»Ich bin entschlossen, die Mission Gottes fortzuführen!« Interview mit Großimam Abdul Khabir Azad corner

»Ich bin entschlossen, die Mission Gottes fortzuführen!«

Interview mit Großimam Abdul Khabir Azad

von NORBERT KÖSSMEIER / FR. JAMES CHANNON OP

Maulana Abdul Khabir Azad ist Großimam der Badshahi Moschee in Lahore / Pakistan. Er ist Vorsitzender des Interreligiösen Rates für Frieden und Harmonie, Vorsitzender von Tanzeem Aiema Masajid Council Pakistans, Majlas-e-Ulama Council Pakistans. Seit 20 Jahren ist er im interreligiösen Dialog engagiert. Als leidenschaftlicher Förderer von Harmonie und Frieden unter den Religionen und Kulturen, insbesondere zwischen Christen und Muslimen, setzt er sich für den Dialog sowohl in Pakistan als auch international ein. Im September 2011 hat er den International Golden Rule Peace Award in Finnland verliehen bekommen. Im folgenden Interview beschreibt er seine Motivation und die Gründe für sein Engagement und benennt konkrete Beispiele des Dialogs aus der Praxis. In einer Welt der Gewalt ist der Dialog für den Großimam ein notwendiger Weg, um Frieden und Versöhnung zu erreichen.

Großimam Abdul Khabir Azad vor der bedeutenden Badshahi Moschee in Lahore.
FOTO: NORBERT KÖSSMEIER

Maulana Abdul Khabir Azad, wieso kommt Ihrer Meinung nach dem interreligiösen Dialog eine so hohe Bedeutung zu? Was ist die Zielsetzung eines solchen Dialogs?

Meiner Meinung nach ist der interreligiöse Dialog von höchster Bedeutung in der heutigen Welt, die zu einem globalen Dorf geworden ist. Überall kommen Menschen unterschiedlicher Religionen zusammen. Auch für Pakistan ist dieser Dialog eminent wichtig, da auch hier Menschen unterschiedlicher Religionen zusammenleben, seien es Muslime, Christen, Hindus oder Gläubige anderer Religionsgemeinschaften. Als Pakistan gegründet worden ist, wurde versichert, dass alle Bürger des Landes in Frieden miteinander in diesem Land leben können, ganz gleich wer sie sind und welcher Religion sie angehören. Alle Menschen sollen in Sicherheit leben können. Unsere Vorfahren haben zusammen für die Unabhängigkeit Pakistans gekämpft. Es ist schrecklich, dass der Terrorismus in der Welt von heute einen Aufstieg erlebt und Spaltungen zwischen den Menschen erzeugt. Pakistan bildet diesbezüglich keine Ausnahme.

Durch den Dialog wollen wir Barrieren einreißen und gute Beziehungen sowie Harmonie zwischen den Menschen unterschiedlicher Religionen in Pakistan errichten. Mein Vater, Maulana Dr. Muhammad Abdul Qadir Azad, der ebenfalls Großimam der Badshahi Moschee in Lahore war, hat zutiefst die Notwendigkeit verspürt, sich für den Dialog in Pakistan einzusetzen. Aus diesem Grund hat er zusammen mit anderen muslimischen Ulama unterschiedlicher Schulen die Initiative ergriffen und den Dialog gefördert. Mein Vater hat sich auf den Weg gemacht, um diejenigen Menschen zu treffen, die aufgrund sektiererischer und religiöser Gewalt zu leiden hatten. Er ging nach Shanti Nagar, ein christliches Dorf, das von gewaltbereiten muslimischen Fanatikern angegriffen worden war. (Anm. d. Red.: im Jahr 1997 hat ein aufgebrachter Mob muslimischer Fanatiker dieses Dorf angegriffen; etwa 800 Häuser wurden zerstört, vier Kirchen und Gotteshäuser angezündet, 85 Prozent der Einwohner haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren.) Mein Vater drückte den Opfern dieses furchtbaren Angriffes seine Solidarität aus, trauerte zusammen mit den Christen um die Opfer und verurteilte aufs Schärfste diese Gewalt. Es gab eine Zeit, in der Kirchen als nicht sicher angesehen wurden. Heute muss man sagen, dass sowohl Kirchen als auch Moscheen keine Sicherheit mehr bieten.

Können Sie in paar konkrete Beispiele aus der Praxis für diesen Dialog benennen?

Mein Vater und ich haben eng mit dem Dominikaner Fr. James Channan zusammengearbeitet, um den Dialog und die Harmonie in den vergangenen Jahren zu fördern. Unsere gemeinsamen Bemühungen haben einige positive Resultate hervorgebracht. Wir sind heute in der Lage, Muslime, Christen, Hindus und Sikhs unter einem Dach zu versammeln. Fr. James Channan spielt in diesem Zusammenhang eine ganz wichtige Rolle. Wir haben Konferenzen durchgeführt, die sich mit der Frage der Förderung des Friedens auseinandersetzten, zusammen haben wir Pressekonferenzen durchgeführt, um Angriffe auf christliche Kirchen und Wohnviertel gemeinsam zu verurteilen. Wir haben zusammen Weihnachten und Eid-al-Fitr gefeiert. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass ich zusammen mit anderen muslimischen Führern unsere Solidarität mit Christen zum Ausdruck gebracht habe, die Opfer von Gewalt geworden sind. Ich nenne an dieser Stelle ein Wohnviertel der Christen in Lahore, Joseph Colony, das im vergangenen Jahr durch einen aufgebrachten Mob muslimischer Fanatiker fast vollkommen zerstört worden ist, oder auch das christliche Wohnviertel in Gojra; auch haben wir den Christen in Sangla Hill, die im Jahr 2005 von muslimischen Extremisten angegriffen worden sind, unsere Solidarität zum Ausdruck gebracht, sie mit Hilfsgütern versorgt und ihnen Zuflucht und Unterkunft geboten. Im Jahr 2001 bin ich zur Kirche St. Dominic in Bahawalpur geeilt, nachdem Extremisten 16 Menschen umgebracht hatten. Es war eine große Tragödie. Es ist höchste Zeit, sowohl auf globaler als auch lokaler Ebene, dass wir uns gemeinsam für diese noble Sache des Dialogs einsetzen. Unsere Mission ist es, Harmonie in dieser Welt zu errichten.

Gewalt gegen Christen: Ein Demonstrant verbrennt im März 2013 in Lahore während einer Demonstration ein Kreuz.
FOTO: KNA-BILD

Auf welche Weise wird Ihr Engagement für den Dialog durch den Koran motiviert beziehungsweise unterstützt?

Es gibt zahlreiche Referenzen im Koran, die den Respekt für Menschen aller Religionen zum Ausdruck bringen. Zum Beispiel finden wir im Koran einen Vers, in dem Allah sagt: »Euch eure Religion und mir meine Religion« (Sure 109,6). An anderer Stelle heißt es: »Es gibt keinen Zwang im Glauben« (Sure 2,256). Christen und Juden werden im Koran als Besitzer der Schrift bezeichnet. Von den Christen heißt es im Koran: »Und du wirst ganz gewiss finden, dass diejenigen, die den Gläubigen in Freundschaft am nächsten stehen, die sind, die sagen: ›Wir sind Christen.‹ Dies, weil es unter ihnen Priester und Mönche gibt und weil sie sich nicht hochmütig verhalten« (Sure 5,82).

Sie sind der Großimam der Badshahi Moschee in Lahore, eine der bedeutendsten Moscheen Pakistans und zugleich die zweitgrößte Moschee weltweit. Wie wird Ihr Engagement für den Dialog von der muslimischen Gemeinschaft in Pakistan gesehen, von islamischen Gelehrten und anderen Imamen?

Die Botschaft, die von der Badshahi Moschee ausgeht, hat einen großen Einfluss auf die Menschen und selbst auf die Regierung. Unser Ziel ist es, Harmonie zwischen den Religionen zu fördern, und deshalb senden wir Predigten und Botschaften des guten Willens aus. Wenn ich entsprechende Programme in der Moschee organisiere, fühle ich mich stolz, dass diese Programme verwirklicht werden können. Und ich erhalte auch eine Vielzahl positiver Rückmeldungen, sowohl von Regierungsvertretern als auch von anderen muslimischen Gelehrten. Es gab eine Zeit, in der es uns nicht möglich war, uns mit Christen und Hindus zusammenzusetzen. Inzwischen hat es jedoch einen großen Wandel gegeben. Wir können selbst hier in der Badshahi Moschee mit Christen zusammensitzen und gemeinsam den Weihnachtskuchen anschneiden. Dies ist in der Tat ein großer Erfolg, und es sendet eine positive Botschaft an die gesamte Welt.

Es gibt natürlich auch Menschen, die diese Entwicklungen sehr negativ beurteilen und sie in keinster Weise befürworten. Aber ich habe keine Angst vor solchen Menschen und ihrer negativen Kritik. Ich bin entschlossen, die Mission Gottes fortzuführen, das heißt das Engagement für interreligiöse Harmonie und für Frieden. Wenn Sie und wir alle zusammenarbeiten, dann erfüllen wir diese Mission Gottes. Es gibt eine Vielzahl von Programmen, die wir gerne in der Zukunft umsetzen wollen, und ich hoffe, dass wir genügend Ressourcen aufbringen können, um diese auch zu verwirklichen.

Ich habe Dutzende von christlich-muslimischen und interreligiösen Konferenzen organisiert, zu denen ich Imame, religiöse Führer und Gelehrte der unterschiedlichen Schulen eingeladen habe. Ihnen allen habe ich eindringlich die Botschaft des gegenseitigen Respekts, der Gewaltlosigkeit und der Religionsfreiheit ans Herz gelegt. Bis zu einem gewissen Grad habe ich damit auch Erfolg gehabt. Jedoch ist noch sehr viel Arbeit notwendig, um hier in Pakistan Heilung herbeizuführen und positive Ergebnisse zu erzeugen.

In diesem Zusammenhang würde ich gerne das Peace Center der Dominikaner hier in Lahore nennen. Ich war anwesend bei der Eröffnungsfeier und Einweihung durch seine Eminenz, Kardinal Jean-Louis Tauran (Anm. d. R.: Kardinal Tauran ist Präsident des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog und Leiter der Päpstlichen Kommission für religiöse Beziehungen zu den Muslimen). Dieses Zentrum unter der kompetenten Leitung von Fr. James Channan spielt eine hervorragende Rolle in der Förderung des christlich- muslimischen Dialogs. Verschiedene Konferenzen, Workshops, nationale und internationale Programme, Weihnachtsfeiern und Eid-al-Fitr-Feiern werden hier organisiert. Bücher und Newsletter zum interreligiösen Dialog werden von diesem Zentrum veröffentlicht. Ich habe erfahren, dass missio die Aktivitäten dieses Zentrums unterstützt. Es freut mich sehr, dies zu erfahren. Und ich hoffe, dass missio dieses Zentrum mit seinen zahlreichen Programmen auch weiterhin unterstützt. Fr. Channan spielt eine wichtige Führungsrolle in dem Bemühen, Brücken zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen zu bauen, insbesondere zwischen Christen und Muslimen. Deshalb sind diese Programme des Peace Center auch so wichtig.

Heute sind in Pakistan auch Moscheen nicht mehr sicher vor Gewalt und Terror. Data Danbur in Lahore beherbergt den Sufi-Schrein des berühmten Gelehrten Syed Ali Hajwairi. Im Jahr 2010 haben sich zwei Selbstmordattentäter auf dem Gelände der Moschee in die Luft gesprengt. Mehr als 60 Personen fanden den Tod, über 200 wurden verletzt.
Foto: NORBERT KÖSSMEIER

Sie sind dem interreligiösen Dialog sehr verbunden, sowohl innerhalb Pakistans als auch auf internationaler Ebene. Wie hat dieses Engagement für Sie begonnen. Was ist ihre Motivation, sich für diesen Dialog zu engagieren?

Ich habe meine Motivation von meinem Vater, Maulana Dr. Muhammad Abdul Qadir Azad, der ehemalige Großimam der Badshahi Moschee in Lahore, erhalten. Er war ein großartiger Förderer des Dialogs und des Friedens. Von meinem Vater habe ich diesbezüglich eine Menge lernen dürfen. Und so versuche ich, seine Mission und seine Vision weiterzuverfolgen. Meine persönliche Motivation lautet, Dialog mit Menschen aller Religionen zu führen, denn dieser Dialog ist dringend notwendig und ein Zeichen der Zeit. Ich fühle mich dieser noblen Sache sehr verbunden und werde fortfahren, mich dafür mein ganzes Leben lang zu engagieren.

Im Laufe der Jahre habe ich viele Länder im Rahmen internationaler Konferenzen des interreligiösen Dialogs besucht. Ich war in den USA, in Brasilien, Japan, Singapur, Malaysia, Italien, Südkorea und Deutschland. Auf all diesen Konferenzen habe ich von der Bedeutung der interreligiösen Harmonie gesprochen und die Herausforderungen benannt, denen wir gegenüberstehen.

Es war für mich eine große Ehre, dass ich 2011 seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. persönlich treffen konnte. Für mich persönlich eine unbeschreiblich großartige Erfahrung.

Ich bin zudem überzeugt, dass wir von Ihrem Heimatland, von Deutschland, eine Menge lernen können. Deutschland hat sehr einschneidende Zeiten durchlebt, Millionen von Menschen, Millionen von Juden sind ermordet worden. Deutschland stand im Zentrum zweier Weltkriege. Aber Deutschland hat seine Lektion gelernt. Es darf keinen Krieg mehr geben, es darf keinen Hass mehr geben, und es darf keine Gewalt im Namen von Religion geben. Heute ist Deutschland ein friedvolles Land, und es ist für uns zu einem Modell geworden, ein Modell des Friedens, der Harmonie und des interreligiösen Dialogs. Wir können eine Menge von Deutschland lernen.

Dr. Gregor von Fürstenberg, Vizepräsident von missio Aachen, gibt nach dem Besuch der Badshahi Moschee und Gesprächen mit Großimam Abdul Khabir Azad Anfang Januar einem pakistanischen Fernsehsender ein Interview. Im Hintergrund: Fr. James Channan OP, Leiter des Peace
Center der Dominikaner in Lahore.
FOTO: NORBERT KÖSSMEIER

In direkter Nachbarschaft zur Badshahi Moschee befindet sich ein Tempel der Religionsgemeinschaft der Sikhs. Für Großimam Abdul Khabir Azad ist es eine erfreuliche Entwicklung, dass es heute möglich ist, dass sich die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften begegnen können.
FOTO: NORBERT KÖSSMEIER

Maulana Azad, im Januar diesen Jahres hat eine hochrangige Delegation von missio Aachen Pakistan besucht und im Rahmen dieser Reise auch die Badshahi Moschee. Haben Sie eine Botschaft für die Menschen in Deutschland?

Ich war sehr beeindruckt von dem Besuch der missio- Delegation in der Badshahi Moschee hier in Lahore im Januar dieses Jahres. Für mich war es eine große Ehre, diese Delegation in unserer historischen Moschee begrüßen zu dürfen. Es war mir möglich, mit den Besuchern in einen Austausch zu treten und ihnen zuhören zu können. Es wäre mein Wunsch, dass unsere Zusammenarbeit und Liebe gestärkt werde. Und es wäre wunderbar, wenn Vertreter von missio, aber auch andere Menschen aus Deutschland erneut zu uns kommen. Es würde mich mehr als erfreuen, sie erneut hier in unserer Moschee begrüßen zu dürfen. Lassen Sie uns gemeinsame Programme für diese noble Sache des interreligiösen Dialogs und der Harmonie beginnen. Lassen Sie uns die Hand reichen, um gemeinsam die Herausforderungen der Gewalt, der Militanz und des Extremismus, mit dem wir hier in Pakistan zu kämpfen haben, zu überwinden. In Zusammenarbeit mit Ihnen werden wir die Herausforderungen überwinden. Ich bin mir sicher, dass wir viele positive Resultate hervorbringen können, wenn wir zusammenarbeiten.

Fr. James Channan teilte mir mit, dass Pakistan in diesem Jahr im Zentrum der alljährlichen Kampagne von missio steht. Ich freue mich sehr, dies zu hören, und ich danke und beglückwünsche missio Aachen dafür, Pakistan ausgewählt zu haben. Ich bin mir sicher, dass auf diesem Wege viele Menschen in Deutschland von unserer Situation in Pakistan erfahren werden. Und gemeinsam werden wir in der Lage sein, viele Probleme, die wir haben, zu überwinden. Lassen Sie uns gemeinsam für den Dialog eintreten. Lassen Sie uns gemeinsam in diesem Bereich wachsen.

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass unsere Regierung sich dem Dialog sehr verbunden fühlt. Es ist nicht akzeptabel, dass Menschen ermordet werden. Dialog ist ein Weg, Versöhnung zu ermöglichen. Ich verurteile aufs Schärfste Terrorangriffe auf unsere Sicherheitskräfte und auf unschuldige Menschen durch Extremisten.

Ganz herzlichen Dank für Ihr Engagement! Möge der allmächtige Gott missio und alle Menschen in Deutschland segnen!

Maulana Azad, haben Sie ganz herzlichen Dank für dieses Interview!

NORBERT KÖSSMEIER
FR. JAMES CHANNAN OP
Lahore / Pakistan

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