Länderbericht Ruanda – 20 Jahre seit dem Völkermord corner

Ruanda – 20 Jahre seit dem Völkermord

Was hat sich geändert?

von P. WOLFGANG SCHONECKE

Am 6./7. April 2014 und den darauf folgenden Wochen gedachte Ruanda des Völkermords von 1994, in dem geschätzte 800.000 Menschen auf brutalste Weise ermordet wurden. Um sich das Ausmaß des Gräuels bewusst zu machen: Drei Monate lang wurden jeden Tag etwa 10.000 unbewaffnete Menschen erschossen, mit Granaten in die Luft gesprengt oder mit Macheten erschlagen. Dass die mörderischen Banden auch vor den Toren der Kirchen, in denen so manche von ihnen noch eine Woche zuvor gemeinsam Ostern gefeiert hatten, nicht Halt machten, zeigen die Abgründe der Entmenschlichung inmitten eines Volkes, das statistisch zu den christlichsten in ganz Afrika zählt. Das Land hat seit dem Völkermord enorme Anstrengungen unternommen, was Fragen der Gerechtigkeit, der wirtschaftlichen Entwicklung und der Versöhnung angeht. Und doch bleibt ein großer Schatten, der diese Anstrengungen überlagert. Die Frage nach der Verantwortung aller Konfliktparteien für diesen Völkermord bleibt ein Tabuthema. Aber ist dies wirklich ein Fundament, auf dem die Zukunft des Landes aufgebaut werden kann? Und hat die internationale Gemeinschaft wirklich aus den Ereignissen in Ruanda gelernt? Die aktuellen Ereignisse im Süd-Sudan und in der Zentralafrikanischen Republik lassen Zweifel aufkommen.

Der ruandische Staatspräsident Paul Kagame entzündet am 07. April während der offiziellen Gedenkfeiern anlässlich des 20. Jahrestages des Völkermordes eine Kerze im Stadion von Kigali. Schätzungsweise 800.000 Menschen sind während des Völkermordes vor 20 Jahren in dem afrikanischen Land umgebracht worden.
FOTO: KNA-BILD

Ausgelöst wurde der Völkermord durch den Abschuss des Flugzeuges, das die Präsidenten Ruandas und Burundis von Friedensverhandlungen im tansanischen Arusha zurückbrachte. Wer für den Tod beider Präsidenten verantwortlich war, ist bis heute nicht überzeugend geklärt. Wenn auch seitdem zahlreiche Bücher und Artikel über die Tragödie geschrieben wurden, liegt bis heute vieles noch im Dunkeln und wartet auf die Aufklärung durch Historiker zukünftiger Generationen. Das Gedenken des Völkermords weckte weltweite Aufmerksamkeit und war Thema zahlreicher Tagungen, Dokumentationen und Zeitungsartikel. Zur Gedenkstunde im Stadion von Kigali kamen Vertreter aus aller Welt. Auch eine gut besuchte Tagung des ökumenischen Netzwerks Zentralafrika an der Evangelisch-theologischen Hochschule in Wuppertal wollte in würdiger Weise der Toten gedenken, noch einmal Augenzeugen zu Wort kommen lassen und fragen, was denn in Ruanda und in der Region der Großen Seen seitdem geschehen ist. Viele Aspekte wurden dabei beleuchtet: die rigorosen Bemühungen der ruandischen Regierung, eine neue nationale Identität zu schaffen; die juristische und psychologische Aufarbeitung der Traumata eines ganzen Volkes; die kritische Betrachtung des Beitrags von Kirchen und Zivilgesellschaft und die regionalen Verflechtungen und Folgen des Völkermords für die Nachbarländer. Ausgeklammert blieb die abgründige Frage nach den tieferen Ursachen der Gewalt und den Motiven der Mörder.

Die politische Entwicklung

Als am 19. Juli 1994 Paul Kagame mit der siegreichen Patriotischen Front Ruandas (RPF) offiziell als Vize-Präsident, de facto aber als Alleinherrscher die Macht in Ruanda übernahm, befand sich die Hauptstadt und das ganze Land in einem totalen Chaos. Wenn man damit das heutige Kigali vergleicht, eine boomende Metropole und wohl die sauberste und sicherste Hauptstadt Afrikas, wird einem die enorme politische und organisatorische Leistung dieser Regierung bewusst. Dazu gehört auch die gigantische Aufgabe, zwei Millionen Hutu-Flüchtlinge integriert zu haben, die 1994 vor der heranrückenden RPF außer Landes geflohen war, vor allem in den Kongo und nach Tansania. Ruanda ist eines der wenigen Länder auf dem Kontinent, das klar definierte Entwicklungsziele formuliert hat und sie auch systematisch umsetzt mit dem Ziel, eines Tages das »Singapur Afrikas« zu werden. Nichtregierungsorganisationen sind überrascht, in der Verwaltung kompetente und kaum korrupte Gesprächspartner zu finden. Touristen können sich auch nachts ohne Furcht vor Überfällen in der Stadt bewegen.

Der Preis für die innere Sicherheit ist allerdings eine autoritäre Regierung, die jede politische Opposition rigoros unterdrückt, keine echte Meinungsfreiheit zulässt und die Zivilgesellschaft strikt kontrolliert, ein System, das oft als »Entwicklungsdiktatur« bezeichnet wird. Den Preis für die wirtschaftliche Entwicklung zahlt darüber hinaus zu einem erheblichen Anteil die Demokratische Republik Kongo, die zwei Mal militärischen Offensiven von Ruanda und Uganda ausgesetzt war. Von der Plünderung der Bodenschätze des Ost-Kongo profitieren nicht nur lokale mafiöse Kriegsherren, sondern auch die Nachbarn, vor allem Ruanda und die internationalen Akteure, die die Rohstoffe abnehmen.

Untermauert wird das neue Selbstbewusstsein der Ruander durch ein beachtliches Wirtschaftswachstum und darüber hinaus noch durch eine politische Ideologie, die nicht nur Parteimitgliedern und Staatsbeamten, sondern auch großen Teilen der Bevölkerung in Erziehungslagern eingetrichtert wird. Sie beinhaltet eine Neuschreibung der Geschichte des Landes, in der die Gesellschaft im traditionellen Ruanda als Modell eines friedlichen und einträchtigen Zusammenlebens verherrlicht wird und die Verantwortung für die Konflikte zwischen Tutsi und Hutu ausschließlich nach außen auf die Kolonialmächte und Missionare projiziert wird. Um eine neue nationale Identität zu schaffen, sind die Bezeichnungen Tutsi und Hutu offiziell verboten. Einer jungen Generation wird konsequent beigebracht, sich nur noch als Ruander zu sehen. Alles andere ist inopportun.

Der Versuch, den Hass zwischen Bevölkerungsgruppen, der 1994 zu einer so extremen Gewaltorgie entartete, durch die Schaffung einer gemeinsamen Identität zu überwinden, ist sicherlich anerkennenswert. Ob er langfristig erfolgreich sein wird, darf man anzweifeln. Ähnliche Versuche im ehemaligen Jugoslawien und anderen ehemals sozialistischen Bruderstaaten, ethnische Spannungen per Dekret und ideologischer Indoktrination zu eliminieren, haben kaum jemals funktioniert. Die Tabuisierung ethnischer Bezeichnungen bedeutet ja nicht, dass die Denkschablonen ausgeschaltet sind und im täglichen Leben und in der Besetzung von Posten und Machtpositionen die alten Seilschaften nicht weiter funktionieren. Auch wenn die Ursprünge und Beziehungen von Tutsi und Hutu viel komplexer sind, als es die rein ethnischen Klassifizierungen europäischer Ethnologen vorsahen, so sind feudale Herrschafts- und Unterdrückungsstrukturen sehr viel älter als die Kolonisierung und Christianisierung Ruandas und wurden von beiden für je eigene Zwecke genutzt und verstärkt. Das völlige Ausklammern der eigenen geschichtlichen Verantwortung kann bei der Heilung historischer Wunden nicht hilfreich sein. Das Nachbarland Burundi, das eine ähnlich blutige Geschichte zwischen Hutu und Tutsi hat, thematisiert die Gruppenidentitäten sehr viel offener. Burundi ist mit seinen begrenzten Versuchen einer gemeinsamen Geschichtsbewältigung wahrscheinlich auf einem langfristig besseren Weg.

Hinzu kommt, dass es für eine halbwegs objektive Aufarbeitung der tragischen Geschichte wahrscheinlich noch viel zu früh ist. Die Wunden liegen noch zu offen, die Emotionen sind immer noch zu überwältigend. In vergleichbaren historischen Situation, wie zum Beispiel nach dem blutigen Bürgerkrieg in Spanien, wird es erst jetzt, mehr als drei Generationen nach dem Blutvergießen möglich, mit einer historischen Aufarbeitung zu beginnen. Das ist auch in Ruanda wohl zukünftigen Generationen vorbehalten. Notwendig bleibt es, denn nur die ganze Wahrheit macht frei.

Wunden des Völkermords in Ruanda vernarben nur langsam. Am 12. April 1994 wurden Tausende Tutsi in der Dorfkirche von Nyamata von Hutu-Milizen ermordet. Ihre Gebeine ruhen in Grabkammern neben der Kirche, die heute nationale Gedenkstätte ist.
FOTO: KNA-BILD

Die juristische Aufarbeitung

Die Regierung Ruandas stand im Juli 1994 nicht nur vor Leichenbergen und Massengräbern von geschätzten 800.000 Toten, sondern auch vor einer Bevölkerung, aus deren Mitte die blindwütigen Mörder gekommen waren. Wie damit umgehen? Die Opfer forderten Gerechtigkeit und ein Ende der Straflosigkeit (impunité), die bei allen vorhergehenden Pogromen gegen die Tutsi seit 1959 geherrscht hatte. Für eine Rechtsprechung im klassischen Sinn für Hunderttausende von Mördern fehlten die Strukturen und die Mittel. Die Regierung entschloss sich zu einer Neubelebung der alten Tradition der »Gacaca«, in denen Familienkonflikte durch lokale »Dorfgerichte« gelöst wurden. In langer Vorarbeit wurden die nötigen Gesetze verabschiedet, die juristischen Strukturen errichtet und Tausende von »Laienrichtern « ausgebildet. Jahrelang wurden auf jedem »Hügel« öffentliche Prozesse im obligatorischen Beisein aller Einwohner geführt, die »Ereignisse« rekonstruiert, die Mörder benannt und verurteilt. Zahllose Klagen gingen ein, die weit über die eigentlichen Gewaltaktionen hinaus gingen, darunter viele Eigentumsdelikte, denn rund um die Ereignisse von 1994 war es leicht, sich fremden Besitz anzueignen. Die »Gacaca«- Gerichtsbarkeit war wohl, was die Zahl der Fälle angeht, eines der gigantischsten juristischen Unterfangen aller Zeiten.

Haben die Gacaca-Gerichte zur Versöhnung beigetragen? Die Meinungen gehen auseinander. Dass überhaupt ein Teil der Wahrheit offengelegt wurde, dass die Überlebenden wissen, wie ihre Lieben gestorben sind und wo sie begraben sind, auch wenn das meistens in anonymen Massengräbern war, ist ebenso wichtig wie die Verurteilung der Schuldigen, die aber nach Absitzen der Strafe wieder ins Dorf zurückkehrten, wo Mörder und Überlebende miteinander leben lernen mussten. Die Prozesse rissen alte Wunden auf, brachten die traumatischen Erfahrungen wieder frisch ins Bewusstsein. Schmerzlich für die Opfer ist auch, dass sie bisher gar keine oder nur unzureichende Kompensationen erhielten. Anders als die Wahrheitsund Versöhnungskommissionen in Südafrika, die einen Beitrag zur Versöhnung leisten wollten, ging es in Ruanda nicht um Versöhnung, sondern in erster Linie um Gerechtigkeit.

Eine große Schwäche der »Gacaca«-Prozesse wie auch des Internationalen Gerichtshofs in Arusha / Tansania, wo die Planer und Drahtzieher des Völkermords zur Rechenschaft gezogen wurden, war die Begrenzung der Gerichtsbarkeit auf die drei Monate des Völkermords. Die komplexe Vorgeschichte und die Folgen kamen so nicht zur Sprache: der Angriffskrieg der RPF 1990 und die Massaker an der Bevölkerung in den besetzten Gebieten (zum Beispiel die Ermordung des gesamten Klerus der Diözese Byumba); die eine Million Flüchtlinge, die vier Jahre lang vor der Front hergetrieben wurden; die Racheakte der RPF nach dem Völkermord, wie die Tausenden von Toten bei den Massakern im Flüchtlingslager von Kibeho, die Zehntausende in den Urwäldern des Kongo ermordeten Hutu-Flüchtlinge; die fünf Millionen Toten der beiden von Ruanda und Uganda initiierten Kongokriege. Das alles blieb und bleibt ein Tabu, und wer darüber spricht, riskiert als »Genocidaire« angeklagt zu werden. Diese Seite der Wahrheit wird systematisch ausgeklammert. Der Kampf gegen die Straflosigkeit ist nur dann überzeugend, wenn die Verbrechen aller Konfliktparteien eingeschlossen werden.

Ruanda auf einen Blick
Einwohner: 10.718.000
Katholiken: 4.975.000
Diözesanpriester: 555
Ordenspriester: 146
Ordensbrüder: 138
Ordensschwestern: 1.644
Laienmissionare: 29
Katechisten: 3.485
QUELLEN: Statistisches Jahrbuch der Katholischen Kirche 2011

Die Bewältigung persönlicher und kollektiver Traumata

Es wird geschätzt, dass 90 Prozent der Bevölkerung Ruandas, die den Völkermord überlebt haben, in einem sozusagen klinischen Sinn traumatisiert sind: Menschen, die Augenzeugen von Massakern wurden oder die wochenlang unter Todesangst in Verstecken ausharrten, aber auch Täter, die gegen ihr Gewissen zum Töten gezwungen wurden oder die sich später ihrer Schuld bewusst wurden. Betroffen sind nicht nur die Überlebenden, die von Schuldgefühlen geplagt werden, die einzigen noch Lebenden ihrer Familie zu sein, sondern auch die nach dem Genozid geborenen Generationen, die im biblischen Sinn die Schuld ihrer Väter mittragen.

Die immens hohe Zahl der Traumatisierten macht eine individuelle Begleitung unmöglich. Nur ein kollektiver Ansatz ist realistisch. Dafür bieten oft die christlichen Gemeinden den geschützten Raum, wo langsam das Vertrauen wachsen kann, über das Erlebte zu sprechen. Mit Trauma leben zu lernen braucht Zeit und unendlich mehr noch die Kraft, zur Versöhnung zu finden. Versöhnung mit den Tätern, mit sich selbst, mit Gott lässt sich weder verordnen noch organisieren. Sie wird als Geschenk empfangen, oft nach langen inneren Kämpfen.

Ein großes Banner an der offiziellen Gedenkstätte für den Völkermord ruft dazu auf, der Opfer des Völkermordes vor 20 Jahren zu gedenken, sich zu vereinen und zu versöhnen.
FOTO: KNA-BILD

Der Beitrag der Kirchen zu Völkermord und Versöhnung

Versöhnung ist die ureigenste Aufgabe der Kirchen in Kontinuität mit dem Heiligen Paulus, dem Gott »den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat« und »das Wort der Versöhnung anvertraute« (2 Kor 5,18 –19). Für diese wichtigste und schwierigste Aufgabe war vor allem die katholische Kirche, die stärkste Kirche im Land, denkbar schlecht aufgestellt. Zu sehr war sie mit dem Regime Habyarimana liiert, um als eine glaubwürdige Vermittlungs- und Versöhnungsinstanz zu fungieren. Der später von der RPF mit zwei anderen Bischöfen ermordete Erzbischof von Kigali war nicht nur enger Freund des Präsidenten, sondern zu allem Überfluss auch lange Zeit Mitglied des Zentralkomitees der Regierungspartei. Die Ehe von Thron und Altar war ein Erbe und eine Fortsetzung der engen Zusammenarbeit zwischen Missionskirche und belgischer Kolonialverwaltung.

Im Gegensatz zu den protestantischen Kirchen, die ihr Versagen während des Völkermords zum Teil offen eingestanden haben, hat sich die katholische Kirche nie zu einem Bekenntnis ihrer Mitschuld durchgerungen, sondern sich immer hinter der Behauptung versteckt, nicht die Kirche hätte versagt, sondern nur individuelle Mitglieder. In der Tat konnte sie die pauschale Zuweisung von Schuld am Völkermord seitens der Regierung nicht akzeptieren. Die Bischöfe hatten vor und während des Genozids das Morden mehrmals kategorisch verurteilt und ein Ende der Gewalt gefordert. In der perversen Propagandahetze des berüchtigten Radios Mille Collines und im losbrechenden Blutrausch verhallte ihre Stimme klanglos. Gleichzeitig wurde die Kirche selbst Opfer des Völkermordes. Durch die Ermordung von vier Bischöfen, 123 Priestern und mehr als 300 Ordensleuten war das kirchliche Personal nach den Ereignissen dezimiert und traumatisiert und brauchte Zeit, um sich auf seine eigentlichen Aufgaben neu zu besinnen.

Die Mitschuld der Kirche als Institution lag nicht nur in der unkritischen Kooperation mit einem Regime, das zusehends die Menschenrechte verletzte und sich selbst radikalisierte. Ihr eigentliches Versagen ist darin zu sehen, dass die gleichen Spannungen zwischen Tutsi und Hutu in der Gesellschaft auch in ihren Reihen existierten, innerhalb der Bischofskonferenz wie auch in den zahlreichen Ordensgemeinschaften, aber nicht offen und ehrlich angesprochen wurden. Wie kann eine Institution, die nicht mit sich selbst versöhnt ist, andere zur Versöhnung führen? Versuche hat es trotzdem gegeben. Die 100-Jahr-Feier der Kirche im Jubeljahr 2000 wurde durch ein mehrjähriges Pastoralprogramm in allen Diözesen vorbereitet, das Versöhnung zum Hauptthema hatte. Was in den Herzen der Menschen wirklich geschah, ist kaum messbar.

Ein Pionier kirchlicher Versöhnungsarbeit war der Laientheologe Laurien Ntezimana mit der von ihm gegründeten Gruppe Association Modeste et Innocent (AMI), die Versöhnung durch eine Neubesinnung auf traditionelle Werte der ruandischen Kultur anstoßen wollte, wie durch den Begriff der ubuntu, der »guten Kraft« mit den Dimensionen von Selbstvertrauen, Lebenskraft, Inklusivität. Lange Zeit fand die Arbeit von AMI weder von staatlicher noch von kirchlicher Seite Anerkennung, ebenso wenig wie das Detmolder Bekenntnis, in dem eine Gruppe von Tutsi und Hutu und Deutschen eine neue Kultur des Hörens der Leidgeschichte des Anderen und durch ein gemeinsames Schuldbekenntnis den Weg zu Versöhnung suchte.

Da die katholische Kirche immer noch die Hälfte aller Schulen und auch Universitäten in Ruanda unterhält, trägt sie eine besondere Verantwortung, durch selbstständiges und kritisches Denken den weit verbreiteten blinden Autoritätsgehorsam, der zum Völkermord beitrug, zu überwinden.

Sehr intensiv ist das Engagement für Versöhnung der presbyterianischen Kirche. Durch Predigten, Informationsveranstaltungen, Traumaarbeit und Begleitung, Gesprächs- und Erzählrunden sowie diakonische Arbeit wird die Versöhnung in den Gemeinden gefördert. Darüber hinaus gibt es »Gruppen von Friedensstiftern «, die aktiv an der Wiederherstellung von Beziehungen zwischen den Opfern und Tätern des Völkermordes arbeiten. Die Kirchen leisten auch einen wichtigen Beitrag zum Abbau von Spannungen in der Region zwischen Ruandern und Kongolesen, die sich zu Recht als Opfer der ruandischen Einmischung in ihrem Gebiet sehen.

Nie wieder?

Nachdem die Gräuel des Völkermords von 1994 und das Versagen der Internationalen Gemeinschaft bekannt wurden, ertönte weltweit der Schrei Nie wieder!! Aber hat die Welt wirklich daraus gelernt? Während die Gedenkfeiern im Amahoro-(Friedens-) Stadion in Kigali stattfanden, eskalierten im Südsudan blutige Kämpfe zwischen den Ethnien der Nuer und der Dinka, die bereits als ein beginnender Völkermord bezeichnet werden. Gleichzeitig schlachteten in der Zentralafrikanischen Republik von den Medien fälschlich als »christlich« und »muslimisch« titulierte Milizen sich gegenseitig ab, ohne dass die Weltgemeinschaft das Blutvergießen hätte stoppen können. Die Gewaltbereitschaft liegt bei jedem Menschen allzu dicht unter der Haut. Oft reicht eine diabolische politische Demagogie oder der Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, um archaische Urgewalten durch die dünne Kruste von Religion und Zivilisation mit der Wucht eines Vulkans an die Oberfläche zu schleudern. Ruanda ist überall.

WOLFGANG SCHONECKE WV
Priester und Ordensmann Netzwerk Afrika Deutschland

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