Religionen – Opfer und Urheber von Gewalt Über die Herausforderungen der Religionen in der heutigen We corner

Religionen – Opfer und Urheber von Gewalt

Über die Herausforderungen der Religionen in der heutigen Welt

von CHRISTOPH MARCINKOWSKI

Angesichts der momentanen konfliktträchtigen internationalen Lage spürt man, wie dringend nötig es ist, mit Mut den Weg des Dialogs und der Zusammenarbeit unter den Religionen und Kulturen einzuschlagen. Es geht um den gemeinsamen Einsatz der Religionen für den Frieden, es geht darum, Beispiele gelebter Toleranz zu bieten, sich gemeinsam für die Achtung des anderen, trotz aller Unterschiedlichkeit, einzusetzen, gemeinsam religiösen Haltungen entgegenzutreten, in denen die Durchsetzung von so genannten Wahrheitsansprüchen mit Gewalt für möglich gehalten werden. Fundamentalistische Interpretationen religiöser Inhalte gefährden den Friedensbeitrag der Religionen; zugleich erschweren sie für viele Zeitgenossen den Zugang zu den zentralen Inhalten des Glaubens der jeweiligen Religion. So deutlich man solchem Fundamentalismus entgegentreten muss, so klar muss man auch erkennen, dass religiöser Analphabetismus keine zureichende Antwort auf Fundamentalismus ist. Angebracht ist vielmehr allein eine Antwort, die eine geklärte religiöse Identität mit der Bereitschaft zu Frieden und Toleranz im Verhältnis der Religionen zueinander verbindet.

In seinem Eingangsstatement verdeutlichte Kardinal Kasper während der von missio und Sant’Egidio durchgeführten Konferenz zum Thema »Religionen und Gewalt«, dass die »Anhänger aller Religionen, einschließlich der Christen, oder besser Personen und Gruppen, die vorgeben, im Namen einer Religion oder des Christentums aufzutreten, Förderer von Gewalt waren oder sind«.
FOTO: KNA-BILD

Das Problem der Verletzung oder gar des totalen Fehlens von Religionsfreiheit im Angesicht eines Klimas von Intoleranz scheint mir nicht nur im sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Bereich zu liegen. Auch Gewalt unter einigen Anhängern, die vorgeben, im Namen ihrer Religion zu handeln, ist ein Thema, das Aufmerksamkeit verdient – auch, aber nicht nur in Ländern wie etwa Pakistan, die wegen Verletzungen der grundlegendsten Menschenrechte immer wieder in den Schlagzeilen der internationalen Medien erscheinen.

Der Dialog zwischen den Religionen und das Engagement für Minderheiten, seien es religiöse oder aber kulturelle, stellt für missio Aachen deshalb eine entscheidende Aufgabe dar. Vor diesem Hintergrund ist auch die vom 08.–10. Januar in Lahore von missio durchgeführte internationale Konferenz zu verstehen, die die Situation der religiösen Minderheiten, insbesondere der Christen in Pakistan, mit Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen reflektierte. Im Zentrum der Konferenz standen das Thema Religionsfreiheit sowie das Verhältnis der Religionen zueinander. Die Redebeiträge von zwei geladenen muslimischen Fachleuten, dem Journalisten Khaled Ahmed und dem Menschenrechtsanwalt Ibn Abdur Rehman machten einmal mehr deutlich, dass es dabei nicht um eine Konfrontation zwischen Christentum und Islam geht, sondern darum, gegenseitiges Verständnis und Wissen über den Glauben des jeweils anderen zu entwickeln, um extremistischen Tendenzen entgegenzuwirken.

Dem Ziel, ein friedliches Zusammenleben aller Religionen zu ermöglichen und der Gewalt, die sich aus vermeintlichen religiösen Überzeugungen herleitet, entgegenzutreten, indem der Dialog gefördert wird, war auch eine internationale Konferenz in Kooperation mit der Gemeinschaft Sant’Egidio in Rom am 19. Februar 2014 unter dem Titel »Religionen und Gewalt« gewidmet.

An dem Treffen nahmen Diplomaten und religiöse Persönlichkeiten aus Europa, Asien, Afrika und dem Mittleren Osten teil. Unter den 18 Rednern waren Kardinal Walter Kasper, emeritierter Kurienkardinal und ehemaliger Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Shaykh Abbas Shuman, Vizerektor der Al-Azhar Universität in Kairo, Ali Khoshroo, ehemaliger stellvertretender iranischer Außenminister und Sonderberater von Ex-Staatspräsident Khatami, Riccardo di Segni, Oberrabbiner von Rom, und Sayyid Jawad al-Khoei, der Präsident der weltweit vertretenen schiitischen Al-Khoei-Foundation.

Fehlende Religionsfreiheit – Diskriminierung religiöser Minderheiten

»Konferenzen wie diese müssen mehr sein als bloße ›goodwill events‹«, so Prof. Dr. mult. Klaus Vellguth, Leiter der Abteilung »Theologische Grundlagen« von missio Aachen. »Dialog kann nur Früchte tragen in einem Klima von Gewaltlosigkeit, Religionsfreiheit und gegenseitigem Respekt«, ergänzte Vellguth. »Nur so kann das Ziel Frieden in der post-ideologischen und globalisierten Welt, in der wir leben, erreicht werden«. Vellguth wies auch darauf hin, dass die Frage, wie und ob staatliche Maßnahmen Religionsfreiheit einschränken und religiöse Minderheiten unterdrücken, eine der entscheidenden sei – denn es setze im positiven wie negativen Sinne die Maßstäbe, wie innerhalb einer Gesellschaft mit religiösen Minderheiten umgegangen werde. Zudem müsse man die tiefer liegenden sozialen und ökonomischen Probleme analysieren, aufgrund derer religiöse Minderheiten oft zu Sündenböcken gemacht würden und Religion zur Legitimierung von Gewalt instrumentalisiert werde. Derzeit ließe sich das besonders in den Ländern des so genannten Arabischen Frühlings beobachten, aber auch in der europäischen Geschichte gebe es Beispiele für diesen Mechanismus, so Vellguth.

Für den Oberrabbiner von Rom, Riccardo Di Segni, ist der Angriff auf das World-Trade-Center ein Bild für eine durch Religiösität legitimierte Gewalt, so als ob Religion Gewalt ausübe.
FOTO: KNA-BILD

Ein neues Bündnis der Religionen, Kulturen und Politik

Es geht um ein gemeinsames Bündnis der Religionen, Kulturen und Politik zur Bekämpfung von Gewalt und zum Aufbau des Friedens in der Welt, was dringend geboten ist. Diesen gemeinsamen Appell richteten der Präsident der Gemeinschaft Sant’Egidio, Marco Impagliazzo, und Jerry White, ein Diplomat im amerikanischen Außenministerium, bekannter Führer der internationalen Kampagne gegen Antipersonenminen und Friedensnobelpreisträger von 1997, bei der Tagung an die Vertreter der Religionen, der Politik und Diplomatie Europas, Asiens, Afrikas und des Nahen Ostens. Impagliazzo wies darauf hin, dass »die traditionelle Diplomatie zum Aufbau von Frieden in der postideologischen und globalen Welt, in der wir leben, neue Mittel benötigt, die alle Dimensionen des Lebens einbeziehen, an erster Stelle die Religionen und die Politik, die Kultur(en) und den Kampf gegen Unterentwicklung. Die gesamte Zivilgesellschaft muss eine gemeinsame Anstrengung unternehmen, um altes Misstrauen oder sogar regelrechte Konflikte zu bekämpfen, die zum Ausbruch von Gewalt und Terrorismus führen und viel Blutvergießen über die Welt am Anfang des dritten Jahrtausend bringen«. Ähnlich äußerte sich Jerry White: »Die traditionelle Diplomatie hat entdeckt, dass die Religionen zum Aufbau eines ›Ökosystems‹ des Friedens beitragen können, indem sie den Friedensvirus einer von der ›Epidemie der Gewalt‹ infizierten Welt einimpfen. Diese ›indirekte Diplomatie‹ möchte Präsident Obama in den heikelsten Situationen einsetzen«.

Im Hintergrund steht der Gedanke des katalanischen Theologen Armand Puig, Dekan der theologischen Fakultät von Barcelona, der ebenfalls an der Tagung teilnahm: »Gewalt ist niemals zu rechtfertigen, daher benötigt sie immer Rechtfertigungen. Der Friede braucht dagegen keine grundsätzliche Rechtfertigung, er muss nicht um Erlaubnis bitten, um die Straßen der Geschichte betreten zu dürfen«.

Religion als Opfer und Urheber von Gewalt

Mit nicht gerade optimistischen Gedanken wurde in die Tagung eingeleitet: »In den vergangenen Jahren hat die religiöse Gewalt in erschütternder Weise zugenommen «, erklärte Kardinal Walter Kasper, Präsident emeritus des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen. Das komme daher, dass »die Anhänger aller Religionen, einschließlich der Christen, oder besser Personen und Gruppen, die vorgeben, im Namen einer Religion oder des Christentums aufzutreten, Förderer von Gewalt waren oder sind«. Daher ist die Religion zugleich Opfer und Urheber von Gewalt. Das bedeutet, dass »der Friede auf der Welt nicht ohne Friede unter den Religionen möglich ist«, ohne dass die Religionen ihre gemeinsamen Grundlagen zu den Fragen der Menschenrechte, der Religionsfreiheit, der Toleranz, der Barmherzigkeit und Vergebung stärken und »den Teufelskreis der Gewalt, der neue Gewalt hervorruft«, durchbrechen.

Auf dieser Grundlage zeigten sich unterschiedliche Annäherungsweisen. An den Angriff auf die Zwillingstürme in New York am Beginn des 21. Jahrhunderts erinnerte beispielsweise der Oberrabbiner von Rom, Riccardo Di Segni, als ein Bild für eine »von Religiosität übermalte Gewalt«, als könnten »die Religionen prinzipiell gewalttätig sein«. Danach betonte Abdelfattah Mourou, der Vizepräsident der Bewegung Ennahdha, Sieger der Wahlen in Tunesien und Mitarbeiter an der neuen Verfassung, die eines der herausragenden Ergebnisse des arabischen Frühlings ist, dass die Gewalt auch unter Staaten »den Religionen vorausgeht« und diese teilweise benutzt hat. Daher müssen die Religionen ihre Autonomie zurückerwerben und zum Aufbau des Friedens beitragen, indem sie die Kultur, die Werte und die Erziehung stärken.

Ebenso verneinte Muhammad Khalid Masud, Mitglied des Obersten Gerichtshofes von Pakistan, dass die Religionen »Bestandteil der Gewalt« seien, auch wenn er zugestand, dass »sie benutzt werden können, um Gewalt zu rechtfertigen«. Daher muss man sich bemühen, »diese Verquickung aufzulösen« und »eine neue Theologie zur Förderung der Kooperation zwischen den Staaten entwerfen, was die Herrschaft des einen über den anderen betrifft«.

Der christliche Libanese Samir Frangieh, Intellektueller und Abgeordneter im Parlament von Beirut, sieht die gemeinsame Mission aller Religionen trotz ihrer Verschiedenheit darin, das Verständnis der Menschen füreinander zu stärken, da sie zum Überleben unbedingt zusammenarbeiten müssen und die guten Beziehungen untereinander keine Option ist, für die man sich entscheiden oder die man ablehnen kann, sondern als Notwendigkeit anerkannt werden muss. Der anglikanische Bischof von Jos in Nigeria, Benjamin Kwashi, gab ein direktes Zeugnis über die Bedeutung des interreligiösen Dialogs nicht nur auf der Ebene der Kirchenführer, sondern auch auf der Ebene des Volkes und verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, um Situationen von dramatischer Gewalt zu beenden, unter denen sein Land leidet.

Es war deshalb auch ein durchaus erhebendes Gefühl, führende Vertreter dieser drei monotheistischen Religionen in Rom auf dem Podium vereint zu sehen. Sicher, es gab auch schon zuvor hochkarätig besetzte interreligiöse Konferenzen, doch diese unterschied sich von jenen darin, dass es um ein speziell ausgewähltes ethisches Thema ging. Es wird nun darum gehen, den Worten auch Taten folgen zu lassen. Weitere Konferenzen werden folgen.

Das Friedenspotential der Religionen

Es sind Ereignisse, wie die beiden Konferenzen in Lahore und Rom, die mich persönlich positiv stimmen. Denn über Religionsgrenzen hinweg waren wir uns einig, dass es einen »gemeinsamen Pakt« zwischen den Religionen geben sollte – als Antwort auf die ansteigende Gewalt in der Welt, die sich religiöser Legitimationen bedient. Frieden in der Welt ist ohne Frieden zwischen den Religionen nicht möglich. Die Religionen stehen vor der Herausforderung, sich als Friedensstifter zu bewähren. Eine kürzlich veröffentlichte Studie nimmt deshalb ausdrücklich »Religionsbasierte Akteure der zivilen Konfliktbearbeitung« in den Blick. Religionsbasierte Akteure, seien es Einzelpersonen, Bewegungen oder Organisationen – so stellt diese Studie fest – haben in den letzten Jahrzehnten bedeutsame Funktionen in der Deeskalation von Konflikten wahrgenommen.

Es sollte nicht schwerfallen, der Schlussfolgerung zuzustimmen, dass den Religionen in politischen Konflikten ein bemerkenswertes Friedenspotenzial zukommt. Religiöse Gegensätze führen keineswegs unweigerlich zu Auseinandersetzungen, ja mörderischen Vernichtungskämpfen. Auf der ertragenen Differenz mit den anderen hat zum Beispiel Europas Überleben, vor allem aber seine Kultur, bis heute beruht. Dass dies auch in Zukunft gilt und dass es nicht auf Europa beschränkt bleibt, ist die Hoffnung, von der jede Beschäftigung mit dem Thema »Religion, Politik und Gewalt« sich leiten lässt.

CHRISTOPH MARCINKOWSKI
Islamwissenschaftler, Leiter der Fachstelle Menschenrechte und Religionsfreiheit von missio Aachen

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