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Terror und Gewalt im Irak

ISIS beansprucht Führung der islamischen Welt

von MATTHIAS VOIGT

Ein Kämpfer der ISIS-Milizen präsentiert eine ISIS-Flagge und eine Waffe in Mossul/Irak am 23. Juni 2014.
FOTO: KNA-BILD

Am 9. Juni eroberten Truppen der extremistischen Gruppe »Islamischer Staat in Irak und Syrien« (ISIS) Mossul. Die Stadt mit 3 Millionen Einwohnern ist die zweitgrößte Stadt des Irak und ein Zentrum der sunnitischen Araber. Innerhalb weniger Tage brachten die Einheiten von ISIS weite Teile des nördlichen Irak unter ihre Kontrolle und drohten mit einem Angriff auf die Hauptstadt Bagdad. Der Anführer von ISIS rief noch im Juni ein islamisches Kalifat aus und nahm den Kalifentitel an. Den Christen in Mossul wurde ein Ultimatum gestellt, entweder dem Islam beizutreten oder Schutzgelder zu zahlen, um nicht getötet zu werden. Seit Ende Juli gibt es praktisch keine Christen mehr in Mossul. Woher kommt das Phänomen ISIS? Was bedeutet die Ausrufung des Kalifats? Welche Auswirkungen hat die Einrichtung eines islamischen Staats für die religiösen Minderheiten? Wie beurteilen irakische Kirchenvertreter die Entwicklungen?

Rauchsäulen steigen am Stadtrand von Mossul auf. Innerhalb kürzester Zeit konnte die Terrormiliz ISIS die Stadt einnehmen. Vor allem Mitglieder religiöser Minderheiten mussten fliehen oder aber fürchten, hingerichtet zu werden, wenn sie nicht zum Islam übertreten wollen.
FOTO: KNA-BILD

Woher kommt ISIS?

Seit dem Einmarsch der Amerikaner im Irak und dem Sturz Saddam Husseins im März 2003 ist der Irak Operationsfeld islamistischer Terrororganisationen, von denen sich viele dem Netzwerk al-Qa’ida zurechnen. Seit dieser Zeit tat sich auch eine Terrororganisation mit zahlreichen Anschlägen hervor, die von Abu Mus’ab al-Zarqawi gegründet worden war. 2005 ernannte Usama bin Laden al-Zarqawi offiziell zu seinem Stellvertreter im Irak. Unter verschiedenen Namen – seit 2006 als »Islamischer Staat im Irak« (ISI) – verübte die Gruppe zahlreiche Bombenanschläge auf schiitische Moscheen und Heiligtümer, Regierungseinrichtungen sowie Stellungen der US-Amerikaner; außerdem zeichnet sie verantwortlich für die Entführung und Hinrichtung mehrerer Ausländer. Ziel der Gruppe war nicht nur, die US-amerikanischen Truppen zum Abzug aus dem Irak zu zwingen, sondern auch, wie der Name der Gruppe schon sagt, die Errichtung eines islamischen Staats sunnitischer Prägung im Irak. Al-Zarqawi wurde 2006 von US-Spezialeinheiten getötet, seine Terrorgruppe operierte jedoch weiterhin im Irak, seit Mai 2010 unter Leitung von Abu Bakr al-Baghdadi.

Unter seiner Leitung trat ISI auch in den Bürgerkrieg im benachbarten Syrien ein. Dort hatten islamistische Gruppen seit dem zweiten Jahr des Widerstands gegen die Herrschaft Baschar al-Assads immer mehr die Oberhand gewonnen. ISI nahm den Namen »Islamischer Staat in Irak und Syrien« an (auch als »in Großsyrien« oder »in der Levante« übersetzt; der arabische geographische Begriff bezeichnet das gesamte Gebiet der heutigen Staaten Syrien, Libanon, Jordanien und Israel/Palästina), geriet jedoch schnell in Auseinandersetzungen mit anderen islamistischen Gruppen in Syrien wie der Nusra-Front, die den Führungsanspruch Abu Bakr al-Baghdadis nicht anerkennen wollten. ISIS ist in Syrien seitdem zunehmend in Kämpfe sowohl gegen andere al-Qa’ida-Gruppen als auch gegen die Freie Syrische Armee, kurdische Einheiten und Regierungstruppen von al-Assad verwickelt. ISIS kontrolliert in Syrien weite Teile des Euphrattals. Unter der lokalen Bevölkerung entwickelt sich zunehmend Widerstand gegen die extremistische Auslegung des Islam durch ISIS und deren gewaltsame Durchsetzung, darunter zahlreiche Hinrichtungen, sowie die Vertreibung von Schiiten und Christen und die Zerstörung ihrer Gebetsstätten und Heiligtümer.

Im Irak ist es ISIS seit der zweiten Jahreshälfte 2013 gelungen, immer weitere Gebiete unter Kontrolle zu bringen. So erstürmten ISIS-Truppen im Januar 2014 die Städte al-Ramadi und Falludscha, die Hauptstadt der Provinz al-Anbar. In Mossul befanden sich bereits damals die südlichen Stadtviertel unter der Kontrolle von ISIS. Mit einem »Steuersystem« in den Gebieten unter direkter ISIS-Kontrolle sowie durch Schutzgelderpressungen und Entführungen finanziert sich die Organisation. Unterstützt wird sie u. a. von ehemaligen Offizieren aus der Armee Saddam Husseins und sunnitischen Stammesführern. Im Juni 2014 erfolgte dann die Eroberung von ganz Mossul mit der Flucht des dortigen Gouverneurs und der staatlichen Armeeeinheiten. Die Regierungstruppen haben praktisch keinen Widerstand geleistet und Hals über Kopf die Flucht ergriffen. Große Mengen Waffen – darunter auch Panzer und Hubschrauber – fielen dabei in die Hände von ISIS. Innerhalb weniger Tage rückte ISIS in weitere Städte des nordwestlichen und zentralen Irak vor und drohte mit einem Angriff auf Bagdad. Kirkuk, die Hauptstadt der gleichnamigen erdölreichen Provinz, konnte nur mit Hilfe kurdischer Einheiten gehalten werden. Der schnelle Vormarsch von ISIS war nur möglich, weil sie die Unterstützung der lokalen sunnitischen Bevölkerung, vor allem der einflussreichen arabischen Stammesführer hatte. Diese nehmen ISIS nicht in erster Linie als Terrororganisation wahr, sondern als Widerstandsgruppe gegen die verhasste Zentralregierung in Bagdad. Tatsächlich hat die Regierung des Schiiten Nuri al-Maliki seit ihrem Amtsantritt 2006 eine stark einseitige Politik zugunsten der schiitischen Bevölkerungsmehrheit betrieben. Vor allem die sunnitisch-arabischen Regionen des zentralen und nordwestlichen Irak wurden dadurch massiv benachteiligt. ISIS hat gerade diese Regionen ausgewählt, um schnelle Erfolge erzielen zu können. Man kann die Operationen auch als eine Art Werbefeldzug betrachten, denn ISIS wirbt über zahlreiche Internetvideos islamistische Rekruten in der ganzen Welt für den »heiligen Krieg« an.

Nuaf al Kadir ist mit seiner Frau und den 10 Kindern aus Tal Afar ins Flüchtlingscamp Khazir bei Mossul im Irak geflohen.
FOTO: KNA-BILD

Ausrufung des Kalifats

In den Rahmen dieser Öffentlichkeitskampagne gehört auch die Ausrufung des Kalifats Ende Juni 2014. Bereits einige Wochen zuvor hatte ISIS demonstrativ die Anlagen eines syrisch-irakischen Grenzübergangs gesprengt. Damit wurde auch symbolisch das Ende der Grenzen der modernen arabischen Staaten zum Ausdruck gebracht, die ein Gebilde des europäischen Kolonialismus (Sykes-Picot- Abkommen von 1916) sind. An deren Stelle tritt nun der islamische Staat, seit Ende Juni mit einem Kalifen an der Spitze, der Autorität beansprucht über alle Muslime weltweit. Mit der Kalifatsidee wird eine politische Vorstellung wieder aufgegriffen, die seit dem Tod Mohammeds (632) bis zur Abschaffung des Kalifats der osmanischen Sultane durch das türkische Parlament im März 1924 die politische Realität der islamischen Welt beherrschte. Als Kalifen (arabisch khalifa, »Stellvertreter«) wurden die ersten Nachfolger des Propheten Mohammed bezeichnet, die die Leitung der jungen islamischen Gemeinde übernahmen. Schon ganz zu Beginn stellte sich die Frage, ob die Kalifen mit der politischen Führungsrolle auch die religiöse Führung übernehmen sollten und welche Form dies haben konnte; sie standen ja nicht in gleicher Weise als Propheten mit Gott in Verbindung, wie dies nach dem Glauben der Muslime Mohammed getan hatte. Aufgrund welcher Autorität sollten sie also Dinge, die die Religion mit all ihren sozialen Auswirkungen betreffen, regeln? Sunniten und Schiiten beantworteten diese Frage in unterschiedlicher Weise: Die Schiiten waren (und sind) der Auffassung, die leiblichen Nachfolger des Propheten verfügten über eine besondere Inspiration. Diese Imame genannten Nachfolger Mohammeds hielten allerdings nie die tatsächliche Macht in Händen, so dass sich daraus eine weitgehend geistliche Führerschaft entwickelte. Die Sunniten dagegen, die in den ersten Jahrhunderten der Geschichte des islamischen Reiches die tatsächliche Macht in den Händen hielten, vertraten die Meinung, religiöse, soziale und politische Fragen müssten sich aus dem Handlungsbeispiel des Propheten, der so genannten Sunna, ableiten lassen und gestanden den Kalifen keine besondere Inspiration zu. Da dies angesichts des riesigen Umfangs des auf den Propheten Mohammed zurückgeführten Traditionsmaterials ein erhebliches Fachwissen erforderte, ging die Regelung religiöser Fragen schnell auf die islamischen Gelehrten über. In der Praxis blieb dem Kalifen nur die Sanktionierung dieser Regelung und die Ausübung der politischen Macht. In der Realität zerbrach das einheitliche Kalifat dann auch spätestens im 10. Jahrhundert, als drei Herrscher (in Bagdad, Kairo und Córdoba) den Kalifentitel für sich beanspruchten. Unter den Osmanen spielte der Titel, den sie formal seit dem frühen 16. Jahrhundert führten, lange Zeit kaum eine Rolle. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchten die osmanischen Sultane mit Hilfe des Kalifentitels eine geistliche Autorität über alle Muslime zu beanspruchen. Dies geschah unter dem Eindruck des fortschreitenden Verlusts osmanischer Territorien auf dem Balkan und an der Nordküste des Schwarzen Meeres. Ein geistliches Kalifatsamt sicherte wenigstens in religiöser Hinsicht die Führerschaft über die muslimische Bevölkerung in den verlorenen Gebieten und konnte neue Autorität in Weltgegenden bringen, die nie unter der politischen Kontrolle der Osmanen gestanden hatten. Im religiös-politischen Denken des frühen 20. Jahrhunderts von Ägypten bis Indien bildet diese Kalifatsidee einen zentralen Punkt, und für viele war die Abschaffung des Kalifats durch Atatürk im Jahr 1924 ein Schock. Schnell wurde jedoch deutlich, dass sich keine Einheit unter den (sunnitischen) Muslimen herstellen ließ, was die Einsetzung eines neuen Kalifen betraf. Die Kalifatsidee wurde daher in der Praxis weitgehend aufgegeben zugunsten einer Islamisierung der Gesellschaft »von unten«, wie sie auf unterschiedliche Weise zum Beispiel von den Muslimbrüdern und den Wahhabiten vertreten wird. Eine wichtige Rolle spielt darin die Scharia als Instrument der Durchsetzung islamischer Gesellschaftsvorstellungen.

Irak auf einen Blick
Fläche: 438.317 km2
Bevölkerung: 32.500.000
(Anmerkung: Verlässliche Daten zu den Religionsgemeinschaften und den christlichen Kirchen im Irak sind zur Zeit nicht verfügbar).

Breite Ablehnung des selbst ernannten Kalifen in der islamischen Welt

Die Ausrufung eines Kalifats durch ISIS und die Einsetzung von Abu Bakr al-Baghdadi als »Kalif Ibrahim« wird von fast allen sunnitischen Gelehrten sowie den einfachen Gläubigen abgelehnt. So äußerte sich der sunnitische Gelehrte und Präsident der libanesischen obersten Fatwa-Behörde Mohammed Nokari: »Ein Kalifat kann nicht einfach ausgerufen werden, sondern es kann nur durch eine Wahl gegründet werden, und dies war sicherlich nicht der Fall. Im Übrigen sind die Leute von der ISIS gar nicht befugt, im Namen des Islam zu sprechen. Sie sind ja in Syrien oder im Irak einzig deshalb, um Krieg zu führen. Sie repräsentieren auf jeden Fall nicht den sunnitischen Islam.« Auch die mangelnde theologische Qualifikation der ISIS-Führer kritisiert der Islamgelehrte: »Sie haben keinen Kontakt mit religiösen Führern, weder in Europa noch im arabischen Raum (…) Ein Kalifat, das sich auf Terror und Gewalt stützt, kann auch kein Muslim gutheißen. Vielleicht suchen sie einfach ein Mittel, um bekannt zu werden.« Mit der Berufung auf ein Kalifat bezieht sich ISIS einerseits auf die glorreiche Epoche des Irak als Zentrum des Abbasidenreiches seit Mitte des 8. Jahrhunderts und beansprucht andererseits weltweite Bedeutung unabhängig von Staatsgrenzen und Nationalitäten. Damit tritt die Gruppe in Konkurrenz zum weltweiten Netz von al- Qa’ida, mit dem es seit mehreren Jahren in zunehmender Rivalität steht.

Religiöse Minderheiten massiv in Gefahr

Für das Zusammenleben der unterschiedlichen Religions- und Volksgruppen im Irak und in Syrien bedeutet das Vorrücken von ISIS eine Katastrophe. Sunnitische Araber sind in den Regionen, die derzeit von ISIS kontrolliert werden, in der Mehrzahl. Es leben dort jedoch auch Kurden (mehrheitlich Sunniten), Alawiten, Schiiten, Shabak (eine schiitische Sondergemeinschaft), Christen und Yeziden. Mossul und die umliegende Region war lange Zeit ein Zentrum des Christentums im Irak; bis in die 1950er Jahre befand sich der Sitz des chaldäischen Patriarchen in Mossul. In zahlreichen Dörfern der Niniveh- Ebene östlich von Mossul bilden Christen die Mehrheit. Bisher sind diese Dörfer unter Kontrolle christlicher und kurdischer Milizen. Aus Mossul selbst sind allerdings die meisten Christen sowie Angehörige anderer Minderheiten geflohen. Ob sie jemals dauerhaft zurückkehren werden, ist unsicher. Nach mehreren Entführungen von Bischöfen und Priestern (Erzbischof Boulos Faraj Raho kam bei seiner Entführung 2008 ums Leben), Angriffen auf kirchliche Gebäude und Drohungen der Terroristen nicht erst seit der Erstürmung der Stadt durch die Truppen von ISIS sitzt die Angst tief. Die meisten Christen haben Zuflucht bei Verwandten und Bekannten in den genannten Dörfern sowie in der Autonomen Region Kurdistan gefunden. Viele werden es aber nur als Durchgangsstation auf dem Weg ins westliche Ausland betrachten, wo fast alle Familien Verwandte haben.

In Mossul soll es inzwischen Übergriffe auf Kirchen und kirchliche Gebäude gegeben haben. Ende Juni 2014 besetzten und plünderten Milizen der ISIS den chaldäischen und den syrisch-orthodoxen Bischofssitz in Mossul. Einwände des lokalen Imams wurden weggewischt mit dem Argument, im islamischen Staat gebe es »keine Bischöfe und keine Kirchen«, berichtete der chaldäische Erzbischof von Mossul, Shimoun Amel Nona. Kurz darauf wurde von Übergriffen auf weitere Kirchen in Mossul, so die syrisch-orthodoxe St. Ephrems-Kirche und die syrisch-katholische St. Pauls-Kirche berichtet. Von der Mehrheit der ansässigen muslimischen Bevölkerung werden solche Übergriffe übrigens nicht gutgeheißen. Immer wieder versuchen Muslime, die Kirchen in ihrer Nachbarschaft zu schützen, berichtet Erzbischof Nona.

Gibt es eine Lösung für den Irak?

Kirchenvertreter aus dem Irak haben in den vergangenen Wochen wiederholt vor einem militärischen Eingreifen des Westens gewarnt. Der chaldäische Patriarch Mar Louis Raphael I. Sako rief stattdessen zu einer politischen Lösung und zur Bildung einer Regierung der nationalen Einheit auf: »Wir glauben«, so der Patriarch wörtlich, »dass eine Regierung der Nationalen Einheit die beste Lösung für diese Art von Problemen wäre, da sie zu einer Konsolidierung der staatlichen Kontrolle und des Rechtsstaats beitragen würde, damit das Land, die Bürger und ihr Eigentum geschützt werden und die Einheit des Landes erhalten bleibt«. Mit Blick auf eine mögliche Intervention ausländischer Kräfte im Irak erinnerte der chaldäische Erzbischof von Mossul, Shimoun Amel Nona daran, dass »es im Irak schon viele Kriege gegeben hat. Doch militärische Interventionen tragen nicht zur Lösung der Probleme bei. Früher oder später brechen die Konflikte erneut und noch heftiger aus. Es muss geduldig nach einer gemeinsamen Sprache gesucht werden, damit wir Instrumente für einen Dialog finden, an dem alle Iraker beteiligt sind«.

Auch der chaldäischeWeihbischof von Bagdad, Saad Sirop Hanna, warnte: »Wenn ein Bürgerkrieg ausbricht, ist das das Ende für uns Christen im Irak (…) Es braucht politischen Druck auf die irakischen Führer, damit Raum geschaffen wird für Dialog und gegenseitiges Verständnis«.

MATTHIAS VOIGT,
Islamwissenschaftler, Nahost-Referent der Auslandsabteilung von missio Aachen

ANMERKUNGEN

1 Im Gespräch mit Radio-Vatikan, 08.07.2014: Link
2 Fidesdienst 11.06.2014
3 Fidesdienst 18.06.2014
4 Link (18.06.2014).

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