Die zunehmende Gewalt gegen Frauen in Indien Eine theologische Antwort corner

Die zunehmende Gewalt gegen Frauen in Indien

Die zunehmende Gewalt gegen Frauen in Indien

von SHALINI MULACKAL PBVM

Vergewaltigung und andere Formen der Gewalt gegen Frauen ist kein neues Phänomen in Indien. Was neu ist, ist das steigende Bewusstsein hinsichtlich dieses Verbrechens und die Massenproteste in ganz Indien, die sich sogar nach der entsetzlichen Gruppenvergewaltigung einer 23-jährigen Frau in Dehli am 16. Dezember 2012 auf Nachbarländer ausgedehnt haben. Die Frau ist nicht nur von einer Gruppe vergewaltigt worden; sie war einer sadistischen Folter mit Eisenstangen unterworfen worden. Nach diesen grauenvollen Taten haben die sechs Vergewaltiger sie zusammen mit ihrem Freund aus dem fahrenden Bus geworfen, mit der Absicht, sie zu töten. Aber sie starb nicht sofort. Sie kämpfte tapfer über Tage um ihr Leben und erwarb sich den Namen Nirbhaya. Trotz der brutalen Vergewaltigung, der Folter und Demütigung hat sie leben wollen. Erst später starb sie an multiplem Organversagen in einem Spezialkrankenhaus in Singapur. Ihre physischen Organe versagten, aber so hatten es auch die sozialen Organe getan: Die Polizei hatte versagt, die Politik, der Staat, die Gesellschaft und jeder ihrer Mitbürger hatte versagt.

Menschen halten am 29.12.2012 Kerzen bei einer Mahnwache in Neu-Delhi für Nirbhaya, eine junge Frau, die am 16. Dezember von einer Gruppe von Männern brutalst vergewaltigt worden war und später an ihren Verletzungen starb.
FOTO: KNA-BILD

Tageszeitungen berichteten in der Folge über eine Serie von Vergewaltigungen im Land, von Punjab bis Puducherry, von Bengalen bis Bangalore. Ein fünfjähriges Kind ist von zwei Männern im Distrikt Bidar in Karnataka vergewaltigt worden und niemand wurde verhaftet. In Patiala hat ein Mädchen Selbstmord begangen, weil sie die Belästigungen durch die Polizei nach der Vergewaltigung nicht länger ertragen konnte. In Bangalore wurde die Familie eines Vergewaltigungsopfers zum Angriffsziel der Gemeinschaft. Die Ältesten der Gemeinschaft forderten vom Vater, das junge Mädchen an ihren Vergewaltiger zu verheiraten, der bereits eine Ehefrau hatte. Als der Vater sich weigerte, begann die Gemeinschaft, die Familie zu ächten. Die Polizei manipulierte die Aussagen des Mädchens, um dem Vergewaltiger zu helfen. Und erst jüngst, am 22. August ist eine 22-jährige Fotojournalistin in Mumbai von Männern vergewaltigt worden. Nach ihrer Verhaftung gaben die fünf Männer schließlich zu, zuvor bereits eine Lumpensammlerin und eine Prostituierte vergewaltigt zu haben, sowie eine Frau, die mit ihrem Freund in dem Gebiet unterwegs war, sexuell belästigt zu haben. Angesichts diesen Kontextes ist man geneigt zu denken, dass es »eine Kultur der Vergewaltigung und des Sadismus in Indien gibt, die das gesamte Land befallen hat.«

Die bestialische Gruppenvergewaltigung von Nirbhaya hat das soziale Gewissen der Nation aufgeweckt. Seitdem wimmelt es in allen Medien nur so an Berichten und Diskursen über Gewalt gegen Frauen, die Ursachen, Heilmittel, angemessene Strafen für Täter etc. Tageszeitungen, Magazine und Zeitschriften sind voll von Berichten und Artikeln zu diesem Thema. Die Regierung hat eine Kommission beauftragt, die Situation zu analysieren und Empfehlungen zu erarbeiten. Innerhalb eines Monats legte das Justice Verma Committee seinen Bericht vor. Diese Kommission hatte zuvor Vorschläge von Individuen und Gruppen angehört, die sich für eine gesunde und sichere Gesellschaft einsetzen.

Kein Zweifel, Gewalt gegen Frauen nimmt zu. Ihre hässlichste und grausamste Form ist die Vergewaltigung, die die gesamte Person umfasst, ihren Körper, ihre Gefühle, ihre Psyche, ihr Denken und ihren Geist. In diesem Kontext versucht dieser Artikel, die vielfältigen Faktoren anzusehen, die der zunehmenden Gewalt gegen Frauen den Boden bereiten, insbesondere der Vergewaltigung. Zugleich wird die Frage gestellt, welche Rolle die Kirche und die katholische Theologie spielen kann und muss, um die Würde und die Rechte von Frauen in diesem Land sicherzustellen, indem sie die vielen Missstände in unserer heutigen Gesellschaft mutig thematisiert.

Vielfältige Formen der Gewalt

Gewalt gegen Frauen hat viele Formen in Indien. Sie tritt in Erscheinung als Tötung des weiblichen Fötus, Kindsmord, sexuelle Belästigung und Nötigung, Einschüchterungen am Arbeitsplatz, Vergewaltigung, Entführung und Menschenraub, Entblößung und Bloßstellung von Frauen, Hexenjagd und Lynchjustiz, Frauenhandel, Zwangsprostitution, Gewalt im Kontext von Kastenkonflikten und Konflikten zwischen Religionsgemeinschaften, Mitgiftmorde, häusliche Gewalt, Ehrenmorde etc. Unter diesen Gewaltformen fordert die Tötung weiblicher Föten den höchsten Tribut. Es gibt Schätzungen, die von 50–60 Millionen »missing girls« in Indien für das letzte Jahrhundert ausgehen, infolge der Tötung weiblicher Föten und des Kindsmordes. Die Verunstaltung und Verletzung von Frauen, indem ihnen Säure ins Gesicht oder auf den Körper geschüttet werden, ist eine andere Form der Gewalt, die sich immer weiter verbreitet. Die Gründe für einen Säureangriff sind unterschiedlich – angefangen bei der Zurückweisung eines Heiratsantrages oder der Zurückweisung eines Mannes, der sich in das Mädchen oder die Frau verliebt hatte. Säureangriffe werden aber auch als Rache verübt, wenn es zuvor zwischen Männern einen Disput gegeben hatte. Ein Säureangriff verunstaltet nicht nur die Frau, sondern verletzt massiv ihre Psyche.

Gewalt findet inzwischen in solchen Ausmaßen statt, dass man von »dem Lebenszyklus der Gewalt gegen Frauen« sprechen kann. In jedem Lebensabschnitt einer Frau gibt es Gewalt. Und diese Gewalt beginnt bereits vor der Geburt durch die Abtreibung aufgrund des Geschlechtes oder der Tötung des weiblichen Fötus. Im Säuglings- und Kleinkindalter kommt Gewalt als Kindsmord von Mädchen, als Ablehnung der Tochter oder als sexueller Missbrauch vor. Während der Kindheit kommt es zu Kindesmissbrauch, Unterernährung und in einigen Kulturen auch zur Genitalverstümmelung. Im Jugendalter findet sich Zwangsprostitution, Mädchenhandel, erzwungene Verheiratung, Vergewaltigung, psychischer Missbrauch etc. Im gebärfähigen Alter erleiden Frauen Ehrenmorde, Mitgiftmorde, Gewalt durch ihre Partner, sexuelle Übergriffe durch Fremde, Mord, sexuelle Belästigung und Frauenhandel. Im Alter nimmt die Gewalt die Form der Ablehnung und schlechten Behandlung von Witwen an.

Jegliche Gewalt gegen Frauen ist die Manifestierung der ungleichen Machtverteilung zwischen Mann und Frau und des untergeordneten Status einer Frau in Familie und Gesellschaft. Vergewaltigung gehört zu den gewaltsamsten öffentlichen Manifestationen der Unterwerfung der Frau. Armee und Polizei nutzen Vergewaltigungen als legitime Waffe an Orten, an denen es Unruhen gibt.

Bei all dem wird eines deutlich: Die Gewalt gegen Frauen, insbesondere Vergewaltigungen, nehmen Tag für Tag zu. Das National Crime Records Bureau (NCRB) berichtet von 10.068 Vergewaltigungen im Jahr 1990. Im Jahr 2011 führte die Statistik 24.206 Fälle auf. Zwischen 1971 und 2011 ist die Zahl der registrierten Fälle um 873 Prozent gestiegen. Diese statistischen Daten sind sehr hoch, obwohl davon auszugehen ist, dass die Mehrzahl der Vergewaltigungen erst gar nicht zur Anzeige kommen und somit gar nicht registriert werden.

Anhänger der Republikanischen Partei Indiens (RPI) rufen zum Protest während einer Demonstration gegen die Vergewaltigung einer Foto-Journalistin in Mumbai am 23.08.2013.
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Ursachen der Gewalt

Gewalt gegen Frauen ist nicht einzugrenzen auf eine singuläre Ursache. Es ist das Ergebnis einer Reihe von Faktoren, die einander gegenseitig verstärken. Eine Vielzahl von Diskussionen und Debatten finden zur Zeit im gesamten Land, insbesondere seit dem Fall Nirbhaya in Dehli statt. Eine Vielzahl von Gründen ist von Gelehrten und Sozialwissenschaftlern ans Licht gebracht worden. Wenn man sich die zahlreichen neueren Publikationen anschaut, dann kann man die folgenden Faktoren als die wohl wichtigsten identifizieren, die Gewalt gegen Frauen fördern, insbesondere sexuelle Gewalt gegen Frauen in Indien.

1. Patriarchale Kultur und Neoliberalismus Eine wesentliche Ursache für jegliche Formen der Gewalt gegen Frauen ist die vorherrschende patriarchale Kultur in Indien. Dieses Patriarchat ist seinem Wesen nach semi-feudal und aufs Kastenwesen gegründet. Männer und Frauen, die in patriarchalen Gesellschaften sozialisiert sind, internalisieren Haltungen, Weltansichten und Verhaltensmuster, die für Frauen bedrückend sind. Der Respekt für Frauen hat keine Priorität. Sie werden lediglich als diejenigen angesehen, die die Männer mit Sex und mit Nahrungsmittel versorgen und zugleich als Gebärmaschinen fungieren. Mohan Bhagwat, Chef der RSS (Anm: Rashtriya Swayamsevak Sangh – »Nationale Freiwilligenorganisation « – ist eine radikal-hinduistische Organisation, die der Hindutva-Bewegung zuzurechnen ist und die Leitidee »eine Nation – eine Religion« verfolgt) bezeichnet Frauen als Hausdienerinnen mit Dienstleistungsvertrag. Unter solch einem System wird die Unterwerfung der Frau zur Norm. Vergewaltigung ist dann eine Art der Unterwerfung. Es ist ein Indikator, dass gleichzeitig ökonomische und politische Rechte von Frauen ebenfalls verweigert oder verletzt werden. Frauen werden also gezwungen, die Ungleichheit zu akzeptieren. Jeglicher Widerspruch oder Abweichung von Seiten der Frauen wird durch eine Machtdemonstration des Mannes beantwortet, was häufig in physischer Gewalt zum Ausdruck kommt.

Semi-feudales Patriarchat manifestiert sich auf unterschiedliche Art und Weise. Es beginnt mit der vorherrschenden negativen Haltung gegenüber Mädchen, resultiert in der Selektion weiblicher Föten, weist Mädchen einen untergeordneten Status in der Familie zu, verweigert ihnen den ihnen zustehenden Anteil an einer ganzheitlichen Erziehung, gefolgt von der Forderung nach einer Mitgift und einer schlechten Behandlung nach der Heirat. Patriarchale Systeme verweigern Frauen Gerechtigkeit, und Vergewaltigung ist der ultimative Missbrauch und die ultimative Verletzung der Geschlechtergerechtigkeit.

Als Indien seine neuenWirtschaftspolicies einführte und seine Türen für den Neoliberalismus und die Marktwirtschaft im Jahr 1991 öffnete, erlaubte es zugleich dem imperialistischen Patriarchat einzutreten.Heute scheint die steigende Gewalt gegen Frauen das Ergebnis der Konvergenz eines imperialistischen Patriarchats mit dem zuvor bereits existierenden semi-feudalen, auf das Kastenwesen basierenden Patriarchat Indiens zu sein. »Imperialistisches Patriarchat macht den Körper von Frauen, ihre Schönheit und Arbeit zu verkaufsfähigen Handelswaren.«Der Charakter des imperialistischen Patriarchats wird deutlich, wenn man sich die Vergewaltigungsrate in den USA anschaut. Schätzungen besagen, dass eine von sechs amerikanischen Frauen und einer von 33 Männern einen Vergewaltigungsversuch oder aber eine Vergewaltigung erleiden mussten. Es ist wichtig zu sehen, dass in Indien die Zahl der Vergewaltigungen während dieser zwei Jahrzehnte des Neoliberalismus um 230 Prozent angestiegen ist.

Neoliberalismus hat zu einer dramatisch steigenden Kluft zwischen Arm und Reich geführt. Der Konsumismus der Klasse der Reichen ist für die Armen durch die Medien offensichtlich. Man kann nicht abstreiten, dass die Wut und die Frustration der Armen zunehmen, und Frauen sind offensichtlich zum Ziel dieser Wut und Frustration geworden. Mehr noch, die zunehmende Gewalt gegen Frauen ist die Konsequenz des »rücksichtslosen Wachstums«, gefördert durch den Staat mit Hilfe neoliberaler Reformen. Eine Wirtschaftslehre der Kommerzialisierung errichtet eine Kultur der Kommerzialisierung.

Demonstranten halten Kerzen während eines Gebetstreffens für ein fünfjähriges Vergewaltigungsopfer in Jammu am 20.04.2013. Das Opfer war 40 Stunden in Gefangenschaft und wurde mutmaßlich vergewaltigt und gequält.
FOTO: KNA-BILD

2. Frauen als Sexobjekte

Frauen werden vermehrt dargestellt und wahrgenommen nicht als Personen mit Intelligenz und Gefühlen, sondern als Objekte für sexuelle Vergnügungen. Verschiedene Gründe können dafür angeführt werden. Die führendenWerbeagenturen, die Produzenten billiger Filme für Erwachsene, so genannte »blue films«, die Produzenten und Vertreiber pornographischer Materialien, die für jedermann im Internet zugänglich sind, stellen sicher, dass Frauen als Sexobjekte wahrgenommen werden. Das gleiche gilt für die führenden Fernsehkanäle im Land. Diese Darstellung von Frauen als Lustobjekte untergräbt die Würde von Frauen als Personen und machen sie verwundbar für sexuelle Übergriffe.

3. Mangel an Good Governance

Seit seiner politischen Unabhängigkeit verfolgt Indien eine parlamentarische Demokratie mit ordentlich gewählten Repräsentanten, die die herrschende Gruppe bilden. Aber Indien leidet unter massiver Korruption, und zwar auf allen Ebenen. Die Regierung hat bisher völlig versagt, die Korruption einzudämmen. In solch einer Situation ist es schwierig, Rechtsstaatlichkeit zu implementieren. Selbst Schwerverbrechern ist es möglich davonzukommen, wenn sie genug Geld haben, um alle Beteiligten der Strafverfolgungsbehörden zu bestechen. Eine Gesellschaft, die schlecht regiert wird und eine weitverbreitete Gewalt im wirtschaftlichen Bereich aufweist, wird mit Sicherheit eine hohe Rate schwerer Verbrechen aufweisen, Vergewaltigungen eingeschlossen. Der Bericht des von der Regierung zu Beginn des Jahres errichteten Justice Verma Committee betont das Gleiche, wenn es dort heißt: »Das Versagen von good governance ist die offensichtliche Ursache für das gegenwärtige unsichere Umfeld, das die Rechtsstaatlichkeit zerfrisst.« Und der Bericht fährt fort: »Wir fühlen uns erschüttert zu sagen, dass alle Organe des Staates in unterschiedlichem Grad darin versagt haben, das Versprechen auf Gleichheit zugunsten der Frauen zu erfüllen.«

Zudem ist das Kastenwesen ein großer Spaltfaktor unter den Polizeikräften. Die Registrierung von FIR (Anm: First Information Report – vergleichbar mit einer Strafanzeige), insbesondere in Vergewaltigungsfällen, ist in allen Staaten der indischen Union zutiefst vom Kastendenken bestimmt. Wenn eine Frau einer niedrigen Kaste oder gar eine Dalit-Frau zur Polizei geht, um jemanden anzuzeigen, weigert sich sehr häufig die Polizei, diese Anzeige aufzunehmen. Vergewaltigung ist häufig ein »Mittel der Herrschaft« der Mitglieder hoher Kasten oder auch der Armee und Polizei. Vergewaltigung wird als Waffe eingesetzt, um den Betoffenen eine verächtliche Niederlage und Demütigung einzuflößen. In solchen Fällen ist es für die Opfer sehr schwer, Gerechtigkeit einzufordern.

4. Geringe Verurteilungsrate der Täter

Gemäß der Polizeistatistik wurden im Jahr 2011 in Indien 228.650 Verbrechen gegen Frauen begangen, darunter 24.206 Vergewaltigungen, 35.565 Entführungen und Menschenraub. Dies sind jedoch lediglich die registrierten Fälle. Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. Dem Vergewaltiger ist es also sehr einfach möglich davonzukommen, während die Frau durch die Gesellschaft stigmatisiert wird. Diese Situation ermutigt letztlich dazu, die Sicherheit von Frauen und ihre Rechte zu verletzen. Und selbst wenn eine Anzeige gestellt und der Fall registriert worden ist, gibt es keine Garantie, dass der Täter auch seine Strafe erhält. Die Verurteilungsrate in Vergewaltigungsfällen ist von 47 Prozent im Jahr 1971 auf 20 Prozent im Jahr 2001 gesunken. Im Jahr 2012 gab es in Dehli in den 635 registrierten Vergewaltigungsfällen nur eine einzige Verurteilung. Diese geringe Verurteilungsrate und auch die häufig sehr geringe Strafe, die ein Täter erwartet, sind bestimmt keine Abschreckung für Vergewaltiger.

Frauen demonstrieren gegen die zunehmende Gewalt gegen Frauen in Srinagar in der Kaschmir-Region.
FOTO: KNA-BILD

Theologische Antwort

Zunächst müssen wir zugeben, dass alle Religionen, ohne Ausnahme, ebenfalls ihren Beitrag zur Unterwerfung der Frau in der Gesellschaft leisten. Frauen wird nicht der gleiche Raum und die gleiche Rolle in religiösen Fragen eingeräumt. Die Religionen verstärken demnach die patriarchalen Werte und vorherrschenden Haltungen in der Gesellschaft. In den meisten Religionen sind Frauen nicht Teil der Entscheidungsfindung. Obwohl Religionen wie das Christentum die gleiche Würde und den gleichenWert von Frauen hervorheben, sowohl in den Schriften als auch den Lehraussagen, so verbreiten sie doch in der Praxis die männliche Überlegenheit und weibliche Minderwertigkeit. Die ungleiche Position von Frauen in der Kirche ist am offensichtlichsten in der Nichtteilhabe von Frauen am ordinierten Amt, an Organen der Entscheidungsfindung, im Beharren auf eine exklusive Sprache in der Liturgie und der Anrede Gottes mit fast ausschließlich männlichen Pronomen und Bildern. Diese Situation in der Kirche muss früher oder später in den Blick genommen werden, so dass das volle Menschsein von Frauen sowohl in der Theorie als auch der Praxis zum Ausdruck kommen.

Religionen besitzen aber auch eine befreiende Schubkraft. Als Beispiel sei das grundlegende Ereignis im Alten Testament, nämlich die Exodus-Erfahrung, genannt. Es ist ein Paradigma für die Befreiung einer jeglichen unterdrückten Gruppe. Jesus verkündet in den Evangelien durch seineWorte und Taten das volle Menschsein von Frauen. Den Fußspuren Jesu folgen bedeutet demnach, sich seine Werte und Haltungen zulegen und auf eine gerechte Gesellschaft hinarbeiten, in der Männer und Frauen gleichermaßen respektiert werden und füreinander Sorge tragen. Nur in der Errichtung solcher Gesellschaften können wir eine gewaltfreie Welt für Frauen sicherstellen.

Die katholische Kirche in Indien hat bereits eine positive Position in dieser Hinsicht eingenommen, indem sie eine »Gender Policy« für die Kirche in Indien formuliert und verabschiedet hat. Notwendig ist nun die effektive Verbreitung und Implementierung dieser Policy, die den Respekt vor Frauen und ihre gleichberechtigte Teilhabe auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens sicherstellt. Patriarchaler Unterwerfung von Frauen muss begegnet werden, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche. Durch ihr Engagement im Erziehungsbereich Indiens kann die Kirche proaktiv eine Menge tun, um die Gewalt gegen Frauen zu mindern oder gar zu verhindern.

Es ist notwendig, unsere feudalen patriarchalen Werte einzureißen und ein universales Wertesystem zu errichten, das beiden Geschlechtern ihre Würde zugesteht und Frauen als Individuen mit ihrer Würde anerkennt. Dieser Umbau des Wertesystems hat mit der Familie und mit neuen Schulbüchern zu beginnen. Zurzeit sind beide durchweg partriarchal und feudal ausgerichtet. Die sorgfältige Überarbeitung der Schulbücher in Fragen der Gender-Sensibilität ist ein Gebot der Stunde. Die Kirche kann dazu mit Sicherheit einen wichtigen Beitrag leisten. Die Schulbücher sollten die Gleichheit der Geschlechter betonen.Werte der Familie sollten sich gleichermaßen ändern und den Respekt vor dem Frau-Sein und Frauen als Quelle des Lebens unterstreichen. Ein Ehemann sollte nicht als eine Autorität oder als das Familienoberhaupt dargestellt werden, sondern als ein gleichwertiger Partner. Wir müssen ebenso unsere Sprache verändern, die verseucht ist mit der männlichen Superiorität.

Jeglicher substantieller Wandel erfordert sowohl »ein Ziehen von oben und einen Druck von unten« (»a pull from above and a push from below«). »Ein Ziehen von oben« ist der Prozess, in dem staatliche Institutionen ihre Autorität nutzen, um gesellschaftliche Konventionen in einer Art und Weise auszuüben, die die Gleichheit der Geschlechter fördert. »Ein Druck von unten« ist der Prozess, in dem die Zivilgesellschaft ein Bewusstsein schafft und die Anwendung geschlechtersensibler Praktiken einfordert. Frauenbewegungen der 80er Jahre haben diesen Druck von unten ausgeübt. Sie haben sich für einenWandel der bestehenden Gesetzgebung eingesetzt und neue Gesetze eingefordert. Heute besteht eine akute Notwendigkeit für eine nachhaltige Frauenbewegung mit einem weiten Ziel, die vielen Probleme, die aufgrund der Genderdiskriminierung bestehen, grundsätzlich zu bekämpfen. Die Kirche, insbesondere die Ordensfrauen, müssen eine Schlüsselrolle spielen in der Errichtung und Unterstützung von Frauenbewegungen in diesem Land. Dies ist ein Gebiet, auf dem die Kirche noch nicht allzu viel gewagt hat. Schließlich müssen wir darauf hinarbeiten, unsere Gesellschaft von patriarchalen Ketten zu befreien. Das Schul- und Ausbildungssystem sollte so zugeschnitten werden, dass das Denken, das die Gender-Ungerechtigkeit aufrechterhält, in Frage gestellt wird.

SHALINI MULACKAL PBVM
Ordensfrau und Theologin, Mumbai / Indien

ANMERKUNGEN

1 Nirbhaya meint wörtliche »furchtlos«. Da ihr wirklicher Name zunächst der Öffentlichkeit nicht publik gemacht worden ist, hat eine große Tageszeitung ihr diesen Namen gegeben.
2 Vgl. Walter Fernandes, »The Delhi Rape and the Social Challenge«, in Women’s Link, vol. 19/1 (January–March 2013): 3 –4, 8 at 3.
3 T.J.S. George, »We Seldom Enforce Laws, That’s Why Rape Victims Are Still Victimised«, Mainstream, vol. 61/19, (April 26–May 2, 2013), 33.
4 Shalu Nigam, Domestic Violence in India: What One should Know? (A Resource Book) (New Delhi: We the People Trust, 2008), 7–8 at 6.
5 Einige Gründe, warum es erst gar nicht zur Anzeige kommt: Die mit der Vergewaltigung verbundene Stigmatisierung des Opfers beziehungsweise der Familie führt dazu, dass viele Opfer gedrängt werden, keine Anzeige zu stellen, um die Ehre der Familie zu schützen. Nach Angaben der Polizei sollen 90 Prozent der Täter aus dem Bekanntenkreis oder gar der eigenen Familie des Opfers stammen. Ein enormer Druck wird auf die Familie ausgeübt, um eine Anzeige zu verhindern. Ein großer Teil der Opfer stammt aus Gemeinschaften, die keine Stimme in der Gesellschaft haben. Ein Beispiel: Cynthia Stephen zitiert am 29.12.2012 in Counter Currents ein Dalit-Mädchen aus einem Dorf in Tamil Nadu (Südindien) mit den Worten: »Es gibt kein einziges Mädchen in unserer Straße, das nicht zum Sex gezwungen oder vergewaltigt worden ist durch die Männer der herrschenden Kaste, wenn sie auf die Felder gehen, Wasser holen oder zur Arbeit gehen.« Zudem trägt die Polizei sehr häufig zur Traumatisierung des Opfers bei. Ein Beispiel ist ein 18-jähriges Mädchen im Dorf Badhshapur in Patiala, das am 26. Dezember Selbstmord begangen hat, 44 Tage nachdem sie von drei Männern vergewaltigt worden war. Die Polizei hatte sich geweigert, die Strafanzeige anzunehmen. Als sie die Täter anzeigen wollte, hatten die Polizisten sie mit anzüglichen Bemerkungen und Fragen gedemütigt. »Wie haben sie denn deine Brust berührt? Haben sie zuerst ihre Hose oder ihren Mantel geöffnet? Wie häufig haben sie dich denn vergewaltigt? …« Vgl. Walter Fernandes, 3 –4, 8 at 4.
6 Vgl. Asghar Ali Engineer, »Rape and Punishment: Conservatives Exposed«, in Mainstream, vol. 61/6, January 25–31, 2013, 11–12, 16 at 12.
7 Vgl. Anisha Thomas, »Legal Institutions and Women: Need for a Sustained Women’s Movement«, in Women’s Link, vol. 19/1 (January-March 2013): 5– 8 at 5.
8 Imperialismus meint an dieser Stelle den Kapitalismus geprägt durch Oligopole, sowohl in wirtschaftlicher als auch kultureller Hinsicht.
9 Gilbert Sebastian, »Patriarchy and the Rise in Sexual Assaults in India: An explanation«, in Mainstream, vol. 61/13, (March 15 –21, 2013), 15 –20 at 16.
10 Vgl. Anand Teltumbde, »Delhi Gang Rape Case: Some uncomfortable Questions«, in Economic and Political Weekly, vol. 48, no. 6, February 9, 2013.
11 Vandana Shiva, 2013: january 1, »Violent economic ›reforms‹ and the growing violence against women«, Link
12 Pamela Philipose, »Women’s Victory: Justice Verma Committee Report and The Road Ahead«, in Mainstream, vol. 61/8, (February 8–14, 2013), 7–8 at 7.

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