»Haiyan« – ein Synonym für Zerstörung und Leid Die internationale Staatengemeinschaft ist gefordert corner

»Haiyan« – ein Synonym für Zerstörung und Leid

Die internationale Staatengemeinschaft ist gefordert

von NORBERT KÖSSMEIER

Als am 08. November 2013 der Taifun »Haiyan« die Inselgruppe der Philippinen erreichte, war jedem klar, dass Schreckliches passieren würde. »Der Taifun Haiyan, der über die Philippinen fegte, war wahrscheinlich der stärkste Tropensturm, der seit Beginn der Beobachtungen auf Land traf«, so Stefan Rahmstorf, Forschungsbereichsleiter »Erdsystemanalyse« am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Mit Windgeschwindigkeiten von weit über 300 Stundenkilometern traf er auf Land, brachte Unmengen an Regen mit sich und spülte meterhohe Wellen an Land. Schockierende Fernsehaufnahmen aus der am stärksten betroffenen Provinz Leyte lassen erahnen, mit welch schrecklicher Gewalt dieser Taifun gewütet haben muss. Während jedoch eine weltweite Solidarität den Opfern auf den Philippinen zuteil wird, scheint die Staatengemeinschaft zerrüttet wie nie, wenn es um verbindliche Klimaziele geht. »Global denken, lokal handeln «, so hieß der Slogan in Folge der ersten UN Weltklimakonferenz 1992 in Rio de Janeiro. In Fragen des Klimaschutzes scheint dieser Slogan auf der politischen Bühne längst Eigeninteressen der einzelnen Staaten gewichen zu sein. Eine katastrophale Entwicklung!

Am 8.11.2013 hat der Taifun Haiyan vor allem in der Provinz Leyte ganze Regionen zerstört. Mit Windgeschwindigkeiten
von 350 km/h hat er Dörfer und Städte verwüstet. Viele Häuser sind zerstört, tausende Menschen kamen zu Tode. Strom, Wasserversorgung, Transportwesen sind zusammengebrochen. Das Bild zeigt Menschen, die am 14.11.2013 in einer Schlange in Tacloban auf Wasser und Nahrung warten.
FOTO: KNA-BILD

Das genaue Ausmaß der Schäden ist auch knapp zwei Wochen nach der Katastrophe immer noch nicht bekannt. Ganze Landstriche sind von der Außenwelt abgeschnitten, Dörfer und Städte sind dem Erboden gleichgemacht worden.

Die Regierung der Philippinen tut sich anscheinend schwer, die wirklichen Ausmaße der Katastrophe anzuerkennen. Nach massiver Kritik an den nur schleppend anlaufenden Hilfsmaßnahmen von Seiten der Regierung, hat sich Präsident Benigno Aquino am 17. November erneut in die Krisenregion begeben und medienwirksam verkündet, dass er das Gebiet erst wieder verlassen werde, wenn alle Betroffenen die notwendige Hilfe erhalten haben. Am 19. November ist die gesamte Armee der Philippinen in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. Nach Aussagen von Generalmajor Domingo Tutaan gegenüber UCANews wurde dieser Schritt unternommen, um sicherzustellen, dass alle Truppen der philippinischen Armee für Operationen in dem Krisengebiet einsatzbereit seien.

Nach offiziellen Angaben der UN hat der Taifun »Haiyan« 4.000Menschenleben gefordert (Stand: 20. November). Es ist jedoch zu befürchten, dass diese Zahl noch steigt. Das philippinische Rote Kreuz hat tausende Vermisstenmeldungen registriert. 13 Millionen Menschen sind von der Zerstörungswut dieses Taifuns betroffen. Vier Millionen Menschen sind vertrieben und 2,5 Millionen benötigen dringend Nahrungsmittel und Wasser. Die Zahl der Obdachlosen wurde am 18. November von 700.000 auf 1,9 MillionenMenschen nach oben hin korrigiert. Schäden in Milliardenhöhe sind verursacht worden. Valerie Amos, Koordinatorin der Hilfsmaßnahmen der Vereinten Nationen, erklärte nach ihrem zweiten Aufenthalt in der Krisenregion am 19. November, dass etwa 500.000 Häuser komplett zerstört worden seien. »3,2 Millionen Frauen und 4,6 Millionen Kinder benötigen dringend psychologische Hilfe und vor allem Schutz vor Gewalt, Menschenhandel und Ausbeutung.« Das UNHCR erklärte am gleichen Tag, dass 10.000 Zelte, 112.000 Decken und andere Hilfsmittel in die betroffene Region geschickt werden. Die FAO warnte indes, dass die in dem betroffenen Gebiet lebenden Farmer, deren Ernten komplett zerstört worden seien, dringend neues Saatgut für die in Kürze zu Ende gehende Saatzeit benötigen, da ansonsten absehbar sei, dass über einen längeren Zeitraum keine Grundnahrungsmittel mehr produziert werden könnten.

So sehr sich die Vereinten Nationen auch bemühen, die Antworten der Regierungen der Mitgliedsstaaten der UN sind nur sehr zögerlich. 301 Millionen US Dollar hat die UN von den Mitgliedsstaaten am 12. November für umgehende Not- und Hilfsmaßnahmen auf den Philippinen erbeten. Wie die Stuttgarter Zeitung berichtet, hat die UN eine Woche nach dem eindringlichen Appell an die Mitgliedsstaaten erst die Zusagen für 19 Prozent der von ihr erbetenen Summe von den Regierungen weltweit erhalten, etwa 60 Millionen US Dollar, statt der notwendigen 301 Millionen US Dollar.

Das Überleben der Menschen sichern

Die internationalen Hilfsorganisationen, die vor Ort die erforderlichen Maßnahmen koordinieren, stehen vor enormen Herausforderungen. Auch wenn die Situation nicht vergleichbar ist, so sieht sich Dr. Oliver Müller, Leiter der kirchlichen Organisation Caritas international, doch an die Rettungsmaßnahmen nach der furchtbaren Tsunamikatastrophe im Jahr 2004 erinnert. Er ist nicht der einzige, dem sich dieser Vergleich aufdrängt. Sebastian Rhodes Stampa, Leiter des UN Disaster Assessment Coordination Team, erklärte gegenüber UCANews am 10. November nach seiner Anfkunft in Tacloban: »Das letzte Mal, dass ich eine solche Zerstörung gesehen habe, war nach dem Tsunami im indischen Ozean.« Viele Gebiete sind zwei Wochen nach der Katastrophe immer noch nicht erreichbar, da die Trümmer die Straßen und Wege blockieren. Fehlendes Benzin erschwert die notwendigen Transporte von Hilfsgütern. Fehlender Strom erschwert zusätzlich die Arbeiten. Telefonverbindungen in die betroffenen Gebiete gibt es nicht. Der Taifun hat einfach alles zerstört.

Fünf Mitarbeiter von Caritas international aus Freiburg, Experten der Not- und Katastrophenhilfe, sind auf den Philippinen im Einsatz, um die notwendigen Hilfs- und Rettungsmaßnahmen auf den Weg zu bringen. Neben Caritas international sind Caritas-Teams aus verschiedenen Ländern in der Katastrophenregion aktiv: unter anderem die Caritas USA, Australien, England, Holland, Schweiz. Gemäß der Netzwerkstruktur der internationalen Caritasorganisationen ist es denn auch die philippinische Caritas zusammen mit der philippinischen Bischofskonferenz, die die Federführung für die Rettungseinsätze und die Koordination der Einsätze der ausländischen Partnerorganisationen übernommen hat. So hat der deutsche Zweig des internationalen Caritasnetzwerkes die Insel Samar als Einsatzgebiet zugewiesen bekommen, direkt in Sichtweite von Tacloban, einem der am schlimmsten betroffenen Orte des Landes. Für Dr. Oliver Müller ist es in diesem konkreten Fall sehr hilfreich, als kirchliches Hilfswerk im Einsatz zu sein. Denn die umfassende kirchliche Infrastruktur auf den Philippinen unterstützt, wo immer sie kann, die Arbeit der internationalen Caritasorganisationen. Und ein ganzes Herr von philippinischen Freiwilligen ist im Einsatz, um die Rettungsmaßnahmen zu unterstützen. Absolute Priorität hat für die Caritasmitarbeiter zunächst die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, mit frischem Trinkwasser, mit Medizin und natürlich mit der Errichtung von Notunterkünften. Es geht schlichtweg darum, das Überleben der Bevölkerung zu sichern. Erst in einem weiteren Schritt kann an Maßnahmen des Wiederaufbaus gedacht werden.

Kardinal Theodore E. McCarrick, Präsident von Catholic Relief Services aus den USA, feiert am 17. November in der zerstörten Kathedrale von Palo einen Gottesdienst.
FOTO: KNA-BILD

Weltweite Solidarität der Kirchen

Wie die katholische Bischofskonferenz der Philippinen mitteilt, haben auch die Caritasnetzwerke aus Asien und Afrika ihre Solidarität und Unterstützung zugesagt. »Im Namen der Caritas Konföderation in Asien übersendet Ihnen Caritas Asien eine Botschaft der Liebe und Hoffnung. Wir übersenden Ihnen unsere Gebete und unsere Zusage, unsere helfende Hand auszustrecken, um die betroffenen Menschen wieder aufzurichten«, so Bischof Isao Yama Kikuchi, Präsident von Caritas Japan und Regionalpräsident von Caritas Asien in einem Brief an das »National Secretariat for Social Action, Justice an Peace« (NASSA) der philippinischen Bischofskonferenz. »Unsere Caritasfamilie wird Seite an Seite mit NASSA und Caritas Philippinen arbeiten und zeitnah den Opfern die angemessene Hilfe zukommen lassen. In enger Koordination mit den betroffenen Gemeinschaften werden wir alles tun, um dabei zu helfen, das Leiden der betroffenen Menschen zu lindern.«

Jacques Dinan, Executive Secretary von Caritas Afrika, übersandte ebenfalls die Anteilnahme und Solidarität der afrikanischen Caritasorganisationen: »Im Namen des Präsidenten von Caritas Afrika, Bischof Francis Silota, und der Caritasorganisationen in Afrika übersende ich Ihnen unsere tiefste Anteilnahme.« Zugleich kündigte er in dem Schreiben an die philippinische Bischofskonferenz an, dass Caritas Afrika ihre Mitglieder mobilisiere, um an Maßnahmen des Wiederaufbaus mitzuwirken.

Für den Generalsekretär von NASSA, Fr. Edwin Gariguez, ist jegliche Hilfe willkommen. »Wir benötigen wirklich alle Hilfe, die wir erhalten können. Es ist eine unbeschreibliche Katastrophe, die uns getroffen hat. Wir sind dankbar für die große Solidarität der Caritasorganisationen und ihrer Unterstützer auf der ganzen Welt.«

Aber nicht nur Caritasorganisationen, sondern auch zahlreiche Bischofskonferenzen weltweit haben in Schreiben an die philippinische Bischofskonferenz ihre Anteilnahme und Solidarität zum Ausdruck gebracht. Auch Erzbischof Dr. Robert Zollitsch wandte sich als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz in einem Schreiben an die philippinische Kirche und übersandte die Anteilnahme und Solidarität der deutschen Kirche. »Ich habe die deutschen Katholiken aufgerufen, für die Überlebenden, die in der gegenwärtigen Situation dringend die Solidarität der internationalen Gemeinschaft benötigen, zu beten und ihnen konkret zu helfen. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass unsere kirchlichen Hilfsorganisationen ihr Möglichstes tun werden, die Leiden der betroffenen Bevölkerung zu lindern.«

Dass der Aufruf von Zollitsch nicht ins Leere gelaufen ist, zeigt die hohe Spendenbereitschaft, über die Oliver Müller sehr erfreut ist.

US-Soldaten haben am 16. November 2013 Hilfsgüter und Wasser mit Hubschraubern in die vom Taifun Haiyan zerstörte
Region gebracht.
FOTO: KNA-BILD

Keine Ausreden mehr, sondern endlich handeln!

Für Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ist der Tropensturm »Haiyan« nicht einfach ein schicksalhaftes Naturereignis. »Solche Stürme sind in den letzten drei Jahrzehnten häufiger geworden und Klimamodelle lassen eine weitere Verstärkung für die Zukunft erwarten. Die globale Erwärmung verschlimmert zudem die Folgen: etwa extreme Regenfälle, die ein Tropensturm mit sich bringt und zu Überschwemmungen und Erdrutschen führen…Hinzu kommen Sturmfluten an den Küsten, denn der Meeresspiegel steigt infolge der globalen Erwärmung.«

»Haiyan« ist damit eine furchtbare Botschaft an die 19. internationale UN-Klimakonferenz, die am 12. November in Warschau begonnen hatte, nur wenige Tage nachdem »Haiyan« ganze Landstriche der Philippinen verwüstet hatte. Dementsprechend stand denn auch die Eröffnung der Konferenz ganz im Zeichen der schrecklichen Ereignisse auf den Philippinen.

Beim Klimagipfel ging es erneut um eine verbindliche Vereinbarung über gemeinsame Klimaziele als Nachfolgevertrag zum sogenannten Kyotoprotokoll, ein Zusatzprotokoll zur Ausgestaltung der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen mit dem Ziel des Klimaschutzes. Die verbindliche Reduzierung der sogenannten Treibhausgase steht im Zentrum dieses Protokolls, gemessen an dem Treibhausgasausstoß von 1990. In den vergangenen Jahren konnten auf den jährlich stattfindenden Weltklimakonferenzen keine neuen Klimaziele vereinbart werden. Als ein Nachfolgeprotokoll für das Kyotoprotokoll wirklich zu scheitern drohte, einigte man sich schließlich auf die Verlängerung der Laufzeit bis 2020. Für Wissenschaftler weltweit ein völlig unzureichendes Ergebnis. Sie warnen davor, erst nach 2020 striktere Grenzen für den Ausstoß von Treibhausgasen zu vereinbaren. Dann mag es vielleicht schon zu spät sein, um die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels überhaupt noch in den Griff zu bekommen.

Für die philippinische Delegation ist es deshalb auch nicht mehr nachvollziehbar, wenn diese Klimakonferenzen, an der 194 Staaten beteiligt sind und die die Erarbeitung eines neuen Klimavertrages zum Ziel haben, der möglichst 2015 unterzeichnet werden sollte, keine konkreten Ergebnisse zum Schutz des Erdklimas hervorbringen.

Als die vergangene Klimakonferenz im Dezember 2012 in Doha eröffnet wurde, waren die Philippinen nur wenige Tage zuvor, am 04. Dezember, von dem Taifun »Bopha« heimgesucht worden. Schon im vergangenen Jahr hieß es, dass es der stärkste Taifun gewesen sei, der je auf den Philippinen gemessen worden war. Mehr als 1.000 Menschen fanden damals den Tod.

Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht verwunderlich, dass die Delegationsleiterin der Philippinen bei der Eröffnung der diesjährigen Konferenz in Warschau an das Mikrofon trat und sagte: »Jedes Mal, wenn ich zu diesen Konferenzen komme, sind wir in meiner Heimat mit einer neuen Katastrophe konfrontiert…Es ist nicht nur in Warschau kalt und trist, sondern auch in meinem Land!« Die Regierungen rief sie auf, endlich zu handeln. Ihr Kollege Naderev Sano kündigte an, er werde während der gesamten Konferenz solange fasten, bis endlich Ergebnisse vereinbart worden sind.

Es sind die Eigeninteressen vor allem auch der Industriestaaten, die jegliche Vereinbarungen zum Scheitern bringen. Japan hat seine eigenen Klimaziele, vor allem was den Ausstoß der Treibhausgase angeht, reduziert. Die neue Regierung in Australien scheint von Klimazielen überhaupt nichts mehr zu halten und stellt gar den Klimawandel in Frage. Auch Kanada gilt als einer der Klimasünder, die keinen Wert auf ambitionierte Ziele zum Schutz des Weltklimas legen. Aber auch die deutsche Bundesregierung bekleckert sich nicht gerade mit Ruhm, wenn es um Klimaziele geht. Auf EU-Ebene blockiert sie eine Reduzierung des CO2 Ausstoßes für Pkw. Eine Neuauflage des Emissionshandels mit CO2 Zertifikaten hat sie ebenfalls durch ihrenWirtschaftsminister lange blockieren lassen. Und wenn es auf den Klimakonferenzen um die Frage der Kosten des Klimawandels und die verursachten Schäden geht, gehört die Bundesrepublik zu denjenigen Staaten, die jegliche Zahlungen an die ärmsten Staaten der Welt ablehnen.

»Haiyan« sollte ein Warnsignal sein. Ein verändertes Klima wird über kurz oder lang alle Staaten treffen. Egoistische Sichtweisen einzelner Staaten, die nur die kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen verfolgen, dürfen nicht länger als Maßstab einer globalen Klimapolitik vorherrschen.

NORBERT KÖSSMEIERr

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