Es gibt keine Alternative zur echten Evangelisierung! Reflexionen eines südafrikanischen Bischofs zu Evangelii Gau corner

Es gibt keine Alternative zur echten Evangelisierung!

Reflexionen eines südafrikanischen Bischofs zu Evangelii Gaudium

von KEVIN DOWLING CSSR

Ein Township in der Nähe von Durban. Etwa die Hälfte der Bewohner leiden an HIV/AIDS. Für Bischof Kevin Dowling bedeutet Evangelisierung auch, die Hand der Menschen zu halten, die an dieser furchtbaren Krankheit leiden.
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Im Laufe eines Lebens wird eine Person manchmal durch wenige Worte überrascht, die diese Person dann dazu bringen, innezuhalten und nachzudenken. Ich glaube, dies geschieht immer wieder im Leben von uns allen. Ein Beispiel: Als ich über Jahre dafür kämpfte, eine ganzheitliche Antwort der Kirche auf die verheerenden Auswirkungen von HIV/AIDS in meiner Diözese zu entwickeln, im Kontext von Millionen von Menschen, die mit AIDS lebten und im subsaharischen Afrika an AIDS beziehungsweise den durch AIDS erzeugten Krankheiten starben, wurde ich herausgefordert durch die machtvollen Worte eines gewissen Dr. J. P. Muliyil: »Wie kann ich eine Zahl oder eine Statistik verstehen, bevor ich nicht die Hand dessen gehalten habe, den die Zahl repräsentiert? « Dies ist so wahr; dies bringt es zutiefst auf den Punkt – die Millionen von Kranken und Sterbenden sind einzigartige Menschen, und bevor ich nicht ihre Hand gehalten habe, während sie mit ihren Krankheiten kämpfen, werde ich niemals verstehen, was AIDS bedeutet. Dies hat mich persönlich zu einer bewussten Entscheidung geführt: Seit 1992 »halte ich die Hände« der Kranken, Verwundbaren und besonders der sterbenden Frauen, aber ebenso der Männer und Kinder in dieser Diözese. Ich weiß deshalb zutiefst in meinem Inneren, was »Evangelisierung « bedeutet in einer Familie und einem sozialen Kontext, beispielsweise einer an AIDS sterbenden alleinerziehenden Mutter, die voller Verzweiflung auf ihr Baby schaut – eine unbeschreibliche Tragödie, eine entsetzliche Ungerechtigkeit, eine zutiefst bewegende herausforderung für uns alle in der Kirche, die Mission der Kirche in der Realität der Gesellschaften und der Welt von heute neu zu sehen. Diese Mission nennen wir »Evangelisierung«.

Eine neue Vision von Kirche

Papst Franziskus macht zu Beginn seiner apostolischen Exhortation Evangelii Gaudium deutlich, dass es sich bei seinem Dokument eher um eine Vision dessen handelt, was seiner Meinung nach die katholische Gemeinschaft in der heutigen Welt werden und sein sollte; mit dem eindeutigen Fokus, missionarischer zu sein, barmherziger und zugleich mutig in unserer Bereitschaft, uns zu ändern.

»Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient.« (EG 27) Seine besondere Leidenschaft und sein Fokus gilt im gesamten Dokument den Armen und dem Frieden – und er sieht beides, den Einsatz für die Armen und für den Frieden, als zentrale Elemente der Evangelisierung an. Und er ist in Sorge, dass wir uns zu sehr als Kirche mit unserem innerkirchlichen Leben und unseren Sorgen beschäftigen.

Ich glaube, dass die apostolische Exhortation Evangelii Gaudium von Papst Franziskus ein Aufruf ist, die kirchliche Sendung der Evangelisierung im Kontext der realen Welt und der realen Erfahrungen von Milliarden von Menschen, insbesondere der Armen und Verwundbaren, neu zu sehen – eine Herausforderung, die auch für uns in Afrika von großer Bedeutung ist. Im gesamten Dokument trifft man auf »Perlen« der Weisheit und Einsichten von Papst Franziskus – »Perlen«, die mich veranlasst haben, innezuhalten, sie wiederholt zu lesen und sie zu beherzigen. Dies sind Worte eines wirklichen Hirten, der die Leiden der Schafe kennt und spürt, und der ebenso weiß, dass die heutigen konventionellen Antworten möglicherweise nicht länger von Bedeutung sind, keinen Sinn machen. Sofern die Weltkirche keinen neuen Weg findet, die Frohe Botschaft Jesu zu vermitteln und bedeutsam werden zu lassen, riskieren wir, diese Botschaft der Bedeutungslosigkeit auszuliefern.

Reflexionen eines wirklichen Seelsorgers

Was mich als erstes berührte an Evangelii Gaudium war die Tatsache, dass dieses Dokument eigentlich die Reflexion des Papstes zur Synode über »Die neue Evangelisierung und die Weitergabe des Glaubens« sein sollte. Da ich selbst an Synodenprozessen teilgenommen habe, weiß ich sehr wohl, dass die nachsynodalen Schreiben normalerweise sorgfältig konstruierten Richtlinien folgen. Diese neue Exhortation von Papst Franziskus ist jedoch ganz anders. Es ist die Reflexion eines wirklichen Seelsorgers, der dem inspirierenden Aufruf von Gaudium et Spes gefolgt ist: »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen dieser Zeit, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst auch der Jünger Christi« (GS 1). Dies ist ein Seelsorger, der die Inspiration der Worte in der Präambel der Synode über Gerechtigkeit in der Welt im Jahr 1971 beherzigt: »Der Einsatz für die Gerechtigkeit und die Teilnahme an der Umgestaltung der Welt erscheinen uns als wesentlicher Bestandteil der Verkündigung des Evangeliums und der Sendung der Kirche zur Erlösung der Menschen und zur Befreiung von jeder Art Unterdrückung. « (De Iustitia In Mundo 1971) (Anm.: der deutsche Text findet sich unter folgender Internetadresse: http://www. iupax.at/index.php/listesoziallehre/ 120-1971-weltbischofssynode-de-iustitiain- mundo.html)

Ich erfahre deshalb auch den Zugang von Papst Franziskus nicht als eine philosophisch-theologische Analyse und Richtlinie für die Antwort der Kirche auf die kritischen menschlichen und gesellschaftlichen Probleme, denen Milliarden unserer Brüder und Schwestern ausgesetzt sind, sozusagen als eine topdown Analyse, die von oben nach unten weitergereicht wird. Vielmehr sehe ich in dem Dokument die Reflexion eines Hirten, der sehr wohl weiß, Theologie »vor Ort« zu betreiben, das heißt zu unterscheiden, wozu das Wort Gottes uns aufruft angesichts der entscheidenden menschlichen Kämpfe, denen sich die große Mehrheit der Menschheit ausgesetzt fühlt. Und in diesem Sinne darf diese Exhortation nicht einfach nur gelesen werden, sondern sollte in der Gegenwart Gottes meditiert werden. Diese Gegenwart Gottes beschenkt uns mit den Einsichten des Heiligen Geistes, um diese auf unsere besondere Situation anzuwenden.

Minenarbeiter versammeln sich am 26. August 2013 auf einem Hügel mit dem Namen »Hill of Horror« während einer Trauerfeier für die Bergleute, die bei Zusammenstößen während Demonstrationen am 23. August 2013 vor der Platin-Mine in Rustenburg ums Leben gekommen sind. Die Polizei hatte 34 Streikende erschossen.
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Alle Aspekte des menschlichen Lebens berühren

Der Begriff »Neue Evangelisierung« erscheint mir problematisch. Was bedeutet er? Was ist die »neue« Evangelisierung, auf welche Weise unterscheidet sie sich von der »alten« Evangelisierung? Was ist mit der Wahrnehmung, dass der Ruf zu einer »neuen« Evangelisierung vor allem den Blick auf den Verlust des christlichen Einflusses in der entwickelten Welt, vor allem Europas richtet? Ist der Verlust der früher sehr engagierten Mitglieder der Kirche in Europa und in der restlichen entwickelten Welt einfach dem »moralischen Relativismus« und verschiedenen anderen »Ismen« zuzuschreiben – oder verweist dies nicht eher auf etwas viel Problematischeres in der Kirche als Institution in der heutigen Welt? Verhindert nicht vielmehr die Wahrnehmung vieler gut ausgebildeter Katholiken, dass die Kirche als Institution nämlich übermäßig fokussiert ist auf sexuelle Fragen und damit viele andere bedeutende Fragestellungen ausklammert, die kirchliche Mission der »Evangelisierung « in der heutigen Welt?

Ich bin überzeugt, dass diese Fragestellungen, neben anderen, die grundlegenden Sorgen von Papst Franziskus in dieser apostolischen Exhortation darstellen. Für mich ist es offensichtlich, dass Papst Franziskus eine ganzheitliche Vision von der Evangelisierung hat, das heißt dass die Sendung der Kirche in der heutigen Welt alle Aspekte des menschlichen Lebens berühren muss, insbesondere auch die systemischen Probleme wie das Modell einer globalen Wirtschaft, das mit Hilfe politischer und wirtschaftlicher Eliten Milliarden von Armen und Verwundbaren zu einem Leben im Elend verurteilt.

Eine zu selbstbezogene Kirche?

Ich habe die meisten meiner 23 Jahre als Bischof und auch all die Jahre zuvor als Priester damit verbracht, mich in Gerechtigkeits- und Menschenrechtsfragen im südlichen Afrika und in Südafrika selbst zu engagieren, auch in anderen Ländern Afrikas und anderswo in der Welt wie zum Beispiel den früheren Balkanstaaten. All dies Engagement hat mich immer wieder dazu gebracht, innezuhalten, nachzudenken und die gleiche Frage zu stellen: Warum sind Gerechtigkeit, Menschenrechte und Anwaltschaft für Veränderungen im sozio-politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich, so scheint es, am Rande der kirchlichen Sendung der Evangelisierung gewesen? Warum wurde dieses Engagement so häufig wahrgenommen, insbesondere während des Kampfes gegen die Apartheid in Südafrika, aber auch danach, als »Einmischung in die Politik«, aus der die Kirche sich heraushalten sollte?

Ich denke, dass die Kirche in Afrika anzuerkennen hat, dass die Samen des Evangeliums Jesu durch Missionare vor allem aus Europa gepflanzt worden sind, die nach Afrika gekommen waren mit ihrer Mentalität, ihrer Vision und Vorstellung von Kirche, ihrer Spiritualität und Praxis, die sich aus ihrer eigenen Erfahrung von Kirche in Europa herleitete. Dies ist vollkommen nachvollziehbar. Diese Missionare konnten die Frohe Botschaft nur aus der Perspektive ihres eigenen Glaubensweges, ihrer Katechese und pastoralen Praxis, wie sie in ihrer Heimat vorherrschte, predigen. Und diese versuchten sie dann auf die neuen Situationen in Afrika anzuwenden. Ich denke, dass wir als Kirche Afrikas uns aufrichtig fragen müssen, ob unser vorrangiger Fokus der pastoralen Planung und Praxis nicht in erster Linie auf einer kirchlichen Gemeinschaft gelegen hat, die selbstbezogen ist, was sich u. a. darin äußert, dass der Fokus auf Sakramenten, Eucharistie, Frömmigkeit, dem Aufblühen so vieler Bruderschaften mit ihrer eigenen Frömmigkeit etc. liegt. Daran ist überhaupt nichts auszusetzen. Mein Punkt an dieser Stelle ist, dass etwas fehlt – das Engagement für die Transformation der sozio-politischen Situation der Armen und Verwundbaren, so dass sie ein Minimum an menschlichem Anstand erfahren können, als Basis für einen tieferen Weg in die spirituellen Dimensionen des Lebens, die die Kirche ihnen ebenso anbieten kann.

Meine persönliche Erfahrung des Dienstes als gebürtiger Südafrikaner in Südafrika und andernorts in Afrika hat in mir Fragen aufgeworfen über die Vision von Kirche, die wir in Afrika haben. Ich kämpfe mit diesen Fragen und behaupte nicht, dass ich Antworten darauf besitze. Faktum ist, dass die große Mehrheit auch der Katholiken im subsaharischen Afrika die einer entmenschlichenden Armut und Not ist. Die Menschen erfahren die Auswirkungen von HIV/AIDS auf Familien und das gesellschaftliche Leben, massive Korruption durch Politiker und Regierungen, Gewalt, Kriege, Vergewaltigungen und den Missbrauch von Frauen und Mädchen als alltägliche Wirklichkeit. Mit Sicherheit sollten diese Probleme im eigentlichen Zentrum der kirchlichen Vision und des kirchlichen Auftrags der Evangelisierung stehen, die dann in eine Anwaltschaft für einen systemischen Wandel mündet. Es gilt Zeugnis zu geben und Kampagnen durchzuführen gegen alles, was die »Kleinen« der Gesellschaft entmenschlicht. Für mich lautet demnach die Frage: Stehen diese Probleme wirklich im Zentrum der kirchlichen Vision und des kirchlichen Auftrags der Evangelisierung in Afrika? Oder werden all diese Fragen und Probleme nicht eher wahrgenommen als Fragen an der Peripherie dessen, was die Kirche tut, als Fragen, für die sich einige Wenige engagieren, die aber kaum Bedeutung dafür haben, wer oder was wir als Kirche in Afrika sind?

Für Bischof Kevin Dowling bedeutet die von Papst Franziskus angestrebte Dezentralisierung, dass mögliche Autorität hinsichtlich notwendiger Entscheidungen nicht einfach an Ortsbischöfe übertragen wird, sondern diese aufgerufen sind, die Gläubigen in Entscheidungsfindungsprozesse
einzubeziehen. Dezentralisierung erfordert eine kollaborative Leitung und verändert das Amtsverständnis von Bischöfen.
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Auf dem Weg zu einer authentischen afrikanischen Kirche

In diesem Zusammenhang will ich darauf verweisen, dass wir großartige menschliche Ressourcen in Afrika haben, afrikanische Theologen, Philosophen, Ethiker – Priester und Ordensleute insbesondere –, die für die Kirche Afrikas eine Vision beschreiben können, basierend auf Jesus und sein Evangelium, aber ebenso auf ihrer eigenen kritischen Analyse der sozio-politischen, kulturellen und ökonomischen Realität, innerhalb derer sie Theologie in Afrika betreiben. Es scheint mir, dass es von entscheidender Bedeutung ist, dass Bischöfe und all diejenigen, die Leitungsverantwortung in Afrika haben, mit Leidenschaft diese Ressourcen fördern, so dass wir fortfahren können, eine wahre afrikanische Kirche zu erbauen, einschließlich ihrer kulturellen Ausdrucksweisen, und dies in dem Kontext, in dem wir leben – oder vielleicht versuchen, zu überleben.

Aus dieser Perspektive muss im Zentrum eines solchen Projektes die gesamte Frage der Evangelisierung stehen, verstanden als Kampf für Gerechtigkeit, als Implementierung von Policies und einer Praxis der Menschenrechte, integrale menschliche Entwicklung und alle Fragestellungen, die unbedingt angegangen werden müssen, so dass unsere afrikanischen Mitmenschen ein Minimum an Würde in ihrem Leben erfahren dürfen.

Meinem Gefühl nach muss die afrikanische Kirche im Zentrum der Anwaltschaft für all dies stehen – und ich finde in Evangelii Gaudium dafür Unterstützung. Wir können die Armen nicht bitten, ein spirituelles Leben zu entwickeln und zu praktizieren, die Eucharistie als bedeutungsvolle Feier für ihr Leben mit Jesus anzusehen etc., wenn wir nicht als eine Kirche gesehen werden, die in die Kämpfe der armen und Verwundbaren für ein würdiges Leben involviert ist. Und dies bedeutet, dass vor allem die Leitung der Kirche als engagiert in Anwaltschaft und Bemühungen zur Verwandlung des Schicksals der Armen wahrgenommen werden muss. Es geht darum, dort »draußen« an den Rändern zu sein, wie Papst Franziskus mehr als nur einmal betont hat.

Eine »Evangelisierung der Verwandlung«

Der Leitsatz der katholischen Soziallehre von der »vorrangigen Option für die Armen« ist deshalb kein optionales Extra, das wir auf einer Liste unter Katechese, Liturgie usw. anfügen. Wenn wir als Kirche das Leben der Armen berühren wollen, die in unserer Mitte leben, dann müssen wir Priester, Ordensleute und Laien in dieser neuen Vision von Evangelisierung ausbilden, die ganzheitlich ist, die alle Aspekte des Lebens hinsichtlich der Vision und Praxis integriert, und die uns alle gemäß unserer unterschiedlichen Berufungen und Dienste inspiriert, uns mit den Armen in einer »Evangelisierung der Verwandlung« zu engagieren. Solch eine Evangelisierung fordert uns auf, die Armen, unter denen wir arbeiten und denen wir dienen, zu befähigen, Subjekte ihrer eigenen Verwandlung zu werden. Wir haben die großartige Möglichkeit als Kirche, solch eine Mission der Evangelisierung zu implementieren, und zwar deshalb, weil wir als Kirche präsent sind in den Gemeinschaften, die an den Rand gedrängt wurden, die verlassen wurden, für die keiner Sorge trägt und die eine Hoffnungslosigkeit erfahren, welche den menschlichen Geist bricht. Jesus hat sehr deutlich dafür optiert, unter diesen »Kleinen« zu sein, ihre Realität zu heilen und zu verwandeln. Wenn wir als Kirche wirkliche Jünger Jesu sein wollen, dann haben wir nicht mehr, aber auch nicht weniger zu tun.

Mit anderen Worten, wir können die »vorrangige Option für die Armen« nicht auf karitative Werke begrenzen, die die Leiden der Armen in gewisser Weise lindern. Dies ist natürlich auch wichtig. Aber es ist nicht genug, wenn wir als Kirche dieser ganzheitlichen Vision von Evangelisierung treu sein wollen. Es bedeutet, dass wir uns anwaltschaftlich für die Verwandlung engagieren müssen, dass wir uns engagieren müssen, die Ursachen der Entmenschlichung und des Elends zu analysieren, und dass wir uns engagieren müssen, alle Formen der Ungerechtigkeit und der Verletzung der Menschenrechte zu verwandeln, so dass unsere Mitmenschen beginnen können zu glauben, was Jesus ihnen verheißen hat: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben« (Joh 10,10). Die Mission und der Dienst der Gerechtigkeit, der Versöhnung, des Friedens und der Verwandlung von Armut und Marginalisierung muss zentral sein für unsere Vorstellung von der Berufung der Kirche zu evangelisieren. Wie Papst Franziskus es so prägnant ausdrückt: »In diesem Rahmen versteht man die Aufforderung Jesu an seine Jünger: ›Gebt ihr ihnen zu essen!‹ (Mk 6,37), und das beinhaltet sowohl die Mitarbeit, um die strukturellen Ursachen der Armut zu beheben und die ganzheitliche Entwicklung der Armen zu fördern als auch die einfachsten und täglichen Gesten der Solidarität angesichts des ganz konkreten Elends, dem wir begegnen.« (EG 188)

Gegen Systeme der Ungerechtigkeit

Papst Franziskus fokussiert in diesem Zusammenhang auf »Systeme «, die Menschen und ganze Gemeinschaften, ja Gesellschaften verarmen lassen. Explizit stellt er die oft wiederholte »trickle-down«-Theorie der Ökonomie in Frage (vgl. EG 54).

»Fast ohne es zu merken«, so fährt der Papst fort, »werden wir unfähig, Mitleid zu empfinden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen (Anm. d. Red.: Während im englischen Text vom »Aufschrei der Armen« die Rede ist, findet sich im Deutschen die Übersetzung »Aufschrei der anderen«), wir weinen nicht mehr angesichts des Dramas der anderen, noch sind wir daran interessiert, uns um sie zu kümmern, als sei all das eine uns fern liegende Verantwortung, die uns nichts angeht.« (EG 54)

Der Papst ist sehr kritisch hinsichtlich der enormen Kluft, die sich zwischen den »Habenden und Habenichtsen « aufgetan hat. »Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen. Darum bestreiten sie das Kontrollrecht der Staaten, die beauftragt sind, über den Schutz des Gemeinwohls zu wachen. « (EG 56)

Er richtet die Aufmerksamkeit auf die offensichtlichen Ungerechtigkeiten, die in diesem Weltwirtschaftssystem errichtet worden sind. Demgegenüber fordert er ein System, das in der Tat für jeden und überall auf der Welt arbeitet, insbesondere jedoch für die Marginalisierten.

Die Alternativen, die der Papst in seiner Exhortation benennt, heißen globale Solidarität, Ethik, eine Verpflichtung zur Gerechtigkeit, die gerechte Verteilung der Güter der Welt, der Schutz der Arbeit und schließlich die Verteidigung der Würde der Ohnmächtigen. Doch dies sind keine populären Konzepte für die Reichen und Mächtigen dieser Welt. Papst Franziskus anerkennt, dass es keine einfachen und simplen Antworten auf all diese Fragen gibt. Angesichts dieser Situation dürfe die Wirtschaft aber auch nicht »auf ›Heilmittel‹ zurückgreifen, die ein neues Gift sind, wie wenn man sich einbildet, die Ertragsfähigkeit zu steigern, indem man den Arbeitsmarkt einschränkt und auf diese Weise neue Ausgeschlossene schafft.« (EG 205)

Diese Aussage ist von hoher Bedeutung für uns hier in Südafrika, insbesondere für den Bergbau. In den vergangenen Monaten und Jahren gab es insbesondere in diesem Bereich zahlreiche Konflikte und Unruhen. Südafrika ist auch weiterhin eine der ungleichsten Gesellschaften auf der Welt, selbst 20 Jahre nach Einführung der Demokratie. Millionen von Mitmenschen sehnen sich nach einem »Platz an der Sonne«, auch wenn sie die unbeschreibliche Hitze des südafrikanischen Sommers in ihren Blechhütten ertragen müssen. Südafrika und so viele andere afrikanische Länder und Entwicklungsländer weltweit versuchen, an diesem Weltwirtschaftssystem zu partizipieren, ein System, das gegen sie gewichtet ist – selbst in ihren eigenen Ländern. So viele von ihnen finden es sehr schwer in den Wettbewerb einzusteigen – denn dies ist der Name des Spiels – Wettbewerb. Es sind immer die politisch und wirtschaftlich Mächtigsten, die dieses Spiel gewinnen, es sind immer die Armen, die verlieren, denn das »System« an sich ist ungerecht und ungleich.

Dezentralisierung, Subsidiarität und kollaborative Leitung

Papst Franziskus setzt den Fokus auf Dezentralisierung in der Kirche, wenn es wirklichen Wandel geben soll. Sehr deutlich anerkennt er, dass das Magisterium in Rom nicht alle Antworten auf die komplexen Probleme, denen wir uns in der heutigenWelt zu stellen haben, hat. »Es ist nicht angebracht, dass der Papst die örtlichen Bischöfe in der Bewertung aller Problemkreise ersetzt, die in ihren Gebieten auftauchen. In diesem Sinn spüre ich die Notwendigkeit, in einer heilsamen ›Dezentralisierung‹ voranzuschreiten.« (EG 16).

Ich stimme dem vollkommen zu, jedoch würde ich auch zur Vorsicht mahnen. Es kann nicht vorausgesetzt werden, dass die Ortsbischöfe die Antworten auf die komplexen Probleme haben, denen wir uns gegenübersehen, sowohl was fundamental ungerechte Gesellschaften betrifft als auch das Weltwirtschaftssystem selbst. Während wir zu einer authentischen Praxis des Grundsatzes der katholischen Soziallehre, nämlich der Subsidiarität, auffordern, kann dieses Prinzip nicht darauf beschränkt werden, Autorität und Entscheidungsprozesse teilweise den Ortsbischöfen zu übertragen.

Die Ortsbischöfe ihrerseits müssen ebenfalls Entscheidungsfindungsprozesse übertragen, Prozesse, die die Einbeziehung aller Gläubigen erfordern. Unsere Gläubigen haben so vielfältige Fähigkeiten und Erfahrungen, die es ermöglichen, dass die Kirche glaubwürdig und realistisch antwortet. Es ist sinnvoll, darüber nachzudenken. Die Ortsbischöfe müssen im Stil von Papst Franziskus Seelsorger sein – nicht autoritäre Entscheider, sondern Hirten, die »wie ihre Schafe riechen«, die das gesamte Volk Gottes zusammenrufen in einen Entscheidungsfindungsprozess, der sich auf die Analyse und die Deutung der »Zeichen der Zeit« gründet, so dass alle zusammen versuchen zu erkennen, wozu Gott die Ortskirche aufruft, zu welchem Zeugnis er sie auffordert, wofür sie eintreten soll, wo sie präsent sein soll und wo sie sich engagieren soll – so dass die Armen und Kleinen der Gesellschaft Hoffnung und neue Aufbrüche erfahren können. Der Bischof, so glaube ich, ist aufgerufen – am Ende eines solchen Prozesses mit dem gesamten Volk Gottes in der Diözese zu bestätigen: »Es erscheint dem Heiligen Geist und uns als richtig und gut, dass wir diesen Weg als Volk Gottes – für diesen Moment – beschreiten sollten, während wir offen sind für den Heiligen Geist, uns zu offenbaren, wann der Zeitpunkt gekommen ist, dass wir erneut einen Wandel vollziehen sollten, oder den Weg fortführen oder andere Entscheidungen treffen sollten.«

Mit anderen Worten, die Bischöfe sind zu einer kollaborativen Leitung aufgefordert. Papst Franziskus erklärt, dass Bischöfe und Seelsorger »die Reifung der vom Kodex des Kanonischen Rechts vorgesehenen Mitspracheregelungen sowie anderer Formen des pastoralen Dialogs anregen und suchen, in dem Wunsch, alle anzuhören und nicht nur einige, die ihm [ihnen] Komplimente machen.« (EG 31)

Hören auf den Heiligen Geist

Papst Franziskus benennt auch das Problem der Kirchenstrukturen in Evangelii Gaudium. Er sieht sehr deutlich die Gefahr, dass Kirchenstrukturen ein Hemmnis für die Sendung und Arbeit der Kirche in der Welt sein könnten. Der zentrale Wert einer Struktur zeigt sich darin, ob sie uns ermöglicht, wirklich in Kontakt mit dem Leben der einfachen Menschen zu treten, ob sie uns ermöglicht, diese Menschen zu erreichen und zu berühren. Papst Franziskus möchte nicht, dass unsere Pfarreien und Gemeinschaften um sich selbst kreisen, selbstbezogen sind, sondern er will Menschen des Glaubens, die »mutig und kreativ« sind, und Bischöfe als Hirten, die »sich bisweilen an die Spitze stellen, um den Weg anzuzeigen und die Hoffnung des Volkes aufrecht zu erhalten, andere Male… hinter dem Volk hergehen, um denen zu helfen, die zurückgeblieben sind.« (EG 31). Bischöfe, die auf ihr Volk hören und es ermutigen, neue Wege zu finden.

Wenn wir solch eine Kirche vor Ort entwickeln, dies dann auf die nächst höhere Ebene bringen, nämlich die der Bischofskonferenz, wo wir zusammen mit Priestern, Ordensleuten und Laien gemeinsam Entscheidungsfindungsprozesse durchführen, sodann auf die nächst höhere Ebene, nämlich die der wirklich beratenden Synoden mit dem Papst als Bischof von Rom, dann bin ich überzeugt, werden wir wahrhaftiger darauf hören, was der Heilige Geist den Kirchen zu sagen hat.

Papst Franziskus ruft die katholische Kirche dazu auf, missionarischer im weitesten und zugleich ganzheitlichsten Sinne zu sein. Aber er warnt zugleich, dass die Alternativen nicht sehr angenehm sein werden, sollten wir diesen Weg nicht beschreiten. »Keiner hat ein besseres Leben, wenn er die anderen flieht, sich versteckt, sich weigert teilzunehmen, widersteht zu geben, sich in seine Bequemlichkeit einschließt. Dies kommt vielmehr einem langsamen Selbstmord gleich.« (EG 272).

Machtvolle Worte! Nichtsdestotrotz eine Einladung, den Weg der wirklichen Evangelisierung zu gehen – ein mit Glauben erfülltes Gebet im Kontext unserer alltäglichen Erfahrungen, ein Handeln im Namen der Gerechtigkeit in allen Gemeinschaften und Realitäten, in denen Gott uns auffordert, unsere Talente und unseren Dienst zu teilen.

KEVIN DOWLING CSSR
Bischof der Diözese Rustenburg / Südafrika, Co-Präsident von Pax Christi International

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