Unter dem Fluch von Boko Haram Nigerias scheinbare Ohnmacht gegenüber Terror corner

Unter dem Fluch von Boko Haram

Nigerias scheinbare Ohnmacht gegenüber der Gewalt der Terrororganisation

von MATTHEW KUKAH

Zerstörtes Einkaufszentrum in Abuja. Bei einer schweren Explosion in einem Einkaufszentrum in der nigerianischen Hauptstadt Abuja sind am 25. Juni 2014 mindestens 30 Menschen getötet worden.
FOTO: KNA-BILD

Immer neue und noch brutalere Angriffe durch Boko Haram und die Furcht vor neuer Gewalt scheinen den Norden Nigerias inzwischen zu lähmen. Die Menschen sind entsetzt und wissen oft nicht mehr, wem sie überhaupt noch vertrauen können, da Boko Haram wie ein Gespenst allgegenwärtig zu sein scheint. Niemand kennt die Mitglieder dieser äußerst brutalen Organisation.

Im folgenden Beitrag beschreibt Bischof Matthew Kukah die Ursprünge der Gruppierung, zeigt die Veränderungen und externen Einflüsse auf Boko Haram auf und benennt Gründe, weshalb diese Organisation zunehmend brutaler geworden ist. Das Versagen des Staates wie auch der muslimischen Elite im Norden Sind in diesem Zusammenhang wichtige Aspekte, die das Phänomen »Boko Haram« erklären. Eine Lösung des Konfliktes scheint nicht in Sicht, sollte der Staat auch weiterhin einzig und allein auf das Militär setzen.

Historische Ursprünge

Die ursprünglich von Mallam Muhammad Yusuf, dem Begründer von Boko Haram, initiierte Bewegung war eindeutig ein Ableger dessen, was unter dem Namen Gardawa Bekanntheit erlangt hatte. Ihre Entstehung ist zurückzuführen auf den Zusammenbruch des Status der Ulama (Anm.: hochrangige Gelehrte des Islam), die vom Staat in die Schlingen der Macht integriert worden waren. Die Gardawa- Bewegung ist berüchtigt für ihre Unordnung, ihre Ignoranz hinsichtlich der Lehren des Islam und ihren gelegentlich zur Schau gestellten Übereifer. Nichtsdestotrotz haben sie das Vakuum, das die Ulama hinterlassen hatten, gefüllt. Das traditionelle Konzept der Ulama wurde aufgrund des Kampfes von Muslimen im nördlichen Nigeria für mehr Partizipation im öffentlichen Leben untergraben. Von daher übernahm die Gardawa- Bewegung die Führung und begann, ihre Anhänger mit Hilfe einfacher Predigtmethoden auf den Straßen und Plätzen zu mobilisieren. Für viele Menschen in Nigeria gilt Muhammad Marwa als einer der berühmtesten Prediger der Gardawa-Bewegung. Es war dieser Muhammad Marwa, der den so genannten Maitatsine-Aufstand im Jahr 1983 herbeigeführt hat. Dieser Aufstand dauerte insgesamt etwa fünf Jahre und forderte mehr als 8.000 Opfer. Nachdem der Aufstand niedergeschlagen und die Bewegung sodann aus Kano vertrieben worden war, suchten die meisten Anhänger Zuflucht in den heutigen Bundesstaaten Yobe und Borno. Von daher ist es nun nicht sonderlich überraschend, dass gerade diese beiden Bundesstaaten zum Epizentrum der Operationen von Boko Haram geworden sind. Und es zeigt sehr deutlich, dass Boko Haram auch weiterhin durch die Ideologie des Maitatsine- Aufstandes geprägt ist.

Auffallende Übereinstimmungen zwischen dem Maitatsine-Aufstand und Boko Haram sind festzustellen. An erster Stelle ist die Feindschaft gegenüber dem Staat, seinen Gefolgsleuten und Sicherheitseinrichtungen zu nennen. Gefolgt von der Verachtung weltlicher Güter und der Verurteilung der Korruption in öffentlichen Ämtern, insbesondere innerhalb der muslimischen Elite.

Mallam Muhammad Yusuf, der Gründer von Boko Haram

Die Wirkung dieser Prediger ist häufig sehr groß. Oftmals haben sie strategisch wichtige Moscheen ausgesucht und ihre Anhänger aufgefordert, Ableger zu gründen. Ein solches Umfeld hat dann auch Mallam Yusuf, den Begründer von Boko Haram, hervorgebracht. Nicht zwangsläufig gibt es heute noch Verbindungen zwischen der von Yusuf gegründeten Jama’atu Ahlil Lidda’awati Wal Jihad und der heutigen Organisation Boko Haram. Von ihm wird gesagt, dass er als umherziehender Schüler über einen Zeitraum von 20 Jahren von 11 verschiedenen Lehrern unterrichtet worden sei, die offensichtlich unterschiedliche theologische und ideologische Überzeugungen vertreten haben. Als er schließlich im Jahr 1999 seine Organisation gründete, fiel der Zeitpunkt mit der Rückkehr Nigerias zur Demokratie zusammen. Dies ist wichtig zu berücksichtigen. Als Nigeria zur Demokratie zurückkehrte, hatte es mehr als zwanzig Jahre Militärherrschaft hinter sich. Neue Bundesstaaten waren im Norden gegründet worden. Jegliche Plattformen des Protestes waren traurigerweise von der Militärdiktatur geschlossen worden. Die Zivilgesellschaft war nicht wirklich ein Teil des Islam im nördlichen Nigeria. Und so waren fehlende Ventile für Gefühle, für Formen des Protestes gegen den Staat ein großes Problem.

Externe Einflüsse

Bis 1999 sind Millionen von Muslimen in Mekka gewesen, hunderte Millionen Dollar aus Quellen mit konkurrierenden und zwiespältigen Ideologien innerhalb der muslimischen Welt sind in verschiedene Teile des Nordens Nigerias zur Unterstützung der Dawah-Bewegung – der islamischen Bekehrungsbewegung – gepumpt worden. Die iranische Revolution hatte die Illusion hervorgebracht, dass der nigerianische Staat entlang den Linien der iranischen Revolution transformiert werden könnte. Dies führte u. a. zu zahlreichen Debatten über die Rolle und den Status der Scharia in der nigerianischen Verfassung. Es ist wichtig zu sehen, dass diese Frage niemals wirklich aufgegriffen und ernsthaft geklärt worden ist, ein Faktor, der auch weiterhin die politische Ordnung erhitzt.

Internationale Kontakte, die jährliche Hadsch nach Mekka, Globalisierung, die ansteigende finanzielle Förderung der Dawah-Bewegung – all dies hat Nigeria zu einem späteren Zeitpunkt in einen Hexenkessel aller möglichen Schattierungen von Bewegungen innerhalb des Islams verwandelt, was einen großen Einfluss und eine große Wirkung auf die leichthin zu beeindruckenden Gemüter vieler armer und ungebildeter Muslime hatte. Ab den 80er / 90er Jahren fanden sich unterschiedlichste Bewegungen und Gruppen ein, wie zum Beispiel Fityanul Islam, die Hamas, die Hisbollah, die Muslimbruderschaft, die Taliban, Al Qaeda im Maghreb, die Salafisten beziehungsweise Wahabiten, Schiiten, Izalatu Bidia wa Ikamatu Sunna etc. All diese Bewegungen und Gruppen konkurrierten untereinander um Aufmerksamkeit und Unterstützung in einem Staat, dessen Apparat und Regierungsgewalt immer schwächer wurde, während die muslimischen Ulama gleichzeitig ihre Glaubwürdigkeit und moralische Autorität verloren. Dies erzeugte quasi eine Umwelt der Anarchie, die unterschiedlichste Ideen gedeihen ließ. Es ist wichtig, dass wir in diesem Zusammenhang auch wirklich die Art der Unterstützung begreifen, die aus Saudi-Arabien, Iran und anderswo in unser Land strömt, und die Ideologien, die dahinterstecken.

Nachdem Boko Haram über 200 junge Frauen im Norden Nigerias verschleppt hatte, haben Menschen weltweit mit der Kampagne »Bring back our girls« gegen die Gewalt von Boko Haram und für die Freilassung der jungen Frauen demonstriert. Obwohl das Militär bereits vor Wochen mitgeteilt
hatte, den Aufenthaltsort der jungen Frauen zu kennen, sind sie weiterhin in der Hand der Extremisten.
Das Foto zeigt Demonstranten in der nigerianischen
Hauptstadt Abuja.
FOTO: KNA-BILD

Die Botschaft Yusufs

Es ist diese Welt, in die Yusuf 1999 eintrat und erfolgreich seinenWeg bis zur Erlangung von Berühmtheit verfolgte. Es scheint, dass er ein charismatischer Prediger war. Und es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass er zu diesem frühen Zeitpunkt den Beschluss fasste, Menschen zu ermorden oder den nigerianischen Staat durch Gewalt jenseits der rhetorischen Verurteilung der erdrückenden Ungerechtigkeit des Staates zu stürzen. Er verurteilte Muslime dafür, dieses korrupte System zu stützen, indem sie sich aktiv daran beteiligten. Die Angriffe auf den nigerianischen Staat schienen auf der Annahme zu basieren, dass nicht einfach jeder Muslim, sondern nur diejenigen Muslime, die an seine Ideen glaubten, in der Lage seien, den Staat besser zu managen. Deshalb predigte Yusuf auch den Ausstieg als eine Art Taktik, eine Art von Hidschra – den Rückzug aus einem Staatwesen, das nicht seinen Vorstellungen einer islamischen Herrschaft entsprach.

Yusuf reiste im gesamten Norden umher und predigte seine Botschaft. Er bereiste die Bundesstaaten Gombe, Borno, Yobe, Kano, Jigawa, Katsina und Sokoto und suchte Konvertiten. Seine Botschaft war populär, jedoch hatte er keine Anhänger, die die Erde erschüttern ließen. Es scheint, dass Yusuf niemandem mit Gewalt gedroht hat. Seine Überzeugungen lassen sich in wenigen Punkten zusammenfassen, auf die er seine Anhänger eingeschworen hat:

  • die Vorherrschaft einer westlichen Kultur, vermittelt durch westlich geprägte Institutionen, insbesondere Schulen, abzulehnen und zu bekämpfen;
  • anti-islamische wirtschaftliche und politische Sozialsysteme abzulehnen und zu bekämpfen;
  • für die Wiederbelebung und Wiederherstellung der Scharia zu kämpfen;
  • Ungerechtigkeit, Korruption und Unmenschlichkeit in der Gesellschaft herauszufordern und zu eliminieren;
  • sich durch einen gewissen Stolz, Selbstvertrauen, Aufrichtigkeit und totale Abhängigkeit von Allah auszuzeichnen;
  • aus den Wissenschaften und der Technologie als Teil der Allgemeinbildung und des göttlichen Erbes, das der Menschheit durch den allmächtigen Gott anvertraut wurde, guten und gottgefälligen Nutzen zu ziehen.

Diese Überzeugungen finden sich ebenso in späteren Statements von Boko Haram aus dem Jahr 2011 wieder.

Ablehnung von Gewalt

Es scheint, dass Yusuf selbst abgeneigt war, jegliche Art von Gewalt als Mittel zur Erreichung der Ziele anzuwenden. Aber eine andere Gruppe, die sich selbst als Taliban bezeichnete, angeführt von Muhammad Alli, existierte in der gleichen Gegend im Bundesstaat Yobe. Diese Gruppe hatte beschlossen, sich in den Busch zurückzuziehen, um der Ansteckung durch die teuflische Welt zu entgehen. Sie war fest entschlossen, in den Jihad zu ziehen. Es scheint, dass Alli während seines früheren Studiums im Sudan Osama bin Laden kennengelernt hatte und von ihm auch große Geldsummen erhalten hatte, um einen Ableger von Al Qaeda in Nigeria zu gründen. Yusuf hat Vertreter der Taliban getroffen, aber es scheint, dass er ihre Philosophie mit der seinen für unvereinbar hielt, auch wenn er mit ihrer Zielsetzung darin übereinstimmte, die Dominanz des Islam zu erreichen. Yusuf wird mit den Worten zitiert: »Diese jungen Leute (die Taliban) studierten zusammen mit mir und anderen den Koran. Daraufhin wollten sie die Stadt verlassen, die sie für unrein halten, um in den Busch zu ziehen. Sie glauben, dass Muslime, die nicht ihre Ideologie teilen, Ungläubige sind… Ich denke, dass ein islamisches Herrschaftssystem in Nigeria errichtet werden sollte, und wenn möglich in der ganzen Welt, aber einzig und allein durch Dialog.«

Dass Yusuf dieser Überzeugung zu sein schien, verdeutlicht auch ein offener Brief prominenter Bürger des Bundesstaates Borno an den Staatspräsidenten. Wenn die Regierung diesen Brief ernst genommen hätte, wäre die weitere Entwicklung wohl anders verlaufen. In dem benannten Brief werden nämlich folgende Beobachtungen gemacht:

  • Im Rahmen seiner zahlreichen Predigten hat Yusuf niemals den Frieden verletzt;
  • Die Anhänger Yusufs, leistungsfähige Personen mit westlicher Bildung, waren vom System frustriert;
  • Yusufs Predigten kommentierten die Fragen von Gerechtigkeit, sozialen Übeln und Ungleichheiten in der Gesellschaft.
  • Die Ermordung von 19 Mitgliedern durch die Polizei, weil sie auf ihren Mopeds keinen Motorradhelm getragen hatten, führte die Gruppe dazu, Rache zu nehmen und die Polizei anzugreifen;
  • Die außergerichtliche Hinrichtung von Yusuf und Buji Foi, Beauftragter für religiöse Angelegenheiten im Bundesstaat Borno, sowie weiterer Unterstützer, die gebrechlich waren, – diese Taten wurden auf You tube gepostet und von Al Jazeera berichtet – haben die Situation extrem verschärft.

Für den katholischen Bischof Matthew Kukah aus Sokoto wird eine ausschließlich aufs Militär setzende Strategie im Kampf gegen Boko Haram keine Lösung bieten können. Viel wichtiger sei der Kampf gegen Korruption und Ungerechtigkeit, der Schutz der Grenzen und die Bildung einer Nation, in der die Spaltung zwischen Nord und Süd endlich ein Ende findet.
FOTO: KNA-BILD

Zunehmende Radikalisierung nach dem Tod des Gründers

Die Gründe für die zunehmende Gewalt durch Boko Haram sind komplex, aber es ist durchaus möglich, einige Hinweise zu benennen.

  • Die Zentralregierung hätte anders agieren können, hätte sie den oben erwähnten Brief ernst genommen. Zu viele Fehler sind zu Beginn gemacht worden. Als Beispiel: Die Staatsregierung hat über eine lange Zeit argumentiert, dass Boko Haram ein Komplott von Muslimen des Nordens sei, um die Regierung von Staatspräsident Jonathan zu destabilisieren, der ein Christ ist. Diese Sicht wurde weitgehend von führenden Vertretern der Pfingstkirchen innerhalb der christlichen Gemeinschaft unterstützt, die der Überzeugung waren, dass die Auseinandersetzungen mit Boko Haram der endgültige Ausdruck für den unvermeidbaren Konflikt zwischen den dunklen Mächten des Islam und dem Licht Christi seien. Die Bombenattentate auf eine katholische Kirche und andere christliche Kirchen in Teilen des Nordens seien ein weiterer Beleg für diese Sichtweise. Einige von uns jedoch haben dies anders gesehen. Ich selbst habe in verschiedenen Artikeln und Botschaften darauf hingewiesen, dass dies, was wir nun erleben, vielmehr eine Herausforderung für unsere gemeinsame Existenz als ein Volk darstellt.
  • Die Zentralregierung hat einzig und allein auf eine militärische Antwort gedrängt. Erneut haben einige von uns davor gewarnt, dass dies nicht der richtige Weg sei, zumal das militärische Vorgehen zu viele unschuldige Leben zerstört. Junge Männer, Familienmitglieder waren ohne jegliche Gerichtsverfahren verhaftet und interniert worden, und einige von ihnen wurden von Sicherheitskräften getötet. Ein besonders abschreckendes Beispiel war die Ermordung des Schwiegervaters von Yusuf, ein prominentes Mitglied der Gesellschaft, durch die Sicherheitskräfte. Boko Haram wurde mehr und mehr in einen Krieg gezogen, auf den die Gruppe nicht vorbereitet war. Immer öfter plünderte sie deshalb Polizeistationen auf der Suche nach Waffen. Und die Gruppe wurde zunehmend gewalttätiger.
  • Die Regierung hat die internationale Dimension des Konfliktes nicht verstanden. Der Kollaps des Gadaffi- Regimes in Libyen und Entwicklungen an Orten wie Mali ließ tausende von jungen Männern durch die durchlässigen Grenzen Malis, Somalias, des Tschads, Nigers und Kameruns nach Nigeria ziehen. Diese jungen Männer, einige von ihnen verdorben durch das Gadaffi-Regime, hatten Zugang zu riesigen Waffenlagern, insbesondere weil einige von ihnen zuvor Teil der libyschen Armee gewesen waren.
  • Indem die Regierung einzig und allein auf eine militärische Lösung des Konfliktes gedrängt hat, hat sie den Konflikt weiter angeheizt, ohne jedoch zuvor die Situation umfassend zu analysieren. Der atemberaubende Anstieg des Militärbudgets hat zu massiver Korruption innerhalb des Militärs, dem Verlust von Moral und zur Infiltration des Militärs durch Mitglieder von Boko Haram geführt. Zugleich gibt es Hinweise, dass Militärbefehlshaber mit Boko Haram Deals abgeschlossen haben. Während ich diese Zeilen schreibe, wird ein brisanter Prozess fortgeführt, in dem einige Soldaten beschuldigt werden, ihre Waffen gegen den eigenen Befehlshaber gerichtet zu haben, da dieser mutmaßlich mit Mitgliedern von Boko Haram konspiriert haben soll, was zum Tode einiger Soldaten der eigenen Einheit geführt haben soll.
  • In den frühen Tagen dieses Aufstandes hat das Militär viele örtliche Gemeinschaften durch willkürliche Verhaftungen, Tötungen, Entführungen und Folter von unschuldigen Zivilisten gegen sich aufgebracht. Als Resultat ist der Verlust des Zuganges zu Human Intelligence (Anm.: Erkenntnisgewinnung aus menschlichen Quellen) anzusehen.

Die Internationalisierung des Konfliktes

Die mörderischen Eskapaden Boko Harams entziehen sich jeglicher rationaler Erklärung. Wir durchleben zurzeit den schlimmsten Moment für unsere Nation. Die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft sind ein wenig zu spät gekommen, auch weil die nigerianische Regierung offenbar völlig verwirrt gewesen war hinsichtlich der Frage des Umgangs mit Boko Haram. Das Militär behauptete natürlich stets, mit zusätzlichen Finanzmitteln den Krieg gewinnen zu können. Aber dies hat sich als völlige Fehleinschätzung herausgestellt.

Die Führung Boko Harams fluktuiert beständig, da einige Mitglieder getötet und folglich ersetzt wurden. Die Wechsel in der Führung Boko Harams haben auch zu Veränderungen hinsichtlich der Taktiken und Strategien geführt. Während im frühen Stadium Boko Haram darauf bedacht war, Überfälle auf Sicherheitskräfte zu beschränken, sind mit dem Tod Yusufs und dem Auftreten von Abubakar Shekau, dem neuen Führer von Boko Haram, Strategien mit wesentlich tödlicheren Dimensionen in den Vordergrund getreten.

Die Internationalisierung des Konflikts wurde völlig unterschätzt. Mitglieder Boko Harams flohen vor der Verfolgung durch das Militär nach Afghanistan und Algerien, aber auch in den Tschad, den Niger, Mali und Somalia. Auf diese Weise lernten sie wesentlich radikalere Ideologien kennen und kamen in Berührung mit Gruppen wie Ansaru Dine, Al Qaeda im Maghreb und MUJAO. Verbindungen zu diesen Gruppen haben Boko Haram weiter radikalisiert. Es ist zu bezweifeln, dass die nigerianische Regierung der ernsthaften und professionellen Analyse der Ursachen und der Profile von Individuen und Gruppen, die unter dem Namen Boko Haram agieren, ihre Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Lösungsschritte

Die Regierung muss ernsthaft die Bedingungen untersuchen, die Boko Haram entstehen ließen. Erforderlich ist zudem der Schutz der Grenzen, der nicht der kriminellen Komplizenschaft und Korruption unterworfen werden darf, was jedoch häufig bei den Einwanderungsbehörden der Fall ist. Die Grenzen zu Kamerun, dem Tschad und Niger sind auch weiterhin am problematischsten. Boko Harams tödliche Gewalt ist verschärft worden durch eine sehr armselige Überwachung der Grenzen, aber auch durch die Mitschuld muslimischer Eliten, was die Finanzierung von Boko Haram betrifft, häufig erzwungen durch Erpressung und Bedrohung. Boko Haram und seine Unterstützer waren andernorts immer wieder in Banküberfälle verwickelt, in Drogenhandel, Entführungen (insbesondere von Ausländern) und Menschenhandel. Zudem leiten sie Drogengangs. Die Opfer sind prominente Politiker und Geschäftsleute, Unternehmer, Regierungsbeamte und Händler.

Eindeutig ist dies, was heute geschieht, auf die Jahre der Korruption und des Missmanagements zurückzuführen. Die Bürger des Landes waren zu einem Leben in Elend und Dreck verurteilt. Armut selbst ist eine zwingende, aber nicht ausreichende Bedingung für Gewalt. Dennoch haben in unserer Situation die Jahre der Frustration unter armen Muslimen aufgrund der Lügen und der Täuschung durch die eigene Elite dazu beigetragen, Auswege aus der Situation des Elends zu suchen. Zu etwa Dreiviertel der gesamten Zeitspanne seit der Unabhängigkeit Nigerias waren Muslime aus dem Norden an der Macht und haben das Land gesteuert. Viele wichtige Positionen im Staat wurden von ihnen besetzt. Aber anstatt dem Wohl der Menschen zu dienen, haben sie beständig ihren Fokus auf den Bau von Moscheen, die Entsendung von tausenden von Menschen zur großen Wallfahrt nach Mekka und den Aufruf zur Frömmigkeit gelegt. Öffentlich haben sie die Einführung und Anwendung der Scharia erklärt, nachdem das Land endlich eine zivile Regierung erhalten hatte. Die aktuellen nördlichen Gouverneure wie auch ihre Vorgänger waren sehr gleichgültig was Fragen von Entwicklung und das Management öffentlicher Gelder in ihren Bundesstaaten betrifft. Anders als ihre südlichen Counterparts weisen sie die schlechtesten Entwicklungsindikatoren in Fragen der Gesundheit, Sicherheit, Bildung, Infrastruktur etc. auf. Ihre Unterlagen auf den Gebieten der Rechenschaftspflicht und der Finanzen sind sehr problematisch, da viele Gouverneure bis heute ihre Staaten eher als persönliche Lehen in einem feudalen Staat betrachten. Die geballte Auswirkung all dieser Frustrationen ist nun das, was unter dem Namen Boko Haram ausgelebt wird und die Errichtung eines islamischen Staates einfordert.

Aufeinander folgende Staatsoberhäupter haben nur sehr wenig getan, um eine geeinte Nation zu formen. Das Ergebnis ist vielmehr eine große Kluft, die sich auch weiterhin vergrößert. Zunehmend fühlen sich Muslime im Norden in ihrem Platz eingeengt durch Menschen, die sie als Fremde betrachten, namentlich die christliche Gemeinschaft. Nicht-Muslime im Norden Nigerias sind inmitten aller Schwierigkeiten auch weiterhin erfolgreich, eine Entwicklung, die zu Neid unter ihren muslimischen Nachbarn führt. Um voranzukommen, ist es wichtig, dass die Regierung den Fokus auf die Fragestellung legt, auf welche Weise eine geeinte Nation errichtet werden kann. In diesem Zusammenhang ist es sehr wichtig, dass sie die Ansprüche der Verfassung hinsichtlich der Bürgerrechte für alle Nigerianer durchsetzt. Die Zentralregierung muss dringend handeln, um die Probleme der Korruption anzugehen, indem sie endlich die Straffreiheit in öffentlichen Ämtern beendet und die Grundlagen für good governance schafft.

Die Frage der Amnestie sollte weiter verfolgt werden, jedoch liegt die Schwierigkeit in der Frage, wie die wichtigen Mediatoren für einen Verhandlungsprozess zu finden sind und auf welche Weise Vertrauen geschaffen werden kann angesichts des tiefen Bruchs und der Verdächtigungen in den Beziehungen zwischen Christen und Muslimen in den nördlichen Bundesstaaten Nigerias. Den Mitgliedern des harten Kerns von Boko Haram ist westliche Bildung, die auch die Tools sowie die Fähigkeiten für die Eingliederung in einen modernen Staat bereitstellt, zuwider. Ihr Beharren auf die Scharia als Vorbedingung für Verhandlungen wird diese Option der Mediation zudem schwächen.

Es gibt ein sehr frostiges Verhältnis zwischen der Zentralregierung und den Regierungen der nördlichen Bundesstaaten, das im Zentrum der Auflehnung steht. Drei Bundesstaaten werden von Gouverneuren geleitet, die der Opposition angehören. Sie haben die Ausweitung des Ausnahmezustandes durch die Zentralregierung mit ansehen müssen, ein Faktor, der zusätzlich viel guten Willen kaputt gemacht hat. Es besteht deshalb die Notwendigkeit, diese Wunden zu heilen.

Letztendlich ist es sehr wichtig einfach festzustellen, dass wir uns auf einer langen Reise ohne erkennbare Zielmarken befinden. Die größte Herausforderung für unsere Nation liegt nun darin, sich zu erheben und zu versuchen, ein Land zu errichten, in dem der Unterschied kein Hindernis für die Feier unseres gemeinsamen Menschseins ist. Die Ziele und Ideale unserer Religionen bieten uns die besten Optionen. Die Herausforderung besteht darin, die Religion und ihre heiligen Lehren aus der Umklammerung und dem Missbrauch durch Fanatiker und Extremisten zu befreien, ganz gleich ob sie in der Politik zu finden sind oder kriminelle Jihadisten sind.

MATTHEW KUKAH,
Bischof der Diözese Sokoto

Anmerkungen

1 N. A. Hassan: An Analysis of the Gardawa Uprising in Kano; MA Thesis, Bayero Universität Kano, 1986.
2 Auwalu Anwar: From Maitatsine Revolts to Boko Haram: Examining the Socio-Economic Circumstances of Religious Crisis in Northern Nigeria, 2013.
3 Matthew Kukah: Be Still and Know that I am God: Message to Nigerians.
4 Es gibt Berichte über prominente Muslime, die über SMS Textbotschaften auf ihr Handy erhalten haben und aufgefordert wurden, Schutzgeld zu zahlen. Oder sie wurden ultimativ aufgefordert, den Jihad oder Dawah zu unterstützen. Auf diese Weise sind riesige Summen an Geld zusammengekommen, die der Finanzierung von Boko Haram dienen.
5 Curbing Violence in Nigeria (2), p. 24, 29.
6 Ibid.

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