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ÄGYPTEN

»Neue Verfassung schenkt Vertrauen in die Demokratie«

Für den Sprecher der katholischen Bischofskonferenz, Fr. Rafik Greiche, ist die neue Verfassung ein deutliches Hoffnungszeichen für Ägyptens Christen. Diese nun verabschiedete Verfassung sei eine Verfassung aller Religionen und Gruppen im Land. Zugleich sei sie eine deutliche Absage an Islamisierungsbestrebungen der Regierung Mursi und der Muslimbrüder.
FOTO: NORBERT KößMEIER

Christen erfreut über neue Verfassung in Ägypten

Die Ägypter »haben Vertrauen in die Demokratie«. Mit diesen Worten kommentierte der Sprecher der katholischen Kirche in Ägypten, Fr. Rafik Greiche, das Referendum über die neue ägyptische Verfassung, wie die österreichische Stiftung Pro Oriente am 17. Januar berichtet. Viele westliche Medien hätten das Ergebnis des Referendums als »Sieg der Militärs« dargestellt. Tatsächlich sei die »Stimme des Volkes« aber ein Votum »gegen den religiösen Extremismus, gegen die Scharia und gegen die von den Muslimbrüdern in Gang gesetzten Versuche zur Islamisierung der Gesellschaft « gewesen.

Nach offiziellen Angaben haben etwa 98 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die neue Verfassung gestimmt. Die große Teilnahme an der Abstimmung sei eine Herausforderung an die Islamisten, so Fr. Greiche. Besonders beeindruckt habe ihn die massive Teilnahme der Frauen am Referendum. Die neue Verfassung sehe die Gleichberechtigung der Geschlechter vor und eröffne, wenn sie »ordentlich angewendet wird«, neue Möglichkeiten für die Frauen.

Leider habe es auch in den Tagen des Referendums Angriffe auf die Christen gegeben, betonte der Sprecher der katholischen Kirche. Vor allem in der oberägyptischen Provinz Minya hätten Muslimbrüder versucht, die Bevölkerung einzuschüchtern. In dem Städtchen Sohag habe es die gravierendsten Zwischenfälle gegeben. Dort hätten sich vor allem jugendliche Anhänger der Muslimbrüder auf den Dächern der Hauptstraße verschanzt, um Passanten auf dem Weg zu den Wahllokalen mit Steinwürfen, aber auch Schüssen aus Feuerwaffen anzugreifen.

Fr. Greiche unterstrich im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur »AsiaNews« die gravierenden Unterschiede der neuen Verfassung zu der von den Muslimbrüdern im Jahr 2012 unterstützten Version. So gebe es in der neuen Verfassung einen Artikel, der den freien Bau von Kirchen in Ägypten vorsieht (bisher war das nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Präsidialamtes möglich). Entscheidend werde aber die Umsetzung der Verfassung in die gesetzliche Realität sein.

Der ägyptische Historiker Wissam A. Farag sieht im Verfassungsreferendum eine »Bestätigung dessen, was im Juli mit dem Sturz Mursis passiert ist«. Zwar enthalte der neue Entwurf gegenüber der Verfassung vom Dezember 2012 nach seiner Einschätzung kaum substanzielle Neuerungen, sagte der Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität von Al-Mansura im Gespräch mit der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. Dennoch erwarteten vor allem Christen jetzt »den Beginn einer neuen Ära der Freiheit«.

Nach dem Zurückdrängen der Islamisten herrsche unter christlichen Ägyptern das Gefühl eines »verheißungsvollen Morgens«, sagte Farag. »Sie fühlen sich stärker geschützt und als Partner behandelt. Sie fühlen sich mehr als Teil der Gesellschaft.« Daher sei auch die Wahlbeteiligung der Christen augenscheinlich höher gewesen.

Als Signal einer religiösen Öffnung des Landes hätten Christen den Besuch von Interimspräsident Adli Mansur bei Papst Tawadros II. am 5. Januar empfunden, so Farag. Es war das erste Mal, dass ein ägyptisches Staatsoberhaupt persönlich die Markuskathedrale in Kairo besuchte, um dem Oberhaupt der Kopten zum orthodoxen Weihnachtsfest (6./7. Januar) zu gratulieren. Früher hatte die Staatsspitze dazu immer nur einen Vertreter entsandt.

Der koptisch-katholische Bischof von Assiut, Kyrillos William Samaan, bezeichnete im Gespräch mit dem Pressedienst des Päpstlichen Hilfswerks »Kirche in Not« die neue Verfassung als »eindeutige Verbesserung« gegenüber den Formulierungen während des Mursi- Regimes. Wenn die neue Verfassung in die Realität umgesetzt werde, würde sie eine »bedeutende Besserstellung der Christen in Ägypten« bedeuten. Die neue Verfassung bemühe sich, alle Bereiche der ägyptischen Gesellschaft ernst zu nehmen, was bei der Mursi-Verfassung nicht der Fall gewesen sei.

Nach Ansicht des Bischofs ist die Formulierung des Artikels 2 der neuen Verfassung, wonach die Scharia Quelle der ägyptischen Gesetzgebung sein soll, »kein Problem«. Das sei in Ägypten schon lange Zeit der Fall gewesen, auch vor Mursi. Wichtiger sei, dass der neue Artikel 3 den Christen und Juden im Hinblick auf zivilrechtliche Fragen und interne Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften völlige Autonomie einräume. Außerdem gebe die neue Verfassung Christen, Juden und Muslimen die gleichen Rechte im Hinblick auf die Errichtung von Gotteshäusern. Das neue Parlament werde die Details dieser Frage in seiner ersten Sitzung regeln müssen. Bischof Samaan: »Ich hoffe, dass wir Christen in Ägypten dann endlich frei sein werden, Kirchen zu erbauen oder zu restaurieren«.

Es sei zwar richtig, dass viele Ägypter Angst vor der Zukunft haben, aber zugleich gebe es auch Hoffnung, betonte der koptisch-katholische Kurialbischof Youhanna Golta im Gespräch mit »Radio Vatikan«. Angst gebe es vor allem im Hinblick auf die Pläne der Islamisten. Zugleich sei er aber überzeugt, dass die jetzige Regierung das Land im Griff habe, sagte Bischof Golta. »Und das ägyptische Volk ist bereit, jeden Preis zu zahlen, um nie mehr zu einem ›Religionsstaat‹ zurückzukehren«.

Bischof Golta warnte auch vor den Berichten über eine dramatische Auswanderungsbewegung der Christen aus Ägypten. Tatsächlich würden im Vergleich wesentlich mehr Muslime auswandern, »weil sie Angst haben, weil sie ohne Hoffnung auf eine ruhige Zukunft sind«. Die westlichen Medien würden sich leider zu sehr auf Quellen aus dem Bereich der Islamisten und der Muslimbrüder verlassen. Tatsächlich gehe das kirchliche Leben in Ägypten wie gewohnt weiter, die Kirchen seien offen, die Sonntagsmessen seien überfüllt, ebenso die kirchlichen Aktivitäten aller Art.

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