normal angesehen. Frauen werden demgegenüber sozialisiert, um jegliche Bedürfnisse ihres Ehemannes zu befriedigen.

Der männliche Anspruch und das Privileg, das bereits Jungen eingeflößt wird, gibt ihnen die Vorstellung, dass eine Frau dem Mann untergeordnet ist. In Indien sind das Kastenwesen und die Armut zudem Ebenen, die die Gewalt gegen Frauen verstärken. Dalit-Frauen sind gegenüber Gewalt am verwundbarsten, sowohl innerhalb als auch außerhalb ihres Zuhauses. Frauen hoher Kasten sind gefangen in einer Konspiration des Schweigens, um die Familienehre aufrechtzuerhalten. Sie würden das begangene Unrecht ihres Ehemannes oder Bruders an Dalit-Frauen niemals zugeben

Nach der Vergewaltigung der jungen Frau in Dehli am 16.12.2012 haben viele Frauenorganisationen und Menschenrechtsorganisationen im gesamten Land zu Protesten aufgerufen. In zahlreichen Veranstaltungen wurde die Gewalt gegen Frauen thematisiert. Auch die Kirche beteiligt sich aktiv am Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen. Alle Pfarreien des Dekanates Andheri in Mumbai nehmen an Programmen teil, die Veränderungen in der Gesellschaft
zum Ziel haben.
FOTO: VIRGINIA SALDANHA

Der ungeschützte öffentliche Raum, Frauenhandel und Gewalt am Arbeitsplatz

Es gibt wohl keine Frau in Indien, die behaupten kann, dass sie niemals eine Form der Belästigung von Männern erfahren hat, während sie sich in der Öffentlichkeit bewegt hat. Frauen, die ohne die Begleitung eines Mannes unterwegs sind, werden als Freiwild für Männer angesehen und bedrängt. Sie werden begrabscht, befummelt und gekniffen, oder sie hören im Vorbeigehen anzügliche Bemerkungen von Männern. Junge Frauen, die in Begleitung ihres Freundes unterwegs sind, werden als »lockere Frauen« angesehen und beide, sowohl die Frau als auch ihr Freund sind verwundbar für Übergriffe. Oder wenn ein junger Mann ein Mädchen sieht, in das er sich verliebt, so glaubt er, dass er berechtigt sei, sie zu haben. Er wird ihr folgen und sexuelle Annäherungsversuche starten. Wenn sie seinen Antrag ablehnt, wird er sie sehr wahrscheinlich bestrafen, zum Beispiel indem er ihr Säure ins Gesicht schüttet, um sie auf diese Weise so zu verunstalten, dass sie niemals einen anderen Mann haben wird.

Urbanisierung, Migration von Männern sowie Sextourismus gepaart mit Armut haben zum rasanten Wachstum des Frauenhandels für die Sexindustrie beigetragen. Junge Mädchen verlassen entweder selber aufgrund der Perspektivlosigkeit ihre Dörfer, um in die Städte zu ziehen oder werden von ihren Eltern an Agenten des Menschenhandels verkauft, die in die abgelegensten Regionen reisen, wo die Armut hoch und Arbeitsmöglichkeiten nur sehr gering sind. Diese Agenten des Menschenhandels versprechen ihnen, lukrative Jobs in Großstädten zu besorgen. Wenn sie dann erst einmal in der Stadt gelandet sind, werden die Mädchen wiederholt vergewaltigt, um sie zu brechen und für die Sexarbeit gefügig zu machen.

Gewalt gegen Arbeiterinnen im nicht organisierten Sektor der Arbeitswelt, wo vor allem Ungelernte tätig sind, ist noch brutaler und direkter. Hausmädchen werden geschlagen, weil sie einen Fehler gemacht haben oder weil der Arbeitgeber meint, dass sie einen Fehler begangen haben könnten. In Wutanfällen nehmen diese Männer dann häufig irgendwelche Gegenstände, die ihnen gerade in die Hände fallen, um auf die Mädchen einzuschlagen. Wir sind auf Mädchen getroffen, die gebrandmarkt, bewusstlos geschlagen oder sogar ermordet worden sind. Auch werden Hausmädchen von den Männern in den Haushalten sexuell angegriffen. Wenn sie sich wehren, werden sie beschuldigt, Dinge gestohlen zu haben und in der Folge entlassen oder aber landen im Gefängnis. Es ist ein Unglück, dass auch die Arbeitgeberinnen diese armen Frauen bedrängen.

Besonders gefährdete Gruppen

Das Gewaltrisiko ist besonders unter Prostituierten sehr hoch, wo zu den Tätern häufig genug auch Ordnungskräfte gehören. Im Jahr 2012 wurden 49 Prozent der Prostituierten in Bangladesch von Polizisten vergewaltigt und 59 Prozent von Polizisten verprügelt. In Indien werden die Prostituierten wie Gefangene in einem Bordell unter den wachsamen Augen einer »Madam« gehalten, die meist eine ehemalige Prostituierte ist. Sehr häufig werden sie von ihren Kunden brutal behandelt. Die soziale Haltung ihnen gegenüber verurteilt diese Frauen zu einem Leben, das sie aus der Gesellschaft verbannt und es ihnen schwer macht, ihre Stimme gegen solch eine Gewalt zu erheben.

Eine weitere Hochrisikogruppe sind Frauen mit Behinderungen. Sie werden missbraucht von Menschen, deren Pflege sie anvertraut wurden. In der Stadt Mumbai wurden 48 Prozent der behinderten Frauen sexuell missbraucht, so die Ergebnisse einer Studie des »Centre for Special Education« der SNDT Women’s University. Behinderte Frauen werden zweimal so oft Opfer häuslicher Gewalt, denn für sie ist es praktisch unmöglich, Hilfe zu holen oder aber wegzulaufen.

Eine ineffiziente Strafverfolgung

Wenn eine Frau Opfer von Gewalt geworden ist, wird ihr Trauma verstärkt durch den grauenvollen Prozess der Befragung, dem sie ausgesetzt wird. Auf der anderen Seite plädiert der Täter entweder auf unschuldig oder aber behauptet, dass er von der Frau dazu »verleitet« worden sei.

Solange die Polizei und das Justizwesen diese Verbrechen nicht effektiv verfolgen, haben Frauen nicht das Vertrauen, Gerechtigkeit einzufordern. In Indien kommt es lediglich in 24 Prozent der sexuellen Verbrechen gegen Frauen zu einer Verurteilung. Die meisten Verbrechen werden erst gar nicht angezeigt, da viele betroffene Frauen sich weigern, sich diesen Gerichtsprozessen, die als Farce angesehen werden, auszusetzen.

Große Zustimmung in der Öffentlichkeit hat die Verhängung der Todesstrafe am 13. September gegen die vier Täter der Gruppenvergewaltigung der jungen Frau in Dehli erfahren. Der Haupttäter hatte zuvor bereits im Gefängnis Selbstmord begangen, ein jugendlicher Mittäter war in einem gesonderten Verfahren gemäß Jugendstrafrecht zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt worden. Insbesondere der zum Tatzeitpunkt noch jugendliche Täter (es fehlten nur wenige Monate bis zur Erlangung des Erwachsenenalters) muss am brutalsten vorgegangen sein. Sein Strafmaß ist dementsprechend harsch in die Kritik geraten, zumal die Jugendgefängnisse in Indien nicht den Ruf einer Erziehungsanstalt haben. Es ist also davon auszugehen, dass dieser junge Mann nach der angesichts des Verbrechens sehr milden Strafe erneut straffällig wird.

Wichtig zu sehen ist, dass in Indien 23.792 Vergewaltigungsfälle vor Gericht anhängig sind und zum Teil schon sehr lange auf den Prozessbeginn warten.

Erst jüngst ist ein Dalit-Mädchen in Jind / Harayana brutalst vergewaltigt und ermordet worden. Die Polizei hat nicht einmal die Strafanzeige der Eltern angenommen. Wird das Gerichtsverfahren im Fall der Gruppenvergewaltigung von Dehli also eine singuläre Darbietung für die Öffentlichkeit bleiben? Können die Opfer von Vergewaltigungen wirklich auf Gerechtigkeit hoffen? Und ist die Todesstrafe wirklich eine adäquate Strafe? Im Fall des vermeintlichen Haupttäters, der sich nach zweimonatiger Haft das Leben genommen hat, scheint der Tod eher eine Flucht denn eine Strafe zu sein.

Vandana Kumari (19) ist eine von vielen Frauen im Land, die zum Opfer von Gewalt geworden ist. Im Haus der katholischen
Ordensgemeinschaft der »Society of the Maids of the Poor« hat sie Schutz und Zuflucht gefunden.
FOTO: FRIEDRICH STARK

Das Schweigen brechen

Der Medienrummel nach dem entsetzlichen sexuellen Überfall am 16. Dezember vergangenen Jahres auf die junge Frau in Dehli in einem Bus hat das kollektive Gewissen Indiens aufgeweckt. Menschen begannen, die allgegenwärtige Realität im Leben von Frauen wahrzunehmen. Es war ermutigend zu sehen, dass viele Männer sich den Protesten gegen den fehlenden Schutz von Frauen in der Öffentlichkeit angeschlossen haben. Während sie begannen, die kulturellen Haltungen gegenüber Frauen im Land in Frage zu stellen, haben wir aber auch viele disparate frauenfeindliche Stimmen von Menschen in verantwortlichen Positionen vernommen, die den Frauen selbst die Schuld für sexuelle Übergriffe geben.

Das entsetzliche Verbrechen an der jungen Frau erzeugte viele Diskussionen und Debatten zum Problem der Gewalt gegen Frauen. Im Rahmen dieses Prozesses wurden vielfältige Mythen, die um die Frage von Gewalt gegen Frauen kreisen, in Frage gestellt und zum Einsturz gebracht. Endlich wurde anerkannt, dass Frauen einen Anspruch auf Mobilität und ein Recht auf Freiheit haben und dass der Staat verpflichtet ist, diese Freiheit zu schützen.

Die Proteste wurden fortgeführt, bis die Regierung Indiens sich regte und einen Wandel vollzog. Die Errichtung des »Justice Verma Committee«, das beauftragt wurde, Ergänzungen zum Strafrecht zu erarbeiten, um schnellere Gerichtsverfahren und erweiterte Strafen für Verbrecher zu ermöglichen, die der sexuellen Gewalt gegen Frauen angeklagt werden, sind das Ergebnis dieses durch die Proteste erzeugten neuen Bewusstseins. In der Rekordzeit von nur 30 Tagen hat diese Kommission einen sehr umfangreichen Bericht erarbeitet, der einige sehr wichtige Veränderungen im Strafrecht und in der Strafprozessordnung in Fällen der Gewalt gegen Frauen vorsieht. Das 2013 verabschiedete Gesetz zur Ergänzung des Strafrechts sieht nun strengere Auslegungen in Fällen der sexuellen Gewalt vor. Zudem wurde der Begriff der sexuellen Gewalt erweitert. Stalking von Frauen (sowohl physisch als auch mit Hilfe der virtuellen / Internetwelt), Voyeurismus und Säureangriffe fallen nun auch unter den Straftatbestand der sexuellen Gewalt. Zudem wurde die Beweislast umgedreht. Der Angeklagte muss nun in Fällen der sexuellen Gewalt seine Unschuld beweisen.

Dieses veränderte Bewusstsein hat viele Frauen motiviert, hervorzutreten und entsprechende Gewaltvorfälle anzuzeigen. Die Gruppenvergewaltigung einer Fotojournalistin im August 2013 in Mumbai hat dazu beigetragen, das Bewusstsein in Fragen von Vergewaltigungen weiter zu steigern. Die vergewaltigte Frau bewies einen enormen Mut, indem sie nach dem Vorfall direkt zur Polizei ging und das Verbrechen anzeigte. Daraufhin bestand sie darauf, in ein Hospital zu gehen, um behandelt werden zu können. Folglich sind die Beweise der Vergewaltigung nicht zerstört worden und die Forensiker haben wichtige Beweismittel sichern können, mit denen die Polizei arbeiten kann. Ihr Mut zeigt Wirkung. Ein früheres Vergewaltigungsopfer hat sich daraufhin ermutigt gefühlt und von ihrer Vergewaltigung durch die gleiche Gruppe berichtet. Menschen beginnen nun, über Vergewaltigungen zu sprechen, was zuvor ein absolutes Tabu war.

Die Kirche bezieht Position

Die Erzdiözese Bombay hat mit Hilfe der Frauenkommission eine Kampagne gestartet, die sich »37 Millionen entzündete Lichter« nennt. Die Zahl 37 Millionen steht für die Zahl von Frauen, die aufgrund der begangenen Gewalt gegen Frauen – selbst wenn es noch ungeborene Babys waren – in der indischen Gesellschaft fehlen. Die Kampagne startete am 30. Januar 2013. Jede Pfarrei war aufgefordert, ein Begleitprogramm zu der Kampagne durchzuführen, um das Problem der Gewalt gegen Frauen hervorzuheben. Alle Programme im Monat März, in dem der Weltfrauentag begangen wird, haben die Gewalt gegen Frauen in den Mittelpunkt gestellt und Möglichkeiten aufgezeigt, was Familien tun können, um diesem Problem entgegenzutreten.

Satyashodak (»Suche nach Wahrheit«), eine katholische Frauengruppe in Mumbai, hat die Verantwortung übernommen, Bewusstseinsbildungsprogramme für die Erzdiözese zu erarbeiten. Ausbildungsmodule zur Genderfrage wurden von der Nichtregierungsorganisation Avehi Abbacus für den Gebrauch in diözesanen Schulen entwickelt. Diese Module wurden im laufenden Schuljahr eingeführt. In Folge der Gruppenvergewaltigung von Mumbai hat die NRO zudem ein Diskussionspapier zum Thema Vergewaltigungen in Umlauf gebracht. Dieses Papier, das über das diözesane Netzwerk der Kommissionen, Gremien und Pfarreien Verbreitung findet, lädt zur Diskussion und zum Gespräch innerhalb der Familie, der Kleinen Christlichen Gemeinschaften und weiteren interessierten Gruppen ein. Weitere Diskussionspapiere sind in Vorbereitung, die andere Formen der Gewalt gegen Frauen zum Thema haben.

Das Fest der Geburt Mariens, das viele Menschen verschiedenster Glaubensgemeinschaften zur Marienbasilika Mumbais zieht, wird genutzt, um auch Menschen außerhalb der Kirche zu erreichen und sie für das Thema Vergewaltigungen zu sensibilisieren. Eine Unterschriftenkampagne wurde vor der Basilika, aber auch in den Pfarreien durchgeführt. Sie fordert die Regierung dazu auf, die Sicherheit von Frauen zu garantieren und sowohl die Polizeiarbeit als auch die Arbeit der Justiz effizienter zu gestalten, um eine adäquate und schnelle Strafverfolgung in Fällen der Vergewaltigung zu ermöglichen.

Die Gender Policy der katholischen Kirche Indiens anerkennt, dass »Gewalt gegen und Diskriminierung von Frauen die Verbrechen sind, die am seltensten bestraft werden.« Gegründet auf dem biblischen Verständnis, dass sowohl Männer als auch Frauen als Ebenbilder Gottes geschaffen wurden, setzt sich die Gender Policy dafür ein, eine Gesellschaft zu errichten, in der Frauen ermächtigt werden, frei von Gewalt leben zu können und ihr volles menschliches Potential erreichen können.

Bereits im Jahr 2010, als erstmals in einem Artikel von UCANews über sexuellen Missbrauch von Frauen in der katholischen Kirche berichtet wurde, organisierte Streevani (»die Stimme der Frauen«), eine von Ordensfrauen in Pune geleitete Nichtregierungsorganisation, eine nationale Konsultation, um die Probleme der Beziehungen der Geschlechter innerhalb der Kirche im Kontext der kurz zuvor verabschiedeten Gender Policy der indischen Bischofskonferenz zu diskutieren. In den darauf folgenden Jahren erfolgten weitere Konsultationen zu unterschiedlichen Aspekten des gleichen Themas. Engagierte Laien und Ordensleute, Männer und Frauen, trafen sich mit zwei Bischöfen, um Antworten undWege zu finden, die Probleme zu beheben. Die Konsultation schlug der indischen Bischofskonferenz schließlich vor, eine entsprechende Policy zu entwickeln und zu verabschieden, um adäquat mit Fällen des sexuellen Missbrauchs von Frauen in der Kirche – missbraucht sowohl von Priestern als auch von Laien – umgehen zu können.

Ein weiter Weg

Die indische Frauenbewegung, die Frauen aller Religionen und Glaubensgemeinschaften anzieht, hat über die Jahre hinweg die Regierung gedrängt, verschiedene Gesetze zum Schutz von Frauen zu erlassen. Diese Frauen kritisieren sehr deutlich die sexistischen Haltungen in ihren eigenen religiösen Traditionen. Sie werden als radikale Feministinnen abgelehnt. Jedoch verändert die Demokratie des Internets das Denken der jungen Generation. Der Wandel in religiösen Traditionen wird an der Basis vollzogen. Der Weg, um eine Gesellschaft zu errichten, in der Frauen in Indien relativ frei von Gewalt leben können, ist noch ein sehr weiter. Die Bedeutung der andauernden Kampagnen gegen die Gewalt an Frauen kann nicht genug betont werden. In der Zwischenzeit jedoch haben die Frauen die Verantwortung zu übernehmen, sich selbst zu schützen. Zugleich sollten sie der Bedrohung durch Gewalt nicht erlauben, ihre eigene Mobilität und ihre Berufsmöglichkeiten einzuschränken. Frauen müssen zuversichtlich, zugleich aber auch klug sein, wenn sie sich ihres Rechts auf Freiheit erfreuen wollen.

VIRGINIA SALDANHA
Theologin, ehemalige Leiterin des Office for Laity der Föderation asiatischer Bischofskonferenzen, Mumbai / Indien

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