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Den Pfad der Gewalt verlassen

Zur Situation der Christen in Syrien

von KLAUS VELLGUTH

Der Bürgerkrieg in Syrien beherrscht seit langer Zeit die Medien. Die westliche Welt scheint ohnmächtig angesichts der unzähligen Gräueltaten in einem brutalen Krieg, in dem nicht mehr klar erkennbar ist, wer letztlich gegen wen kämpft. Zu leiden hat unter diesem Konflikt vor allem die Zivilbevölkerung, die den unterschiedlichen bewaffneten Gruppierungen schutzlos ausgeliefert ist. Minderheiten im Land scheinen vor allem zum Ziel unterschiedlicher Kampftruppen geworden zu sein. Am 30. September/01. Oktober 2013 fand in Beirut eine von missio organisierte Konferenz zur Situation der Christen in Syrien statt, an der neben einer Delegation aus Deutschland unter Leitung von missio- Präsident Prälat Dr. Klaus Krämer ranghohe Vertreter der orientalischen Kirchen in Syrien teilnahmen. Ziel der Konferenz war es, einen Überblick über die unübersichtliche Bürgerkriegs-Situation in Syrien zu erhalten und nach Perspektiven für die Christen in dem von Hass und Gewalt erschütterten Land zu suchen.

Soldaten der syrischen Armee im September 2013 in Aleppo.
FOTO: KNA-BILD

Der Beginn des Bürgerkriegs

Als im März 2011 im Schatten des in Tunesien und Ägypten aufblühenden »Arabischen Frühlings« Kinder in der syrischen Stadt Dar’a den Slogan »Das Volk will den Sturz des Regimes « an Hauswände schrieben, wurden diese Kinder verhaftet und gefoltert. Die dadurch ausgelösten Demonstrationen, in denen die Freilassung der Kinder gefordert wurde, bildeten den Auftakt des blutigen Bürgerkriegs in Syrien, dem bis heute nach UN-Angaben mindestens hunderttausend Menschen zum Opfer gefallen sind. Mehr als ein Fünftel der syrischen Bevölkerung musste ihre Heimat verlassen und befindet sich auf der Flucht.

Aus den Protesten gegen die Verhaftung von Kindern entwickelte sich zunächst einmal eine Oppositionsbewegung im Lande, die den Geist des Arabischen Frühlings atmete und sich für Demokratisierungsprozesse im vorderasiatischen Land einsetzte. Im Gegensatz zu den Diktatoren Ben Ali in Tunesien und Mubarak in Ägypten regierte Baschar al-Assad auf die oppositionellen Kräfte in seinem Land jedoch mit dem »Krieg gegen das eigene Volk«: Bereits im Mai 2011 setzte er Panzer gegen die eigene Bevölkerung ein, schwere Artillerie, Luftwaffe mit Hubschraubern und Kampfflugzeugen, später Scudraketen und schließlich sogar Giftgas. Einher mit der militärischen Gewalt ging eine Eskalation beziehungsweise Destabilisierung des Landes sowie die Entfachung eines Bürgerkriegs, der bis heute völlig außer Kontrolle geraten zu sein scheint. Dazu beigetragen hat u. a., dass der Konflikt durch die Einflussnahme externer Akteure dramatisch verschärft worden ist. Paulo Sérgio Pinheiro, UN-Kommission für Menschenrechte, berichtete nach einem Syrien-Besuch im September 2012 von einer besorgniserregenden Zunahme der Spannung zwischen einzelnen Religions- und Volksgruppen und stellte fest, dass ausländische radikale Islamisten und Jihadisten nach Syrien eingedrungen seien, um das Regime von al-Assad zu bekämpfen. Das Eingreifen von jihadistischen Kämpfern aus allen Teilen der Welt führte dazu, dass eine unübersichtliche politische Situation entstanden ist, in der sich ursprüngliche Oppositionsgruppen, islamistische Söldner, plündernde Banden und Regierungstruppen gegenüberstehen. William Hague, der britische Außenminister, stellte im Mai 2013 fest, dass Syrien die »erste Adresse« für Jihadisten aus der ganzenWelt geworden sei. Die Bundesanwaltschaft prüft derzeit, wieviele Jihadisten aus Deutschland gegenwärtig in Syrien aktiv sind. Insgesamt dürften sich Mitte 2013 etwa 1.200 verschiedene Oppositionsgruppen im syrischen Bürgerkrieg gegenübergestanden haben. Unterstützt werden viele der gewalttätigen Milizen von privaten Sponsoren aus der Golfregion, die Syrien zum Ort eines »religiösen Stellvertreterkrieges « auserkoren haben. Die Regierungstruppen von al-Assad werden seit Mitte 2013 von der libanesischen Hisbollah unterstützt, die mit ihrem Eingreifen nicht zuletzt die schiitische Minderheit im Land vor sunnitischen Übergriffen schützen will.

Zersplitterte Opposition

Unübersichtlich stellt sich insgesamt die Lage der Opposition gegen das Assad- Regime derzeit dar. Zum einen existiert die »Nationale Koalition der syrischen Opposition«, in der sich auf Initiative von Amerikanern, Golfarabern und Europäern zahlreiche Kleingruppen im November 2012 zu einer Nationalen Koalition zusammengeschlossen haben. Sitz dieser Gruppierung ist Istanbul, doch während große Erwartungen des Auslands auf diese Nationale Koalition gerichtet sind, fehlt ihr in Syrien selbst der Rückhalt. Diesen besitzen traditionell die Muslim- Brüder, die jedoch seit über 30 Jahren mit äußerster Brutalität in Syrien verfolgt werden. Zusammen mit säkularen Gruppen und Vertretern der Christen bilden die Muslimbrüder einen Teil der Nationalen Koalition, doch wurde deren Macht in der Nationalen Koalition nicht zuletzt durch den Einfluss Saudi Arabiens zurückgedrängt. Auf Seiten der 2,5 Millionen Kurden, die in Syrien leben, haben sich die kurdischen Milizen der PYD gebildet, deren Auseinandersetzungen mit der Freien Syrischen Armee längst zu einem »Krieg im Krieg« geworden ist. Als vierte Konfliktpartei entstand im Sommer 2011 die Freie Syrische Armee, in der sich ehemalige Mitglieder der syrischen Armee zusammengeschlossen haben. Ursprünglich war es das Ziel der Freien Syrischen Armee, Baschar al-Assad zu stürzen und die Zivilbevölkerung zu schützen. Doch haben sich in diese Bewegung inzwischen auch islamistische Kräfte eingeschlichen, was zur Unübersichtlichkeit der Lage beiträgt. Mit bis zu 20.000 Kämpfern agiert in Syrien darüber hinaus die Ahrar al-Scham/Sukur al- Scham, die als eine der mächtigsten Fraktionen im Bürgerkrieg gilt. Ihr Ziel ist die Errichtung eines islamischen Staates. Und schließlich kämpft in Syrien auch die jihadistische Gruppe Dschabhat al-Nusra, deren Ziel es ist, nach dem Sturz Assads in Syrien einen panislamischen Kalifat zu errichten.

Die OPCW, die 2013 den Friedensnobelpreis erhalten hat, hat die Aufsicht über die Zerstörung der Chemiewaffen in Syrien übernommen. Das Foto zeigt den Generaldirektor der OPCW, Ahmed Üzümcü, während einer Pressekonferenz nach Bekanntgabe des Friedensnobelpreises.
FOTO: KNA-BILD

Situation der Christen

Vermehrt ist es in der Vergangenheit auch zu Übergriffen auf Christen gekommen. Westliche Medien haben intensiv über die Entführung und Ermordung eines griechisch-orthodoxen Priesters in einem Vorort von Damaskus sowie über die Entführung zweier Priester in der Nähe von Aleppo im Februar 2013 berichtet. Bekannt wurde auch die Verschleppung des griechisch-orthodoxen Metropoliten von Aleppo und Iskenderun, Boulos al-Yazigi, und des syrisch-orthodoxen Erzbischofs von Aleppo, Mor Youhanna Ibrahim. Bis heute ist das Schicksal der Entführungsopfer nicht bekannt und niemand weiß, ob es sich bei den Entführern um ausländische Islamisten oder um Kriminelle handelt, die Lösegeld erpressen wollen. Die Entführung christlicher Geistlicher zeigt, dass gerade die Christen mit Blick auf ihre eigene Sicherheit darauf angewiesen sind, dass das Gewaltmonopol in Syrien wiederhergestellt wird. Obwohl die syrischen Bischöfe immer wieder dazu aufgerufen haben, nicht zu den Waffen zu greifen, haben Christen in verschiedenen Regionen des Landes lokale »Volkskomitees zum Selbstschutz« errichtet. Letztlich zeigt das Aufstellen dieser christlichen Milizen, dass der Bürgerkrieg in Syrien längst nicht mehr zwischen der Regierung von al-Assad und seinen Gegnern vor sich geht, sondern dass er sich zu einer Auseinandersetzung zwischen den Religions- und Bevölkerungsgruppen des Landes entwickelt hat.

Flüchtlinge aus Syrien im Libanon
FOTO: KNA-BILD

Giftgas gegen das eigene Volk

Schon lange war bekannt, dass Baschar al-Assad über Chemiewaffen verfügt. In den frühen Morgenstunden des 21. August 2013 schlugen dutzende Raketen in den von Rebellen kontrollierten Vororten von Damaskus ein. Der syrische Arzt Obaida, der in Damaskus Opfer des Giftgas- Angriffs medizinisch betreute, berichtete über die Wirkungsweise der Chemiewaffen: »Das Giftgas regt den Körper an, viel Flüssigkeit zu produzieren. Augenflüssigkeit, Speichel, Schleim. Das läuft alles in die Luftröhre und in die Lungen. Die Menschen ertrinken in ihrem eigenen Schleim.« Mit dem Einsatz von chemischen Waffen gegen die eigene Bevölkerung hatte al-Assad eine »rote Linie« überschritten, die der amerikanische Präsident Obama ein Jahr zuvor verbal markiert hatte. Intensiv wurde auf internationaler Ebene diskutiert, wie eine mögliche Antwort auf dieses »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« auszusehen habe. Denn tatsächlich hatte es seit dem Giftgaseinsatz von Saddam Hussein gegen die kurdische Bevölkerung im Jahr 1988 weltweit keinen vergleichbaren Einsatz von Chemiewaffen gegeben. Während die einen einen sofortiger Militärschlag befürworteten, in dessen Verlauf die wichtigsten Luftwaffenkasernen und Landebahnen der syrischen Armee zerstört werden sollten, warnten andere davor, dass dies zu einer Schwächung der Regierungstruppen und damit zu einer weiteren Destabilisierung der Region führen könne. Darüber hinaus fürchteten Militärstrategen, dass Chemiewaffen von al-Assad nach einem möglichen Militärschlag in die Hände von Rebellen oder islamistischen Milizen geraten könnten, die diese für ihre eigenen Zwecke einsetzen könnten. Auch der russische Präsident Putin wandte sich gegen jegliches militärisches Eingreifen von außen.

Papst Franziskus unterstützte seine Position, als er im September 2013 in einem Brief an Präsident Putin während des G-20-Gipfels in Sankt Petersburg schrieb, jeder »nichtige Plan einer militärischen Lösung« müsse beiseite gelegt werden. Der lateinische Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal, mahnte ebenfalls zur Besonnenheit. Er verwies darauf, dass man weder den humanitären Aspekt noch die Frage der Stabilität in der Nahost-Region vergessen dürfe.

Angesichts eines drohenden Militärschlages lud Papst Franziskus am 7. September 2013 zu einem weltweiten Fasten- und Gebetstag für den Frieden in Syrien auf. An diesem Samstagabend versammelten sich auf dem Petersplatz in Rom rund 100.000 Menschen, an die Papst Franziskus eindringliche Worte richtete: »Heute möchte ich mich mit wachsender Sorge zum Fürsprecher machen für einen Schrei aus vielen Teilen der Welt, der von vielen Völkern, aus dem Herzen eines jeden Menschen, von der großen Menschheitsfamilie kommt. Es ist der Schrei nach Frieden. Der Schrei, der mit Nachdruck besagt: »Wir wollen eine Welt des Friedens, wir wollen Männer und Frauen des Friedens sein, wir wollen, dass in dieser unserer Gesellschaft, die von Spaltungen und Konflikten zerrissen ist, Frieden entsteht; nie mehr Krieg! Nie mehr Krieg! Der Frieden ist ein äußerst kostbares Geschenk, das gefördert und geschützt sein muss.« Einen »Friedenspapst« nannte ihn daraufhin die »Washington Post« und bezeichnete das päpstliche Eintreten gegen einen Militärschlag in Syrien als »beispiellos in der Geschichte der Päpste«. Auch Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, warnte vor einer militärischen Intervention, die dazu führen könne, »dass besonders an den Christen Rache genommen wird, obwohl sie gar nicht Bürgerkriegs-Partei sind«.

Letztlich hatten die Gegner eines Militärschlags gegen al-Assad Erfolg. Am 27. September 2013 verabschiedete der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Resolution, die die Zerstörung der Chemiewaffenbestände der syrischen Regierungstruppen regelt. Knapp eineinhalb Monate später, am 1. November 2013, konnte die Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) bestätigen, dass in Syrien keine Chemiewaffen mehr hergestellt werden können. Damit war eine erste Frist der UN-Resolution eingehalten worden. Bis Mitte 2014 muss Syrien darüber hinaus alle Chemiewaffen vernichtet haben.

Die dramatische Situation der Flüchtlinge

Dramatisch ist die Situation der syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge. Insgesamt haben zwei Millionen Syrer (neben den 4,2 Millionen Syrern, die innerhalb der Landesgrenzen auf der Flucht sind) ihr Heimatland verlassen. Geschätzt wird, dass die Zahl der Flüchtlinge bis zum Jahresende auf bis zu 3,5 Millionen ansteigen wird: 400.000 syrische Flüchtlinge leben gegenwärtig in der Türkei, in Ägypten wird die Zahl der syrischen Flüchtlinge auf über 150.000 geschätzt, und im März 2013 wurden im Libanon 688.000 Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland gezählt. Angesichts dieser Flüchtlingsströme scheint die Zahl der 5.000 Syrer, die in Deutschland als Flüchtlinge aufgenommen wurden, vergleichsweise bescheiden.

Auch viele Christen haben angesichts der Gewalt in Syrien ihre Heimat verlassen und leben nun in Auffanglagern der angrenzenden Länder. Dort ist ihre Situation aber besorgniserregend. Im Rahmen der Konferenz zur Situation der Christen in Syrien wies Sr. Marlène Nadaf darauf hin, dass gerade die Flüchtlinge auf humanitäre Unterstützung aus dem Ausland angewiesen sind. Während Wasservorräte vorhanden sind, fehlt es an Nahrungsmitteln sowie an Medikamenten. Auch Elektrizität steht in der Regel nur bis zu vier Stunden am Tag zur Verfügung.

Doch auch die Situation der Flüchtlinge, die ihre Städte und Dörfer auf der Flucht vor Milizen verlassen haben und innerhalb Syriens eine neue Heimat suchen, ist dramatisch. Pascal Kateb, Mitarbeiter von Caritas Syrien, berichtete, dass die Caritas in den verschiedenen Regionen des Landes Büros eingerichtet habe, um die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln sowie Medikamenten zu versorgen und Bildungsprogramme zu initiieren. Ziel der Caritas-Arbeit ist es, die Lebenssituation der im Land selbst lebenden Flüchtlinge zu verbessern. Eindringlich verwies er darauf, dass es angesichts der Bürgerkriegssituation in seiner Heimat jedoch nur unter großen Gefahren möglich sei, Hilfsprogramme zu realisieren. Vergeblich versuche er beispielsweise seit zwei Wochen, Mitarbeiter des Caritas- Büros in Aleppo zu erreichen. Er wisse nicht, wie sich die Situation in Aleppo selbst zuletzt entwickelt habe und ob die Caritas-Mitarbeiter von Aleppo überhaupt noch am Leben seien.

Prekär ist die Situation aller Christen in Syrien, betonte Mario Zenari, der Apostolische Nuntius von Syrien, im Rahmen der Konferenz zur Situation der Christen in Syrien. »Christen sind an Orten eingeschlossen, an denen gekämpft wird. Zum Beispiel sind in der alten Stadt Homs 70 Christen zusammen mit dem Jesuiten Frans van der Lugt gefangen, die ihre Enklave seit mehr als einem Jahr nicht verlassen konnten «, wies Zenari beispielhaft auf das Schicksal der Christen in der umkämpften Stadt Homs hin. Auch Nawras Samur SJ wies im Rahmen der Konferenz auf die humanitäre Notlage hin: »Am wichtigsten sind gegenwärtig Nahrungsmittel. Jeder, selbst Menschen, die eine Arbeit haben, hat derzeit Schwierigkeiten sich zu ernähren. Unterkünfte sind ebenso wichtig, da Menschen permanent vertrieben werden und von einem Ort zum anderen ziehen. Medizinische Unterstützung, Kleidung und Bildung sind gerade mit Blick auf die Kinder wichtig. Syrer brauchen derzeit alles«, fügte der Jesuit in Beirut hinzu.

Die Teilnehmer der von missio durchgeführten Syrienkonferenz, die Ende September 2013 in Beirut stattgefunden hat.
FOTO: CHRISTOPH MARCINKOWSKI / MISSIO

Die Antwort der Kirchen

Territoriale Integrität, der Schutz von Minderheiten und die Gleichheit aller Bürger sind die zentralen Kriterien des Heiligen Stuhls im Syrienkonflikt. Dies betonte zuletzt Dominique Mamberti, »Vatikan-Außenminister«, im September 2013 anlässlich einer Begegnung des Vatikanischen Staatssekretariats mit dem Diplomatischen Corps in Rom. Schon längere Zeit ist auch bei kirchlichen Vertretern in Syrien ein Prozess des Umdenkens im Gang. Während Vertreter der Kirchen in Syrien in der Vergangenheit das Assad-Regime unterstützt haben, da es als ein Garant der Religionsfreiheit und der Minderheitenrechte galt, distanzieren sie sich immer mehr vom syrischen Staatspräsidenten. Während sie in der Vergangenheit vor einem Umsturz in Syrien gewarnt haben, setzen sie sich nun für einen friedlichen Übergang im Land ein.

Unisono treten Vertreter der christlichen Kirchen, so der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Aleppo, Mor Yohanna Ibrahim, der griechisch-melkitisch-katholische Patriarch Gregorius III. Laham und der melkitische Erzbischof von Aleppo, Jean-Clément Jeanbart, spätestens seit 2012 für Transformationsprozesse in ihrer Heimat ein. Im Juli 2012 forderte Patriarch Gregorius III. Laham ein Ende der Kämpfe und verlangte »Reformen, Freiheit, Demokratie, Korruptionsbekämpfung, Entwicklungsförderung und Redefreiheit«. Im Monat darauf rief der syrisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo, Mor Yohanna Ibrahim, die Konfliktparteien aus dem Inund Ausland dazu auf, über die Etablierung eines Nationalrats zu beraten, der in der Lage ist, freie Wahlen vorzubereiten und »einen sicheren, stabilen, friedlichen und demokratischen Staat aufzubauen«. Im September 2012 riefen die katholischen Bischöfe von Aleppo zu einem »ernsthaften und wirkkräftigen Dialog für die nationale Aussöhnung« auf, und auch Papst Benedikt XVI. forderte im Rahmen seiner Libanon-Reise am 14. September 2012 einen sofortigen Stopp aller Waffenlieferungen nach Syrien und warb dafür, »Ideen des Friedens, der Kreativität« nach Syrien zu liefern.

Dem Aufruf von Papst Franziskus zum weltweiten Gebet für Frieden in Syrien und weiteren Konfliktregionen sind am Samstag, den 07.09.2013, auch viele Berliner gefolgt. Mehr als 800 Menschen kamen mit dem Berliner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, in der Kreuzberger Sankt-Bonifatius-Kirche zusammen. Unter ihnen waren der syrisch-orthodoxe Erzbischof für Deutschland, Julius Hanna Aydin, und Vertreter weiterer orthodoxer Kirchen sowie die evangelische Generalsuperintendantin Ulrike Trautwein.
FOTO: KNA-BILD

Zukunft für Syrien

Der Bürgerkrieg in Syrien wird nicht enden, solange die unterschiedlichen Parteien versuchen, eigene Interessen ohne Rücksicht auf Verluste anderer durchzusetzen. Syrien habe erst dann wieder eine Zukunft, wenn Muslime und Christen auf einander zugehen und das Land »miteinander wieder aufbauen«, erklärte Patriarch Gregorius III. Laham und warb dafür, dass Christen ihrer syrischen Heimat nicht den Rücken kehren: »Ich fürchte mich nicht, sondern sehe es als meinen Dienst an, bei meinem Volk und den Opfern zu bleiben«, betonte der Patriarch. Und auch der Apostolische Nuntius von Syrien, Mario Zenari, plädierte im Rahmen der Syrien-Konferenz dafür, sich trotz aller Gewalt für eine Versöhnung zwischen Christen und Muslimen einzusetzen: »Oberste Priorität für jeden Syrer hat derzeit das Ende der Gewalt, eine politische Lösung des Konflikts und die Wiederherstellung von Recht und Gesetz. In einigen Gegenden des Landes wird die Bevölkerung von kriminellen Banditen oder Extremisten bedroht, die eine Gesellschaftsordnung errichten möchten, die von der Mehrheit der Menschen in Syrien nicht gewollt ist. Die meisten Bürger möchten einfach in ihre Dörfer zurückkehren, in ihre Häuser. Sie möchten wieder an ihren Arbeitsplatz gehen können, um ihre Familie zu ernähren und ihre Kinder zur Schule schicken zu können. Für Christen und andere Minoritäten ist es wichtig, das friedliche Miteinander im Land wieder herzustellen, das vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs herrschte.«

missio wird die Christen in Syrien auch künftig unterstützen. Darauf verwies Prälat Dr. Klaus Krämer. Er bezeichnete die Präsenz der Christen im Nahen Osten als eine Brücke für die Verständigung zwischen Ost und West. Angesichts der Verletzung der Menschenrechtslage in Syrien betonte er, dass die Kirche sich politisch nicht vereinnahmen lassen dürfe, dass sie aber stets dann lautstark ihre Stimme erheben müsse, wenn Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Und schließlich erinnerte er daran, dass missio sich auch künftig dafür einsetzen wird, dass das Recht auf Religionsfreiheit allen Menschen unabhängig von ihrer Religion oder Konfession weltweit (und damit auch in Syrien) eingeräumt wird.

KLAUS VELLGUTH
Leiter der Abteilung »Theologische Grundlagen« von missio Aachen, Leiter der Stabsstelle Marketing von missio Aachen, Chefredakteur der Zeitschrift »Anzeiger für die Seelsorge«, Professor für Missionswissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar

Syrien auf einen Blick

Fläche: 185.180 km2
Einwohner: 22.457.000
Religionen:
– Sunniten: 74 %
– Andere Muslime (v.a. Alawiten, Drusen): 16 %
– Christen: 10 %
Katholiken: 428.000
Diözesanpriester: 194
Ordenspriester: 88
Ordensbrüder: 34
Ordensschwestern: 549
Katechisten: 1.231

(Anmerkung: diese Daten beziehen sich auf Statistiken vor Beginn des Bürgerkrieges.) Quellen: Worldfactbook 2013; Statistisches Jahrbuch der Katholischen Kirche 2009

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