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»In dunklen Zeiten …«

Religiöse Minderheiten in Indien fürchten Hass und Ausgrenzung

von CEDRIC PRAKASH SJ

Seit der Regierungsübernahme durch Narendra Modi haben mehrfach hochrangige Regierungsvertreter die muslimische Gemeinschaft in Indien scharf attackiert. Das Wahlmanifest der Regierungspartei BJP stellt zudem den Sonderstatus des Bundesstaates Jammu und Kashmir, der einzige mehrheitlich muslimische Bundesstaat in Indien, in Frage. Das Foto zeigt muslimische Frauen in Srinagar, der Hauptstadt des Bundesstaates Jammu und Kashmir beim Gebet im Hazratbal Schrein, in dem der Überlieferung nach ein Haar des Propheten Mohammed aufbewahrt wird.

Narendra Modi, seit Mitte des Jahres neuer Premierminister in Indien, ist eng verbunden mit verschiedensten Organisationen der Hindutva-Bewegung, die ihm zum Wahlsieg verholfen haben. Menschenrechtler fürchten, dass sich unter seiner Regierung die Situation der religiösen Minderheiten dramatisch verschlechtern wird. Als Ministerpräsident des Bundesstaates Gujarat war ihm über zehn Jahre die Einreise in die USA aufgrund seiner mutmaßlichen Verwicklung in das entsetzliche Blutvergießen an Muslimen im Jahr 2002 verboten worden. Alle Vorbehalte westlicher Regierungen gegenüber seiner Person scheinen mit seiner Wahl zum Premier nun wie weggeblasen zu sein. Aufgrund der Wirtschaftsstärke des Landes suchen alle westlichen Regierungen das enge Bündnis mit ihm.

»Indien im Modi-Fieber« – so titelten indische Tageszeitungen nach dem deutlichen Wahlsieg des neuen Premierministers. Er wird als der Politiker gesehen, der Indiens Wirtschaft einen neuen Aufschwung verleihen und die Wirtschaftsmacht Indien ausbauen wird. Vergessen scheinen seine Verbindungen zur Hindutva-Ideologie und zu extremistischen Hindu-Organisationen zu sein. Dabei ist es dieses Geflecht zahlreicher Organisationen und Bewegungen der Hindutva-Ideologie gewesen, die ihn an die Spitze des Staates befördert hat. Aus Sicht religiöser Minderheiten haben in Indien dunkle Zeiten begonnen.

Fali Nariman ist einer der bedeutendsten Juristen Indiens. Er ist Absolvent des St. Xavier College in Mumbai und unzweifelhaft der führende Verfassungsexperte des Landes. Am 12. September 2014 war er eingeladen, den siebten alljährlich stattfindenden Gastvortrag der Nationalen Kommission für Minderheiten (NCM) zu halten. Diese besondere Veranstaltung wurde unter dem Vorsitz des aktuellen Ministers für Minderheitenfragen, Najma Heptulla, durchgeführt. Unter dem Titel »Minderheiten am Scheideweg: Kommentare zu juristischen Behauptungen« kritisierte er in seiner Rede massiv die gegenwärtige indische Regierung unter Premierminister Narendra Modi dafür, dass sie nichts unternimmt, um die jüngsten Angriffe und Hasstiraden rechtsgerichteter hinduistischer Gruppen und Individuen auf Gemeinschaften religiöser Minderheiten in verschiedenen Teilen des Landes zu unterbinden.

»Der Hinduismus ist dabei, seine traditionelle Toleranz zu verlieren, denn einige Hindus sind der Meinung, dass es ihr Glaube sei, der ihnen zu politischer Macht verholfen habe… und weil diese Überzeugung von ›denen an der Spitze‹ nicht in Frage gestellt wird«, so Nariman in seiner Rede. Der Hinduismus sei eigentlich bekannt für seine Toleranz gegenüber anderen Religionen. »Aber wiederholte Fälle religiöser Spannungen, hervorgerufen durch Fanatismus und Hasspredigten, haben gezeigt, dass die hinduistische Tradition der Toleranz unter Druck steht. Und erlauben Sie mir dies in aller Deutlichkeit zu sagen: Meine Befürchtung ist, dass der Hinduismus gerade dabei ist, sein gütiges Gesicht zu verändern, einzig und allein, weil man der Überzeugung ist – und dies auch von Wenigen stolz verkündet wird (ohne dass diejenigen an der Spitze widersprechen) –, dass allein ihr Glaube und ihre Überzeugung die Hindus nun ans Steuer der Regierung gebracht haben… Wir erfahren fast täglich im Fernsehen oder in den Tageszeitungen von Hasstiraden einzelner Hindus oder einiger hinduistischer Gruppen gegen die eine oder andere Gruppierung von Bürgern, die einer religiösen Minderheit angehören. Meine Kritik richtet sich gegen die Zentralregierung, die nichts, aber auch gar nichts unternimmt, um diesen Hass zu stoppen!«

Narimans beeindruckende Rede im Namen indischer Minderheiten ist als eine zeitnahe Kritik an der von der BJP geführten Regierung unter Premierminister Narendra Modi zu verstehen, der am 26. Mai 2014 die Macht übernommen hat.

Im Vorfeld der Parlamentswahlen von 2014

Es wäre naiv zu meinen, dass die vernichtende Niederlage der Kongresspartei und ihrer Verbündeten während der Allgemeinen Wahlen allein auf gewisse Faktoren, die in den vergangenen drei Jahren ins Blickfeld kamen, zurückzuführen sei.

Sangh Parivar – verstanden als Familie verschiedener verbündeter Organisationen, die sich dem Hindu- Nationalismus und der Hindutva-Ideologie verschrieben haben – war wie die lernäische Hydra der griechischen Mythologie stets unter der Oberfläche präsent. Wie das alte schlangenähnliche Wassermonster hat Sangh Parivar regelmäßig Gift versprüht, und wann auch immer ein Kopf abgeschlagen worden war, wuchsen zwei neue nach. Also, auf sehr sorgfältige, gut geplante und akribische Art und Weise hat Sangh Parivar über all die Jahre die Hausaufgaben gemacht. Während einigen ihrer Erscheinungsformen erlaubt war, religiöse Minderheiten anzugreifen und zu dämonisieren, insbesondere Christen und Muslime in verschiedenen Regionen Indiens (Gujarat, Orissa, Karnataka, Maharashtra, Chhattisgarth, Madhya Pradesh etc.), haben ihre Strategen (Thinktanks im gesamten Land) sichergestellt, dass über die Jahre hinweg Schlüsselpositionen in Regierungen, in der öffentlichen Verwaltung, der Justiz, Polizei etc. nach und nach von ihren eigenen Leuten übernommen worden sind. Rastriya Swayamsevak Sangh (RSS) – der Nationale Freiwilligen Corps –, die Mutterorganisation der rechtsgerichteten Hindus, scheint die Umsetzung dieser Pläne überwacht zu haben, einschließlich der Art und Weise, wie ihr politischer Arm – die nun regierende BJP – ihre Karten auf so heimtückische Art und Weise ausspielte, bis sie schließlich in der Lage war, eine nie dagewesene Machtfülle zu erlangen.

Die BJP machte sich die neo-liberale Wirtschaftspolitik, die von der Kongresspartei vor etwa 20 Jahren eingeführt worden war, zu eigen und verstand es sehr geschickt, sich die Gier, Frustration und Enttäuschung der Reichen und der wachsenden Mittelschicht zu Nutze zu machen. Die veränderten und gestiegenen Ansprüche verschiedener Teile der Gesellschaft spielten ebenfalls eine entscheidende Rolle. Große Teile der Gesellschaft fordern nun die »Lollipops« ein, die ihnen ermöglichen sollen, ein gutes Leben zu führen. Diese Ansprüche variieren, angefangen bei lukrativen Jobs bis hin zum Wunsch nach Führungsstärke; von Sensibilität für die Not von Frauen bis hin zum Wunsch, die Identität von Kaste und Religion zu behaupten.

Noch im Jahr 2009 hatte die Kampagne der BJP gegen eine wieder erstarkende UPA (»Vereinigte Fortschrittliche Allianz« – die Regierungskoalition unter Führung der Kongresspartei) eindeutig den Kürzeren gezogen. Nur sehr Wenige hatten erwartet, dass dieser Regierungskoalition ein Mandat für eine zweite Amtszeit erhalten würde. Jedoch hat sich die Situation der UPA in nur wenigen Jahren ihrer zweiten Amtszeit dramatisch verschlechtert. Es begann mit den Commonwealth Spielen im Jahr 2010, als ein Betrug und Schwindel nach dem anderen bekannt wurden; in schneller Abfolge wurden dann Gaunereien im Bereich der Telekommunikation und der Zuteilung neuer Kohlekraftwerke bekannt. Ironischerweise ist ein großer Teil der aufgedeckten Korruption durch RTI (Anm.: »Recht auf Information« – Gesetz) bekannt geworden, ein Gesetz, das die UPA-Regierung verabschiedet hatte, um eine größere Partizipation, Transparenz und Rechenschaftspflicht auf allen Ebenen von Regierungen im Land sicherzustellen.

Vor diesem Hintergrund waren bei den diesjährigen Wahlen vor allem folgende Faktoren für den überwältigenden Sieg von BJP verantwortlich:

Indien auf einen Blick
Fläche: 3.287.263 km2
Einwohner: 1.193.000.000
Katholiken: 19.431.000
Diözesanpriester: 14.478
Ordenspriester: 12.750
Ordensbrüder: 4.288
Ordensschwestern: 98.381
Laienmissionare: 8.740
Katechisten: 76.313
Quelle: Statistisches Jahrbuch der Katholischen Kirche 2011

Korruption

Korruption war ein großes Thema. Im Jahr 2011 wurde die Bewegung »Indien gegen Korruption « (IAC) gegründet und mit einer Reihe von Demonstrationen im gesamten Land, unter Leitung von Anna Hazare und seinem Team, das Ende der Korruption gefordert sowie die Verabschiedung eines Gesetzes, das es ermöglichen würde, korrupte Beamte und Politiker öffentlich zu benennen. Diese Anti-Korruptionsbewegung zog tausende von Menschen aus der Mittelklasse, insbesondere junge Leute aus dem urbanen Umfeld, an. Interessanterweise gab es keinerlei Proteste und Demonstrationen in von BJP regierten Bundesstaaten wie Gujarat oder Karnataka, die auf besonders eklatante Art und Weise korrupt waren. Aber das Thema Korruption hat die Glaubwürdigkeit der UPA massiv angegriffen, vor allem auch die des Premierministers, zumal die Regierung sehr unentschlossen auf diese Situation reagiert hat.

Nicht eingehaltene Versprechen der UPA-Regierung

Im Jahr 2009, als UPA zum zweiten Mal an die Macht kam, gelang ihr der Wahlsieg, indem sie sich augenscheinlich um die wachsende Mittelklasse (und natürlich die Belange der Reichen) sorgte und zugleich die wirklichen Nöte der verarmten Bevölkerung mit einem Gesetz zur Nahrungsmittelsicherheit (»Food Security Bill«) ansprach.

Alle Augen richteten sich zudem auf die Frage, ob die Regierung samt ihrer Verbündeten gemeinsam auf die Situation religiöser Minderheiten eingehen würde, insbesondere die Situation der Muslime. Im Jahr 2005, während ihrer ersten Regierung, hatte die Regierungsallianz auf höchster Ebene eine Kommission unter dem Vorsitz von Richter Rajinder Sachar installiert, um die konkrete Situation von Minderheiten genauer unter die Lupe zu nehmen. 2006 schließlich verkündete der Premierminister einen 15-Punkte-Plan, der zum Ziel hatte, die Situation von verarmten und ungebildeten Muslimen im Land zu verbessern.

Als UPA erstmals 2004 an die Macht kam, zwei Jahre nach dem Blutbad an Muslimen in Gujarat, zeigte die Regierungsallianz eine gewisse politische Entschlossenheit, um etwas gegen die zunehmende Gewalt aufgrund der Religionszugehörigkeit zu unternehmen. Das »Gesetz zur Verhinderung religiöser Gewalt« aus dem Jahr 2011, das von dem National Advisory Council (NAC) erarbeitet worden war, wurde als ein bedeutender Schritt angesehen, das Problem der religiösen Gewalt zu bekämpfen. Unglücklicherweise verschwanden die Entschlossenheit und der politische Wille infolge einer sehr feindlichen und aggressiven Opposition. Das gleiche Schicksal ereilte das »Women’s Reservation Bill«, ein wichtiges Gesetz zum Schutz von Frauen, das die Regierung zugesagt hatte. Überdies wurde das nationale Beratergremium (NAC) – eine Art Thinktank bedeutender unabhängiger Persönlichkeiten Indiens – mehr und mehr als ernsthafte Bedrohung für die eigene Regierungsarbeit angesehen, insbesondere von hochrangigen Vertretern der Kongresspartei. Sie taten alles, um dieses außergewöhnliche Beratergremium überflüssig zu machen.

Die große Anzahl unerfüllter Versprechen, die politische Unentschlossenheit und das beredte Schweigen zu Schlüsselfragen von Seiten der Zentralregierung führten schließlich zu einem ernsthaften politischen Vakuum im Land.

Zahlreiche Bischöfe, Priester und Ordensleute sind im Dezember 2013 während einer Demonstration in Neu Delhi festgenommen worden. Die Demonstranten protestierten gegen die massive Diskriminierung christlicher Dalits. Menschenrechtsexperten fürchten unter der Regierung Modis eine Verschlechterung der Situation christlicher Dalits, da sich die Hindutva-Bewegung zum einen für die uneingeschränkte Beibehaltung des Kastenwesens ausspricht, zum anderen eine Ideologie vertritt, derzufolge nur Hindus wirkliche Inder sein können.

Der Modi-Faktor

Es gibt verschiedene Faktoren, die dazu beitrugen, Modi zum Premierminister zu erheben. Als erster ist die unverhohlene Rolle, die die RSS gespielt hat, um Modi als Kandidaten der BJP für das Amt des Premiers zu nominieren, zu nennen. RSS hat ihre Kader an der Basis mobilisiert und zudem entschieden, wer in den verschiedenen Wahlbezirken der Kandidat der BJP wird. Die RSS führte die gesamte Kampagne durch und machte keinerlei Hehl daraus, dass RSS und BJP eins sind.

Modi selbst war in seiner Wahlkampagne bösartig aggressiv. Der Unternehmenssektor hat ihm unbegrenzte Finanzmittel und Ressourcen zur freien Verfügung gestellt, etwas, was es nie zuvor während einer Wahlkampagne in Indien gegeben hatte. Ein ansehnlicher Sektor der Medien im heutigen Indien wird durch die großen Unternehmen kontrolliert. Es war auffällig, dass während der gesamten Kampagne große Fernsehsender und Tageszeitungen zu Fahnenträgern und Cheerleadern von Modi geworden sind, statt objektive Berichte und Nachrichten zur Verfügung zu stellen.

Modi selbst ist ein großer Redner mit einem besonders »attraktiven« Stil (»Ich – Mir – Mich«). Er stellte folglich sicher, dass einzig und allein er selbst im Fokus der gesamten Kampagne stand. Die BJP sprach von »Entwicklung«, jedoch hat sie sehr geschickt die Karte religiöser Polarisierungen ausgespielt, wie man zum Beispiel in Muzaffarnagar mit ansehen musste (Anm. d. Red.: In Muzaffarnagar gab es im August vergangenen Jahres die schlimmsten gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen in der jüngsten Geschichte des Bundesstaates Uttar Pradesh. Mindestens 40 Muslime und 20 Hindus sind während der Gewaltausbrüche getötet worden). Beständig hat die BJP die religiösen Minderheiten in ihren Kampagnen angegriffen. Das BJP Manifest hat den Bau des Ram Mandir (ein Hindutempel) in Ayodhya wie auch die Einführung des »Uniform Civil Code« – ein einheitliches Zivilrecht, das religiösen Minderheiten bestimmte Rechte entziehen würde – zum Inhalt. Wann auch immer es während der Kampagne angemessen schien, hat die BJP die »Hindutva«-Karte ausgespielt und die Gefühle der Hindu-Mehrheit angeheizt.

Ein verändertes Szenario nach der Wahl

Mit einem Stimmenanteil von nur 31 Prozent ist es der BJP gelungen, 282 der 543 Parlamentssitze zu gewinnen. Es gibt praktisch keine Opposition und keine politische Bedrohung für die nächsten fünf Jahre. An dieser Wegkreuzung wird offensichtlich, dass die Bevölkerung Indiens von der BJP erwartet, zu liefern. Sie soll die zahlreichen Versprechen, die von den Parlamentskandidaten während der Wahlkampagne gemacht worden sind, nun auch umsetzen.

Es sind erst wenige Monate vergangen, seit Modi das Amt des Premierministers in Indien übernommen hat. Viel ist über seine ersten hundert Tage im Amt geschrieben worden. In einem Land wie Indien, in dem Probleme und Menschen ziemlich schnell polarisiert werden, sind die Anhänger von Modi sehr schnell dabei, die positiven Dinge seiner Regierung hervorzuheben, während diejenigen, die nicht zu seinen Anhängern zu zählen sind, und auch die Sozialanalysten fast flächendeckend natürlich die Dinge aus ihrer Sicht bewerten und sehen. Dennoch muss man an dieser Stelle einen Blick auf das veränderte sozio-politische Szenario in Indien werfen und ganz besonders auf die Bedrohungen (beziehungsweise Sorgen), die dieses veränderte Szenario auf die religiösen Minderheiten in Indien haben mag.

Das Rath Yatra, ein hinduistisches Wagenfest, im vergangenen Jahr in Ahmedabad, der Hauptstadt Gujarats. Hinduistische Feste werden von den Organisationen der Hindutva-Bewegung mehr und mehr instrumentalisiert, um ihre Ideologie zu verbreiten.

- Die Bedrohung der Verfassung und der unabhängigen Justiz

Die Ideologie der RSS war niemals in Übereinstimmung mit der Verfassung des Landes. Es hat die wiederholte Drohung gegeben, Art. 370 zu widerrufen (Anm. d. Red.: dieser Artikel regelt den Sonderstatus und fast autonomen Charakter von Jammu und Kaschmir als Teil Indiens), ein Versprechen im BJP Manifest und vom Premier mehrfach bestätigt. Am 24. Juli 2014 erklärte Minister Deepak Dhavlikar in Goa: »Ich bin zuversichtlich, dass unter der Führung von Modi Indien nun in einen Hindu-Staat verwandelt wird. Der Premierminister ist bereits dabei, in dieser Hinsicht tätig zu werden. Dies fühle ich.« Neben diesem Minister haben inzwischen zahlreiche andere Politiker und Mandatsträger ähnliche Äußerungen von sich gegeben, Leute, die die Ideologie von RSS teilen. Modi und seine Regierung beginnen bereits, die Justiz zu beeinflussen. Und dies in einer Art und Weise und einem Ausmaß, dass sich der Präsident des obersten Gerichtshofes Indiens, R. M. Lodha, gezwungen sah, während einer Rede vor der indischen Anwaltskammer am 13. September zu erklären: »Die Justiz ist ein Organ der Demokratie. Ihre institutionelle Unabhängigkeit darf nicht beeinträchtigt werden. Ihre Unabhängigkeit ist nicht verhandelbar!« –

- Die Bedrohung der pluralen und inklusiven Struktur des Landes

Modi ist nicht bekannt für eine inklusive Sicht oder Haltung, noch scheint er ein Verfechter eines durch Pluralität geprägten Indiens zu sein. Er weicht dieser Tatsache passenderweise immer wieder aus, indem er betont, dass »alle Inder sind«, und er behauptet, er würde keinen Unterschied machen auf Grundlage von Religion, Kaste oder anderer Identität. Die Ironie jedoch besteht darin, dass er durchweg über die »Hindu-Identität « spricht. Eine seiner ersten Handlungen nach seiner Wahl war es, den Aarti-Ritus am Ganges zu praktizieren. Im Jahr 2003 hat er ein Anti-Bekehrungsgesetz in Gujarat eingeführt, das dann auch noch sehr verharmlosend »Gesetz zur Religionsfreiheit« genannt wurde; es ist eines der drakonischsten Religionsgesetze weltweit. Wenn man von Indien spricht, dann spricht man von Pluralität und Inklusion. Es geht um die Fähigkeit eines jeden Staatsmannes, die Diversität des Landes und der Bevölkerung zu akzeptieren und sie zu unterstreichen. Die Fähigkeit, den religiösen Minderheiten ihre qua Verfassung zustehenden Rechte zu gewähren, ist mit Sicherheit die größte Herausforderung für Modi und seine Regierung. Eines der ersten öffentlichen Statements des Ministers für Minderheitenfragen, Najma Heptulla, hob hervor: »Die wirklichen Minderheiten des Landes sind die Parsen und nicht die Muslime!«

- Die direkte Bedrohung der Minderheiten

Seit sie die Macht ergriffen haben, haben Modi, seine Regierung und ihre Verbündeten direkte oder indirekte Drohungen gegenüber Minderheiten im Land ausgesprochen. Erst vor wenigen Wochen hat ein Flyer von VHP (Vishwa Hindu Parishad – World Hindu Council), der in Gujarat verteilt worden ist, herabwürdigende Äußerungen über Muslime und Christen beinhaltet. Von Seiten der Polizei wurde nichts unternommen, um diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die solch hasserfülltes Material zu verantworten haben. Am 14. September hat der führende BJP-Abgeordnete Sakshi Maharaj die Muslime bezichtigt, dass in ihren Koranschulen Terror gelehrt werde. Am gleichen Tag hat BJP-Minister Meneka Ghandi, Minister für Frauenund Kinderfragen, ein landesweites Verbot des Schächtens von Tieren gefordert, da »das mit dem Schächten eingenommene Geld genutzt werde, Terrororganisationen zu finanzieren«. Zudem hat Sangh Parivar eine landesweite Kampagne mit dem Titel »Liebe den Jihad« gestartet, eine Kampagne, die es sich zum Ziel gesetzt hat, muslimische Jungen daran zu hindern, ein hinduistisches Mädchen zu heiraten. Schließlich droht uns ein landesweites Anti-Bekehrungsgesetz nach dem Vorbild Gujarats. Es ist deshalb nicht grundlos, wenn Fali Nariman beteuerte, dass »diejenigen, die sich in Hasstiraden und Verunglimpfungen von Minderheiten ergehen, zur Verantwortung gezogen werden müssen«.

- Die Bedrohung der Meinungs- und Redefreiheit

Die Meinungs- und Redefreiheit ist bedroht wie niemals zuvor! Selbst die so genannten unabhängigen Medien im heutigen Indien sind beeinträchtigt oder kompromittiert. Die großen Print- und elektronischen Medien sind durch Konzerne wie Ambanis übernommen worden. Journalisten, die bekannt für ihre unerschrockene Haltung in kontroversen Fragen sind (zum Beispiel Rana Ayubs Kolumne in der DNA-Zeitung zu Amit Shah, Präsident der BJP; Amit Shah ist als einer der Drahtzieher im Zusammenhang mit der Ermordung von muslimischen Jugendlichen genannt worden), werden schlichtweg nicht mehr veröffentlicht. Größere Tageszeitungen unterziehen sich mehr und mehr einer Selbstzensur oder aber werden zensiert. Zwei Studenten aus Kerala sind verhaftet worden, weil sie angeblich einen herabwürdigenden Beitrag über Modi verfasst haben. In ihrem Artikel wiesen sie darauf hin, dassModi einer der Drahtzieher des Blutbades an Muslimen in Gujarat im Jahr 2002 gewesen sei. Soziale Medien wie »Facebook« und »Twitter« werden inzwischen rigoros überwacht, und diejenigen, die sich negativ über Modi und seine Regierung äußern, haben mit dem Besuch der Polizei zu rechnen. Die Medien sind zudem sehr selektiv geworden. Probleme in Bundesstaaten, die nicht von der BJP regiert werden, werden 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche in den Mittelpunkt der Berichterstattung gestellt. Die Regierung weiß sehr wohl, dass sie nichts mehr zu befürchten hat, sobald sie in der Lage ist, die Medien mundtot zu machen.

– Die Bedrohung des Schulsystems

Faschisten haben immer systematisch das Schulsystem eines Landes ins Visier genommen; und die jetzige Regierung hat ihre Intention gleich zu Beginn sehr deutlich gemacht. Der neue Vorsitzende des Indian Council of Historical Research (ICHR), Dr. Y. S. Rao teilt die Ansichten der RSS über Indien. Proteste bedeutender Historiker wie Romila Thapar und anderer sind nutzlos. Am 25. Juli 2014 war die Titelstory des Indian Express in Ahmedabad (Gujarat) folgendermaßen überschrieben: »Der Mann, der Wendy Doniger zermalmte, ist zu einem Lese-Muss in den Schulen Gujarats geworden! « (Anm. d. Red.: Wendy Doniger ist eine angesehene amerikanische Religionshistorikerin und Sanskritologin). Der Artikel erklärt sodann im weiteren Verlauf: »Eine Karte von Indien zeichnen? Stelle sicher, Pakistan, Afghanistan, Nepal, Bhutan, Tibet, Bangladesh, Sri Lanka und Myanmar einzuschließen. Denn diese sind Teil des ungeteilten Indiens oder ›Akhand Bharat‹«. Die veröffentlichten Schulbücher dienen dazu, die RSS-Ideologie insgesamt zu fördern. Untersuchungen der Schulbücher in Gujarat und anderen von der BJP regierten Bundesstaaten lassen keinen Zweifel daran, dass die Manipulation der Schulbücher ganz oben auf der Agenda dieser Regierung steht. Viele Schulbücher wenden sich inzwischen sehr deutlich gegen religiöse Minderheiten.

– Die Bedrohung der Menschenrechtsaktivisten / NGOs und der Zivilgesellschaft

Am 3. Juni hat das Central Bureau of Investigation (CBI – eine Sondereinheit der Polizei) auf sehr geschickte Weise einen geheimen Bericht durchsickern lassen, der den Titel trägt »NGO Aktivitäten gegen Entwicklungsprojekte in Indien – ein Überblick über die Rolle bestimmter NGOs, die die Entwicklung des Landes behindern«. Einige Aktivitäten der Menschenrechtsaktivisten in Gujarat werden in diesem Bericht ebenfalls benannt. Die Art und Weise, wie einige Medien sodann über diese »aus dem Ausland finanzierten « Nichtregierungsorganisationen hergefallen sind, ist ein deutliches Signal für die Dinge, die nun auf uns zukommen. Verteidiger der Menschenrechte, Aktivisten der Zivilbevölkerung und alle, die die Politik der Regierung hinterfragen, werden systematisch und bösartig ins Visier genommen und als »unpatriotisch« oder gar als »Landesverräter« bloßgestellt. Untersuchungen werden eingeleitet hinsichtlich ihrer Aktivitäten und ihrer Finanzmittel; die Leben der Mitarbeiter werden durchleuchtet, und ihnen werden falsche Behauptungen angehängt.

»Ja, wir werden singen …!«

In einem äußerst kritischen Editorial mit dem Titel »Beherzigt die Warnungen und Appelle: das Gespenst des Kommunalismus sucht Indien heim!« hat die renommierte »Economic Times« am 15. September mit sehr deutlichen Worten die indische Regierung hinterfragt und die sich massiv verschlechternde Situation der religiösen Minderheiten im Land beklagt. Bezug nehmend auf die von dem Juristen Fali Narman gehaltene Rede, folgert das Editorial: »Es ist unwahrscheinlich, dass Appelle an die erfolgreichsten politischen Führer der Hindutva-Bewegung dazu beitragen, dem Ganzen Einhalt zu gebieten. Andere politische Parteien, zivilgesellschaftliche Organisationen, Künstler, Schriftsteller, Filmemacher und all diejenigen, die ein Interesse daran haben, dass Indien die Vision der eigenen Verfassung verwirklicht, nämlich alle Bürger des Landes gleich zu behandeln, ohne jegliche Diskriminierung, müssen nun für die Einheit und gegen Spaltungen im Land handeln. Die Industrie, die das größte Interesse an Stabilität haben muss, da diese die grundlegende Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg ist, muss sich nun deutlichst gegen jegliche Formen sektiererischer Politik positionieren und ein Indien einfordern, dass alle Bürger einschließt. Diese Angelegenheit ist nicht länger eine Frage der Parteipolitik.« Der deutsche Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht hatte während des Nazi-Regimes ein Gedicht verfasst, das uns sehr berührt:

Für die Minderheiten Indiens ist die Situation wirklich sehr ernst. Die Zeiten sind in der Tat dunkel!

CEDRICK PRAKASH SJ
Jesuit, Direktor von Prashant, Zentrum der Jesuiten für Menschenrechte, Gerechtigkeit und Frieden / Ahmedabad – Indientext

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