Missbraucht, erniedrigt, getötet! Neue Studien belegen weltweit massive Gewalt gegen Frauen corner

Missbraucht, erniedrigt, getötet!

Neue Studien belegen weltweit massive Gewalt gegen Frauen

vin NORBERT KÖSSMEIER

Es sind erschreckende Zahlen, die neue Studien der Vereinten Nationen belegen. Eine im Juni 2013 veröffentlichte Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist zu dem Ergebnis gekommen, dass jede dritte Frau weltweit Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt, in erster Linie durch den Partner, geworden ist. Die »UN Multi-country, Cross-sectional Study on Men and Violence in Asia and the Pacific«, die Anfang September in der medizinischen Fachzeitschrift »The Lancet « veröffentlicht worden ist, kommt zu dem Ergebnis, dass bereits jeder vierte Mann in Asien eine Frau vergewaltigt hat.

So unterschiedlich die Studien sind, machen sie auf unterschiedliche Weise ein und dieselbe Dramatik deutlich: Gewalt gegen Frauen ist ein globales Problem, das in seinen Ausmaßen schockiert und alle Sektoren der Gesellschaft eindringlich zum Handeln auffordert.

Eine neue Studie kommt zu dem Ergebnis, dass jeder vierte Mann in Asien seine Frau bzw. seine Partnerin zum Sex gezwungen hat. In Bangladesh haben 13 Prozent der befragten Männer dies zugegeben. Das Foto zeigt Frauen in Bangladesh, die gegen die Gewalt gegen Frauen demonstrieren.
FOTO: KNA-BILD

Jede dritte Frau von ihrem Partner missbraucht

Gewalt gegen Frauen, so die WHO Studie, ist sowohl ein ernsthaftes Public Health Problem als auch eine fundamentale Verletzung der Menschenrechte von Frauen. Erstmals hat diese Studie, die von der Weltgesundheitsorganisation, der »London School of Hygiene and Tropical Medicine« sowie dem »South African Medical Research Council« entwickelt worden ist, versucht, globale Daten systematisch zu analysieren und eine wissenschaftlich fundierte Prävalenz von Gewalt gegen Frauen, sowohl durch den eigenen Partner als auch durch Fremde, darzustellen. Die Ergebnisse schockieren:

  • 38 Prozent aller Frauen haben entweder körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren müssen.
  • Die meiste Gewalt erfahren Frauen von ihrem Partner. 30 Prozent aller Frauen weltweit haben körperliche und/oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft erfahren müssen. In manchen Regionen sind es gar 38 Prozent.
  • 38 Prozent aller Morde an Frauen werden durch den eigenen Partner begangen.
  • Frauen, die von ihrem Partner körperlich oder sexuell missbraucht worden sind, weisen eine höhere Rate einer Vielzahl ernster gesundheitlicher Probleme auf. Die Babys von 16 Prozent der betroffenen Frauen weisen ein zu niedriges Gewicht bei der Geburt auf. Die Depressionsrate liegt bei betroffenen Frauen doppelt so hoch. In einigen Regionen der Welt ist das Risiko, aufgrund der Gewalt mit HIV/ AIDS infiziert zu werden, 1,5 mal so hoch, verglichen mit Frauen, die keine Gewalt durch ihre Partner erfahren.
  • Weltweit sind sieben Prozent der Frauen durch Fremde vergewaltigt worden. Die Opfer dieser Gewalt weisen ein mehr als doppelt so hohes Risiko auf, in Alkoholsucht oder Depressionen zu verfallen.

Angesichts dieser Ergebnisse fällt es schwer, wirkungsvolle Maßnahmen auf den Weg zu bringen, die der Gewalt gegen Frauen ein Ende bereiten. Die WHO weist in ihrer Studie auf die Notwendigkeit hin, verstärkt ökonomische und soziokulturelle Faktoren in den Blick zu nehmen, die eine Kultur der Gewalt gegen Frauen fördern. Zugleich sei es unbedingt notwendig, soziale Normen kritisch zu hinterfragen, die die männliche Autorität und die Kontrolle von Frauen unterstützen, sowie Gewalt gegen Frauen billigen. Es gelte, so die WHO, dafür zu sorgen, dass Kindesmissbrauch beendet, diskriminierende Familiengesetze reformiert, ökonomische und bürgerliche Rechte von Frauen gestärkt und Gender-Ungleichheiten hinsichtlich des Zugangs zu einer regulären Beschäftigung wie auch zu einer Sekundarschulausbildung eliminiert werden. Zudem fordert die WHO, zusätzliche Fachstellen und Dienste für diejenigen, die Gewalt erleiden mussten, einzurichten. Das Gesundheitswesen müsse eine größere Rolle spielen, wenn es darum gehe, Frauen, die Opfer sexueller oder körperlicher Gewalt geworden sind, zu helfen.

Die Studie lässt aufhorchen. Jedoch bleibt zu bezweifeln, dass sich verantwortliche Entscheidungsträger aus Gesellschaft und Politik aufgrund dieser Studie dazu veranlasst sehen, die von der WHO vorgeschlagenen Maßnahmen auch umzusetzen. Dies wird wohl nur geschehen, wenn ein entsprechender Druck der Zivilgesellschaften dafür sorgt, Maßnahmen zu ergreifen.

Vergewaltigungen in Asien

Während die Studie der WHO vorhandene Daten, seien es Polizeistatistiken oder andere Daten, systematisch analysiert und ausgewertet hat, ist die »UN Multi-country, Cross-sectional Study on Men and Violence in Asia and the Pacific« einen völlig anderen Weg gegangen. Erstmals hat eine großangelegte Studie mehr als 10.178 Männer aus Bangladesh, China, Kambodscha, Indonesien, Papua-Neuguinea und Sri Lanka befragt, also einer Region, in der ein Großteil der Weltbevölkerung lebt. Das von den Vereinten Nationen unterstützte Forscherteam hatte sich zum Ziel gesetzt, eine Prävalenz von Vergewaltigungen zu erheben und Faktoren sowie Gründe für Vergewaltigungen herauszuarbeiten.

Die Macher der Studie betonen in der Einleitung, dass in dem Fragenkatalog, den die Männer beantwortet haben, nicht ein einziges Mal das Wort »Vergewaltigung « vorkommt. Vielmehr haben die Forscher in möglichen Antworten auf ihre Fragen den Akt der Vergewaltigung umschrieben beziehungsweise Aussagen zur Auswahl vorgelegt, die auf Vergewaltigungen schließen lassen. So wurden die Männer zum Beispiel gefragt, ob sie »jemals eine Frau gezwungen haben, die zu diesem Zeitpunkt weder die Ehefrau noch die Freundin war, mit ihr Sex zu haben.« Oder auch, ob sie jemals mit einer Frau Sex hatten, die zu betrunken war oder zu sehr unter Drogen gestanden hat, um ihre Einwilligung zu geben. Die Männer wurden auch danach gefragt, wie oft sie solche Handlungen durchgeführt haben und ob sie alleine oder mit anderen Männern eine Frau zum Sex gezwungen haben. Bezüglich der Vergewaltigung in der Ehe/Partnerschaft wurden die Männer befragt, ob sie jemals die Partnerin zum Sex gezwungen haben, obwohl sie wussten, dass die Partnerin keinen Sex wollte, die Männer aber der Meinung waren, dass die Frau zustimmen müsse, da sie die Ehefrau/Partnerin des Mannes sei. Männer, die Frauen vergewaltigt haben, wurden nach den Gründen befragt: sexueller Anspruch des Mannes (»Ich wollte Sex haben«, »Ich wollte sie«, »Ich wollte ihr zeigen, dass ich es mache«), Vergnügen (»Ich wollte Spaß«, »Ich war gelangweilt«), Wut und Rache (»Ich wollte sie bestrafen «, »Ich war wütend auf sie«) und schließlich Trunkenheit (»Ich war betrunken«).

Bereits 1998 haben katholische Ordensfrauen zusammen mit Muslima in der Hauptstadt Jakarta gegen Vergewaltigungen
und sexuelle Belästigungen von Frauen in Indonesien protestiert.
FOTO: KNA-BILD

Jeder vierte Mann in Asien ein Vergewaltiger!

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen vier Prozent (ländliche Region in Bangladesh) und 41 Prozent (in Papua-Neuguinea) der Befragten Nicht-Partnerinnen vergewaltigt haben. Der Durchschnitt für die gesamte Region liegt bei 6 –8 Prozent. Gruppenvergewaltigungen haben eine Prävalenz von 1–2 Prozent, jedoch mit regional großen Unterschieden (Kambodscha fünf Prozent, Papua-Neuguinea 14 Prozent). In Kambodscha ist die Rate der Gruppenvergewaltigungen höher als die Rate der Vergewaltigungen durch Einzeltäter.

Von 9.981 Befragten haben 249 zugegeben, innerhalb des vergangenen Jahres eine Nicht-Partnerin vergewal tigt zu haben. 99 von 849 Befragten waren es allein in Papua-Neuguinea.

Die Vergewaltigungsrate von Ehefrauen beziehungsweise Partnerinnen ist um ein Vielfaches höher. 24 Prozent der Befragten gaben an, auch gegen ihren Willen die Partnerin/Ehefrau zum Sex gezwungen zu haben (13 Prozent in Bangladesh, 59 Prozent in Papua- Neuguinea). Zweidrittel der Männer, die eine Nicht- Partnerin vergewaltigt haben, haben auch ihre Partnerin/ Ehefrau vergewaltigt.

Diejenigen, die eine Nicht-Partnerin vergewaltigt haben, gaben als Grund an, einen sexuellen Anspruch gehabt zu haben (73 Prozent), Vergnügen gesucht zu haben (59 Prozent), aus Wut oder zur Bestrafung die Frau vergewaltigt zu haben (38 Prozent) oder aber, dass sie unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen gestanden haben (27 Prozent).

Etwa die Hälfte der Männer erklärte, dass sie nach der Vergewaltigung Schuldgefühle gehabt hätten. 23 Prozent wurden für die Tat bestraft und mussten ins Gefängnis (jedoch nur 2 Prozent in Sri Lanka, 52 Prozent in Papua-Neuguinea, wobei in Papua traditionelle Bestrafungen von den Volksgruppen selbst durchgeführt werden und nur eine kurze Gefängnishaft vorgesehen ist).

Gewalt hat Ursachen

Die Studie über Vergewaltigungen in Asien benennt eine Reihe von Faktoren, die die Gewalt gegen Frauen fördern. Besonders ins Auge fällt die hohe Rate von Vergewaltigern, die angegeben haben, als Kind selbst sexuell (zwischen 31–36 Prozent), körperlich (58–60 Prozent) oder emotional missbraucht worden zu sein (51–59 Prozent). Etwa 35 Prozent gaben zudem an, in bewaffnete Auseinandersetzungen verwickelt gewesen zu sein. Zwischen 26 Prozent und 40 Prozent gehörten einer Gang an. Dreiviertel aller Täter, die eine Nicht-Partnerin vergewaltigt haben, waren nie verheiratet oder in einer Partnerschaft. Zwischen 36 Prozent und 53 Prozent leben in Situationen der Armut.

Im Unterschied zur Studie der WHO basiert diese Studie auf der Befragung von über 10.000 Männern. Damit aber bietet die Studie sehr aussagekräftige Daten, mit denen Fachleute, Entscheidungsträger aus Politik und Gesellschaft, zivilgesellschaftliche Organisationen und Einrichtungen arbeiten können, um die Prävention der Gewalt zu fördern.

»Wir wollen Gerechtigkeit!« Demonstranten in Indien fordern vor dem Obersten Gericht in Dehli eine gerechte Bestrafung der Täter.
FOTO: UCANEWS

»Die (drei) tödlichsten Worte in der Welt: Es ist ein Mädchen!«

Eine internationale Kampagne mit namhaften internationalen Partnern weltweit wie zum Beispiel UN-Organisationen verschiedener Staaten, Amnesty international, Center for social research / India, Havard Women’s Law Association etc. setzt sich zur Zeit weltweit dafür ein, den Genderzid an Frauen und Mädchen zu beenden. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen fehlen weltweit etwa 200 Millionen Mädchen, die Mehrheit in Indien und China.

Der Amerikaner Evan Grai Davis, bekannt für zahlreiche Dokumentarfilme über Fragen und Themen im Zusammenhang mit Problemen der so genannten Entwicklungsländer, hat einen Dokumentarfilm produziert, der sich der Gewalt gegen Frauen und Mädchen vor allem in Indien und China widmet. Der Film trägt den Titel: »The three deadliest words in the world: it’s a girl!«

INFO-TIPPS

Die ausführliche »UN Multi-country, Cross-sectional Study on Men and Violence in Asia and the Pacific« findet sich in der Vollversion auf der Homepage der Fachzeitschrift »The Lancet«: www.thelancet.com

Informationen über die Kampagne gegen den weltweiten Genderzid, ein Manifest gegen den Genderzid in der Welt sowie einen Trailer des Films »The three deadliest words in the world: It’s a girl!« finden sich auf der Kampagnenseite im Internet: www.itsagirlmovie.com

Für den Filmemacher waren die Erfahrungen, die das Filmteam in Indien machte, wie ein Wegweiser. Es ging für das Team darum zu verstehen, wie die Unterwerfung und Entwertung von Frauen durch eine Kultur zu rechtfertigen ist, die Söhnen den Vorzug gibt. »Wir haben den Missbrauch von Frauen und die Ablehnung von Mädchen auf jegliche Weise vorgefunden. Wir wussten von den Statistiken der Vereinten Nationen und sind der Frage ebenso in China nachgegangen. Wir waren erstaunt, wie wenige Menschen wir angetroffen haben, die sich dessen bewusst sind, was meines Erachtens die größte Menschenrechtsfrage unserer Zeit ist, und mit Sicherheit die größte Form der Gewalt gegen Frauen in der heutigen Welt!«

Eines der schockierendsten Zeugnisse in dem Dokumentarfilm ist das Gespräch mit einer Mutter in Indien, die davon erzählt, wie sie acht ihrer neugeborenen Mädchen direkt nach der Geburt stranguliert hat, da sie eben keine Jungen waren. Für den Filmemacher die schwierigste Situation während der Dreharbeiten. Die Frau lachte häufig im Gespräch mit dem Filmemacher, als sie erzählte, dass sie es sich nicht leisten konnte, Mädchen aufzuziehen. »Frauen haben die Macht, Leben zu schenken und Leben zu nehmen! «, so die Frau.

Für Davis wurde erst im späteren Verlauf deutlich, wie es dazu kommen konnte. Die Frau selbst war als junges Mädchen mit 15 Jahren sehr erfolgreich in der Schule und träumte von einer besseren Zukunft, als sie mit dem Mann ihrer Schwester als Zweitfrau verheiratet wurde, da ihre Schwester keine Kinder bekommen konnte. Fortan war sie dazu da, ihrem Mann einen Sohn zu gebären!

»Für mich hat der Begriff Genderzid von diesem Moment an eine neue Bedeutung bekommen, denn ich nahm wahr, dass diese Frau ein Produkt ihrer Kultur ist, in der sie lebt. Von Geburt an war sie darauf programmiert, gewisse traditionelle Ansichten über ihren Wert und ihre Rolle als Frau zu akzeptieren. Diese tief verwurzelten kulturellen Überzeugungen prägen das gesamte System, und Frauen finden sich selbst als Täterinnen wieder, die die gleiche Gewalt, die sie selbst erlitten haben, ihren Töchtern und Schwiegertöchtern antun«, so Davis.

Davis nennt die massive Gewalt gegen Frauen die größte Menschenrechtsfrage der heutigen Zeit. Es ist höchste Zeit, dagegen etwas zu unternehmen.

NORBERT KÖSSMEIER

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