»Es gibt keine größere Freiheit …« Die Herausforderung der Evangelisierung für Mindanaos Christ corner

»Es gibt keine größere Freiheit …«

Die Herausforderung der Evangelisierung für Mindanaos Christen

von SEBASTIANO D'AMBRA

Gewalt in Mindanao. Menschen aus Zamboanga sind vor den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der Moro National Liberation Front (MNLF) und der philippinischen Armee im September 2013 ins Stadion geflohen.
FOTO: KNA-BILD

Nachdem ich die apostolische Exhortation Evangelii Gaudium von Papst Franziskus gelesen hatte, war mir klar: »Dies ist ein Zeichen der Hoffnung für die Welt und für die Kirche.« Als Missionar in Mindanao auf den Philippinen seit 1977, mit der spezifischen Mission, den Dialog zwischen Muslimen und Christen zu leben und zu fördern, fühle ich, dass dieses Dokument mehr ist als nur ein wertvolles Dokument – es ist »frohe Botschaft«, einfach und tief, die das Herz berührt und uns hilft, die Sendung der Christen, die nach neuen Zeichen der Hoffnung suchen, neu zu überdenken. Inmitten vieler Wolken über der Kirche zeigt uns diese Exhortation die Sonne hinter den Wolken. Evangelii Gaudium hilft uns, »die Freude des Evangeliums« wieder zu gewinnen. Dies ist die wichtigste Botschaft, die wir an verschiedenen Stellen dieses großartigen Dokuments finden. Es gibt zudem konkrete Antworten für diese Welt und erinnert an die Botschaft des Hl. Paulus, der im Dokument mit den Worten zitiert wird: »Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit dem Guten!« (Röm 12,21).

In diesem kurzen Beitrag werde ich die wichtigsten Punkte des Dokuments hinsichtlich der Frage der Evangelisierung und der Option für die Armen im Kontext der Evangelisierung Mindanaos herausstellen, mit einem besonderen Fokus auf den christlich-muslimischen Dialog.

Das Dokument ist eine inspirierende Präsentation vom Traum von Papst Franziskus für die heutige Kirche. Den letzten Teil der Exhortation sehe ich als Conclusio an, ja zudem als eine neue Art, die so genannte »Theologie der Befreiung« darzustellen. In der Exhortation heißt es:

»Es gibt aber keine größere Freiheit, als sich vom Heiligen Geist tragen zu lassen, darauf zu verzichten, alles berechnen und kontrollieren zu wollen, und zu erlauben, dass er uns erleuchtet, uns führt, uns Orientierung gibt und uns treibt, wohin er will. Er weiß gut, was zu jeder Zeit und in jedem Moment notwendig ist.« (EG 280)

Die Philippinen sind ein Land, in dem bis heute sehr viele Menschen arm sind, obwohl das Land selbst sehr viele Ressourcen besitzt. Dies ist vor allem in Mindanao der Fall, wo der Konflikt zwischen den verschiedenen Moro-Gruppen, Völker mit muslimischem Glauben, und der Regierung seit den 70er Jahren besteht. Die muslimische Bevölkerung in Mindanao stellt die Mehrheit der Bevölkerung. Dieser Konflikt ist auch weiterhin bis heute ein großes Problem, trotz unzähliger Prozesse und Übereinkünfte, die zum Frieden führen sollten. Und die Menschen in Mindanao sind auch weiterhin von diesem Konflikt massiv betroffen, auf unterschiedliche Weise. Dieser Konflikt erschwert die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen enorm.

Ohne nun ins Detail gehen zu wollen, was diesen Konflikt in Mindanao betrifft, können wir feststellen, dass dieses neue Dokument des Papstes die christlichen Leser in diesem Teil der Welt massiv herausfordert, insbesondere wenn es um Fragen der Evangelisierung, die Option für die Armen und den christlich-muslimischen Dialog geht.

Evangelisierung

Papst Franziskus erinnert uns daran, dass wir alle missionarische Jünger sind (EG 119). Folglich ein Volk mit vielen Gesichtern. Das Konzept der Inkarnation in der Realität der Welt wird betont und erinnert uns daran, dass der Mensch immer in einer konkreten Kultur beheimatet ist. Dieses Konzept wird bestätigt, indem das großartige Dokument Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanischen Konzils zitiert wird: »Natur und Kultur hängen engstens zusammen.« (EG 115; vgl. GS 53). In diesem Zusammenhang erinnert uns das Dokument an die Herausforderungen einer missionarischen Spiritualität und erklärt: »Es ist erwähnenswert, dass sogar, wer dem Anschein nach solide doktrinelle und spirituelle Überzeugungen hat, häufig in einen Lebensstil fällt, der dazu führt, sich an wirtschaftliche Sicherheiten oder an Räume der Macht und des menschlichen Ruhms zu klammern, die man sich auf jede beliebige Weise verschafft, anstatt das Leben für die anderen in der Mission hinzugeben. Lassen wir uns die missionarische Begeisterung nicht nehmen!« (EG 80).

In der Tat benötigen wir in Mindanao eine »missionarische Begeisterung«, die sich auf eine missionarische Spiritualität gründet. Der Glaube der Menschen ist stark, jedoch in vielerlei Hinsicht oberflächlich. Dies mag wie ein Gegensatz erscheinen; und doch trifft es zu. Es ist ein Glaube, der die Lebendigkeit und den Enthusiasmus von Menschen reflektiert, deren Evangelisierung historisch gesehen auf die spanischen Kolonialherren zurückreicht, also etwa vor 500 Jahren erfolgte. Die philippinische Kirche bereitet sich zurzeit darauf vor, das 500-jährige Jubiläum der Christianisierung dieses Teils der Welt zu feiern. Dies wird im Jahr 2021 geschehen, und die katholische Bischofskonferenz der Philippinen hat für jedes Jahr bis zum Jubiläum eine spezielle Intention vorgeschlagen. Der Fokus für das Jahr 2014 ist das Thema »Laien in der Kirche«. Mit Sicherheit wird die Exhortation von Papst Franziskus sehr hilfreich sein in den beständigen Bemühungen der philippinischen Kirche, den Glauben zu vertiefen. Das Land mit über 90 Millionen Einwohnern ist auch weiterhin ein katholisches Land mit mehr als 80 Prozent Katholiken und vielen anderen christlichen Denominationen, indigenen Gruppen und einer signifikanten Zahl von Muslimen, besonders in Mindanao. Die Exhortation ist eine großartige Gelegenheit, Katholiken zu ermutigen, insbesondere die Laien in der Kirche, ihre Verantwortung wahrzunehmen. »Die Laien«, so heißt es in dem Dokument, »sind schlicht die riesige Mehrheit des Gottesvolkes. In ihrem Dienst steht eine Minderheit: die geweihten Amtsträger.[…] Die Bildung der Laien und die Evangelisierung der beruflichen und intellektuellen Klassen stellen eine bedeutende pastorale Herausforderung dar.« (EG 102). Evangelisierung hat zudem die Volksfrömmigkeit zu reflektieren und auch die Charismen im Dienst der evangelisierenden Gemeinschaft. (vgl. EG 130).

Die Exhortation erinnert uns an die Notwendigkeit (vgl. EG 160–177), das »Kerygma« als Jesu Gebot zu verstehen: »und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.« (Mt 28,20) Er besitzt einen »unausweichlich sozialen Inhalt: Im Mittelpunkt des Evangeliums selbst stehen das Gemeinschaftsleben und die Verpflichtung gegenüber anderen. Der Inhalt der Erstverkündigung hat eine unmittelbare sittliche Auswirkung, deren Kern die Liebe ist.« (EG 177)

Philippinische Soldaten im Kampf mit der MNLF in Zamboanga.
FOTO: KNA-BILD

Option für die Armen

Die Kluft zwischen reich und arm wird größer, sowohl in der Welt als auch in den Philippinen, trotz der Tatsache, dass das Land zu denjenigen asiatischen Ländern gehört, deren Wachstum steigt. Papst Franziskus schenkt den Armen in seinem Schreiben eine besondere Aufmerksamkeit und erinnert an vielen Stellen des Dokuments an die Verantwortung der Kirche und ihre Sendung für die Armen. So fordert er (vgl. EG 187–209) den »Aufschrei der Armen « zu hören, und in Treue zum Evangelium sich des besonderen Platzes zu erinnern, die die Armen im Volk Gottes einnehmen. In diesem Zusammenhang benennt der Papst einige der Ursachen der heutigen Armut, stellt die Frage nach der Wirtschaft und der Verteilung der Einkünfte und zeigt sich besorgt über die »Verwundbarkeit der Armen«. In diesem Kontext erinnert er uns zudem daran, dass wir uns um die Schwächsten dieser Erde zu kümmern haben (vgl. EG 209). In Mindanao steht die Kirche an vorderster Front, um die Gläubigen an diese Option für die Armen zu erinnern. Diese Option jedoch wird herausgefordert durch ein Gesetz, das einige Formen der Geburtenkontrolle rechtfertigen will, die nicht in Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche stehen.

Muslimisch-Christlicher Dialog

Mit Sicherheit kann man sagen, dass die Worte unseres Papstes uns sehr helfen, das Konzept des interreligiösen Dialogs erneut in den Vordergrund zu stellen. Insbesondere in unserem Kontext ist dies von immenser Bedeutung, einem Kontext des Konfliktes, vielfältiger Vorurteile, Überfälle eines wachsenden Radikalismus, der in Mindanao immer deutlicher zu Tage tritt, wo einige muslimische Gruppen nicht behilflich sind, den Weg des Dialogs zu gehen. Stattdessen entzweien sie die Menschen und erzeugen immer mehr Spaltungen und Angst unter Christen. Auf Seiten der Muslime, die sich selbst als moderat bezeichnen würden, erzeugen sie ein immer größeres Unbehagen, ja Angst und Sorge.

Papst Franziskus betont: »Eine Haltung der Offenheit in der Wahrheit und in der Liebe muss den interreligiösen Dialog mit den Angehörigen der nicht christlichen Religionen kennzeichnen, trotz der verschiedenen Hindernisse und Schwierigkeiten, besonders der Fundamentalismen auf beiden Seiten. Dieser interreligiöse Dialog ist eine notwendige Bedingung für den Frieden in der Welt und darum eine Pflicht für die Christen wie auch für die anderen Religionsgemeinschaften. Dieser Dialog ist zuallererst ein Dialog des Lebens beziehungsweise bedeutet einfach, wie es die Bischöfe Indiens vorschlagen, ›ihnen gegenüber offen zu sein und dabei ihre Freuden und Leiden zu teilen‹. So lernen wir auch, die anderen in ihrem Anderssein, Andersdenken und in ihrer anderen Art, sich auszudrücken, anzunehmen. Von hier aus können wir gemeinsam die Verpflichtung übernehmen, der Gerechtigkeit und dem Frieden zu dienen, was zu einem grundlegenden Maßstab eines jeden Austauschs werden muss. Ein Dialog, in dem es um den sozialen Frieden und die Gerechtigkeit geht, wird über das bloß Pragmatische hinaus von sich aus zu einem ethischen Einsatz, der neue soziale Bedingungen schafft.« (EG 250).

Es ist wichtig zu sehen, dass das Dokument auch ganz konkrete Aspekte des Dialogs berührt: »Bei diesem Dialog, der stets freundlich und herzlich ist, darf niemals die wesentliche Bindung zwischen Dialog und Verkündigung vernachlässigt werden, die die Kirche dazu bringt, die Beziehungen zu den Nicht-Christen aufrecht zu erhalten und zu intensivieren. Ein versöhnlicher Synkretismus wäre im Grunde ein Totalitarismus derer, die sich anmaßen, Versöhnung zu bringen, indem sie von den Werten absehen, die sie übersteigen und deren Eigentümer sie nicht sind. […] Eine diplomatische Offenheit, die zu allem Ja sagt, um Probleme zu vermeiden, nützt uns nicht […]. Die Evangelisierung und der interreligiöse Dialog sind weit davon entfernt, einander entgegengesetzt zu sein, vielmehr unterstützen und nähren sie einander.« (EG 251)

Diese wertvollen Punkte der Reflexion werden mit Sicherheit eine Herausforderung für Muslime und Christen in Mindanao darstellen, insbesondere hier in Zamboanga, einer Stadt, die im September vergangenen Jahres durch die Rebellengruppe Moro National Liberation Front (MNLF) angegriffen worden ist. Diese Gruppe ist von Muslimen gegründet worden, die Teile des Landes in Mindanao als Teil ihres historischen Erbes beanspruchen. Es war die Erfahrung eines urbanen Kriegsgeschehens, das viele Opfer forderte und die Wunden der Spaltung zwischen Muslimen und Christen neu aufriss. Diese und andere schmerzvolle Erfahrungen fordern uns auf, leidenschaftlich in der Förderung des Dialogs zu sein.

Für sein unerschrockenes Eintreten für den Dialog zwischen den Religionen hat Fr. Sebastiano D’Ambra im vergangenen November in Tokio den renommierten Goi- Peace-Award verliehen bekommen.
FOTO: SEBASTIANO D’AMBRA

Grundprinzipien

Die von mir benannten Punkte dieser kurzen Reflexion gehören zu den »Perlen«, die wir in dem Dokument von Papst Franziskus finden können. Sie stehen für vier Grundprinzipien, die sozusagen die Grundlage für alle Themen, die Evangelii Gaudium benennt, bilden. Diese vier Grundprinzipien lauten (vgl. EG 217–234):

– Zeit ist mehr wert als der Raum:

»Der Zeit Vorrang zu geben bedeutet sich damit zu befassen, Prozesse in Gang zu setzen anstatt Räume zu besitzen«. (EG 224) Es bedeutet, nicht der Versuchung zu erliegen, zu meinen, bereits in der Gegenwart alles gelöst zu haben und alle Räume der Macht in Besitz nehmen zu wollen.

– Die Einheit wiegt mehr als der Konflikt:

»Die Botschaft des Friedens ist nicht die eines ausgehandelten Friedens, sondern erwächst aus der Überzeugung, dass die Einheit, die vom Heiligen Geist kommt, alle Unterschiede in Einklang bringen kann.« (EG 230)

– Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee:

Es ist eine Mahnung, dass es einen beständigen Dialog zwischen Wirklichkeit und Idee geben muss. Es wird zudem festgestellt, dass die Idee – die begriffliche Ausarbeitung – dazu dient, die Wirklichkeit zu erfassen, zu verstehen und zu lenken, während die Wirklichkeit Worte in die Praxis umsetzt (vgl. EG 232f.).

– Das Ganze ist dem Teil übergeordnet:

In diesem Teil verweist die Exhortation auf die wachsende Spannung zwischen Globalisierung und Lokalisierung. Wir müssen auf das Konkrete vor Ort schauen, es nicht aus den Augen verlieren, denn dies lässt uns mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität bleiben. Wir können mit dem arbeiten, was in unserer Nähe ist, ohne die weitere Perspektive aus den Augen zu verlieren (vgl. EG 234).

Für die Bewohner der Stadt Zamboanga war der Angriff der MNLF ein Schock. Bürgerkriegsähnliche Zustände mitten in ihrer Stadt. Dieser Angriff hat die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen schwer belastet. Fr. Sebastiano D’Ambra, Gründer der Silsilah-Dialog-Bewegung, sieht sich
durch Evangelii Gaudium herausgefordert, den Dialog zwischen Christen und Muslimen trotz aller schmerzvollen Erfahrungen und Rückschläge fortzuführen und zu fördern.
FOTO: KNA-BILD

Schließen möchte ich an dieser Stelle mit einer machtvollen Aussage aus Evangelii Gaudium, die ich bereits zu Beginn genannt habe und die uns und auch die Welt verändern kann:

»Es gibt aber keine größere Freiheit, als sich vom Heiligen Geist tragen zu lassen, darauf zu verzichten, alles berechnen und kontrollieren zu wollen, und zu erlauben, dass er uns erleuchtet, uns führt, uns Orientierung gibt und uns treibt, wohin er will. Er weiß gut, was zu jeder Zeit und in jedem Moment notwendig ist.« (EG 280)

SEBASTIANO D'AMBRA
Priester und Theologe, gebürtig aus Italien, seit 1977 auf den Philippinen tätig. Mitbegründer der Silsilah-Dialog-Bewegung; Zamboanga / Philippinen

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